Sonntag, 28. Juni 2009

Eine emphatische Frau

Abb.: Mary Wollstonecraft
Vor 250 Jahren wurde Mary Wollstonecraft geboren

Was für ein emphatischer Text - "Eine Verteidigung der Rechte der Frauen" aus dem Jahr 1792 von Mary Wollstonecraft (1759-1797) (1). Und schon fünf Jahre später starb sie, mit 38 Jahren. Jene, die diesen Text verfaßt hatte (siehe auch Bild oben).

Es muß an der Zeit liegen: Die Anfangsjahre der Französischen Revolution, als in Deutschland Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Hölderlin ähnliche emphatische und zugleich tiefsinnige philosophische Texte zu verfassen fähig gewesen waren. Man erinnere sich etwa an "Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus". Mary Wollstonecraft schreibt:
Worin besteht die Überlegenheit des Menschen über die Schöpfung? Die Antwort ist klar: in der Vernunft. Welche Eigenschaft erhebt ein Geschöpf über das andere? Wir antworten ohne Besinnen: die Tugend.

Wozu sind dem Menschen die Leidenschaften eingepflanzt? Damit er durch Kampf mit ihnen einen Grad von Bewußtsein erreiche, der den Tieren versagt ist.
Eine schlichte Frage "Wozu sind dem Menschen die Leidenschaften eingepflanzt? ..." - Ja, wozu? Du Menschen von heute, gib du einmal eine Antwort. - Sie fällt nicht so knapp, treffend und emphatisch aus? Woran es wohl liegt? Mary Wollstonecraft, die erste Frau Englands, die mit dieser Schrift im Jahr 1792 die volle Gleichberechtigung der Frau eingeklagt hat, und deren Schrift sehr schnell damals auch ins Deutsche übersetzt wurde, schreibt in derselben weiter:
Infolgedessen ist die Vervollkommnung unserer Natur und unserer Fähigkeit zur Glückseligkeit abhängig von dem Grade der Vernunft, Tugend und Einsicht, die das Individuum auszeichnen und die die Gesetze leiten, die die Gesellschaft binden. Daß aus der Anwendung der Vernunft Einsicht und Tugend sich von selbst ergeben, ist ebenso unleugbar, wenn man die Menschheit als Ganzes ansieht.
Ja, das ist sehr "fortschrittsoptimistisch" formuliert. Zweihundert Jahre haben wir - und die Feinde der Aufklärung - dazu gelernt. Und so ist in uns eine Ahnung, dass es so einfach nun offenbar auch wieder nicht ist ... Und da wird uns dann erklärt, dass das mit so etwas zusammen hängen würde wie mit einer "Dialektik der Aufklärung" ... **)


"Mit der Entschlossenheit des Geistes, der sich seine eigenen Grundsätze bildet"


Nachdem Mary Wollstonecraft auf die vielen eingefahrenen Vorurteile ihrer Zeit hingewiesen hat, schreibt sie weiter:
Der Geist muß sehr stark sein, der mit Entschlossenheit sich seine eigenen Grundsätze bildet. Denn es herrscht eine Art von intellektueller Feigheit, die viele Menschen vor der Aufgabe zurückschrecken oder sie nur halb leisten läßt.
Und dann hält sie in überraschend ähnlichem Tonfall wie das Älteste Systemprogramm ihre Forderungen fest (- hat sich da etwa Hölderlin drei Jahre später von Mary Wollstonecraft inspirieren lassen?):
Für die Gesamtheit der Frauen ist die erste Pflicht die gegen sich selbst als vernunftbegabte Wesen und die nächste an Bedeutung die als Bürgerin, eine Pflicht, die so viele andere einschließt, namentlich auch die der Mutter. Die Frau, die ihrem Gatten treu ist, aber ihre Kinder weder stillt noch erzieht, verdient kaum den Namen Gattin und hat kein Recht auf den des Bürgers - nur eine Patriotin kann Patrioten, nur eine Staatsbürgerin kann Bürger gebären und erziehen.
Was für eine Frau. Sie argumentiert gegen Jean Jacques Rousseau und seine "Zauberfeder", gegen seine These, daß der Mensch als "Wilder" schon die edelste Form von Menschentum überhaupt ausgebildet habe. Und sie schreibt:
Um das Schöpfungswerk zu krönen, wurde ein vernünftiges Wesen hervorgebracht, dem die Möglichkeit gegeben ist, durch Übung seiner Kräfte sich zu vervollkommnen. Da die göttliche Gnade es für gut fand, eine Kreatur, höher als das Tier, zu bilden, ein Geschöpf, das denken und sich vervollkommnen kann, warum soll man dieses unschätzbare Geschenk – denn ein Geschenk ist es, so geschaffen zu sein, sich über das rein tierische Wohlbefinden erheben zu können –, warum soll man dieses Geschenk einen Fluch nennen? (...) Warum sollte Gott uns dann weiter führen von der Selbstliebe zu jenen höchsten Regungen, wie die Erkenntnis seiner Weisheit und Güte ist, wenn diese Regungen nicht in uns wären als ein Teil unser selbst, um unsere Natur zu vervollkommnen und zu befähigen, ein gottähnliches Glück zu genießen? Fest überzeugt, daß es kein Übel in der Welt gibt, das Gott nicht in bestimmter Absicht eingerichtet hat, baue ich darauf meinen Glauben an die Vollkommenheit Gottes.
Ja, damit beantwortet Wollstonecraft zumindest vorläufig und doch auch in erster, einigermaßen überzeugender Weise die große Frage der Theodizee: Wie kann ein gütiger Gott Böses schaffen, zulassen in der Welt? Zuvor schon hatte sie geschrieben:
Das weise Wesen, das uns schuf, erkannte das Gute und wollte durch die Leidenschaften, die es in uns pflanzte, unsere Einsicht so entwickeln, daß das gegenwärtige Böse künftiges Gutes erzeugen könne.

"Nicht alles war gut oder ist gut, sondern: alles wird gut sein"


Das ist gänzlich selbständig formuliert, unabhängig von christlichen, monotheistischen Grundlagen. Viel zu "fortschrittsoptimistisch", mit viel zu viel Vertrauen in die Kraft, das Gute tun und vollbringen zu können, als daß es noch christlich oder monoethistisch bezeichnet werden könnte. - Und wie schön schreibt sie dann weiter:
Rousseau bemüht sich zu beweisen, daß uranfänglich alles gut war, viele andere Schriftsteller wollen dartun, daß alles gut ist, und ich will zeigen, daß alles gut sein wird.
Welche Emphase! Wie beeindruckend, wenn ein Mensch sich stolz aufrichtet und das Leben und die Zeiten und auch die Schwierigkeiten in denselben so bejaht wie Mary Wollstonecraft.

Die Frau als eine Mitarbeiterin zum Höchsten


Dann referiert sie kurz die verschiedenen, allesamt immer noch christlich gefärbten Ansichten über die unterschiedlichen Grade der Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann, die in ihrer Zeit - und auch noch von den fortschrittlichsten männlichen Denkern - vertreten worden sind (etwa Milton oder Rousseau). Und kommt schließlich zu ihren eigenen Ansichten:
Wenn wir also vom Wesen des Weibes sprechen, wollen wir von der sinnlichen Seite der Frage absehen und untersuchen, inwieweit es möglich ist, die Frau zu einer Mitarbeiterin des Höchsten zu machen.
Offenbar fiel das damals auch noch den bedeutendsten männlichen Denkern schwer, von der sinnlichen Seite des Themas Frau einfach einmal ganz abzusehen. Was für verrückte Zeiten. Aber dann erst: "Die Frau zu einer Mitarbeiterin des Höchsten zu machen." Was für eine Frau.

Und damit genug für einen Beitrag. Genug zunächst von der Inspiration, die auch heute noch von einer Mary Wollstonecraft ausgehen kann.
__________

1. Bäumer, Gertrud: Mary Wollstonecraft. In: Gestalt und Wandel. Frauenbildnisse. Berlin, F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung 1939, S. 231 - 271 (auch als pdf*)

*) Interessant auch, daß in Deutschland im Jahr 1939 solche, vom Zeitgeist ganz unabhängige Aufsätze erscheinen konnten. - Und gräßlich weiterhin, wenn man liest, welche zeitgeistig beeinflußte Deutung eine Zeitschrift wie "Emma" im Jahr 2009 dem Wirken einer historischen Persönlichkeit wie dem der Mary Wollstonecraft geben kann. (Emma)
**) Aufklärung ist "Faschismus", so die Ansicht der Vertreter des Gedankens von der "Dialektik der Aufklärung", ist auch - oder sogar wesentlich - "Faschismus". (Wem dieser Gedanke ein bisschen zu simpel daherkommt, mag ja gerne etwas Besseres zu dieser Thematik sagen.)

Warum Wissenschaft?

Zu Daniel Goleman's Buch "Die emotionale Intelligenz" (1995)

Warum soll man sich mit Wissenschaft beschäftigen? Warum sollte man Wissenschaft betreiben? Und warum ist die Beschäftigung mit - und das Betreiben von - Naturwissenschaft noch um einiges bedeutungsvoller als Wissenschaft überhaupt? Denn Wissenschaft kann ja auch vorwiegend geisteswissenschaftlich verstanden werden. Sie wird sogar heute vielerorts noch fast ausschließlich geisteswissenschaftlich verstanden. (Noch immer ist das Feuilleton in Tageszeitungen meistens völlig getrennt von einem zum Teil spärlich behandelten [Natur-]Wissenschaftsteil. Und den Feullietonisten und Lesern wird gar nicht bewußt, wieviel sie sich durch diese scharfe Trennung entgehen lassen.)

Die Wissenschaft klärt den Geist des Menschen. Die Wissenschaft, einigermaßen ernsthaft betrieben, das heißt, mit Nachdruck auf ein Ziel hin verfolgt, fordert den einzelnen auf, sich zu strukturieren. Wer sich einem wissenschaftlich erforschten Gegenstand, einem wissenschaftlich erforschten Thema überhaupt nur annähert, ist mehr oder weniger ganz von selbst dazu aufgefordert, fühlt sich dazu aufgerufen, sich innerpsychisch umzustrukturieren, sich - in irgend einer Weise - an diesen Gegenstand selbst "anzupassen". Ihm "adäquat" zu werden.

Warum Naturwissenschaft?

Und das macht die Naturwissenschaft noch einmal um einiges bedeutungsvoller, vielleicht revolutionärer, als die Geisteswissenschaft für sich: Der naturwissenschaftlich erforschte Gegenstand, das naturwissenschaftlich angegange Thema ist - soweit das überhaupt übersehbar ist - dem menschlichen Denken und Fühlen nicht in irgend einer Weise von vornherein "angepaßt". Der naturwissenschaftlich erforschte Gegenstand "sträubt" sich in aller Regel gegen die menschlicherseits an ihn herangetragenen Vorerwartungen. Und dann insbesondere wird Wissenschaft so voller Bedeutung, so "bedeutungsschwanger", so "Weltbild-verändernd". Die Psychologin Heidi Keller empfand zum Beispiel den Übergang zur naturwissenschaftlichen, evolutionären Psychologie in ihrer eigenen Biographie als "gnadenlos", siehe --> Stud. gen.. Der Autor dieser Zeilen kann von einer ziemlich identischen Erfahrung sprechen. Und man ist verleitet, sich dieser Erfahrung des "Gnadenlosen" immer wieder auf's Neue auszusetzen, auch vielleicht aus Verantwortung für ein Größeres, Ganzes heraus.

Aber man denke - in einem vielleicht neutraleren Rahmen - auch nur schon an die Astronomie der letzten hundert Jahre und an all die Vorerwartungen, die von ihr nicht erfüllt worden waren. Und an all die Erkenntnisse, die man entgegen dieser Vorerwartungen gewonnen hat. Man denke an die Quantenphysik der letzten hundert Jahre, die voller Überraschungen gewesen ist, die alle gehegten Vorerwartungen über den Haufen geworfen hat. Und man denke schließlich an die Wissenschaft vom Menschen, an die naturwissenschaftliche, evolutionäre Anthropologie und natürlich auch an die Psychologie, die derzeit immer noch und immer wieder völlig unerwartete Ergebnisse hervorbringen, die alle etwaig gehegten Vorerwartungen über den Haufen werfen.

Vorerwartungen immer wieder nicht erfüllt

Es sind insbesondere diese unerwarteten Ergebnisse und die bewußtseinsmäßige Einstellung auf diese unerwarteten Ergebnisse in un- oder halbbewußter Vorwegnahme derselben während man sich an diese Ergebnisse annähert, die die Naturwissenschaft so bedeutungsvoll machen für den einzelnen, der sich mit ihnen beschäftigt. So bedeutungsvoll und zugleich - vielleicht - "gnadenlos". Warum eigentlich "gnadenlos"? Man entfernt sich dabei - vielleicht - von der emotionalen Gelagertheit seiner gegenwärtigen Mitwelt, von jener emotionalen Gelagertheit, in der sich die meisten heutigen Menschen emotional "geborgen" fühlen ... Aber man nähert sich dabei - vielleicht - auch an etwas viel Besseres, Grundlegendes an: An eine emotionale Gelagertheit von Menschen, wie sie für die Zukunft zumindest möglich wird.

Denn irgendwie hat man doch das Gefühl, daß man sich bei der gegenwärtigen Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft - und zumal wenn man sich dem "Gnadenlosen" in ihr immer wieder aussetzt - daß man sich dabei immer deutlicher auf umfassendere Wahrheiten zubewegt. Man nenne sie "Gott" oder man nenne sie einfach nur "die" umfassendere Wahrheit vom Menschen oder von der Welt. Eine Wahrheit, die eben nicht auf die emotionale "Geborgenheit" der gegenwärtig lebenden Menschen Rücksicht nimmt.

Umfassendere Wahrheiten

Wenn man zum Beispiel ein solches Buch wie das von Daniel Goleman "Emotionale Intelligenz" (1995) liest, dabei im Hinterkopf hat, was - etwa hier auf dem Blog - alles schon über den derzeitigen Kenntnisstand auf dem Gebiet der Erforschung von Intelligenz und sozialen Emotionen geschrieben worden ist, dann tun sich einem eine Fülle von Implikationen auf. Man merkt, daß das Buch ein wesentliches Thema zum Gegenstand hat. Aber man merkt zugleich auch, daß es diesem Gegenstand nur selten wirklich gerecht wird, daß es nur einen "herumsuchenden" Einstieg in ein ganz neues Erkenntnisfeld darstellt. Und zudem auch nur ein Einsteig neben vielen anderen, ein Einstieg wahrscheinlich, der nur eine "größere Presse" bekommen hat als andere. - Zugleich auch schleicht sich Mißtrauen ein. Der Leser blickt auf sich selbst zurück und darf sich fragen: Ja, würde ich denn dem Gegenstand besser gerecht werden können? Mit welchem Recht darf ich kritisieren?

Dennoch: Muß man erst die bisherige Intelligenz-Forschung abwerten, bevor man dazu übergehen kann, sich ernsthafter mit "sozialer" oder "emotionaler" oder "personaler" Intelligenz zu beschäftigen? Kann nicht beides parallel und ergänzend erforscht werden? Und kann man nicht auch nach Zusammenhängen zwischen beiden fragen? Und wenn nach Emotionen gefragt wird: Können nicht die Erkenntnisse eines Konrad Lorenz oder eines Robin Dunbar oder einer Jane Goodall oder der Soziobiologie insgesamt umfangreicher herangezogen werden? Oder neuerdings die eines Joachim Bauer oder eines Peter Sloterdijk (zur Frage der "thymotischen Energien" in der Menschenseele)? **) Konrad Lorenz sprach in "Die acht Totsünden der zivilisierten Menschheit" von dem "Wärmetod des Gefühls", von dem wir heute alle heimgesucht sind.

Wie kommt man zu kontrastreichen, starken Gefühlen?

Muß man dann nicht erst einmal danach fragen, wie man überhaupt wieder zu starken, kontrastreichen Gefühlen kommt? Zu Gefühlen, die über mehr oder weniger plumpe Lust- und Unlustgefühle hinausgehen, bevor man solche Gefühle dann auch erforschen kann? Und ist nicht genau das das Revolutionäre an solcher Wissenschaft: Daß man sich durch sie - mehr oder weniger "gnadenlos" - aufgefordert fühlen kann, nach den eigenen, kontrastreicheren Gefühlen überhaupt zu fragen? Daß man etwa aufgefordert sein kann, eigene Selbsttäuschungen über etwaige, vorgeblich "große" Gefühle als eben solche Selbsttäuschungen zu durchschauen? Oder gar solche Selbsttäuschungen gesellschaftsweiter Natur, gesellschaftsweiter Gelagertheit? (Sozusagen: Gruppenevolutionärer Beschaffenheit?)

Daniel Goleman erzählt zumeist, die jeweiligen Kapitel einführend, irgendwelche Geschichten, in denen Menschen ein starkes, prägnantes Unglück oder Glück wiederfahren ist oder - sehr oft - in denen sie verbrecherisch gehandelt haben oder behandelt wurden. Vielleicht auch nur, um der Sensationsgier des Lesers Nahrung zu geben. Aber andererseits scheint es doch in der Tat auch so zu sein, daß Gefühle überhaupt erst einmal einen stärkeren Grad von Ausprägung erfahren haben müssen, bevor sie so ausreichend sichtbar geworden sind, daß sie dann auch wissenschaftlich erforschbar und verstehbar werden.

Wissenschaft verändert Gesellschaften

Aber eines ist auf jeden Fall klar: Bevor man Daniel Goleman's "Emotionale Intelligenz" liest, sollte man die Grundgedanken des Buches von Richard Herrnstein und Charles Murray "The Bell Curve" (1994) gut verstanden haben. (Zuletzt in den Kommentaren hier kurz diskutiert.) Denn sonst weiß man gar nicht, worauf das Buch von Daniel Goleman eigentlich reagiert.*) Wenn man das tut, wird einem vielleicht erst die ganze Brisanz auch des Buches von Goleman erfahrbar.

- Warum also Wissenschaft? Weil sie mich als Menschen verändert. Dies kann durchaus auch im Persönlichsten sein. Weil ich durch sie auf mich selbst zurückverwiesen werde und zwar in einer Unabhängigkeit von sonstigen sozialen, emotionalen oder gesellschaftlichen Einflüssen, die in anderen Kulturbereichen heute selten oder gar nicht mehr besteht. Plump gesagt: Statt mich den emotionalen Beeinflussungen meiner menschlichen Umwelt auszusetzen, setze ich mich den Beeinflussungen der Natur selbst aus. Warum erfahren wir eine solche Ausgesetztheit heute eigentlich allzu oft nur noch als "gnadenlos"? Jedenfalls deutet sich durch eine solche Ausgesetztheit die zukünftige Verwirklichung gesellschaftlicher Möglichkeiten an, die - vielleicht, wahrscheinlich - besser ist, noch besser ist, als gegenwärtige, bestehende, "real existierende" Verwirklichungen gesellschaftlicher Möglichkeiten.

In diesem Sinne könnte Wissenschaft - und besonders Naturwissenschaft - als "Herzensbildung" verstanden werden. Denn mit was hat denn "Emotionale Intelligenz" vor allem zu tun, wenn denn nicht mit dem Herzen und mit der Seele?

________
Anmerkung:

*) In Reaktion auf dieses Buch kann Goleman auch so irrsinnige Sätze zu Papier bringen wie den folgenden (irrsinnig zumindest in der deutschen Übersetzung) (S. 54): "Die Ausnahmen von der Regel, daß der IQ den Berufserfolg vorhersagt, sind zahlreicher als die Fälle, die der Regel entsprechen." - Wenn das tatsächlich so wäre, wäre es ja irrsinnig, überhaupt von einer "Regel" zu sprechen. Man merkt also, wie oberflächlich Goleman hier offenbar recherchiert hat und überhaupt argumentiert. Er hätte ja sonst gleich sagen können, daß diese Regel widerlegt ist. Natürlich hütet sich Goleman vor solchen grundlegenden Aussagen. (Übrigens äußert sich auch Jens Asendorpf in seinem Lehrbuch "Psychologie der Persönlichkeit" mit deutlichen Vorbehalten gegenüber diesem Buch, vielleicht sogar mit zu deutlichen. Denn immerhin gibt einem dieses Buch doch viel Stoff zum Weiterdenken - nicht nur aber auch dadurch, daß es zum Widerspruch auffordert.)

**) Oder die Erkenntnisse zur Bedeutung der Gruppenselektion während der Humanevolution (Samuel Bowles und andere)? - Interessanterweise betont Bowles den Krieg zwischen Gruppen als treibende Kraft für die Evolution von menschlichem Altruismus und Empathie. Daß es seit hunderttausenden von Jahren auch viele andere, zum Teil auch wesentlich subtilere Strategien gegeben haben kann, aufgrund deren sich Gruppen ihre Territorien, ihre Evolutionsstabilität, ihren inneren Zusammenhalt erhielten, und damit ihre demographische Stabilität, ist bisher offenbar noch weniger in den Fokus der Forschung getreten, ist aber doch nur allzu naheliegend.
Bekanntlich reichen in der Natur ja oft schon die verschiedensten, evolutiv sparsameren Einschüchterungs-Strategien, um - etwa - gegenüber konkurrierenden Artgenossen und anderen Arten die eigenen Fortpflanzungsstrategien durchzusetzen, bzw. aufrecht zu erhalten, das eigene Territorium zu behaupten. So behaupten viele Vogelarten ihr Revier durch Singen. Warum sollten also derartige Mechanismen nicht auch außerordentlich wichtige Mechanismen in der Humanevolution von Gruppenpsychologie gewesen sein? (Auch an die vielen, nicht tödlich endenden
"Kommentkämpfe" im Tierreich könnte gedacht werden, die es ja beim Menschen ebenfalls gibt. Man siehe etwa die traditionellen Dorf-Ringkämpfe der Nuba im Südsudan.)
Es ist vielleicht überhaupt spannend zu verfolgen, daß Wissenschaftler oft nur in "Schwarz" oder "Weiß" denken können: Humanevolution von Gruppen entweder gewalttätig oder friedlich. Daß es die vielfältigsten Zwischenformen gegeben haben kann, die immer noch beobachtbar sind, scheint dabei recht oft noch aus dem Blickfeld zu geraten.
Das heißt allgemeiner: Es muß bei dem hier behandelten Thema natürlich berücksichtigt werden, wie stark unsere Emotionen auch davon mitgeprägt sind, wie sehr wir uns in unserer jeweiligen Gruppe (Gesellschaft) emotional geborgen oder nicht geborgen fühlen - und wie wir auf den jeweiligen Fall mit Psyche und Körper reagieren.

Freitag, 26. Juni 2009

Krebs und menschliche Intelligenz

Unterschiede zwischen Menschen und Affen

Es gibt viele Leute, die sich dafür interessieren, wie beim Menschen Krebs entsteht. Denn viele Freunde, Angehörige erkranken an Krebs oder sterben sogar daran.

Bei vielen Menschen besteht nun die Vermutung, daß Krebs vor allem eine "Kopfsache" ist, sozusagen im Kopf entsteht. Und das hieße ja letztlich aus evolutionärer Sicht, daß Krebs aufgrund der starken Intelligenz des Menschen, bzw. aufgrund der komplexen sozialen "Konflikte" und der (zu großen oder zu kleinen) sozialen "Harmonien", in denen Menschen leben können, entsteht. Auf solche Ahnungen und Vermutungen reagieren auch viele Theorien und Vermutungen im - zurückhaltend ausgedrückt - "vorwissenschaftlichen" Raum. (Etwa die sogenannte "Germanische Neue Medizin" eines Geerd Hamer.)

In Diskussionen mit Menschen, die solchen Theorien und Vermutungen etwas abgewinnen können, hat man sich schon gelegentlich gefragt, ob es Krebs eigentlich auch bei Tieren in gleichem Umfang wie bei Menschen gibt. Bisher hat man darüber aber wenig wissenschaftlich Fundiertes erfahren. Nun berichtet die Wissenschafts-Journalistin Elke Bodderas in der "Berliner Morgenpost" über Forschungen und Überlegungen, die jüngst in "Medical Hypotheses" veröffentlicht wurden.

Leider ist der Artikel ("Did natural selection for increased cognitive ability in humans lead to an elevated risk of cancer?") nicht frei im Netz zugänglich, so daß man sich zunächst an den journalistischen Bericht halten muß. *) Diesem ist aber doch schon allerhand an interessanten Informationen zu entnehmen:
Höchstens zwei Prozent der Menschenaffen bekommen einen Tumor – beim Menschen stirbt jeder fünfte daran.
Das ist natürlich ein sehr deutlicher Unterschied. Und den Ursachen für diesen Unterschied nachzugehen, könnte natürlich aufschlußreich sein. Irgendwie erinnert die These dieses Forschungsartikels auch an Vermutungen zur Evolution der aschkenasischen Intelligenz, die 2005 veröffentlicht wurden: Die erhöhten Häufigkeiten verschiedener Erbkrankheiten bei den aschkenasischen Juden wird als Erklärung herangezogen für den durchschnittlich deutlich erhöhten angeborenen Intelligenz-Quotienten bei ihnen (siehe: Wikip., bzw. "Natural History of Ashkanzi Intelligence"; siehe dazu auch ---> pdf. und diverse Beiträge auf "Stud. gen.").

Grob gesprochen lautet also nun die neue These zum Zusammenhang zwischen Intelligenz-Evolution und Krebs, daß genetische Selbsterzerstörungsprogramme, die normalerweise bei Schimpansen Gehirnzellen zum Absterben bringen, während der Humanevolution abgeschaltet worden sind, was zu größerer Zellvermehrung führte, was wiederum vorteilhaft war, weil es größeres Gehirn hervorgebracht haben könnte. Allerdings könnte eben der Nachteil dabei gewesen sein, daß damit allgemein mehr Krebsverhinderungs-Programme beim Menschen abgeschaltet worden sind oder nicht mehr so gut funktionieren wie zuvor.

Diese These möchte einen auf den ersten Blick, da sie ein wenig zu schlicht anmutet, noch nicht so richtig überzeugen. Aber dem Zusammenhang zwischen menschlicher Intelligenz und menschlichem Krebs überhaupt nachzugehen, dürfte sicherlich sinnvoll sein, wenn es bei der Häufigkeit von Krebs so große Unterschiede zwischen den Arten gibt.

Könnte nicht auch einfach mit der sehr großen "Plastizität" des menschlichen Gehirns argumentiert werden? Aufgrund von komplexen Lernvorgängen bis hin zur Möglichkeit diverser "Gehirnwäsche"- und Bekehrungsvorgänge könnte dieses Organ und sein zugehöriger Körper mehr als andere Organe und damit verbundene Körper angewiesen sein auf eine effiziente Stabilisierung gegenüber der Möglichkeit nichtausreichender Zellkoordination und infolgedessen gegenüber unkoordinierter Zellvermehrung.

*) Ein noch besserer findet sich --> hier.

Dienstag, 23. Juni 2009

Darwinischer Konservatismus

Ein Video über Larry Arnhart

Gänzlich neue, zuvor niemals ausgesprochene Gedanken darf man bei Larry Arnhart wohl nicht suchen. Aber überhaupt der Gedanke, Charles Darwin und die Evolutionstheorie aus politisch konservativer Richtung aus neu zu denken und weiterzudenken, ist etwas, das es sicherlich jederzeit sinnvoll sein kann, im Auge zu behalten.

Denn bekanntlich ist auch die Natur selbst zwar oft auf "Weiterentwicklung" hin orientiert aber auf der anderen Seite immer auch sehr "konservativ". Die Natur ändert nur das, was sie zur Weiterentwicklung und Neuanpassung unbedingt verändern muß, Bewährtes aber behält sie konservativ über Millionen von Jahren bei. Deshalb können auch die evolutionären Wurzeln des menschlichen Sozialverhaltens anhand der Verhaltensforschung im Tierreich erforscht werden und so vieles andere mehr.



Über Inhalte geht es in diesem Video nicht. Über diese kann man sich aber beispielsweise auf dem Wissenschaftsblog von Larry Arnhart informieren (hier).

Montag, 22. Juni 2009

Kultur ist der wichtigste evolutionäre Selektionsfaktor des Menschen

Derzeit behandelt die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die Nachfolge-Organisation der früheren Preußischen Akademie der Wissenschaften, einige Kernthemen dieses Wissenschaftsblogs "Studium generale" (BBAW-Jahresthema). Wir wiesen schon mehrfach darauf hin (Stud. gen. 1, 2, 3). Im April referierte einer der großen theoretischen Begründer der Soziobiologie und ein entschiedener Kritiker einer zu Israel-freundlichen Politik der USA (Stud. gen.), Robert Trivers.

Und am 20. Juli, 18 Uhr, wird der Berliner Theoretische Biologe Peter Hammerstein referieren. Außerdem der der Naturwissenschaft schon seit Jahren aufnahmebereit gegenüberstehende Soziologe Peter Weingart. Außerdem zwei weitere Referenten. Zu der Fragestellung "Wie viel Gesellschaft erklären die Biologen?" In der Ankündigung heißt es:
Seit mehr als hundert Jahren besteht ein Konflikt zwischen der Soziologie und der Biologie um die Deutungshoheit gesellschaftlicher Prozesse. Wechselseitige Ignoranz und ein Denken in den Gegensätzen „Natur“ und „Kultur“ behindern oftmals einen fruchtbaren Austausch.
Und:
Werden Institutionen wie Familie, Arbeitsteilung oder das Inzesttabu von der Umwelt oder durch Gene beeinflusst? Wie kann Sozialverhalten angesichts der Bedeutung von Kultur und der biologischen Natur des Menschen erklärt werden?
Beide genannten Referenten scheinen den vielerorts noch autistisch vor sich hinarbeitenden Soziologen, Geistes- und Kulturwissenschaftlern gegenüber noch zu mancherlei Zugeständnissen bereit zu sein. Peter Weingart:
... Anhand einiger Kritiken lässt sich zeigen, warum die Soziologie der Anwendung der Evolutionstheorie auf den sozialen Wandel kritisch gegenübersteht und es noch nicht zu der „Evolutionären Synthese“ gekommen ist, wie sie die Biologie erlebt hat.
Und Peter Hammerstein?:
... Während die Sozialität der Insekten mit mathematischen Modellen der genetischen Evolution erklärt werden kann, lässt sich das Prinzip nicht direkt auf den Menschen übertragen. Offenbar besitzt Kulturevolution eigene Gesetzmäßigkeiten, die sich von denen der genetischen Evolution wesentlich unterscheiden.
Abgesehen davon, daß auch bei den Insekten noch längst nicht alles klar ist (siehe etwa Stud. gen. 1 oder 2): Da scheint doch noch mit allerhand Samtpfoten um die traditionell abgesteckten Wissenschaftsgräben, um die abgesteckten "Claims" herumgeschlichen zu werden.

Daß die Evolution vom Tier zum Menschen ein fließender Übergangsprozeß gewesen ist, der sich über Jahrzehntausende hinweg erstreckte, ein Prozeß, der weder abrupt begann noch abrupt endete, daß auch die menschliche, genetische Evolution in den letzten Jahrtausenden und Jahrhunderten weitergegangen ist, trotz, nein, mit aller Kultur, daß Kultur selbst den wichtigsten Selektionsfaktor für die Genetik des Menschen heute bildet (nicht die natürliche Umwelt), daß es zwischen Genetik und Kultur einen komplexen Rückkoppelungs-Prozeß gibt, der immer konkreter erforscht werden kann, da von der Verhaltensgenetik des Menschen immer mehr bekannt wird, daß Demographien von Gesellschaften etwas mit Selektion und damit mit Evolution zu tun haben könnten - ob man an diesem Abend etwas über solche Dinge - und zwar möglichst konkret - hören wird?

Sonntag, 21. Juni 2009

Karl Marx, die Ausbeutung und die Familien

Argumentiert die Partei "Die Linke" auf der Höhe unserer Zeit?
Die weltweite Krise ist das Resultat einer gigantischen Umverteilung des von vielen erarbeiteten Reichtums zugunsten weniger.
So stand es in einer Zeitungsanzeige der Partei "Die Linke" anläßlich der Europawahl. Und diese Zeitungsanzeige machte einen damit einmal aufs Neue auf ein Thema aufmerksam, das noch viel zu wenig das Bewußtsein der heutigen Menschen erfüllt.

Karl Marx hat die kapitalistischen Wirtschaftsverhältnisse als Ausbeutungs-Verhältnisse charakterisiert. Im Mittelpunkt seiner Analyse der kapitalistischen Wirtschafts-Verhältnisse steht seine "Mehrwert"-Theorie, über die man sich bei Wikipedia informieren kann (Wiki). Es ist nun merkwürdig, daß selbst in parteiinternen Diskussionen der Partei "Die Linke" die Analyse der heutigen kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse derzeit nicht wirklich über solche klaren und eindeutigen Sätze wie den obigen hinaus weitergeführt werden. Selbst von so vermeintlich kommunistischen und linken VordenkerInnen wie Sarah Wagenknecht und der "Kommunistischen Plattform". Soweit man das mitbekommt, können sich demgegenüber innerparteiliche Kritiker nicht ausreichend durchsetzen.

Und auch die neuerliche Rede von Oskar Lafontaine (hier) drischt mehr Phrasen, als daß klare Analysen gegeben werden und daraus klare und grundlegende Schlußfolgerungen gezogen würden.

Da stellt sich dann die Frage, ob die Kommunisten überhaupt jemals richtig verstanden haben, um was es bei der Mehrwert-Analyse von Karl Marx eigentlich im Kern geht, bzw. gehen sollte, und wie diese auf die jeweilige aktuelle Situation zu übertragen ist. Nur allzu oft gewinnt man den Eindruck, daß die heutigen Wirtschafts-Theoretiker und -Analysten, aus welcher Richtung sie auch immer kommen, den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Man lese dazu nur einmal damit zusammenhängende Wikipedia-Artikel wie "Arbeitswerttheorie" oder "Verteilungsgerechtigkeit".

Wie sollen Rationalisierungsgewinne verteilt werden?

Denn bei all dem geht es letztlich um ganz simple Zusammenhänge, auf die auch schon des öfteren auf "Studium generale" hingewiesen worden ist. Die moderne Wirtschaftsentwicklung bringt aufgrund der hochgradigen Arbeitsteilung Rationalisierungsgewinne mit sich, die einen ganz ungeheuren Umfang haben. Der einzelne Bürger kann sich diese Rationalisierungsgewinne zumeist gar nicht vorstellen, ihm wird auch zumeist keine Vorstellung von ihnen gegeben. Aber ein klassisches Beispiel ist der Verkauf von Computer-Software des Computer-Giganten Microsoft. Die Gewinne, die ein Bill Gates hier eingefahren hat, sind schlicht alles Rationalisierungsgewinne. Wer sagt denn eigentlich, wer legt fest, daß diese Milliarden Euro, die er dabei verdient hat, ausgerechnet ihm zustehen?

Es wird hier einfach überall in der Wirtschaft ein ganz imenser Wohlstand erarbeitet. Und es gilt, überall in den Wirtschaftsprozessen nach diesen Rationalisierungsgewinnen zu fragen und zu fragen, ob diese gerecht auf jene Gesellschaft zurückverteilt werden, die sie erwirtschaftet hat. Denn ohne intelligente und neugierige Konsumenten kann auch ein Bill Gates seine Rationalisierungsgewinne gar nicht einstreichen und anhäufen. Um die hier etwaig vorliegenden wirtschaftlichen Ausbeutungsverhältnisse zu analysieren, dazu hätte die Mehrwert-Theorie von Karl Marx eigentlich dienen müssen. Ob sie zumindest in den Formulierungen von Karl Marx selbst zu diesem Zweck jemals ihrer Anlage nach wirklich fähig gewesen ist, oder ob sie nicht doch eher verwirrt als klärt, das bleibe an dieser Stelle einmal dahingestellt.

Adam Smith, Arbeitsteilung, Rationalisierungsgewinne

Alle Analyse in diesen Zusammenhängen geht zurück auf den berühmten britischen Wirtschaftstheoretiker Adam Smith, der erstmals auf die Ursachen und Auswirkungen des Prinzips Arbeitsteilung im wirtschaftlichen Produktionsprozeß aufmerksam gemacht hat. Dieses Prinzip ermöglicht eben die ungeheuren Rationalisierungsgewinne, also den "Mehrwert" der Arbeit. Die Arbeit eines einzelnen hat um so mehr Wert, um so mehr sie rationalisiert wird. Aber der einzelne hat keinen Anteil an dieser Wertschöpfung, sondern der "Kapitalist", der die zur Rationalisierung notwendige Maschine entwickelt hat oder zur Verfügung stellt, streicht den Mehrwert ein. Und es ist ziemlich simpel vorauszusagen, daß das bei der egoistischen Mentalität von Menschen zumal in Zeiten des "Kapitalismus", in Zeiten der "Unübersichtlichkeit" und in Zeiten teilanonymer Gesellschaften nicht unbedingt besonders gerecht dabei zugehen muß.

Der grundlegende Zusammenhang findet sich jedoch schon im zweiten Absatz des Wikipedia-Artikels zu "Mehrwert":
Das Wort Mehrwert (surplus value) verwendet bereits William Thompson. Wie Engels und Kautsky gegenüber Anton Menger nachweisen, bezeichnet Thompson mit diesem Terminus den zusätzlichen Profit, den ein maschineneinsetzender Kapitalist gegenüber dem Handwerker erzielt.
Es handelt sich also um Gewinne, die auf Rationalisierung im Produktionsprozeß beruhen, also auf dem Prinzip Arbeitsteilung. Entweder hat Karl Marx diesen Zusammenhang nicht klar genug gesehen und als grundlegend genug angesehen oder er hat zu mißverständlich darüber gesprochen. Jedenfalls scheinen seine Anhänger bis heute darüber nicht ausreichend klar strukturiert argumentieren zu können. Nichts anderes aber könnte notwendig sein in unseren Zeiten, wenn man einen gesellschaftlichen Konsens in diesen Fragen erreichen will. Daß sich Karl Marx der Rationalität des Prinzips Arbeitsteilung durchaus bewußt war, geht aus vielen seiner Ausführungen hervor. Nur gehen diese Ausführungen auch unter in seinen sonstigen Analysen (siehe z.B. --> hier).

William Thompson: "Die Verteilung des Volkswohlstandes"

Auch scheint die praktische, ethische Schlußfolgerung, Nutzanwendung aus der theoretischen Analyse - die allgemeine Verteilung aller Produktionsgüter und damit die Abschaffung des Privateigentums - die ganz und gar falsche gewesen zu sein, wie uns ja auch die Geschichte bis 1989 zu Genüge zur Schau gestellt hat. Denn dadurch wird der wohl wichtigste motivationale Antrieb, die Eigenverantwortung für die eigene Leistung aus den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Austauschprozessen eliminiert.

William Thompson, auf den im obigen Zitat als eine Quelle von Karl Marx hingewiesen worden ist, schrieb 1824 "An Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth Most Conducive to Human Happiness". Was erfahren wir über diesen Iren Thompson?
Die gegensätzlichen Anschauungen von William Godwin und Thomas Malthus spornten Thompson an, sein eigenes Forschungsprojekt über die Rolle der Verteilungsgerechtigkeit in der Volkswirtschaft voranzubringen; es führte ihn zunächst nach London, wo er 1824 seine 'Untersuchung über die Grundlagen der fürs menschliche Glück förderlichsten Verteilung des Wohlstands' eröffentlichte. (...) In der Argumentation folgt Thompson der Arbeitswerttheorie, die Ricardo in seinen sieben Jahre vorher veröffentlichten Principles of Political Economy (Grundlagen der Politischen Ökonomie) dargelegt hatte. Allerdings charakterisiert er die Aneignung des Löwenanteils des Mehrwerts durch den Kapitalgeber der Produktionsmittel als Ausbeutung. (...)

Thompsons Buch enthüllt seine eigene Entwicklung; beginnend mit der Forderung nach dem gesamten Arbeitsprodukt [für den Arbeiter] und der Steuerung der Verteilung, entwickelt er schließlich kommunistische Auffassungen, das heißt die der unbegrenzten Verteilung.
Also zunächst an einer klaren Analyse der Gesetzmäßigkeiten und Möglichkeiten von Rationalisierung und dann an der gezogenen Schlußfolgerung, nämlich der Forderung nach Enteignung von Privateigentum, scheitert die marxistische Theorie.

Gerhard Mackenroth und die Bedeutung der Demographie für die Stabilität von arbeitsteiligen Gesellschaften


Konkreter und passender wurde das Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit wohl unter anderem durch den bedeutendsten deutschen Demographen des 20. Jahrhunderts, durch Gerhard Mackenroth formuliert. Er erkannte, daß die Leistungen, die zur Aufrechterhaltung einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft erbracht werden - um so stärker der Rationalisierungsgrad vorangeschritten ist, sogar um so mehr - in immer stärker wachsenden Anteilen sozialer und familiärer Art sind: Wenn Wirtschaft auf Kosten der Demographie betrieben wird, geraten Gesellschaften in hochgradige Instabilität.

Und tatsächlich hat ein "Rationalisierungsfachmann" wie Bill Gates die demographischen, wirtschaftlichen und bildungsmäßigen Grundlagen und Voraussetzungen gar nicht geschaffen, die ihm seine Rationalisierungsgewinne überhaupt ermöglichten, die ihm nämlich eine so breite, bildungs- und fortschrittswillige und -fähige Käuferschicht für seine Computerprogramme überhaupt zur Verfügung stellte. Diese Käuferschicht wurde erst in den Familien "produziert", bzw. "reproduziert". Und auch dieser Umstand ist in eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung genauso wie die Umweltkosten mit hineinzunehmen, wie schon im 5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland 1994 ausgeführt worden ist. Denn Kinder aufzuziehen kostet Arbeit, Zeit und Geld wie alles andere auch in der Wirtschaft und im Arbeitsleben. Und wird das nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung mit hineingenommen, bildet sich dieser Umstand in den wirtschaftlichen Austauschprozessen in keiner Weise ab.

Eine Rangliste der sozialen Ansprüche an das Volkseinkommen

Wie nun stellte sich Gerhard Mackenroth die Verteilung des Wohlstandes vor? Darüber schrieben wir schon vor zwei Jahren in einem Beitrag (St. gen., 1, 2) und es soll hier erneut zitiert werden. Er spricht nämlich davon, daß eine "Rangliste der sozialen Ansprüche an das Volkseinkommen" aufgestellt werden müsse.

Diese Rangliste dürfe nicht "von Tag zu Tag" je nach den verfügbaren Mitteln geordnet und neu geordnet werden, sondern müsse ganz unabhängig vom täglich erwirtschafteten Volkseinkommen aufgestellt sein und bleiben. Es geht ihm also um neutrale Objektivität in der Sozialpolitik und darum, von vornherein möglichst viele, sich einschleichende Egoismen aller Art auszuschließen. Er sagt ganz unmißverständlich:
"Die Rangordnung der sozialen Ansprüche (...) hat mit der jeweiligen wirtschaftlichen Lage der betreffenden Volkswirtschaft nichts zu tun. Sie ergibt sich in einem innerlich gefestigten Gemeinwesen aus den Forderungen des sozialen Gewissens und der Einheit des ethischen Bewußtseins. Wo in einer sich desintegrierenden Gesellschaft diese Werte zerfallen, ergibt sie sich allein aus den politischen Machtpositionen der Interessengruppen, und die Gefahr aller demokratischen Gemeinwesen, in denen der Nichtbesitzende politische Macht übt, besteht darin, daß sich die zufällig an der Macht befindlichen Interessentengruppen große Beträge aus dem Staatssäckel bewilligen oder bewilligen lassen, während andere leer ausgehen, die sie dringender brauchen." (1; 2, S. 48)
Das braucht gar nicht kommentiert werden. Weitergehend erläutert Mackenroth seinen Grundgedanken folgendermaßen:
"Interessentenorganisationen sollen und müssen sein, nur muß es darüber noch eine höhere Instanz geben, die sie in ihre Grenzen und Schranken verweist und sie miteinander koordiniert und schließlich auch die zum Zuge kommen läßt, die durch Interessentenorganisationen noch nicht vertreten sind. Ich kenne noch keine Vertretung der ungeborenen Säuglinge und kann mir eine solche auch schlecht vorstellen. In Amerika hat es freilich einmal eine Organisation gegeben, der 'Veterans of future wars', aber das war ein Studentenulk und keine politische Wirklichkeit." (1; 2, S. 48f)
Dann spricht Mackenroth einen Gedanken aus, der noch heute nicht vollständig das öffentliche und politische Bewußtsein durchdrungen hat, denn auch heute noch denkt man in den Prinzipien, daß man sich durch "Sparen", Geldeinzahlen in Fonds, Versicherungen jene "Reserven" "ansparen" würde, die man dann bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter "gerechterweise" aufbrauchen könne. Ein solches Denken war - folgen wir Mackenroth - schon im Jahr 1952 völlig veraltet. Ganz besonders merkwürdig aus dieser Sicht, daß es noch heute so allseits vorherrschend ist.

Gesellschaften haben noch niemals "Vorratswirtschaft" betrieben, die nicht aus Kindern bestand

Mackenroth:
"Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Fonds, keine Übertragung von Einkommensteilen von Periode zu Periode, kein 'Sparen' im privatwirtschaftlichen Sinne -, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwnad. Das ist auch nicht eine besondere Tücke oder Ungunst unserer Zeit, die von der Hand in den Mund lebt, sondern das ist immer so gewesen und kann nie anders sein. Ich darf dabei wohl absehen von den Fällen einer vorindustriellen Naturalwirtschaft, wo man Sozialpolitik treibt durch Anlage von Getreidemagazinen u.a.." (1; 2, S. 45)
Und Mackenroth präzisiert in verschärfter Weise:
"Es gibt volkswirtschaftlich gesehen keine Möglichkeit einer Versicherung gegen irgendwelche sozialen Risiken, nicht einmal gegen die mit Sicherheit eintretenden Ereignisse wie Alter und Invalidität, ganz abgesehen von einem so allgemeinen in seiner Versicherungsfähigkeit angezweifelten Risiko wie der Arbeitslosigkeit. (...) Die volkswirtschaftliche Problematik läßt sich nicht dadurch lösen oder beiseite schieben, daß man nach den Grundsätzen eines ordentlichen Kaufmanns private Risiken versichert. (...) Das Versicherungsprinzip ist geeignet, den einzelnen zu sichern gegen die Abweichung seines Falles von der sozialen Norm, es kann aber nicht die Volkswirtschaft sichern gegen eine Änderung der sozialen Norm, gegen eine soziale Katastrophe." (1; 2, S. 45f)
"Diese Tatsache bezeichne ich hier und anderswo als das Prinzip der Einheit des Sozialbudgets: Es gibt nur eine Quelle allen Sozialaufwandes, das laufende Volkseinkommen." (1; 2, S. 47)
Natürlich beginnt sich dieser Gedanke in Zeiten der zahlenmäßig abnehmenden Nachkommenzahlen und in Zeiten, wo man absehen kann, wozu "Versicherungs-Einzahlungen" der Vergangenheit gut waren, wenn künftig keine Menschen mehr da sind, die die Rückzahlungen der Einzahlungen erwirtschaften, allmählich - langsam, langsam - durchzusetzen. Dazu ist aber auch zu sagen:

1. Es wäre wohl besser gewesen, wenn sich diese Erkenntnisse schon Jahrzehnte früher "langsam, langsam" durchgesetzt hätten. Hier haben inzwischen schon abgetretene Generationen auf Kosten der gegenwärtigen und künftigen Generationen gelebt.
2. Noch heute könnte man es für notwendig halten, daß viel zur Beschleunigung der Durchsetzung solcher Einsicht getan wird.

Die heute noch geradezu revolutionären Kernteile des Mackenroth-Planes aber befinden sich dann in dem Abschnitt "Sozialpolitik und Familie". Es sollen hier noch einmal die wichtigsten Passagen gebracht werden.

"Die sozialpolitische Großaufgabe des 20. Jahrhunderts:
Familienlastenausgleich"

"... Ich greife nur eine Aufgabe heraus, die uns noch bevorsteht, und die mir besonders am Herzen liegt: an Stelle einer Klasse muß heute Objekt der Sozialpolitik die Familie werden, und zwar quer durch alle Klassen und Schichten, es gibt da überhaupt keine Unterschiede mehr." (1; 2, S. 60)
Das ist lange vor 1968 gesprochen worden. Und dabei ist Mackenroth keineswegs einem veralteten Familienbild verhaftet. Er sagt zum Beispiel, man bedenke, schon im Jahr 1952:
"Wir können nicht einen widerstrebenden jugendlichen Arbeitslosen in eine ebenso widerstrebende Familie hineinzwingen und ihn damit der patria potestas" (der väterlichen [Erziehungs-]Gewalt) "ausliefern. Solche Holzhammermethoden würden mehr zerstören als erhalten. Die patriarchalische Familie ist im Abbau und kann nicht über die Sozialpolitik konserviert werden. Die Familie der industriellen Gesellschaft ist ein ganz anders konstruiertes Gebilde und in der Beziehung zwischen den Erwachsenen viel lockerer, sie gewinnt aber gerade bei dieser äußerlich gelockerten Beziehung eine eigentümliche innere Festigkeit.

Dennoch bedarf sie der Stützung durch die Sozialpolitik, besonders was die Stellung der Kinder angeht, und hier beginnt die zweite Schicht der Sozialpolitik und setzt ihre aktive Aufgabe ein. In der alten bäuerlichen Wirtschaft und im Frühkapitalismus mit seiner Kinderarbeit waren Kinder von früher Jugend an Miterwerber im Rahmen des Familieneinkommens. In der bäuerlichen, besonders in der kleinbürgerlichen Wirtschaft sind sie gelegentlich heute noch willkommene Arbeitskräfte. In der Arbeiter- und Angestelltenfamilie der heutigen industriellen Gesellschaft sind Kinder - um es auf eine einfache Formel zu bringen - zu reinen Kostenelementen in der Familie geworden, nicht zuletzt durch unsere sozialpolitischen Errungenschaften, wie das Verbot der Kinderarbeit, oder auch ganz allgemein durch die höheren Anforderungen an Aufwand und Ausbildung, die wir heute für unsere Kinder stellen. Damit hat sich unsere ganze Verteilungsordnung entscheidend geändert, und zwar nicht zwischen Sozialklassen oder Einkommensschichten, sondern innerhalb jeder Sozialklasse und Einkommensschicht zwischen den familienmäßig Ungebundenen und den Familien mit keinem oder wenigen Kindern auf der einen und denen, die die volle ökonomische Last einer notwendigen Kinderaufzucht übernehmen, auf der anderen Seite. Ich weise in meiner 'Bevölkerungslehre' nach, daß darin einer der Hauptfaktoren für den Geburtenrückgang, jedenfalls für seine extremeren Ausmaße, zu suchen ist. Er ist, so gesehen, gewissermaßen eine unerwünschte Nebenwirkung der Sozialpolitik und des sozialen Fortschritts." (1; 2, S. 60f)

"Hier erwächst der Sozialpolitik noch einmal eine neue Großaufgabe, die sozialpolitische Großaufgabe des 20. Jahrhunderts: Familienlastenausgleich, m.E. der einzig sozial sinnvolle Lastenausgleich, denn sein Richtmaß ist nicht vergangener Verlust, sondern eine gegenwärtige Leistung, deren Lasten ausgeglichen werden sollen: die Lasten für das Aufbringen der jungen Generation, ohne die kein Volk und keine Kultur ihre Werte erhalten und tradieren können, müssen gerecht verteilt werden, so daß das Volk nicht durch falsche Verteilung dieser Lasten seinen Bestand gefährdet." (1; 2, S. 61)
"Eine grundsätzliche Neugestaltung der Verteilungsordnung"
"Ich möchte nur keinen Zweifel daran lassen, daß es mit einer Politik der kleinen Mittel nicht getan ist - alle solche Maßnahmen würden hoffnungslos verpuffen -, sondern daß es sich hier um eine ganz große Einkommenumschichtung und eine grundsätzliche Neugestaltung der Verteilungsordnung handeln muß, wenn man damit etwas ausrichten will, eine Umschichtung nicht zwischen Einkommens- und Sozialschichten, sondern innerhalb jeder Schicht zwischen den Familien." (4, S. 62)

"Das Familienprinzip auch in der laufenden Sozialpolitik muß über eine viel stärkere Berücksichtigung des Kindes und des Jugendlichen durchgesetzt werden, des noch nicht arbeitsfähigen Schulkindes und der Lehrlinge, bis zum Abschluß ihrer Ausbildung. Wir werden überhaupt früher oder später vor der Notwendigkeit stehen, unser Interesse und auch unsere Mittel in Politik und Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik viel mehr auf unsere Jugend zu konzentrieren, wenn uns nicht der Osten darin den Rang ablaufen soll." (1; 2, S. 62)
Es gilt also zu klären: Wer trägt - auch nach all den vielen Rationalisierungen der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte in der Landwirtschaft, im gewerblichen Bereich und im Dienstleistungsbereich - wer trägt die Hauptlasten zur Aufrechterhaltung dieser unserer arbeitsteiligen Gesellschaft? Und bildet sich das sozial gerecht in der Verteilung des wirtschaftlichen Wohlstandes, in der Verteilung der Rationalisierungsgewinne ab, die zugleich auch Zuteilung von Verantwortungsbereichen darstellen?

Wie jede berufliche Position, wie jede Geldeinnahme Verantwortung mit sich bringt und deshalb dementsprechend auch bemessen ist - auch entsprechend der Art und des Ausmaßes, wie der einzelne der jeweiligen Verantwortung gerecht wird -, so bringt auch die Position von Menschen als Eltern Verantwortung mit sich. Sogar sehr große. Und diese Verantwortungspositon muß deshalb einfach gesellschaftlich die gleiche Achtung genießen wie jede andere verantwortliche Position. Und gesellschaftliche Anerkennung und damit allzu oft auch Selbstwertgefühl wird in der heutigen Zeit vor allem durch Lohn- und Gehaltsabrechnungen zugeteilt oder entzogen.

Zu solchartigen Analysen der heutigen Situation hört man von der Partei "Die Linke", die dafür wohl prädestiniert wäre (- oder wer sollte es sonst sein?), so gut wie gar nichts. Was nützen uns da hohle, abgenutzte, abgedroschene Phrasen des Klassenkampfes?

_________________

1. Mackenroth, Gerhard: Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Neue Folge Band 4, Berlin 1952, S. 39-48, 56-59.
Gekürzter Wiederabdruck in: 2., S. 43 - 74
2. Böttcher, Erik (Hg.): Sozialpolitik und Sozialreform. Ein einführendes Lehr- und Handbuch der Sozialpolitik. J.C.B. Mohr, Tübingen 1957
3. Henßler, Patrick: Bevölkerungswissenschaft im Werden - Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007
4. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin u.a. 1953

Mittwoch, 17. Juni 2009

Medienkontrolle durch das Volk

Firmen ziehen Werbespots zurück im Umfeld der RTL-Sendung "Erwachsene auf Probe"

Der Autor dieser Zeilen ist der Aufforderung des Familiennetzwerkes *) nachgekommen und hat Protest-Emails an 27 Firmen geschrieben, die Werbespots im Umfeld der RTL-Sendung "Erwachsene auf Probe" haben senden lassen. (Siehe nun auch ---> Yahoo-News.)

Man ist nun doch einigermaßen erstaunt, wie schnell, sensibel und einigermaßen persönlich und authentisch viele dieser Firmen auf diese Protest-Email reagieren. Jeder Leser kann es im Selbstversuch probieren. Folgender Text wurde vom Familiennetzwerk vorgeschlagen und auch vom Autor dieser Zeilen für die Protest-Email übernommen:
Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Entrüstung habe ich zur Kenntnis genommen, dass Sie für Ihre Produkte in der RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe" werben.

In dieser Sendung werden Säuglinge an fremde Jugendliche verliehen.
Das ist Kindesmissbrauch und -misshandlung, viele Fachleute und Verbände laufen dagegen Sturm.

Mitbewerber haben sich bereits von dieser Sendung distanziert.
Solange ich Sie mit der o.g. Sendung in Verbindung bringen muss, werde ich Ihre Produkte meiden.

Mit freundlichen Grüßen,

...
Und dann wurde vom Autor dieser Zeilen noch darunter gesetzt:
PS: Ich berufe mich auf Informationen auf --> dieser Seite.
Medienkontrolle durch das Volk

Eine ganze Reihe sehr positiver Reaktionen konnte man dadurch bei diesen Firmen auslösen und bemerken. VHV.de schrieb:
"Gleich vorab: Wir werden unseren Werbespot in diesem Umfeld nicht mehr schalten. ..."
Obi.de antwortet:
"... Da wir Ihre Beschwerde ernst nehmen, haben wir unsere Agentur gebeten, die gebuchte Werbung nicht während der Sendung "Eltern auf Probe" zu senden."
Boehringer-Ingelheim.com:
"... Eine weitere Schaltung unserer Werbespots wird im Umfeld dieser Sendung nicht mehr erfolgen."
Muellermilch.de reagiert irgendwie zögerlich:
"... Wir nehmen Ihre Anmerkungen aber gerne als Anlass, noch einmal unsere Auswahl an Formaten zu überprüfen."
Nintendo.de:
"... Nachdem wir nun durch Zuschauer auf die Problematik aufmerksam gemacht wurden, haben wir umgehend reagiert und die weitere Werbung im Umfeld der Sendung 'Erwachsene auf Probe' eingestellt."
Kqv.de:
"... Wir teilen jedoch Ihre Meinung zu der Sendung und distanzieren uns von dieser. Wie schnell unsere Marketing-Abteilung dies umsetzen kann, können wir Ihnen heute leider noch nicht sagen. "
DocMorris.com:
"Wir hatten ohnehin keine weitere Werbung im Umfeld dieses Formats geplant. Von daher denken wir, dass sich Ihr Anliegen erledigt hat."
Danone.de:
"Dass unsere Werbung im Werbeblock dieser Fernsehsendung ausgestrahlt wurde, bedeutet nicht, dass wir diese Fernsehsendung unterstützen. Wir können Ihnen versichern, dass wir im Umfeld derartiger Sendungen zukünftig nicht mehr werblich erscheinen."
An den Pranger mit ihnen ...

Die Firma Ikea hatte schon zuvor als eine der ersten Firmen reagiert. Insgesamt möchte man sagen: Na also. Geht doch. - Aber nun noch die Aufzählung der Firmen, von denen man bislang noch keine Antwort erhalten hat - auch zur Erinnerung und Einprägung:
Ford.com, kik-textilien.de, Katjes.de, Scoyo.com, Lidl.de, Ea.com, intl.Pepsico.com, Tena.de, Kochbar.de, Unilever.com, Axa.de, Tchibo.de, Bertelsmann.de, Loreal.de, Real.de, Groupe-bel.com
Solche Ansätze von Erfolgen jedenfalls ermutigen. Eine derartige Medienkontrolle müßte doch auch bei anderen Dingen möglich sein. - ?
________________

*) Die Aufforderung mit den schon praktischerweise gesammelten Email-Adressen der Firmen und Abteilungen wurde an die Abonnenten des Newsletters des Familiennetzwerkes gesandt. Die Sammlung dieser Email-Adressen kann auf Wunsch vom Bloginhaber weitergeleitet werden. Bitte fordern Sie sie an und machen Sie mit.

Freitag, 12. Juni 2009

Eva Herman's neuer Internet-Fernseh-Kanal ...

... und Peter Sloterdijk's neues Buch "Du mußt dein Leben ändern"

Eva Herman hat recht. Sie macht es wie Borris Becker oder der Papst und präsentiert ihre Sicht auf die Welt einfach mit einem eigenen Internet-Fernseh-Kanal. Warum sich auch abhängig machen von den "großen Medien" und von der Art, wie sie die Kommunikationsstrukturen in unserer Gesellschaft gestalten, zumeist aber eher: korrumpieren? Am 16.6.2009 soll der Internet-Fernseh-Kanal von und mit Eva Herman und zahlreichen Experten (Kinderpsychologen, Wirtschafts-Experten und anderen mehr) offiziell eröffnet werden: "Family fair - Mehr Liebe, mehr Leben". Die Seite befindet sich derzeit noch im Aufbau.

Man spürt ein wenig ein gesellschaftsveränderndes Zerren und Rütteln auf dieser Seite, schon wenn man das zum Teil freundliche, zum Teil verbitterte Gesicht von Eva Herman in den beiden bisher eingestellten Sendungen sieht. Und vor allem deshalb soll an dieser Stelle auf diese Seite verwiesen werden.

So sehen sie eben aus. Menschen, die unter den gesellschaftlichen Verhältnissen leiden, die unter speziell dieser Gesellschaft leiden ...

Peter Sloterdijk "Du mußt dein Leben ändern"

Und Leid bewegt. Leid ruft Reformen hervor. Und von wem sollten Reformen in der heutigen Gesellschaft kommen? - Etwa von Bücher wie Peter Sloterdijk "Du mußt dein Leben ändern"? Gerade hat der Autor dieser Zeilen die erste Hälfte dieses neu erschienenen Buches mit allerhand Vorerwartung gelesen. Sucht doch Sloterdijk, so heißt es in Ankündigungen, nach Alternativen zu der „lähmenden Harmlosigkeit sämtlicher gängigen Diskurse“.

Und was findet man beim vielen "Üben" des Peter Sloterdijk bei der Überwindung dieser "Harmlosigkeit"? *) "Viel Steine gab's und wenig Brot." Ständig geht es dem Sloterdijk um das Phänomen Religion, es ist das Thema dieses Buches. Und das Buch versucht ständig nur aufzuzeigen, daß es das Phänomen, von dem es seinen Ausgang nimmt - recht besehen - gar nicht gibt. Geht von solchen Büchern Reform aus? Setzt denn der Sloterdijk da an, wo die Menschen heute stehen? Nein, er setzt da an, wo Intellektuelle heute stehen. (Und zwar vorwiegend geisteswissenschaftlich orientierte.) Eigentlich muß man nichts dagegen haben. Aber einem Intellektuellen geht es doch - letztlich und zumindest seinem Anspruch nach - vor allem darum, (im geistigen Bereich) nicht trivial zu sein. (Ob im persönlichen Leben auch, bleibe einmal dahingestellt ...) Dieser Anspruch ist ja nun auch gewiß nicht der schlechteste. Die Fragen "Askese oder nicht" und "Wenn ja, wann, wo und wie?" sind gewiß keine falschen. Aber das Leben, das eigentliche Leben verliert man dabei halt doch auch leicht aus den Augen. Und Leben ist zunächst einmal ganz banaler, oft allzu "trivialer" Alltag. Tägliches Zusammenleben von Menschen.

Aber wie geht man mit Trivialität um?

Die Windeln eines Babies zu wechseln, kann mitunter - mitunter - auch sehr trivial sein. Aber wie geht man damit um - "philosophisch"? Wie ordnet man es gedanklich in den allgemeinen Zusammenhang der Dinge ein?

Und genau bei solchen Dingen setzt "Familyfair" an. Mit der "praktischen Philosophie" des Lebensalltages, die heute sehr eng mit politischer Philosophie verquickt ist, mit Medientheorie, mit Auffassungen von sozialer Gerechtigkeit, mit gesellschaftlichen Diskursen und so vielem anderen mehr. Und es ist sinnvoll, daß all diese Fragen endlich auch einmal primär aus der Sicht der Kinder und jener, die sich mit ihnen befassen, behandelt werden.
__________

*) (13.6.09) Die folgenden Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf ein Querlesen der Seiten 37 bis 698 dieses Buches, das insgesamt 714 Seiten hat. Wenn man das Buch vom letzten, sehr wertvollen Kapitel her neu liest, ergeben sich vielleicht auch auf die anderen Kapitel noch neue, bessere Perspektiven (?).

Donnerstag, 11. Juni 2009

Das Volk der Batwa ...

... der Schutz der Berggorillas und Dian Fossey

Dritter Beitrag zum Jahr des Gorillas 2009

Eines der Hauptprobleme für das Überleben der Berggorilla's in den letzten Nationalreservaten der Virunga-Vulkane in Zentralafrika (s. auch Stud. gen. 1, 2) sind - auch heute noch - die sogenannten "Wilderer", die Fallen stellen und immer wieder einmal auch Gorillas töten, um sie - oder auch nur Körperteile von ihnen - auf Märkten zu verkaufen. Auch europäische Zoos haben sich in der Vergangenheit ihrer Dienste bedient, um sich von ihnen lebende Gorilla-Baby's fangen zu lassen (worüber Dian Fossey die Weltöffentlichkeit aufrüttelte). Heute werden - sogar mit Gewehren bewaffnete - Patrouillen durchgeführt (siehe Gorillafund.org), um diese Wilderer von ihrem Wildern abzuhalten, um ihre Fallen einzusammeln, die auch für Gorillas tödlich sein können, um die Wilderer gegebenenfalls gefangenzunehmen und vor Gericht zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilen zu lassen.

In den Büchern von und über Dian Fossey tauchen diese Wilderer zumeist als Verbrecher und Gesetzesbrecher auf, da sie die Gesetze über die Nationalparks nicht einhalten und in diesen "ungesetzlich" wildern. Obwohl Dian Fossey sich der Umstände bewußt ist (siehe z.B. F. Mowat, 7. Kap.), werden sie von ihr doch selten stark fokussiert: Diese Wilderer stammen alle aus dem Stamm der Batwa-Pygmäen (auch "Twa"), der ältesten Bewohner dieser Region (siehe Wikipedia). Sie lebten über Jahrzehntausende in diesen Wäldern als Jäger und Sammler. Diese Wälder sind also ihr Land. Sie wurden - offenbar - seit dem 1. Jahrhundert n. Ztr. von zuwandernden Bantu-Ackerbauern (den Hutu) in Rückzugsgebiete in die Berge verdrängt - ebenso wie die Gorilla.

Verdrängung seit 2.000 Jahren

Als die Bantu-Ackerbauern von den zuwandernden Rinderhirten-Stämmen der Tutsi (Watussi) unterworfen wurden (offenbar im 15. Jahrhundert n. Ztr.), nahmen und nehmen die unzähligen weidenden Rinder noch einmal erneut den Gorillas und den Batwa Lebensraum in den Wäldern weg. Viele Batwa lebten seitdem an den Königshöfen der Tutsi als Bedienstete, vor allem als Töpfer. Viele haben sich auch als Fischer an den Seen angesiedelt. Daraus ergibt sich ihre heutige Verbreitung, siehe die folgende Karte:

Die Batwa werden bis heute von der Mehrheitsbevölkerung der Hutu diskriminiert und benachteiligt. Über 30 % von ihnen kamen während des Völkermordes in Ruanda 1994 um's Leben. - Zur Haltung von Dian Fossey gegenüber den Batwa sollte übrigens auch bemerkt werden, daß sie während einer Weihnachts-Party für ihre einheimischen Bediensteten einer Batwa-Frau Geburtshilfe leistete, weil diese Hilfeleistung von den anderen anwesenden Frauen abgelehnt wurde.

Ein Video (hier) gibt einen ganz guten Eindruck von dieser Bevölkerungsgruppe der Batwa und von ihrer heutigen Situation in Uganda. Es berührt schon eigenartig, daß wir Menschen in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten in unserer Fokussierung auf das Überleben der letzten Berggorillas jenen Menschenstamm, der Jahrtausende lang mit diesen Berggorillas zusammenlebte und die Heimat teilte, ganz aus den Augen verloren haben. Dabei sieht man in dem obigen Video durchaus auch reife, erfahrene, eindrucksvolle Menschen eines Stammes, der sich seit Jahrtausenden in Koexistenz mit anderen Stämmen erhalten hat. Und ist es nicht aufwühlend zu erfahren, daß diese Menschen noch heute lieber in den Wäldern leben würden, als seßhaft Ackerbau zu treiben - wenn sie es denn könnten?

Montag, 8. Juni 2009

Um 2.000 Jahre vordatiert

Vor 30 Jahren wurde der Beginn des europäischen Neolithikums umdatiert

Ende der 1970er Jahre gab es einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Wissenschaftsgeschichte der Vor- und Frühgeschichte, der auch von der wissenschaftsinteressierten Öffentlichkeit bis heute selten als derartig grundlegend und bedeutend wahrgenommen worden ist, als der er eigentlich wahrgenommen werden müßte: Der Beginn der Jungsteinzeit, des Neolithikums in Mitteleuropa, also der ersten seßhaften, ackerbau-treibenden Kulturen wurde um grob 2.000 Jahre vordatiert, also etwa - nach heutigem Wissensstand - auf die Zeit von 5.700 v. Ztr.. (Wikip) Zuvor hatte man sich unscharf vorgestellt, daß sich der Übergang von der Eiszeit zur Bronzezeit (etwa 3.200 v. Ztr.) in Europa sehr schnell vollzogen hätte.

- In den gleichen 1970er Jahren wurde übrigens der Beginn des Neolithikums im Vorderen Orient ebenfalls um viele Jahrtausende vordatiert. Es wurden dort die vielen Jahrtausende des "vorkeramischen Neolithikums" ("prepottery neolithic") entdeckt. Heute wissen wir: Erst als man im Vorderen Orient um 6.500 v. Ztr. herum zum keramischen Neolithikum überging, breitete sich dieses auch rund um das Mittelmeer und wenig später entlang der Atlantikküste und über das Donau- und Rheintal nach Mittel- und Nordeuropa aus, diesmal aber zumeist schon als "vollkeramisches" Neolithikum. (Ein typisches Beispiel für die Gefäßkultur der mitteleuropäischen "Bandkeramik" siehe Bild oben links.) Eine ausgeprägte, vergleichbar ausdifferenzierte Kulturstufe eines vorkeramischen Neolithikums wie im Vorderen Orient zwischen 9.500 und 6.500 v. Ztr. gibt es deshalb in Mitteleuropa gar nicht. Zu dieser Zeit gab es im urwaldartig bewachsenen Mitteleuropa die Kulturstufe des sogenannten "Mesolithikums" (Wikip), die nur durch vergleichsweise spärliche Funde belegt ist, die eine vergleichsweise niedrige Siedlungsdichte wiederspiegeln.

Mit all diesen Neudatierungen in den 1970er Jahren tauchten also immense Jahrtausende der menschliche Kulturgeschichte in unser Bewußtsein ein, von denen man zuvor trotz Jahrzehnte langer wissenschaftlicher Forschung auch nicht das mindeste ahnen konnte. Grob gesagt: Seßhafte, ackerbautreibende Kulturen gab es doppelt so lang als man es sich bis dahin vorgestellt hatte. Dieser wissenschaftsgeschichtliche Durchbruch ist bis heute nicht wirklich in unser kulturelles Bewußtsein eingegangen und deshalb auch nicht in das Bewußtsein vieler Forscher. Und deshalb führen die frühesten mitteleuropäischen neolithischen Kulturen oft immer noch ein Schattendasein im kulturellen Bewußtsein und in der wissenschaftlichen Forschung (vor allem auch in der theoriegeleiteten Forschung).

Ernst Pernicka und Richard Pittoni Ende der 1970er Jahre

Im neuesten Heft von "Spektrum der Wissenschaft" erzählt der Wiener Archäometallurge Ernst Pernicka (geb. 1950), der jüngst zum Ausgrabungsleiter von Troja ernannt wurde, - ebenfalls eher nur so am Rande und im Vorbeigehen - von diesem bedeutenden wisssenschaftsgeschichtlichen Durchbruch in den 1970er Jahren. Um noch einmal einen Vergleich zu bringen: Dieser Durchbruch ist für die Veränderung unseres Bildes von der Stellung des Menschen in der Menschheitsgeschichte ungefähr so bedeutend wie die etwa zeitgleiche astrophysikalische Entdeckung des Urknalls und der Milliarden Jahre langen Entwicklung des Weltalls insgesamt für unser Bild von der Stellung des Menschen im Kosmos überhaupt (Spektr. d. Wiss, Mai 2009, S. 61f, freies pdf.):
...
Pernicka: Nein. Es gab ein viel spannenderes Thema. Mit der damals noch jungen Radiokarbondatierung war der Beginn des europäischen Neolithikums neu bestimmt worden, und zwar um bis zu 2000 Jahre früher, als es die Archäologen bis dahin annahmen. Ich sollte mit einer neuen, unabhängigen Methode sozusagen als Schiedsrichter fungieren.

Spektrum: Tatsächlich eine gravierender Unterschied. Woher sollte eine so große Abweichung rühren?

Pernicka: Die Frühgeschichtler vertrauten auf das Netzwerk der so genannten Kulturkontaktdatierung – auch heute noch die gängigste Methode, das Alter einer schriftlosen Kultur abzuschätzen. Sie basiert vor allem auf Stilvergleichen. Grabe ich in Kreta eine ägyptische Keramik aus, kann ich diese anhand ihrer Merkmale einer ägyptischen Epoche zuweisen. Am Nil aber gab es schon sehr früh eine Schrift und einen Kalender, so dass diese Phasen datiert werden können. Und durch solche Querbeziehungen hangelten sich die Prähistoriker schrittweise von Kreta in den Ägäisraum und weiter nach Troja, von dort bis nach Südost-und Mitteleuropa.

Spektrum: Und Sie waren nun als Entscheidungsinstanz gefragt?

Pernicka: (Der Wiener Ur- und Frühgeschichtler Richard) Pittioni (siehe Bild, 1906 - 1985) erwartete natürlich, dass ich diese Neudatierung als Unsinn entlarvte. Schließlich passten die etablierten Datierungen zu theoretischen Modellen der Kulturentwicklung. Ich richtete das Labor ein, reiste von einer Grabung zur anderen, um frisches Probenmaterial zu besorgen, und nahm die Messungen vor. Und dann stand ich, damals Ende zwanzig, vor einem der angesehensten Prähistoriker seiner Zeit, holte tief Luft und erklärte ihm, der Weg der Menschheit von der letzten Eiszeit bis zum Aufkommen der Bronzetechnologie sei tatsächlich anders verlaufen als bislang gedacht. Pittioni sah mich an und meinte: Pernicka, wenn Sie mir sagen, hier stehe ich und kann nicht anders, dann glaube ich Ihnen. Das hat mir ungemein imponiert. Wir haben anschließend die europäische Chronologie im Licht der physikalischen Datierung mit der ja unstrittigen Abfolge der Kulturphasen abgeglichen. Diese revidierte Chronologie finden Sie heute in Lehr- und Schulbüchern.
Wie gesagt: Diese Umwälzung in unserem Bild von der Vorgeschichte ist nie wirklich in unserem allgemeinen kulturellen Bewußtsein angekommen. Das hat auch Auswirkungen auf so manche pseudowissenschaftlichen und esoterischen Hirngespinste, die sich in manchen Köpfen immer noch halten. - Im weiteren Interview spielen dann die Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra und die Ausgrabungen von Troja eine Rolle. Hier sagt Pernicka unter anderem:
Troia VI beispielsweise, der Kandidat für den sagenumwobenen Krieg, zeigt Merkmale der mykenischen wie der hethitischen Kultur, ging aber offenbar einen ganz eigenen Weg.
Deshalb möchte er umfassender an dieser Ausgrabungsstätte weiterforschen, als das bislang vorgesehen war. - Ist es nicht erstaunlich: Auf der einen Seite so viele gesellschaftliche Fehlentwicklungen in unserer Zeit und in den vielen Jahrzehnten, die ihr vorangingen. Und auf der anderen Seite ein derart umfassender, geradezu begeisternder Zuwachs an Wissen über unsere Welt und über unsere geschichtliche, evolutionäre, kosmologische Stellung in dieser. Sollte sich nicht das eine durch das andere früher oder später einmal befruchten lassen? Statt ständig immer nur die negative Seite der "Dialektik der Aufklärung" in den Vordergrund zu stellen? Dialektisches Denken erfordert, daß man beide Seiten des dialektischen Prozesses zugleich und in vollem Umfang in Rechnung stellt und ihnen bei der Formung des eigenen Weltbildes gerecht wird.
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