Sonntag, 29. März 2009

Konrad Lorenz im Gespräch mit Karl Raimund Popper

1983 diskutierten der 80-jährige Verhaltensforscher, Psychologe und Philosoph Konrad Lorenz und der 81-jährige Philosoph Karl Raimund Popper miteinander (Google Video). Zwei greise Herren. Auf den ersten Blick meint man: Zwei greise Herren nicht mehr auf der Höhe ihrer geistigen Elastizität und Leistungskraft. Konrad Lorenz starb sechs Jahre nach diesem Gespräch, Karl Raimund Popper elf Jahre später.

Das Video darüber, das im Internet frei verfügbar ist, vermittelt immerhin einen persönlichen Eindruck und sieht man sich deshalb mit manchem Interesse an.

- Einen Eindruck von dem jüngeren Konrad Lorenz und von jenem Konrad Lorenz, wie er auch von anderen Menschen häufig geschildert worden ist - und wie er sich in seinen eigenen Büchern wiederfindet -, erhält man derzeit in einem spanischen Video (Youtube), in dem er sich auf Englisch äußert. Ein dreiteiliges italienisches Video findet sich ebenfalls (Youtube 1, 2, 3), in dem er sich Deutsch äußert. -

Nein, aber man muß sich das obige Video - mindestens - zwei mal anschauen. Erst ab dem zweiten mal Anschauen wird einem möglicherweise die intellektuelle Brisanz der Gesprächsinhalte deutlich. Es geht um die Stellung des Menschen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Es geht darum: Wie funktioniert Evolution überhaupt? Es geht um Evolution als erkenntnisgewinnender Prozeß. Es geht um die Freiheitsgrade und um die Zielstrebigkeit sowohl in der Evolution einzelner Arten wie im menschlichen Handeln: "Der Mensch ist" - wie jede biologische Art - ein "riskiertes Wesen."

Es geht darum, daß das menschliche Wertempfinden und das, was wir in der Evolution beobachten, in vielen Bereichen merkwürdige Überschneidungen aufweisen: "Das Leben sucht nach einer besseren Welt," sagt Raimund Popper. Das Leben sucht fremde Umwelten auf, so Popper's "Entfremdungs-Theorie", und bildet in Auseinandersetzung mit dem "Fremden" Neues, erkennt Neues. Es handelt sich um Gedanken aus dem Buch von Konrad Lorenz "Der Abbau des Menschlichen" und um Gedanken aus späten Büchern Popper's. Es geht auch um Induktion, um induktive Erkenntnis - sowohl auf indiviudeller wie auf evolutiver Ebene.

Ja, auf den zweiten Blick erkennt man: Es handelt sich um einen unglaublich dichten und lebendigen Austausch zwischen Naturwissenschaft und Philosophie. Auf einem Niveau, wie man es nur selten erlebt.

Donnerstag, 19. März 2009

Daniel Barenboim im Interview

Auch im Interview wirkt Daniel Barenboim glaubwürdig. (Zuvor zu Barenboim --> hier.)
Barenboim will in Berlin, wo er lebt, auch sterben, wie er sagt. Könnte einen wieder ein bischen mehr mit Berlin versöhnen ...

Hier noch ein Interview auf ---> 3sat.

Dienstag, 17. März 2009

Der "metaphysische Naturalismus" und seine Skeptiker

Manche Wissenschafts-Journalisten, Wissenschaftler und Philosophen verwahren sich heutzutage immer noch eifrig und allzu oft "staatstragend" dagegen, dass von einem "methodischen" auf einen "metaphysischen Naturalismus" geschlossen werden dürfe. Das heißt, dass man die Naturwissenschaft nicht dazu benutzen dürfe, um sich Fragen nach dem Wesen der Welt zu beantworten. Da haben natürlich Theologen und Theologen-Sympathisanten so ihre Sorgen. Denn wo kämen wir denn da hin?

Physik-Doktorant Sven Kleßen vom Blog "Begrenzte Wissenschaft" hat sich nun dazu einmal, wie man finden kann, recht treffend geäußert. (1, 2) Wäre auch merkwürdig, wenn einem Physiker, der um die Verrücktheit des erforschbaren Universums im Größten und im Kleinsten und im Komplexen weiß, solche Sprüche nicht auf den Nerv und den Keks gehen würden.

Nebenbei kritisiert in den Kommentaren ein "El Schwalmo" (wohl bekannt vom "Freigeisterhaus" der Giordano-Bruno-Stiftung) die gegenwärtige atheistische Propaganda, den "Agitprop" eben jener Giordano-Bruno-Stiftung ganz wie das auch schon hier auf dem Blog geschehen ist (GA-j!). Schön, dass man auch mit dieser Kritik nicht so ganz allein da steht. Vielleicht bildet sich unter den Gebildeten der westlichen Welt ja doch mal allmählich ein Konsens heraus über einige recht wichtige Dinge in Bezug auf die Deutung der Stellung des Menschen in der Welt, in der Kosmologie und in der Evolution.

Ein Konsens jenseits vom "Agitprop" der einen wie der anderen Seite ...

Montag, 16. März 2009

"Die Menschwerdung begann mit dem Urknall" - Simon Conway Morris

Der britische Evolutionsbiologe und Paläontologe Simon Conway Morris hat einige seiner Thesen noch einmal sehr prononciert auf den Punkt gebracht in einem neuen Interview für SZ-Wissen mit Katrin Blawat:
Conway: (...) Dass sich die Menschen zu dem entwickeln würden, was sie heute sind, hat sich nicht erst vor ein paar 100.000 Jahren entschieden. Das war von Anfang an klar.

SZ-Wissen: Was meinen Sie mit Anfang?

Conway: Den Urknall.

SZ-Wissen: Seit der Entstehung des Universums soll festgestanden haben, dass es Sie und mich einmal geben würde?

Conway: Natürlich nicht uns beide als Individuen. (...) Aber ich behaupte, Lebewesen mit einem großen Gehirn, zwei fokussierfähigen Augen und aufrechtem Gang waren seit dem Urknall angelegt. Und auch, dass diese Lebewesen in einer kognitiven Welt ähnlich unserer heutigen leben würden.

SZ-Wissen: Wie kommen Sie zu dieser These?

Conway: Man muss das Schritt für Schritt entwickeln. Nachdem das Leben auf der Erde erst einmal entstanden ist, war die Anzahl der Möglichkeiten, wie es sich weiterentwickeln konnte, sehr begrenzt. In dem System gab es keine Toleranz. So entwickelten sich zwangsläufig irgendwann die ersten Einzeller. Und dann nach der gleichen Logik die ersten Vielzeller, die ersten Wirbeltiere, die Primaten und ganz am Ende wir Menschen.

SZ-Wissen: Aber warum war jeder dieser Schritte unausweichlich?

Conway: Die Evolution funktioniert wie eine Suchmaschine. Sie sucht nach Lösungen, die sich bereits als erfolgreich erwiesen haben, und verwendet sie immer wieder für verschiedene Lebensformen.
"Keine Toleranz"? Hm, hm! - Es ist sehr interessant, wie Conway Morris denkt aufgrund seiner Forschungen über konvergente Evolution. Man könnte die Schwerpunkte der Argumentation aber auch noch etwas anders setzen. Ich würde in etwa so argumentieren: Wenn es eine Tendenz in der Evolution gibt, Bewußsein, bewußtes, intelligentes Leben hervorzubringen (aufgrund welcher Ursachen auch immer), und wenn diese Tendenz über alle Zweige des Artenstammbaumes hinweg gleichzeitig wirksam ist, und wenn den jeweils entstandenen Arten je auf ihre Weise ihre eigene, individuelle Annäherung an dieses "Ziel" Bewußtsein gelingt, dann können eben ähnliche, konvergente Dinge dabei herauskommen.

Warum? Weil es sein könnte, daß Bewußtsein selbst nur aufgrund bestimmter komplexer Zusammenhänge möglich ist. Eines der wichtigsten Voraussetzungen für Bewußtsein ist Lernfähigkeit, Irrtumsfähigkeit. Dies setzt - offenbar - lange Kindheitsphasen voraus. Jedenfalls wissen wir: Um so länger die Kindheit bei Tierarten ist, um so intelligenter ist die jeweilige Tierart. Das sind die Nestflüchter, die primären und sekundären Nesthocker des Schweizer Biologen Adolf Portmann sowohl bei den Vögeln wie bei den Säugetieren. (Über Gymnospermen und Angiospermen wird da noch vergleichsweise selten geredet, was diese Dinge betrifft ...)

Und weil Kindheit und Nachkommenfürsorge Voraussetzung für intelligentes Leben ist, haben so viele Arten unabhängig voneinander über alle Zweige des Artenstammbaumes hinweg die verschiedensten Formen von Nachkommenfürsorge evoluiert, natürlich ohne in jedem Fall auch jene Formen von komplexem Bewußtsein hervorzubringen wie der Mensch. Aber es könnte tatsächlich so sein, daß hier jede Art eine "Melodie" spielt, die zu anderen "Melodien" in der Evolution paßt, und auf die der Mensch selbst dann auch jeweils "reagiert". - Weil auch für ihn - zum Beispiel - Nachkommenfürsorge ein unwahrscheinlich zentraler, lebensbestimmender Lebensinhalt ist (oder sein kann).

Doch hören wir weiter Simon Conway Morris zu:
SZ-Wissen: Ein Beispiel, bitte.

Conway: Unterirdisch lebende Säugetiere wie der Maulwurf und der australische Beutelmull müssen mit einer großen Menge Kohlendioxid in ihrer Umgebung zurechtkommen. Das Gas ist in den unterirdischen Gängen so stark konzentriert, dass die meisten Säugetiere Probleme bekommen würden. Der Beutelmull ist, wie sein Name sagt, ein Beuteltier, und der Maulwurf ein Säugetier. Wir können also sagen, sie sind nicht miteinander verwandt. Trotzdem überleben beide dank sehr spezieller und komplizierter Anpassungen der biochemischen Vorgänge an die hohe Kohlendioxidkonzentration. Daran sieht man: In einer sehr komplexen Umwelt entwickeln sich sehr komplexe Strukturen. (...)

Ein [anderes] Beispiel sind Pflanzen, die in der Wüste wachsen. Es gibt zwei große Familien: Kakteen und Wolfsmilchgewächse. Sie sind nur sehr entfernt miteinander verwandt …

SZ-Wissen: … und sehen sich so ähnlich, dass nur botanisch gebildete Menschen die Unterschiede erkennen.

Conway: Genau darum geht es. Diesen Mechanismus nennen wir Konvergenz. Beide Pflanzenfamilien haben fleischige und oft etwas eingerollte Blätter, einen milchigen Saft und Stacheln. Auf diese Merkmale hat die Evolution in der trockenen, heißen Umgebung mehrfach zurückgegriffen, weil sie sich als die beste Lösung bewährt haben. Dieses Prinzip findet man selbst auf der Ebene einzelner Moleküle. Das macht die Evolution zu einer vorhersagbaren Wissenschaft.

SZ-Wissen: "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich", hat Mark Twain gesagt. Verhält es sich mit der Evolution ähnlich?

Conway: Das ist ein schöner Satz, und er stimmt. In der Evolution gibt es einen Rhythmus, eine Art Refrain. Die Natur kann ihn leicht verändern und an den unterschiedlichsten Stellen in einem Lied einbauen. Aber der Zuhörer wird das Grundmuster immer wieder erkennen, ganz egal, ob ein Mensch, eine Krake oder ein anderes Wesen dieses Lied singt. (...)

Mit Außerirdischen verhält es sich wahrscheinlich ähnlich wie mit den ersten Europäern, die in den Tropen eine riesige Artenvielfalt entdeckten. Lauter bizarre Kreaturen schienen das zu sein, ganz anders als im Rest der Welt, so dachte man jedenfalls damals. Aber man muss unter die Oberfläche gucken, dann findet man die Ähnlichkeiten zuhauf.

SZ-Wissen: Können Sie ein Beispiel nennen?

Conway: Mein Lieblingsbeispiel ist der Arm. Wenn man sich das lange, biegsame Tentakel einer Krake genau anschaut, sieht man, dass es genau wie unser Arm ein Handgelenk, ein Ellbogen- und ein Schultergelenk besitzt. Wenn das Tentakel einer Krake und der menschliche Arm im Prinzip gleich gebaut sind, könnte es doch sein, dass dieses Arrangement die optimale Lösung für jede Art von Arm ist.

Warum sollte es dann bei Außerirdischen anders sein?
Conway Morris sagt hier nichts wesentlich Neues, was er nicht schon seit Jahren sagen würde. Aber es ist auch gut, die erstaunlichen Zusammenhänge, die sich hier andeuten, immer wieder auf sich wirken zu lassen. Es kommt bei Conway Morris immer ein wenig zu kurz die Tatsache, wie viel Neues, Unvorhergesehenes die Evolution hervorgebracht hat, wie wenig zumindest der Mensch solche Dinge vorhersehen würde, wie wenig er sich solche Dinge ausdenken würde, wenn er es könnte, bzw. wenn er es wirklich tut (z.B. bei Fabelwesen).

Die Phantasie der Evolution scheint da weitgehend unbegrenzt - und somit auch ihre Möglichkeiten. Wenn dann trotzdem auch Bahnungen und Tendenzen beobachtet werden, muß das nicht heißen (wie offenbar Conway Morris meint), daß die Evolution es nicht grundsätzlich auch anders "könnte", sondern es könnte eben auch heißen, daß die angelegten Tendenzen in der Evolution (in der Weltall-Entwicklung) eben auf etwas anderes hinausliefen, und daß diese darum eben verschiedene Möglichkeiten schlicht "links liegen" ließen.

Nachkommenfürsorge war der Evolution offenbar wichtig. Ebenso geschlechtliche Fortpflanzung. Bei all solchen Dingen hätte sie ja jeweils auch anders weiter machen könnten. Um so komplexer Leben wird, um so mehr scheint ja Evolution auch auf Möglichkeiten zu verzichten, worauf wir schon einmal hinwiesen im Zusammenhang mit der männlichen Brutfürsorge bei Dinosauriern, als wir fragten, "warum die Straße der genutzten Möglichkeiten in der Evolution immer schmaler" wird. (Stud. gen.)

Montag, 9. März 2009

Still, Kind, Barenboim spielt ...

Daniel Barenboim.

Als man die Konzertkarten zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, wusste man nicht viel mehr über ihn, als dass das ein berühmter Name ist. In der Staatsoper Unter den Linden in Berlin war es gestern, das Konzert, um 11 Uhr. Werke von Felix Mendelsohn-Bartholdy standen auf dem Programm.

Viele Worte zu machen, hat nun wenig Zweck. Sowieso ist es selten genug, dass hier auf dem Blog einmal ein Konzertbesuch erwähnt wird. Jedenfalls kann man es als sinnvoll und wertvoll erachten, ein solches Konzert von Daniel Barenboim einmal angehört zu haben. Wertvoller noch, dahin geht der Eindruck, als das Konzert so manches anderen, auch namhafteren Musikers.

Altertümliche Worte kommen einem in den Sinn, wenn man - aus einem etwaigen vorherigen Unmut über den Kult mit "Namen" heraus - seine eigene Person mit Hilfe einer imaginär sprechenden Stimme beschwichtigen muss: ... Sei doch still, Kind, Barenboim spielt ...




Als Beispiel: Beethoven-Sonate - Pathetique - 2. Satz: Adagio cantabile

Gerhard Roth über Intelligenz-Forschung

Nur kurz angemerkt: Einer der renommiertesten deutschen Hirnforscher, Gerhard Roth, hat sich über Intelligenz-Forschung geäußert.

- Leser (fragen möglicherweise "Studium generale"): "Was denn, erst jetzt?"

Und Studium generale antwortet: Jedenfalls hat man von den prominenten, deutschen Hirnforschern zu dieser Problematik in den letzten Jahren nicht besonders viel gehört. "Studium generale" jedenfalls gar nichts. (Wir haben also hier sozusagen vorliegen: Beratung der deutschen Bildungspolitik durch die Wissenschaft ohne Fakten ...)

Leser: Na, um so besser, daß sie es jetzt - endlich - aufgreifen. Aber zweite Frage: Was hat Gerhard Roth denn zum Thema zu sagen?

Stud. gen: Nun, das, was die meisten anderen, die sich mit diesem Thema auch schon ein paar Jahre oder Jahrzehnte früher beschäftigt haben (sagen wir etwa: James Watson, um nur einen Namen zu nennen), auch schon gesagt haben, nämlich: daß Intelligenz eine sehr stark angeborene Komponente hat. Spektrum d. W. berichtet über den Vortrag von Gerhard Roth jedenfalls:
An eineiigen Zwillingen, die nach der Geburt getrennt wurden und separat aufwuchsen, habe sich in den vergangenen Jahren deutlich nachweisen lassen, dass die allgemeine Intelligenz in hohem Maße angeboren ist. Die Korrelation ihrer IQs, so Roth, liege bei etwa 0.8. Das sei ein sehr hoher Wert. Vergleiche man etwa die IQ-Tests miteinander, die man selbst gemacht habe und deren Ergebnisse durchaus von der Tagesform abhängig sind, finde man auch nur eine Korrelation von 0.85 statt 1. (...)

Der Umwelteinfluss, den Adoptiveltern in Bezug auf die Intelligenz ausüben, sei letztlich gering.
Leser: Nun, dann wäre ja vielleicht doch wieder viel Anlaß und Stoff gegeben, die öffentliche Debatte über die Frage der menschlichen Willensfreiheit aufleben zu lassen ...

Stud. gen.: Jedenfalls hat man das Gefühl, daß Gerhard Roth einen amerikanischen Bestseller des Jahres 1994 für seinen Vortrag sehr gründlich gelesen hat, vielleicht in diesem Jahr das erste mal, nämlich "The Bell Curve - Intelligence and Class Structure in American Life" von Charles Murray und Richard Herrnstein. (Siehe: Bücher) Und, natürlich, das ist ja auch vernünftig. Steht ja auch viel drin in diesem Buch.

Vielleicht erwähnte er dieses Buch aber auch nur deshalb offensichtlich nicht namentlich in seinem Vortrag, um dadurch um so besser "kaschieren" zu können, daß dieses Buch schon vor 15 Jahren erschienen ist und daß jener Vortrag, den Gerhard Roth hier hielt, eigentlich schon vor 15 Jahren hätte gehalten werden können und deshalb sicherlich auch hätte gehalten werden müssen, und auch, daß jener Bestseller, der damals, vor 15 Jahren erschienen ist, noch bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden ist.

Dienstag, 3. März 2009

Walter Jens ...


Apropos "alte, geistig schwer bewegliche Tante aus Nachkriegszeiten" (Stud.gen.): Tilman Jens hat ein Buch über seinen Vater Walter Jens geschrieben (siehe Bild rechts). Und die "Welt" schreibt über das Buch:
(...) Der Sohn holt zur Diagnose der ganzen Vätergeneration aus. "Die fatale Schweigekrankheit" - litten sie nicht alle an ihr? Dieter Hildebrandt oder Siegfried Lenz oder - natürlich - Günter Grass? Das antifaschistische Bekenntnis war, genau besehen, doch nur "der Leim, der eine ganze Generation von Dichtern und Denkern zusammenhielt". Auch Reich-Ranicki, wen wundert's, bekommt im Vorübergehen noch mal sein Fett ab. (...)

Und warum inszeniert die Familie, inszeniert der journalistisch geschulte Sohn unter dem Flankenschutz der mütterlichen Illustrierten-Interviews dies gespenstische Schauspiel? Damit niemand, auch die Nachwelt nicht, jenem Walter Jens noch eine Zeile abnimmt?

(...) "Aber ich, sein erstgeborener Sohn, fühle mich von ihm um seine Geschichte betrogen."
Ein Video von der jüngsten Lesung in Tübingen gibt es auch: --> 1. Sven Felix Kellerhoff zitiert aus diesem Anlaß einmal auf's Neue Günther Grass (Welt):
... Auf die Frage, wie er sich die Reaktion mancher Betroffener erkläre, die teils leugnen oder sich nur Stück für Stück erinnern, meinte Grass Ende 2003: „Ich kann es nur von meiner eigenen Biografie her erklären. Diese Befangenheit in der Ideologie des Nationalsozialismus ist eine Periode, in der ich mich im Rückblick als eine völlig fremde Person begreife und mir mein Verhalten nicht erklären kann.“
Die Bundesrepublik lebt also seit Jahrzehnten mit "Unerklärlichem", sie, die rechthaberische, ach, so aufgeklärte, emanzipierte, allwissende. - Ganz offensichtlich haben wir es auch hier mit Phänomenen des "Brainwashing", mit der "Physiologie von Konversionen" zu tun, wie sie von dem britischen Psychiater William Sargant erforscht worden sind.

Habermas hat sich selbst überlebt ...

... sagt auch Evolutionsbiologe Axel Meyer (Handelsblatt, pdf.):

... Nehmen wir beispielsweise Jürgen Habermas und seine (Entschuldigung, wirren) Ideen zum Gehirn im Speziellen und der Evolution im Allgemeinen. Weil er Habermas ist, nehmen viele seine Aussagen erst einmal ernst, und wenn sie sie nicht verstehen, suchen sie den Fehler bei sich selbst. Naturwissenschaftler würden, frei nach Wolf Singer, schlicht sagen: „Wo sind die Daten?“ oder auch „Geh doch mal ins Labor!“

Habermas leistet also derzeit dem Ansehen der Geisteswissenschaften unter den Naturwissenschaftlern keinen guten Dienst. War vielleicht auch nie seine Absicht ...

Aber wenn ein Habermas sich überlebt hat, bröckeln und bröseln dann nicht auch die "philosophischen" Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland, dieser alten, geistig nur noch schwer beweglichen, lethargischen Tante aus Nachkriegszeiten?

Der Panzerfisch und wir

Zur Evolution der Brutpflege, bzw. Nachkommen-Fürsorge

Panzerfische lebten vor 400 Millionen Jahren. Sie sind heute ausgestorben und sie gelten als primitve Fische. Und dennoch ist jüngst nachgewiesen worden, daß sie ihre Eier nicht wie die meisten Fische irgendwo ablegen und äußerlich befruchten, sondern daß sie ihre Nachkommen in Schwangerschaften austragen und lebend gebären und dafür zuvor zunächst die Eier innerlich befruchten. (Handelsblatt, pdf., bdw, Nature-Video, Spektr. d. W., Welt, Nature, Nature Komm.)

Die Fossilien des Panzerfisches sind mindestens 200 Millionen Jahre älter als alle bislang bekannten Funde von schwangeren Wirbeltieren. (...) Das etwa 25 Zentimeter große Skelett stammt aus der Zeit des Devons, das vor rund 416 Millionen Jahren begann und vor etwa 360 Millionen Jahren endete. Aufgrund der umgebenden Gesteinsschichten schätzen die Wissenschaftler das Alter des Panzerfischskeletts auf 375 bis 380 Millionen Jahre.

Es handelt sich also um einen neuen Beleg für konvergente Evolution, diesmal der Eigenschaft "Lebendgebären". Überhaupt ist die Evolution der Brutpflege und Brutfürsorge im weiteren Sinne einer der zentralsten "Trends" in der Evolution. Man denke nur an die Unterscheidung zwischen Nacktsamern (Gymnospermen) und Bedecktsamern (Angiospermen), die zu den wichtigsten Unterscheidungen im Pflanzenreich gehört. Auch diese Unterscheidung bezieht sich - letztlich - auf die bei den Angiospermen noch einmal erhöhte Fürsorge der Elternpflanze für die eigene Nachkommenschaft. Eine Antwort auf die Frage, warum die Evolution überhaupt solche Fürsorge evoluiert hat - und zwar immer differenzierter, um so intelligenter die Lebewesen werden - hat der Darwinismus auch noch nicht sehr zentral in seine Deutungen der Evolution hineingestellt.

Auch bei der Evolution von Brutfürsorge spielt ja offensichtlich das Konzept Kooperation eine mindestens ähnlich große Rolle wie das Konzept Konkurrenz. Joachim Bauer liegt ganz richtig, wenn er seine Finger auf diese Wunde legt. Auch wir Menschen bauen derzeit differenzierte, individuelle Nachkommen-Fürsorge durch die eigenen Eltern eher ab, als daß wir sie weiterentwickeln, und zwar, um der persönlichen, beruflichen Selbstverwirklichung erwachsener Menschen willen.

Natürlich bestehen Zusammenhänge zwischen der Art, wie ich über Evolution denke und deute und der Art wie ich mein eigenes Leben als Einzelmensch und als Gesellschaft gestalte. - Und nicht zuletzt deshalb kann die Frage danach, warum es Traubenhyazinthen gibt (siehe voriger Beitrag) eine so tief das menschliche Leben erschütternde und aus dem Gleichgewicht bringende sein. (- Natürlich nur für jene Idioten, die sich diese Frage ernsthaft stellen, und die sich nicht mit Floskeln wie der Floskel "Gott" gleich wieder einschläfern lassen.)

Montag, 2. März 2009

Die Traubenhyazinthe

Ein kritischer Beitrag zum 200. Geburtstag von Charles Darwin

Wenn man mit Blumenliebhabern zusammen lebt, gerät einem leicht beim Frühstück eine Blume ins Blickfeld, ob man will oder nicht. Und, ja, es kann geschehen, daß man ihr richtig gehend beim Wachsen zusehen kann, ja: muß - denn man kann ja nicht dauernd vorbei sehen. Und wenn man nun aber parallel dazu Bücher über das Problem der Artbildung liest, kann man schon so in die eine oder andere Überlegung hineingeraten.

Man sieht also, wie aus gerade erst gekauften, ganz unauffällig dastehenden Knollen und grünen Büscheln sich nach und nach erst ebenfalls nur angedeutete, dann aber immer auffälligere Blütenstände herausschieben. Und um so mehr man da zusieht, um so intensiver kann sich einem die Frage stellen: Warum gibt es Hyazinthen? Oder noch drängender: Warum gibt es Traubenhyazinthen?

Sieht ja irgendwie "schnuckelig" aus mit diesen kleinen Blütchen, die sich gemeinsam zu einem Hütchen zusammen stellen. Und sich nacheinander, wohl geordnet auseinander schieben, größer werden. (- "Bauernbübchen" wird diese Blume auch in Teilen Süddeutschlands genannt wie man bei Wikipedia erfährt. Irgendwie schon treffend.)

Und dann versucht man, das gerade erst neu angelesene Wissen über die Mechanismen der Evolution und der Artbildung (z.B. Stud. gen.) in Beziehung zu setzen zu dieser "banalen", "alltäglichen", "trivialen" Frühstückstisch-Beobachtung. Doch, gelinde gesagt: es fällt einem schwer.

Warum gibt es Traubenhyazinthen?

All diese Bücher über Evolution können einem gar nicht erklären, warum es Traubenhyazinthen gibt. Warum es Traubenhyazinthen geben muß. Was können sie eigentlich erklären? Sie können ein paar "äußerliche" Mechanismen beschreiben, denen eine Traubenhyazinthe, auch eine Traubenhyazinthe, "gehorchen" muß, was sie sowieso - offensichtlich - gerne tut und ohne viel Wenn und Aber. Was sie also tun muß, wenn sie am Leben bleiben will und wenn ihre Nachkommen auch noch in einigen tausend oder zehntausend Jahren auf dieser Erde ihre Blüten vom Wind leicht bewegen lassen sollen. - Aber sonst?

Und dem "philosophischen Kopf" steigt beim Anblick der Traubenhyazinthe noch ein viel frevelhafterer Gedanke in den Kopf: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Wenn ich nicht erklären kann, warum es eine Traubenhyazinthe gibt, geben muß, wie kann ich dann auch nur von irgendeiner Erscheinung in diesem Weltall behaupten, ich wüßte, warum es diese gibt, warum es diese geben müsse? (Und noch eine Seitenfrage: Warum kommt einem diese Frage "frevelhaft" vor? Weil Antworten auf eine solche Frage so viele Selbstverständnisse im eigenen Leben und im Leben der Mitmenschen "infrage" stellen könnten? ...)

200 Jahre vor Charles Darwin

Nicht, daß man sich durch solche Fragen wirklich vom warmen, knusprigen Frühstücksbrötchen ablenken lassen wollte. Manche Fragen aber halten sich ab einem bestimmten Punkt hartnäckiger als andere. Zumal man ja jeden Tag mindestens einmal frühstücken muß. Und weil man außerdem auch so den einen oder anderen Anspruch hat - oder entwickelt: Will ich Wahrheiten wissen oder mich mit vorschnellen Antworten befriedigen, zufrieden stellen?

Den "Faust" mit seinem "Habe nun, ach! Philosophie ... studiert" wollen wir mal an dieser Stelle ganz weg lassen. Wir können es auch ohne ihn festhalten: Was kann Naturwissenschaft eigentlich erklären, selbst heute noch? Und was kann sie weniger erklären? Vielleicht kommt einem ja der eine oder anderer Dichter in den Sinn, der es vielleicht schon besser wußte, als selbst Charles Darwin noch ...

Die Rose ist ohne Warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie achtet nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Diese Worte sind von dem unglaublich faszinierenden Dichter namens Angelus Silesius, geboren und gestorben in Breslau. Nicht 200 Jahre vor Jesus Christus hat er gelebt aber immerhin doch 200 Jahre vor Charles Darwin ... Er hat auch noch viele andere schöne Vierzeiler gedichtet, etwa:

Freund, so du etwas bist,
so bleib nur ja nicht stehn,
man muß von einem Licht
fort ins andre gehn.

Oder Friedrich Schiller, gestorben vier Jahre vor Darwin's Geburt:

Das Höchste

Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren:
Was sie willenlos ist, sei du es wollend - das ists!
Schiller! Er hat gewiß recht. Aber ihm zu folgen ist vielleicht nicht leicht in Zeiten, in denen immer gedankenloser die Antworten von Charles Darwin als die letzten Antworten überhaupt auf alle Fragen des Lebens und der Evolution, auch des Menschen angesehen werden. Womit gewiß kein Plädoyer für die Rückkehr zu biblischen Antworten verbunden werden kann. Aber sicher ist die Bibel nur eine unter vielen Alternativen.

Die Deutschen und ihre Vergangenheit

Eine "angeregte" Debatte gab es gestern im Fernsehen bei Anne Will. Über den derzeitigen Fall "Erika Steinbach", knapp 60 Minuten lang (im Netz frei verfügbar --> ARD).

Die Mitschuld beispielsweise des demokratischen Westens an der Vertreibung (Magisterarbeit) wird auch diesmal wieder nirgends erwähnt in der Debatte. Es gibt immer noch so viele Tabus in den gegenwärtigen Geschichts-Debatten, so viele "Meinungs-Kartelle". So viel Halbwissen, Unwissen. Wie kann denn das auf die Dauer gut gehen? Tabus, immer noch, über sechzig Jahre nach Kriegsende?

Herr Arnulf Baring wird beispielsweise gefragt, ob die schlesischen Vertriebenen recht haben, wenn sie Entschädigungen fordern. Ja, sagt er, recht haben sie ..., ähm ..., schon, ja, ... natürlich, sowieso, ... auf jeden Fall ... und überhaupt ..., ja, schon ...
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts

Social Bookmarking

Bookmark and Share

Follower

Regelmäßige Leser dieses Blogs

Wichtige Bücher