Freitag, 31. Juli 2009

Das Geheimnis von Venedig

Venedig. Eine Stadt, von der sich Maler wie Tizian, Dichter und Denker wie Friedrich Schiller, Friedrich Nietzsche oder Conrad Ferdinand Meyer so tief beeindrucken lassen konnten. Sie alle, die überhaupt Küstenstädten am Mittelmeer so viel Faszination abgewinnen konnten.

Nun machen Archäologen auf neue Aspekte zur (Vor-)Geschichte dieser Stadt aufmerksam. (Science, bdw, Spektrumdirekt) Nämlich: Als es die Stadt Venedig noch gar nicht gab, gab es eine Stadt so groß wie Pompeji bis zum 7. Jahrhundert sieben Kilometer nördlich vom heutigen Venedig. Und diese bildete dort, ebenfalls mit Kanälen ausgestattet, über viele Jahrhunderte hinweg das örtliche Handelszentrum. Schon Strabo, ein römischer Historiker des ersten Jahrhunderts, erwähnte die Bedeutung dieser Vorgängerstadt Venedigs, die zu seiner Zeit "Altinum" hieß. Ihre Bedeutung gewann sie durch ihre Lage sowohl an einer vielbefahrenen Seeroute, als auch an Handelsstraßen, die zum Nordrand des Römischen Reiches führten.

Die Wurzeln von Altinum als regionales Zentrum reichen nun aber offenbar zurück bis in die etruskische Zeit und bis in die Bronzezeit. Das Ende dieser Stadt Altinum fällt zusammen mit der Gründung der heutigen Lagunenstadt Venedig. Anlaß waren sowohl sich änderende Meereswasserstände als auch 452 die Horden des Hunnen-Königs Attila.

- Die Hunnen, jenes Reitervolk, das in zeitgleichen Umbruchszeiten schon nördlich von China und entlang der Seidenstraße bis Persien zu einer Art "Totengräber" von vielen blühenden, in Instabilität geratenen Hochkulturen geworden war. So etwa der blühenden Handelsstädte der Tocharer in der Taklamakan (heutiges Uigurien) oder der blühenden, vormals so außerordentlich reichen Handelsstädte der Sogder. Allen voran Samarkand (heutiges Taschkent). Allzu viele heute von ihnen vom Sand der Wüsten überhaucht ...

Vom Verfall, vom Untergang angehaucht ....

- Aber endgültig aufgegeben wurde Altinum erst mit der Invasion der germanischen Langobarden im siebten Jahrhundert. Somit wurde Altinum

die einzige große römische Stadt Norditaliens und eine der wenigen in ganz Europa, die nicht unter mittelalterlichen oder modernen Städten begraben wurden. Mit dem Anstieg des Meeresspiegels versanken die Mauern der Stadt in der Lagune und sind heute von Feldern bedeckt. Daher waren die Struktur und der Aufbau von Altinum bislang unbekannt.
Nun war auch dieser

Vorgänger von Venedig umgeben von Flüssen und Kanälen, darunter ein großer Kanal, der mitten durch die Stadt führte und sie mit der Lagune verband. (...) Die Veneter scheinen die harsche und sumpfige Lagunenlandschaft also schon genutzt zu zu haben, lange bevor sie in der Mitte der Lagune Venedig aufbauten,
so das Resüme aktueller Forschungen. - Wie so häufig in der menschlichen Kulturgeschichte finden damit auf den ersten Blick recht ungewöhnliche Siedlungs- und Lebensweisen auch hier wieder ihre Erklärung durch Vorgänger-Kulturen, durch die sich eine Bevölkerung "schrittweise" auf eine solche außergewöhnliche Lebenssituation "vorbereitete" und an sie anpaßte. In diesem Fall an die wechselnden Höchstwasserstände der Adria. Nichts ist von Anfang an "vollkommen" und voll ausgereift da. Das "missing link" Altinum macht die heutige Situation Venedigs, sein "Geheimnis", somit viel besser verständlich.

"Eine kurze Strecke leidenschaftlich ..."

Eine Stadt, durch die schon so früh, wie es die Dichter des "fin de siècle" empfanden, ein Hauch von Untergang, von Tod, Verfall und Verwesung zog - nur blitzartig erleuchtet und überstrahlt von intensivem, irrem Leben ...
Auf dem Canal grande

Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.

In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kleine, kurze Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

Conrad Ferdinand Meyer

Tod den Landesfeinden!

So in etwa könnte es auch nach der Schlacht von Kalkriese im Herbst vor 2000 Jahren (9 n. Ztr.) ausgesehen haben (siehe Bild rechts). Denn Angeln und Sachsen, Nachfahren der Cherusker, Chatten, Sigamber und all der germanischen Stämme im heutigen Norddeutschland und in Jütland, die ein so blutiges Gemetzel an den Römern bei Kalkriese angerichtet hatten, wanderten um 400 n. Ztr. nach England aus. Und sie wurden dort die - "Angelsachsen".

Und diese machten auch noch 900 Jahre "nach Kalkriese", nach dem Gemetzel an den römischen Legionen zwischen Wiehengebirge und "Großem Moor", und nachdem sie längst Christen geworden waren, nicht viel Federlesens mit ihren Feinden. (Epoch) Nun waren es aber nicht mehr die Römer, die sie nicht in Frieden leben lassen wollten, und die sie nicht ruhig ihr Korn anbauen und ihr Vieh weiden lassen wollten. Nein, diesmal waren es die Wikinger aus Dänemark, diese Viehdiebe und Tageräuber.

In der Nähe von Weymouth in Südengland kriegten die ansässigen Angelsachsen einundfünzig von diesen Kerlen zu fassen. Und die wurden blutig niedergemacht. Das hatten sie sich wohl doch zu einfach vorgestellt. Vielleicht konnten andere von ihnen fliehen, vielleicht aber war es auch eine Gruppe, die "bis zum letzten Mann" niedergemacht worden war. Trauer und Wehklagen jedenfalls sollten noch so manche Wochen und Monate später durch die wikingischen Heimatsiedlungen gehen, aus denen diese erschlagenen Männer stammten, und wo ihre Mütter, Schwestern und Frauen so hoffnungsfreudig auf ihre Rückkehr warteten. Und das war ja wohl auch nur recht so.

Den Göttern dargebracht

Nach "altem Brauch" wurden die Leichen der toten Feinde auf einer Bergkuppe den Göttern dargebracht. Den Göttern? Natürlich: Gottvater, Sohn "Kriste" und dem Heiligen Geist. Man glaubte, ein Gott oder den Göttern wohlgefälliges Werk getan zu haben und erhoffte ihren Segen auch noch für künftige, weitere Bestrafungen von Rechts- und Landfriedensbrüchen und für das Niedermachen eingedrungener Fremdlinge.

Nackt wuden sie ausgezogen, die Leichen der Feinde, dieser Ehrlosen. Die Köpfe wurden ihnen samt und sonders abgeschlagen. So wie es insbesondere die Kelten in ihren Viereckschanzen schon lange vor der Zeit der Römer im heutigen Frankreich mit ihren Feinden gemacht hatten. Damals wurden die Köpfe sogar auf Pfählen allen Freunden und Feinden zur Abschreckung vor die Heiligtümer gestellt. So wie es noch vor allerhand Jahrzehnten die Kopfjäger im heutigen Nordindien taten. Hier nun wurden die Köpfe nur einheitlich neben den Körpern aufgeschichtet. Damit sie auch wirklich nicht von den Göttern übersehen werden würden.

- - - Tausend Jahre später kamen dann wiederum Nachfahren dieser alten Angelsachsen an diesen Ort. Längst waren die alten Götteropfer auf dieser Bergkuppe vergessen. Und diese Nachfahren nannten sich - - - "Archäologen". Und sie scharrten neugierig und kleinfuzzelig den Staub über diesen Skeletten hinweg. Und sie resümierten schließlich:
Alle Getöteten haben das Alter und den Körperbau von Kriegern. Ihre Skelette weisen tiefe Kerben an Kiefer, Kopf und Nacken auf, die von einem schweren Kampf stammen müssen. Überreste von Kleidung können wir nicht entdecken – anscheinend landeten die Körper nackt in der Grube, nachdem jemand die Köpfe vom Rumpf geschlagen hatte.
Und voller Respekt und Ehrfurcht und mit machem Schauder und Entsetzen verstauten sie all die Überreste der erschlagenen Dänen in ihren Kartons und Schachteln.

"Ein Lohgerber neun Jahre ..."

"Was jemals faul war im Staate Dänemark," so riefen sie einander scherzend zu im Tone ihres großen Dichters, der ebenfalls schon vor allerhand Jahrhunderten das Zeitliche gesegnet hatte, "was jemals faul war, ist längst verrottet":
... Hamlet: Wie lange liegt wohl einer in der Erde, eh' er verfault?
Erster Totengräber: Mein' Treu', wenn er nicht schon vor dem Tode verfault ist (wie wir denn heutzutage viele lustsieche Leichen haben, die kaum bis zum Hineinlegen halten), so dauert er Euch ein acht bis neun Jahr aus; ein Lohgerber neun Jahre. ...
- - - Aber nicht nur von heldenhaften und wüsten Taten wissen die Bergkuppen und Chroniken jener Zeit zu berichten. Nein, es war das auch die Zeit, als sich diese verflixte Hausmaus, die uns früher immer den Käse stahl, von Oldenburg an der Ostsee (um 700 n. Ztr.) über Skandinavien nach Schottland ausbreitete. (--> St. gen.) Wiederum zusammen mit einigen von solchen wüsten Kerlen, wie sie da auf einer Bergkuppe bei Weymouth in Südengland den Göttern dargebracht worden waren.

So wüst sie gewesen sein mögen: Diese Kerle, ihre Frauen und Verwandten hatten dennoch eine komplexere Wirtschafts- und Siedlungsweise als zumindest die damaligen Schotten und Iren. Und da die Schotten und Iren erst durch die Wikinger zu dieser komplexeren Wirtschafts- und Siedlungsweise "bekehrt" wurden, leben sie noch heute mit skandinavischen Hausmäusen zusammen, während in England wohl schon "seit Stonhenge" (in der Bronzezeit) die mitteleuropäische Hausmaus Fuß gefaßt hatte. Und mit ihr auch eine so große Siedlungsdichte, daß man einundfünfzig landräuberische Kerle schon einmal ins Verderben eines Hinterhaltes laufen lassen konnte.

- Und dann hieß es nur noch: Auf sie mit Gebrüll! Tod den Landesfeinden! Tod den Okkupanten! Tod den Strauchdieben und Tageräubern!

Mittwoch, 29. Juli 2009

Gruppenselektion? - Etrusker starben erst nach dem Mittelalter endgültig aus

Trotz viel bejammerten "Sommerloches" gelangte die folgende, vor einer Woche in "Nature" gebrachte, spannende Meldung nicht in die deutsche Wissenschaftspresse:

... The Etruscans' genes survived into the Middle Ages, say Guido Barbujani of the University of Ferrara, Italy, and his colleagues. But between then and now, the line of descent has become much more complicated.

The researchers compared mitochondrial DNA taken from Etruscan remains, from Tuscan bones dating from the tenth to fifteenth centuries, and from modern Tuscans. The same markers were detectable in the two older groups, but not in today's Tuscans, probably owing to migration.

Also die schon seit längerem umstrittene Frage, ob die Etrusker nach ihrer kulturellen Assimilation, nach ihrem kulturellen Aufgehen im römischen Weltreich genetisch fortexistiert haben, würde durch diese neuen Forschungsergebnisse eine vielleicht unerwartet differenzierte Antwort erhalten. Genetisch starben sie nicht sofort vollständig aus, sondern existierten in Linien bis in das Mittelalter, bis ins 10. und 15. Jahrhundert hinein, in der Toskana fort. Nachgewiesen an mittelalterlichen Skeletten.

Aber im weiteren Verlauf der Geschichte bis heute müssen diese genetischen Linien dann doch verloren gegangen sein, denn heute sind sie in der Toskana nicht mehr (in vergleichbarer Häufigkeit) feststellbar. Interessant wäre nun zu spekulieren, auf welchem Wege zunächst diese Jahrhunderte lange Fortexistenz und dann dieses endgültige Aussterben erklärt werden könnte. Sozialgeschichtliche "Auslese"-Prozesse? Aufbrechen von örtlichen "Isolaten"? Weiträumigere Wanderbewegungen der Menschen in der Frühen Neuzeit? Dazu wird man sich den Originalartikel noch einmal genauer darauf hin ansehen müssen, wie man dort über Erklärungsmöglichkeiten nachdenkt.

Verallgemeinerbar?

Und noch allgemeiner wäre zu fragen, inwiefern eine solche Antwort erweitert, verallgemeinert werden kann etwa auf das ebenfalls schon mit größerer Wahrscheinlichkeit von Mainzer Genetikern festgestellte genetische Aussterben der Bandkeramiker, jener Kultur, die den Ackerbau in Mitteleuropa von einer vergleichsweise kleinen Ausgangspopulation am Neusiedler See ausgehend wahrscheinlich in einer Art "Bevölkerungsexplosion" bis zur Ukraine, nach Schlesien, zu den Vogesen, zur Kanalküste und bis zum Nordrand der Mittelgebirge ausgebreitet hat (5.700 v. Ztr. - 4.800 v. Ztr.) - innerhalb weniger Jahrhunderte. Also ein riesiges Territorium mit sehr einheitlicher, kaum voneinander abweichender Kultur über tausende von Kilometern hinweg zu einer Zeit, als das Rad noch nicht erfunden und das Pferd (wahrsscheinlich) noch nicht domestiziert war.

Auch von diesen Bandkeramikern könnte man nun annehmen, daß sie nicht sofort und vollständig ausstarben, sondern daß sich ihre Gene in den vielen kulturellen Umbrüchen der nachfolgenden Jahrtausende dann eben doch nach und nach fast vollständig in Europa verloren haben.

Gruppenselektion?

Ein erstaunliches Geschehen, das ein weiterer Hinweis darauf sein würde, daß geographisch, kulturell und sprachlich sich voneinander absetzende Gruppen, Stämme und Völker in der Regel nicht nur aus kleineren Ausgangspopulationen (Gründerpopulationen) zu großen Völkern und Kulturen heranwachsen können, sondern daß - da eben andere Völker auf ähnliche Weise heranwachsen und sich ausbreiten können - große Völker auch genetisch wieder weitgehend vollständig aussterben können, aufgrund von Zuwanderungen, Assimilation, Überlagerung und unterschiedlichen Demographien, Aufbrechen von "Isolaten" und von Wanderbewegungen.

All das könnte nicht zuletzt mancherlei neuer Hinweis darauf sein, daß und wie sich "Gruppenselektion" in der Menschheitsgeschichte beschreiben lassen könnte oder müßte, wenn theoretische Modelle möglichst nah an die Empirie herangeführt werden sollen.

Evolution und Weltgeschichte kennen jedenfalls beides: Ethnogenese aus kleinen Ausgangspopulationen heraus und Völkertod (- "Genozid"?) von vergleichsweise einflußreichen, großen kulturellen Gruppierungen und Völkern. Aber sie kennen - das sollte nicht übersehen werden - auch die genetische Fortexistenz von Völkern und Kulturen über Jahrzehntausende hinweg. Dies darf etwa von vielen Ureinwohner-Völkern angenommen werden - oder etwa auch von der großartigen, Jahrtausende langen kulturellen (und damit auch genetischen?) Kontinuität der chinesischen Kultur. - Zumindest solange es keine dem widersprechenden Forschungsergebnisse dazu geben sollte.

Montag, 27. Juli 2009

"Die Freiheit hat einen Ort in der Evolution"

Erste Ansätze zu einer "Naturgeschichte der Freiheit" von Seiten des Philosophen Volker Gerhardt

Professor Joachim Bauer aus Freiburg macht uns freundlicherweise auf seinen Vortrag aufmerksam, den er vor einer Woche, am 17. Juli 2009, in Berlin gehalten hat: "Kreative Biosysteme - Einige Gedanken zur Koevolution von Natur und Kultur". Er wurde gehalten im Rahmen des 22. Arbeitstreffens der "Interdisziplinären Arbeitsgruppe Humanprojekt - Zur Stellung des Menschen in der Natur" der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" (BBAW).

Dies macht uns zunächst überhaupt aufmerksam auf die Arbeit dieser "Arbeitsgruppe Humanprojekt" bei der BBAW. Man stößt dabei auf einen so spannenden wie grundlegenden Buchtitel wie "Naturgeschichte der Freiheit" (1). Und um diesen soll es im folgenden Beitrag zunächst gehen. Er geht auf eine gleichbetitelte Vorlesungsreihe der BBAW aus dem Jahr 2007 zurück. Schon der Titel enthält so viele Implikationen! Wird hier etwa der Versuch gemacht - endlich - eine konsequent naturalistische Erklärung menschlicher Willensfreiheit zu geben? Nachdem das naturalistische Denken und Forschen heute so weit verbreitet unter Hirnforschern und darüber hinaus und so auffällig kurzsichtig gerade diese menschliche Willensfreiheit und damit letztlich die Existenz menschlicher Verantwortung grundsätzlich abstreitet?

Olaf Scholz (SPD) und Volker Gerhardt (SPD) (Welt, 02/2011)
Den Kern-Vortrag dieser Vorlesungsreihe, an der etwa auch Hirnforscher Gerhard Roth teilgenommen hat,  hat der Vizepräsidenten der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" gehalten. Und dies ist der Philosoph Volker Gerhardt (siehe Foto links). In der Buchvorstellung erfährt man über diesen Vortrag zunächst folgendes:

Gelingt es, die Eigenständigkeit lebendiger Systeme in ihrer spezifischen Gesetzmäßigkeit genauer zu fassen, wäre es möglich, die Selbstorganisation des Lebendigen mit der Selbstbestimmung gesellschaftlich handelnder Personen zu parallelisieren. Nach den im Humanprojekt bereits im Herbst 2005 vorgetragenen Überlegungen von Volker Gerhardt ist es auf diesem Wege möglich, eine Annäherung biologischer und sozialer Beschreibungsverfahren zu erzielen. Gelingt dies, so kann man hoffen, dass sich die (sich stets in sozialer Selbstbestimmung äußernde) menschliche Freiheit als eine komplexe Form lebendigen Verhaltens ausweisen lässt. Damit hätte die Freiheit einen Ort in der Evolution des Lebens. Die Negation der Freiheit fiele dann mit der Negation des Lebendigen überhaupt zusammen, eine Konsequenz, die auch für Neurobiologen nicht ohne Folgen wäre.
"Damit hätte die Freiheit einen Ort in der Evolution des Lebens." - Also zielt der Vortrag offenbar auf eine rein naturwissenschaftliche Erklärung der Willensfreiheit hin. Von einem solchen Anliegen hat man in den letzten Jahren selten gehört. Der diesbezügliche Aufsatz findet sich frei zugänglich im Internet (1, Google Bücher). Gleich zu Anfang recht kühn-gelassene Sätze über die Freiheit jener, die von ihrer eigenen Freiheit Gebrauch machen und die menschliche Willensfreiheit durch den Gebrauch ihrer eigenen Freiheit infragestellen ... Humor ist also auch vorhanden. Das kann nur von Vorteil sein.

Ein Philosoph, der über Freiheitsgrade in der Evolution argumentiert - welch rarer Fall!

Gerhardt äußert den vordergründig zunächst paradoxen Satz, der einem aber zugleich viel Vertrauen in sein Raisonieren schenkt (1, S. 464):
Freiheit ist nur möglich, wo sich der Mensch auf die lückenlose Kausalität der Natur verlassen kann. (...) Der Mensch müßte an sich irre werden, wenn seine Kausalität aus Freiheit in Widerspruch zur Kausalität der physischen und physiologischen und - am Ende natürlich auch - der neurologischen Prozesse stünde.
Damit ist schon so viel gesagt. Und damit ist zugleich auch gesagt, daß man eben, wenn man nach einer naturalistischen Erklärung menschlicher Willensfreiheit fragt, man zunächst einmal nach den Freiheitsgraden in der Evolution überhaupt fragen muß. Wenn es dort "Freiheitsgrade" gibt, warum soll es solche dann nicht auch im menschlichen Gehirn geben? Und zwar auch jenseits der viel zu häufig in diesem Zusammenhang angeführten Quantenphysik?

Manfred Eigen nicht im Personenverzeichnis genannt

Es wird zunächst nicht ersichtlich, wie weit Gerhardt einen Autor wie Manfred Eigen und dessen Buch "Das Spiel - Naturgesetze bestimmen den Zufall" (2) rezipiert hat. Grundsätzlich argumentiert er jedoch durchaus in die Richtung von Manfred Eigen. Wenn auch nicht von so präzisen Ausgangspunkten in der empirischen Forschung und in mathematisch-statistischen Überlegungen herkommend und sich an ihnen entlangbewegend, wie dies Manfred Eigen zusammen mit seinen Mitarbeitern getan hat. Dieses Buch müßte doch für Herrn Gerhardt einmal eine Lektüre wert sein! Auch Konrad Lorenz hat sich ja geistig sehr durch dieses Buch befruchten lassen, als er in Richtung der Unvorhersehbarkeit, Nichtdeterminiertheit des evolutionären Geschehens argumentierte und damit in Richtung der Verantwortlichkeit des Menschen für die weitere Entwicklung (3).

Ein fester Kristall behauptet starr seine individuelle Eigenform gegenüber einer Umwelt, deren Kräfte gegebenenfalls darauf ausgerichtet sind, ihn zu verformen und zu verändern, ihn der Umwelt anzugleichen. Deshalb neigen wir dazu, die Schönheit seiner je individuellen, einzigartigen "Eigenpersönlichkeit" zu bewundern. Ein flüssiger Kristall behauptet ebenfalls seine Eigenform, nun sogar in noch größerer Anpassungsfähigkeit gegenüber Kräften, die gegebenenfalls darauf ausgerichtet sind, diese Eigenform zu zerstören. Und eine lebende Biozelle bewegt sich "aus eigenem Antrieb", wie Gerhardt ausführt (- ohne auf die ebengenannten Vorformen von Individualität in der nichtbelebten Natur einzugehen).

Die lebende Biozelle jedenfalls behauptet ihre Eigenform und die Individualität ihrer Art durch noch größere Anpassungsfähigkeit gegenüber einer diese Eigenform bedrohenden Umwelt. Gerhardt spricht von der "eigenen Dynamik" der Lebewesen. Von der sponaten Verursachung ihrer Lebensvollzüge, von ihrer "Eigengesetzlichkeit" (1, S. 464f). - Warum dies nun aber schon für sich selbst ein Argument dafür sein soll, daß Lebewesen im menschlichen Sinne "frei" sind und "Freiheit" gegenüber Zwang (oder gar gegenüber Existenzvernichtung) behaupten, wird noch nicht ganz deutlich.

Die Eigendynamik des Lebens und seine Behauptung von Individualität

Hier wäre wenigstens noch herauszuarbeiten, daß etwaige Freiheitsgrade im Lebensvollzug der ihrer selbst unbewußten - oder schon von Instinkten und Lernprogrammen geleiteten - Natur von jeweils neuer Art sind, daß also die Freiheitsgrade im Lebensvollzug von bewußt entscheidenden Lebewesen wie dem Menschen wesentlich größere sind, als die aller anderen Lebewesen. Diesen stufenweisen Fortschritt hat Konrad Lorenz in "Die Rückseite des Spiegels" herausgearbeitet (4), wobei er darauf hingewiesen hat, daß es insbesondere die immer größere Fähigkeit zum Irrtum des individuell lernenden Individuums (schon im Tierreich) ist, die dann immer größere Grade von (Handlungs- und Entscheidungs-)Freiheit ermöglicht. Und diese Irrtumsanfälligkeit wird durch die "Lehrmeister" Lust und Unlust auf den Bahnen der Existenzerhaltung gehalten.

Es wäre herauszuarbeiten, daß eben hier - wie dies schon Hegel, ausgehend von den Gedanken seines philosophierenden Dichterfreundes Hölderlin getan hat - wohl von einem stufenweisen, evolutionären "Fortschritt im Bewußtsein und im Bewußtwerden von Freiheit" die Rede sein kann.

Es wäre also noch herauszuarbeiten, daß Freiheit in jenem vollen Umfang, wie wir sie heute als Menschen verstehen und bewußt erleben, ein Endprodukt der Evolution darstellt.*) Es könnte sinnvoll sein, sich auch die weiteren Ausführungen von Gerhardt noch genauer anzuschauen. Dennoch schade, daß nirgends auf Manred Eigen und sein Buch "Das Spiel" Bezug genommen wird. Und ebenso schade, daß die schon so weitgehenden psychologischen Forschungen von Konrad Lorenz nicht zu Rate gezogen worden sind.

Friedrich Schiller: Ansätze naturalistischen Philosophierens

Wenn es um die Freiheit geht, ist natürlich der Dichter und Philosoph Friedrich Schiller immer ein gern gewählter Referenzpunkt. Auch Manfred Eigen zitiert sein "Der Mensch ist immer nur dort ganz Mensch, wo er spielt". Friedrich Schiller hat in seiner Jugend Medizin studiert und anfangs sehr deutlich von medizinischer Fachkenntnis aus mit seinem philosophischen Denken begonnen (laut Erinnerungen an diesbezügliche Philosophie-Vorlesungen von Professor Rudolf Malter in Mainz).


Auch in seinem "Don Carlos" wird letztlich sein naturalistisches Raisonement deutlich, nämlich in der emphatischen Ansprache des gesellschaftlichen Reformers Marquis Posa an den bigott-katholischen, dikatorischen spanischen König:
Sehen Sie sich um ...

... in der herrlichen Natur,
auf Freiheit ist sie gegründet.
Und wie reich ist sie durch Freiheit.
Da ist es natürlich sehr passend, daß ein Denkmal dieses Friedrich Schiller in Berlin auf dem Gendarmenmarkt direkt auf - nein: in - das Gebäude der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" blickt. 

"Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!"

Jedenfalls: Wenn eine "Akademie der Wissenschaften" wie die "Berlin Brandenburgische" einen solchen Vizepräsidenten hat, dann, so möchte man meinen, - - - ... "wird noch alles gut". Dann besteht aller Anlaß, die humanistisch-naturalistische Giordano Bruno-Stiftung gut zu finden. Aber - so wird man sagen: Die "Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften" könnte noch um vieles besser, um vieles wichtiger sein. Denn sie vertritt - unter anderem - aus dem naturalistischen Denken heraus den Gedanken der Freiheit. Da bekommt erst all das Positive, das man bislang schon bei "Studium generale" von dieser "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" hatte erfahren können, einen abschließenderen Sinn. Wenn eine solche Organisation einen solchen Vizepräsidenten hat.

Auch ein Video-Vortrag, auf den man über den Wikipedia-Artikel zu Volker Gerhardt stößt, beginnt unkonventionell, wenn es dort gleich in den ersten Sätzen heißt:
"Früher war es für einen Wissenschaftler wichtig, nicht für einen Künstler gehalten zu werden ..."
"Früher" ... - Damit ist klar: Mit diesem Volker Gerhardt muß sich "Studium generale" noch gründlicher befassen. (Ergänzung 2011: Es gibt inzwischen noch mehr Videos mit ihm, etwa "Das Göttliche als Sinn des Daseins", in dem viel von Charles Darwin die Rede ist [Teil 1 und 2], in dem aber "das Göttliche" [in Teil 3] bloß postuliert wird, noch nicht einmal stingent philosophisch begründet wird, geschweige denn  in Bezug gesetzt wird zum naturwissenschaftlichen Kenntnisstand. Gerhardt schließt sogar das Argumentieren für eine personale Gottheit nicht als möglich aus. ...)

Daß das naturalistische Argument für die Willensfreiheit ist ein sehr grundlegendes auch für diesen Blog selbst und sein gesellschaftliches Freiheits- und Verantwortungsverständnis ist, daß sich also Freiheit und Verantwortung auch in der Natur - und damit auch im Menschen - verwirklicht, dafür haben wir auch schon an anderer Stelle Plausibilitätsargumente zusammengestellt (s. "Über Studium generale I".) Aus der Sicht etwa des wichtigen Buches "Das Spiel" von Manfred Eigen erscheint einem diese Einsicht geradezu selbstverständlich, ja, notwendig. Und man wundert sich nur, daß dieser Gedanke nicht schon längst möglichst wissenschaftsnah auch von anderen den Naturwissenschaften nahestehenden Menschen vertreten worden ist.

(überarbeitet und neu gegliedert: 9.9.11)

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*) Exkurs: Ja, möglicherweise sogar ein "Ziel" derselben - was aber ein neuer, weitergehender Gedankengang wäre. Immerhin ließe sich ein solcher Gedankengang formulieren, schon, weil es keine schlüssigen, widerspruchsfreien Alternativen zu ihm gibt: Das Weltall entstand, um Freiheit im bewußten Lebensvollzug möglich zu machen. Der Urknall wäre dann der Phasenübergang von einer unbegrenzten Freiheit von Möglichkeiten gewesen hin zu einer stufenweise verwirklichten Möglichkeit von bewußt erlebter und diese Freiheit von Möglichkeiten und Wirklichkeiten nachvollziehender Freiheit.

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1. Gerhardt, Volker: Leben ist das größere Problem. Philosophische Annäherungen an eine Naturgeschichte der Freiheit. In: Heilinger, Jan-Christoph (Hrsg.): Naturgeschichte der Freiheit. Humanprojekt: Interdiszinplaere Anthropologie. Gruyter 2007 (Google Bücher)
2. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild: Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München 1975; neu aufgelegt Christian Rieck Verlag Eschborn 2010
3. Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen. Piper, München 1983
4. Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens. Piper, München 1973

Samstag, 18. Juli 2009

Ein Universitätspräsident und Erziehungswissenschaftler über Gott und IQ

Ob sich der Vorsitzende des Aktionsrates Bildung, der Präsident der Freien Universität Berlin, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dieter Lenzen insgesamt für das richtige Bildungssystem einsetzt und für die richtige Universitäts-Landschaft (Stichwort "frühkindliche Bildung", Stichwort "Elite-Universitäten"), das bleibe an dieser Stelle ziemlich deutlich dahingestellt. (Hier ein paar persönliche Eindrücke von ihm: Video, 3Sat, 3Sat)

Doch lassen zum anderen Worte aufhorchen, die Dieter Lenzen im April dieses Jahres innerhalb eines Argumentationsstranges "Pro Religion" als Schulfach in Berlin geäußert hat, und auf die mancher erst jetzt stößt (Tagesspiegel, 24.4.09), vielleicht auch angestoßen durch das Laborjournal:
...

Für moralisches Handeln, das den Ansprüchen einer Gesellschaft genügt, die auf Gemeinsamkeit angelegt ist, braucht der Mensch Motive und Gründe. Denn es ist allemal bequemer, nach dem Muster zu leben: „Alles ist gut, was für mich gut ist.“ Das ist übrigens die unterste Stufe der menschlichen Moralentwicklung, die in gewisser Weise auch Schimpansen und Flusspferde erreichen. Warum sollten unsere Kinder also auf die Annehmlichkeiten eines solchen Egoismus verzichten? Dazu müssen wir ihnen Gründe nennen. Das können zum Beispiel Vernunftgründe sein, wie sie in einem Fach Ethik vermittelt werden können. Es ist einfach vernünftig, Egozentrismus nicht zuzulassen und sein eigenes expansives Handeln an der Grenze enden zu lassen, die durch die Rechte des Nächsten definiert sind. Das kann man im Ethikunterricht vermitteln, und wer vernünftig ist, müsste dieser Maxime eigentlich folgen können. – Aber nur „eigentlich“, denn wir wissen, dass diese Regel leider oftmals nicht funktioniert. Man wird häufig mehr benötigen als vernünftige Gründe, um Menschen zu einem gemeinschaftsfähigen Handeln zu bringen.

Religion ist ein solches „Mehr“. Sich an ihr zu orientieren, geht über die nicht selten als beliebig erscheinende Erwägungskultur des hier und jetzt hinaus. Für Religion gibt es mehr als nur vernünftige Gründe, sein Verhalten sozial zu orientieren.
Pädagogisch geförderte Verantwortung gegenüber der "Wucht" von "wirkenden Prinzipien" in der Natur

Das ist alles objektiv sehr richtig gesagt. - Allerdings sei darauf hingewiesen, daß eine so renommierte Verhaltensforscherin wie Jane Goodall von ihren Schimpansen sagt, daß sie manche Schimpansen mehr mag als manche Menschen und daß sie manche Menschen mehr mag als manche Schimpansen. So tief "unter" dem Menschen können also Schimpansen in der Moralentwicklung doch nicht stehen ... . - Jedenfalls: Die gleichen Sätze könnten auch "Pro Ethik" gesagt werden, denn Ethik-Unterricht schließt ja die Erörterung einer solchen hier genannten Funktion von Religiosität mit ein. Diese Sätze sind gültig unabhängig von dem, was man für einer Weltanschauung anhängt. Aber dann bezieht Lenzen auch selbst einen weltanschaulichen Standpunkt:
Ich weiß nicht, ob es Gott gibt. Niemand weiß das. Aber ich weiß, dass die Welt um mich herum vom kleinsten Molekül bis zur Mechanik der Planeten eine intelligente Konstruktion ist, die für manchen die Frage aufwirft: Wer hat sich das ausgedacht, wem gehört es? Darauf kann Religion und Religionsunterricht keine sichere Antwort geben, aber ein Erklärungsangebot: Ein guter Religionsunterricht wird diesen Gott nicht als Person zeichnen, sondern vielleicht als eine Art wirkendes Prinzip. Kinder und Jugendlichen, die diesem Angebot begegnen, werden eines begreifen: Nicht ich habe all das gemacht, und schon gar nicht gehört es mir. Also kann ich damit nicht machen, was ich will. Auf diese Weise entsteht ein „Über-Ich“, ein Gewissen, eine mentale Steuerungsinstanz, die folgende Frage gegenwärtig hält: Kann ich, was ich jetzt tun will, vor der „Wucht“ dieses wirkenden Prinzips rechtfertigen? Darf ich morden, stehlen, lügen, betrügen? Darf ich dem wirkenden Prinzip, das ich nicht selbst bin, sondern das auf mich selbst wirkt, meinen Egoismus entgegensetzen?
Das kann man für geradezu begeisternde Sätze halten. So und nicht anders "muß" man es doch heute formulieren, wenn man überhaupt etwas religiös formulieren und begründen will. Wie denn wohl sonst? Übrigens sind all das, was Lenzen hier vorbringt, wiederum "vernünftige Gründe". Was denn sonst. Auch Lenzen glaubt nicht gerade deshalb an Gott, "weil es absurd ist", sondern weil er glaubt, daß er dafür vernünftige Gründe hat. Und wer möchte es denn noch auf andere Weise tun?

Übrigens ist der hier geäußerte Standpunkt auch gar kein christlicher mehr. Von einem Gott, der nicht Person ist, der nur "wirkendes Prinzip" ist, findet sich in der Bibel nichts. Mit einem solchen Gott hat Jesus auch nie geredet. Und von einem Gott, der nicht Person ist, muß es einem auch nicht erst noch explizit verboten werden, sich ein "Bild" zu machen. Das, was Lenzen hier sagt, ist also nicht christlich.*) Und man braucht deshalb auch gar keinen Religionsunterricht, um solche Dinge zu sagen. (Wenn man an Gott glaubt, ist es außerdem auch viel überzeugender, Kindern das vorzuleben, als ihnen ständig davon zu reden.)

Wie man aber Lenzen nun in einer hysterischen, aufgebrachten Debatte zum Anhänger von "Intelligent Design" erklären kann (so der AStA der FU Berlin, so auch jüngst das allmählich "berühmt-berüchtigte" "Laborjournal"), dazu gehört auch allerhand Veranlagung zu Hysterie und zum Reden und Schreiben, bevor man sich überhaupt gründlicher mit den Dingen beschäftigt hat. Daß Studenten zu etwas fähig sind und nur schon auf die Verwendung des Begriffes "intelligente Konstruktion" geradezu reflexartig hysterisch reagieren, ist ein Armutszeugnis und scheint eher die Reaktion von Geisteswissenschaftlern, denn von Naturwissenschaftlern zu sein.

Wäre Natur nicht intelligent konstruiert, könnten wir sie ja gar nicht erforschen. Erst wenn ein personaler "intelligenter Designer" mithinzugenommen wird in die Vorannahmen, hat man es ja mit der unwissenschaftlichen Richtung des "Intelligent Design" zu tun.

Die kognitiven Fähigkeiten von Migrantenkindern sind durchschnittlich geringer

Aber was findet man dann - aufmerksam geworden - auf Wikipedia noch weitergehend zu Dieter Lenzen?:
Öffentlicher Kritik ausgesetzt war Lenzen, nach seiner Interview-Äußerung, der Intelligenzquotient türkischer Migranten sei geringer als der der deutschen Bevölkerung.
Dabei hat er sich auf eine Studie der Universität Hannover berufen, wie wir weiterlesen (Welt, 23.7.05):
Mangelnde "kognitive Fähigkeiten" bei Kindern mit Migrationshintergrund werden dort genannt, und es wird auch festgestellt, daß "in Familien ohne Migrationsgeschichte die jeweils höchsten Leistungen erzielt werden" im Leseverständnis, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften.
Na so was. Und wer von der Banalität weiß, daß praktisch jeder Schultest zugleich auch ein Intelligenztest ist, weiß, daß es Haarspalterei ist, wenn man Lenzen vorwirft, in der Studie sei von "Intelligenzquotient" gar nicht die Rede gewesen. Interessant auch, wie alle Wissenschaftler die Köpfe einziehen, wenn sie nun explizit zu diesen Dingen gefragt werden. Sie wollen weder positiv bestätigen, noch negativ verneinen. Das sagt mehr als tausend Worte über das, was ihre eigene Überzeugung ist. Und vielleicht auch manches über ihr Verantwortungsbewußtsein in wissenschaftlichen Fragen und in Fragen, die von öffentlicher, gesellschaftlicher Bedeutung sind. Wir lesen weiter im "Welt"-Artikel:

Doch Lenzen hätte sich bei seiner umstrittenen Äußerung durchaus auf andere Studien berufen können, aus der angelsächsischen Wissenschaft wie auch aus der deutschen. Volkmar Weiss ist hierzulande der Wissenschaftler, der sich in dieser Frage wohl am weitesten hervorwagt. Der Intelligenzforscher und Leiter der - dem sächsischen Staat unterstellten - Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig weist seit der ersten Pisa-Studie darauf hin, daß der IQ von Zuwanderern aus der Türkei und der ehemaligen Sowjetunion zwischen zehn und 15 Prozent niedriger liege.

Das Thema wird in der Forschung als heikel angesehen, deshalb wollen sich Universitätsprofessoren - wie etwa die Autoren der Hannoveraner Studie - zu Weiss' Arbeit weder positiv noch negativ äußern. Heikel auch deshalb, weil es mittlerweile unstrittig ist, daß Intelligenz sehr stark auch von Erbanlagen bestimmt wird - und deshalb einschlägige Aussagen über ethnische Gruppen allzuschnell mit dem Vorwurf des Rassismus beantwortet werden. Dabei gilt Weiss als seriös, wird gern zitiert von der Presse bis hin zur "Taz". ...

- Um aber auf Lenzen zurückzukommen: Er hat offenbar doch so den einen oder anderen "Fan", auch unter Studenten und Lehrenden. Vielleicht hat er in der Zukunft so bei dem einen oder anderen Thema auch den einen oder anderen Fan mehr. ... - Wenn man übrigens von einer deutlichen Erblichkeit von Intelligenz ausgeht, kann sich der Blick auf viele Fragen in der modernen Bildungspolitik, z.B. bezüglich frühkindlicher "Bildung" und auch bezüglich von "Elite" doch auch recht deutlich ändern. Offenbar ist Lenzen im eigenen Denken noch gar nicht so weit vorgedrungen.

Das "Credo" von "Studium generale"

Die erblich bedingte menschliche Intelligenz erforscht die "intelligenten Konstruktionen", die man in der Natur vorfindet - auch in der Natur des Menschen selbst - und leitet von ihnen "vernünftige Gründe" ab, die auf ein "wirkendes Prinzip" deuten, das man "Gott" nennen kann, demgegenüber man sich verantwortlich fühlen kann. All das ist auch das Credo von "Studium generale" und wird schlicht der allgemeine gesellschaftliche Konsens der Zukunft sein. Welche Sichtweise sollte es denn wohl sonst sein?

_______

*) Daß sich in der Bibel viele Aspekte finden, von denen gesagt werden könnte, hier würde Gott nur als Personifizierung von Naturkräften angesprochen, bleibt davon unberührt. Ausschließlich als Personifizierung von Naturkräften kann der Gott der Bibel nicht interpretiert werden, da überhaupt die Unterscheidung zwischen natürlichen und übernatürlichen Kräften eine neuzeitliche, im wesentlichen nach-kantianische ist. Eine Interpretation von Gott nur als ein wirkendes Prinzip kann man deshalb gerne als eine auch in christlicher Tradition stehende begreifen - Christentum selbst ist das nicht mehr.

"Lächerlich optimistisch": Pat Brown

"... aber Sie - Sie wollen eine Revolution!"

In "PLoS Genetics" ist ein Interview erschienen mit dem Genetiker Pat Brown. (PLoS Genetics)

- Er war und ist eine treibende Kraft der "Open Access"-Bewegung in der Wissenschaft. "Wo würde Jesus veröffentlichen?", fragt gleich ein Poster an seiner Tür. - Aber es gab und gibt auch viele andere spannende Projekte in seinem Leben. In seinem nächsten Forschungsfreisemester will er sich damit beschäftigen, wie eine der umweltschädlichsten Wirtschaftsformen des Menschen gegenwärtig auf der Erde - nicht die Kernkraft, nicht die Autos, nicht die Flugzeuge, sondern: Tierzucht - drastisch zurückgefahren werden kann in der nächsten Zukunft.

Die immensen Umwelt- und Klimakosten, die die Tierzucht heute mit sich bringt, müssen einfach auf die Preise für Fleisch mit angerechnet werden, sagt Pat Brown. Und zugleich müssen sinnvolle Nahrungs-Alternativen zu Fleisch angeboten werden. Und um diesen Gedanken gründlich zu durchdenken und für ihn weiter Werbung zu machen, dafür will Pat Brown sein nächstes Forschungsfreisemester benutzen, dieser Gedanke ist sein "nächstes großes Projekt", nach vielen anderen, im Interview erörterten. In den Worten von Pat Brown selbst:
"The gist of my strategy is to rigorously calculate the costs of repairing and mitigating all the environmental damage and make the case that if we don't pay as we go for this, we are just dumping this huge burden on our children. Paying these costs will drive up the price of a Big Mac and consumption will go down a lot. The other thing is to come up with yummy, nutritious, affordable mass-marketable alternatives, so that people who are totally addicted to animal foods will find alternatives that are inherently attractive to eat, so much so that McDonald's will market them, too. I want to recruit the world's most creative chefs—here's a REAL creative challenge!"
Das ist übrigens der gleiche Gedanke, der überall verwirklicht werden muß, wo sich Egoismus und Gedankenlosigkeit austoben zum Schaden künftiger Generationen und zum Schaden des Fortbestandes von menschlichen Kulturen überhaupt: Diese Schädigungen müssen einfach über die Preise den Menschen berechnet werden, sie müssen ihnen über die Preise unmittelbar "spürbar" werden. - Die gleiche Rationalität steckt beispielsweise auch hinter der Forderung nach einem klar und leicht nachvollziehbar strukturierten Familienlastenausgleich. Auch hier müssen die real vorhandenen Kosten, die Kinderlosigkeit und Kinderarmut mit sich bringen, auch von jenen voll und ganz gespürt werden, die eben kinderlos und kinderarm sind. Und das ist eben nur dadurch möglich, so wurde auf "Studium generale" schon vielfältig erörtert, daß Eltern ein Erziehungsgehalt gezahlt wird, das von Kinderlosen und Kinderarmen vollgültig mitzufinanzieren ist. Da Kinderlose von der Tatsache, daß andere Menschen Kinder haben, mehr profitieren, als daß Leistungen dafür erbringen.

- Der Interviewerin Jane Gitschier jedenfalls fällt auch sonst dauernd nur der Kinnladen herunter bei jedem neuen Projekt, das Pat Brown in den Sinn kommt.
"Fühlen Sie sich denn nicht auch manchmal lächerlich optimistisch?",
wird sie schließlich umgekehrt von Pat Brown gefragt. Und sie antwortet:
"Ich? Ja, manchmal. Ich habe durchaus auch so die eine oder andere wilde Idee. Aber Sie - Sie wollen eine Revolution."
Auch sonst hat Pat Brown so manches zu erzählen aus seinem Leben. Von ehrgeizigen Forschungsanträgen mit weitreichenden Perspektiven. In den 1990er Jahren hat er viel mit der Leistungssteigerung der genetischen Sequenziermethoden zu tun gehabt. Dort ist er fachlich zu Hause. Und noch mit allerhand anderen Dingen mehr. Aber man lese doch einfach selbst ... Leute, die Revolution wollen, trifft man viel zu selten, als daß man sich das entgehen lassen sollte.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Mord

Ein neuer Mord - ein neuer Mord - wieder ein Mord in Tschetschenien

Die westlichen Medien feiern es geradezu, daß der russische Präsident Medwedew anders auf den neuen Mord einer prominenten Journalistin, Natalja Estemirowa, in Tschetschenien reagiert, als vormals Putin auf den Mord von Anna Politowskaja oder an Litwinenko oder an ... oder ... oder ... oder an Präsident Dudajew oder ... oder ... oder ... . (Yahoo News) *) Offenbar glaubt man durch ein solch merkwürdiges "Feiern" die einem selbst unbequeme Empörung bei sich und anderen dämpfen zu können, die Empörung über die immer noch üble, üble - üble Tatsache, daß sich in der Sache selbst - seit Jahren und Jahrzehnten - gar nichts ändert: daß nämlich in Rußland und Tschetschenien straflos gemordet wird - gemordet, gemordet, gemordet.

Mit welcher Empörung wurden Konsequenzen eingeklagt nach dem Mord von Anna Politowskaja. Und was geschah? Die einzige "Konsequenz" scheint der nächste Mord zu sein. - Worte. Worte. Worte.

Was wird aus Politikern wie Angela Merkel oder Gerhard Schröder eigentlich, die dauernd mit Politikern verhandeln, "harmonisch" verhandeln, wie es heißt, mit Politikern, die nicht voll und ganz - und vollkommen glaubwürdig - auf Seiten der Menschenrechtler ihres eigenen Landes stehen? Was wird eigentlich aus solchen Politikern? Was muß eigentlich mehr oder weniger zwangsläufig aus solchen Politikern werden? Oder ist dickhäutiger sowieso gar nicht mehr möglich? Wie werden sie eigentlich - mehr oder weniger zwangsläufig - nach und nach immer mehr lernen, über Mord zu denken? Und über - - - .... Worte?

Und was ist mit Journalisten, die über solche Politiker schreiben? Was wird aus ihnen? - Aber nicht doch, George Orwell verwendete es, das Wort von den - - - "Stiefelleckern". Aber nicht doch. Wir leben doch in ganz anderen Zeiten ...

*) Hier eine deutschsprachige und hier noch eine viel längere englischsprachige Liste ermorderter Journalisten in Rußland.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Ist Religiosität per se konservativ-autoritär?

Zwillingsforscher Thomas Bouchard über seine früheren und aktuellen verhaltensgenetischen Forschungen

In der Zeitschrift "Science" vom 3. Juli gibt es auf Seite 27 ein Interview mit Thomas Bouchard, dem berühmten Zwillingsforscher, dessen Forschungen an getrennt aufgewachsenen, eineiigen Zwillingen in den 1970er Jahren in Deutschland unter anderem Hoimar von Ditfurth bekannt gemacht hat. Dieses Interview enthält mancherlei Bemerkenswertes zum Teil recht allgemeiner Natur und auch Hinweise auf sehr konkrete, neue Forschungsergebnisse der wenigen letzten Jahre. Da macht Bouchard unter anderem die doch recht bemerkenswerte Feststellung:
Academics, like teenagers, sometimes don’t have any sense regarding the degree to which they are conformists.
(Also: "Akademiker haben manchmal - ebenso wie Teenager - nicht den geringsten Sinn dafür, in welchem Ausmaß sie Konformisten sind.")

Und Bouchard gibt einige Beispiele für sein eigenes, lebenslang nonkonformistisches Verhalten im akademischen Bereich, das ja auch wirklich zu entscheidenen wissenschaftlichen Fortschritten beitragen konnte:
In the ’70s, when I was teaching research by [IQ researcher Arthur] Jensen and [twin researcher Francis] Galton, people picketed me, called me a racist, tried to get me fired. The progressive student association sent members in to ask hostile questions. … So I put a tape recorder on the podium and said: “I’m going to tape my lectures.” I never heard from them again. They knew what they were saying was nonsense and I would be able to prove it.
Widerlegte Vermutungen über Ursachen der Intelligenz-Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen

Viele Forscher heute machen sich gar nicht mehr klar, mit wieviel nonkonformistischem Verhalten von Wissenschaftlern eigentlich erst ihr eigenes Forschungsgebiet etabliert worden ist - und auch nur werden konnte. Und wie sehr es auch heute nonkonformistischen Verhaltens bedürfte, um das eigene Wissensgebiet wirklich effektiv weiter voran zu bringen. Bouchard:
We still have whole domains we can’t talk about. One of the great dangers in the psychology of individual differences is self-censorship. For example, when I was a student, it was widely accepted that black self-esteem was much lower than white selfesteem, and that was a cause of differences in achievement between the two groups. Now that’s been completely overturned—there is virtually no racial difference in self-esteem. But people had enormous amounts of data [showing this] that they didn’t publish because it did not fit the prevailing belief system. How much wasted effort was generated by the flawed self-esteem work as an explanation of the black-white IQ difference?
"Wieviel unnütz vertane Bemühungen ..." - weil Wissenschaftler sich zu konformistisch selbst zensieren.

Neueste Forschungen zur Erblichkeit religiöser Neigungen


Und was macht Bouchard zur Zeit?
Q: What are you working on now?
T.B.: I’m studying what I call the traditional-values triad: religiousness, conservatism, and authoritarianism. They correlate with each other. In our most recent paper [based on Minnesota twin data], we showed that the same genes affect all three traits. The superfactor [the underlying trait they share] is traditionalism; I think the underlying psychological process is the notion of obedience. It’s exactly the same trait that Stanley Milgram studied in the ’60s [when students willingly administered electric shocks to unseen victims]. Most researchers talk about obedience as being a bad thing. But it’s also the glue that holds societies together.
Ob das nicht auch Michael (Blume) interessieren könnte? Und wo das wohl veröffentlicht wird? - Es wäre insbesondere spannend zu sehen, welche Art von Religiosität hier im Vordergrund der Betrachtung von Bouchard steht. Ob es vielleicht doch vornehmlich die monotheistische ist, die zugleich auch von vornherein einen ausgeprägt autoritären Charakter aufweist. Nämlich mit einem personalen Gott als "dritten Bestrafer" im gesellschaftlichen "Third-Party-Punishment-Spiel". Eine Religiosität insbesondere auch, die in den letzten tausend Jahren Verhaltensneigungen selektiv bevorteilt haben könnte, die mit ihrem autoritären Charakter übereinstimmen? - Oder ob seine Forschungsergebnisse auf alle Formen von Religiosität gleichermaßen verallgemeinert werden können?

Lippenbekenntnisse zur evolutionären Bedingtheit des Menschen

Es sollen einige Kommentare gegeben werden zu der Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die gestern abend in Berlin stattgefunden hat zum Thema "Die Evolution des menschlichen Sozialverhaltens" (s. St. gen., BBAW).

Es ist auffällig, daß man heute oft leicht dahin ausgesprochene Lippenbekenntnisse von Soziologen und Sozialwissenschaftlern zur Einbeziehung der biologischen und evolutionären Bedingtheit des Menschen in die eigenen Forschungen hört. So auch an diesem Abend von seiten Gerd Gigerenzer's und Hartmut Essers. Letzterer ist der Lehrstuhl-Nachfolger des Philosophen und Soziologen Hans Albert, der zum wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno-Stiftung gehört und als der "Stellvertreter von Sir Raimund Popper in Deutschland" gehandelt wird (wie man von Hartmut Esser an diesem Abend auch erfahren konnte). (Popper aber, so möchte man meinen, war zu allen Zeiten dichter an der Auseinandersetzung mit evolutionärem Denken dran, stärker in es involviert als diese seine beiden "Stellvertreter" in Deutschland.)

Gigerenzer und Esser kommen beide, soweit übersehbar, von der rational choice-Theorie in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften her, von der sie beide behaupten, sie hätten sie persönlich schon längst überwunden und wären schon längst zu differenzierteren, dem menschlichen Verhalten angemesseneren Betrachtungsweisen übergegangen.

Da es an diesem Abend aber nun um die "Evolution des menschlichen Sozialverhaltens" ging, wäre es die erste Aufgabe von Grigerenzer und Esser gewesen aufzuzeigen, inwieweit sich ihr inzwischen so viel stärker "differenziertes" Denken schlicht und einfach in das allgemeine, übrige evolutionäre Denken einordnet, zu dem sie sich beide mehr oder weniger ausgesprochen bekannten. Und sie hätten aufzeigen müssen, wie ihr eigenes Denken und Forschen dem allgemeinen evolutionären Nachdenken über den Menschen Anregung geben kann. Das taten beide im besten Falle - verhalten.

Wie geht man mit Lippenbekenntnissen um?

Aber die entscheidende Frage, die sich dem Autor dieser Zeilen stellt, ist nun: Wie geht man als Biologe (Peter Hammerstein) oder als tief und eindeutig im evolutionären Denken verwurzelter Soziologe (Peter Weingart) mit solchen Lippenbekenntnissen zum evolutionären Denken um? Es könnte einem nicht aggressiv genug gewesen sein, was Hammerstein und Weingart gestern abend vorzubringen hatten solchen Lippenbekenntnissen gegenüber.

Alles, was beide sagten, war vom Inhalt her brilliant. Peter Weingart (siehe Bild rechts), der Organisator des Forums, referierte die Evolutionstheorien unter anderem von Luigi Cavalli-Sforza und Marcus Feldman, sowie von Edward O. Wilson und Charles Lumsden (siehe ihr Buch "Das Feuer des Prometheus"). Gerade die letztere Theorie geht davon aus, worauf auch Peter Weingart aufmerksam machte, daß "nicht alle (menschlichen) kulturellen Entwicklungen" in jeder populationsgenetischen Häufigkeitsverteilung möglich sind, sondern daß Gene und Kultur einander bedingen. Was will man mehr? Das sind unglaublich fruchtbare Ansätze, um über das Wesen des Menschen und seiner kulturellen Vielfalt weltweit nachzudenken und zu forschen.

Peter Hammerstein referierte über den Verwandten-Altruismus von William D. Hamilton, verwies darauf, daß dieser im menschlichen Alltagsleben eine unübersehbare Rolle spielt und referierte darüber, daß es für den Gegenseitigkeits-Altruismus des Robert Trivers erstaunlich wenige Beispiele im Verhalten der Tiere gibt. (Er sprach vom "Schiffbruch" der Theorie vom reziproken Altruismus.) Hammerstein ging dann auf die Theorie von der Gruppenselektion ein, wobei er von einem Selektionsvorteil einer genetischen Basis für gruppenkonformes Verhalten beim Menschen ausging und die kulturelle Gruppenselektion nach Boyd und Richerson favorisierte. Daß es menschliche Kulturen gibt, die mehr auf Individualität - in Europa - und mehr auf gruppenkonformes Verhalten - in Asien - wert legen, und daß auch das - siehe Weingart - im Zusammenhang mit unterschiedlicher Genetik stehen könnte, darauf ging Hammerstein nicht ein. (Er erwähnte aber an anderer Stelle flüchtig die weltweit unterschiedlich verteilte Genetik der Erwachsenen-Milchverdauung.)

Mehr die Sensibilität des Themas herausarbeiten

Hier aber schon könnte man einen der Hauptkritikpunkte des Abends sehen. Wenn man zu fruchtbaren Streitgesprächen kommen will, und bloße Lippenbekenntnisse zu evolutionärem Denken klarer als solche durchschaut sehen möchte, dann muß man ein wenig mehr, als Hammerstein und Weingart das taten, die ambivalente, gefährliche Natur der evolutionären Bedingtheit menschlichen Verhaltens herausarbeiten. Man darf nicht nur die "Wohlfühl"-Aspekte eines solchen Denkens herausarbeiten. Und man muß auch aufzeigen, zu was für einer viel differenzierteren Betrachtungsweise man auch ganz allgemein gelangt, wenn man evolutionär denkt.

Hammerstein tat das dann ansatzweise, als er in der Diskussion auf lethale Gruppenauseinandersetzungen in der Evolution menschlichen Sozialverhaltens hinwies und auf diesbezügliche Beobachtungen schon bei Schimpansen. Er tat es vielleicht noch mehr, als er darauf hinwies, daß auch das Sprechen von "bedingt optimierten Entscheidungen" (das Hauptthema von Gigerenzer und Esser) aus evolutionärer Sicht immer noch keine sehr gültige Beschreibung menschlichen Sozialverhaltens ist. Hammerstein wies nämlich auf die genetische Angepaßtheit von Sozialverhalten hin - wie das Fluchtverhalten von Huftieren -, das unter veränderten Lebensbedingungen - etwa Zoo-Haltung - unangepaßt wird.

Und mit einem Schlag merkt man, welche riesige Bandbreite von Möglichkeiten im Denken die rational choice-Theoretiker bislang, sprich Jahrzehnte lang (!), übersehen haben, selbst dann noch, wenn sie weniger rationale "Bauchentscheidungen" nun endlich in ihre Theorien mit hineingenommen haben. Auch diese weniger rationalen Bauchentscheidungen können noch evolutionär unangepaßt sein. Ob sie darüber schon jemals ernsthafter nachgedacht haben? Ob ihre eigenen "Bauchentscheidungen" in der Wahl ihres wissenschaftlichen Themas bislang schon evolutionär angepaßt genug gewesen sind? - - -

Weingart und Hammerstein hätten ein bischen herausfordernder auf die Brisanz ihrer Themen aufmerksam machen müssen. Denn nur dann kommt doch fruchtbare Diskussion und Auseinandersetzung in der Sache zustande. Nur dann kann wohlgefälliges, Gegensätze verwischendes, gegenseitiges Köpfenicken vermieden werden. - So das Fazit dieses Abends.

Dienstag, 14. Juli 2009

Gruppenselektion: "Die Sachlage ist unbestreitbar kompliziert ..."

Die letzte Diskussion über Gruppenselektion im Bereich der Wissenschaftsblogs wurde, soweit übersehbar, bei Emmanuel Heitlinger ("Alles was lebt") geführt. Diese Diskussion bezog sich auf einen Artikel auf Studium generale, sowie auf frühere Diskussionen auf beiden Blogs und anderweitig. Offenbar ist noch keiner der Diskutierenden auf den Wissenschaftsblogs bislang auf eine Stellungnahme des Humansoziobiologen Eckart Voland auf Darwin-Jahr.de aufmerksam geworden. Auf diese soll in diesem Beitrag hingewiesen werden. Gefunden über den inzwischen - u.a. durch Michael Blume - deutlich verbesserten Wikipedia-Artikel zu Gruppenselektion.

Eckart Voland schreibt nun auf Darwin-Jahr.de - in einem kurzen Kommentar zu einem ins Deutsche übersetzten Artikel von David Sloan Wilson und Edward O. Wilson in "Spektrum der Wissenschaft" (offenbar frei herunterladbar):
... Deshalb ist in der soziobiologischen Literatur der Begriff der „Gruppenselektion“ keineswegs verschwunden. Leider herrscht diesbezüglich eine heillose konzeptionelle und begriffliche Unordnung (Johnson et al. 2008, West et al. 2007), die unter einer nicht immer sprachlich sauberen Unterscheidung von Gruppenkonkurrenz und Gruppenselektion leidet. Theoretisch wichtig ist dieser Unterschied, weil gruppendienliche Strategien „gen-egoistisch“ aufgefasst werden können und nicht etwa zwangsläufig als Produkt von Gruppenselektion gedeutet werden müssen. Gruppenkonkurrenz ist eben nicht gleich Gruppenselektion, denn Gruppen haben keine Gene, die sie vererben könnten. Dies tun bekanntlich nur Individuen, und diese Individuen können aus „gen-egoistischen Gründen“ kooperieren, um ihre Gruppe zu stärken.

Allerdings gibt es soziale Situationen, in denen die Konflikte zwischen sozialen Gruppen dermaßen stark ausgeprägt sind, dass sie zu außergewöhnlicher Kooperation innerhalb der Gruppen motivieren. Wenn die Fitness eines Individuums ganz entscheidend vom Abschneiden seiner Gruppe in der Zwischengruppenkonkurrenz abhängt, während demgegenüber Konkurrenz innerhalb einer Gruppe nur wenig zu Fitnessunterschieden beiträgt, ist es zugegebenermaßen verführerisch, von Gruppenselektion zu sprechen. Diese Situationen sind allerdings selten und nur unter außergewöhnlichen ökologischen Situationen zu beobachten. Wo sie auftreten, führen sie allerdings zu überaus interessanten sozialen Konsequenzen. Die Evolution der Staaten bildenden Insekten („Eusozialität“) könnte vielleicht auf derartige Szenerien höchster Zwischengruppenkonkurrenz zurückzuführen sein, was E. O. Wilson (2005) dazu bringt, mit Bezug auf Insektenkolonien das ganz wesentlich auch von ihm selbst kritisierte Konzept der Gruppenselektion zu reanimieren. Allerdings setzt der revidierte Gruppenselektionsbegriff von E. O. Wilson Verwandtenselektion voraus (Foster et al. 2006) und ist damit nach wie vor dem „gen-egoistischen“ Paradigma verpflichtet. Folglich gibt E.O. Wilson die Idee der Evolution als genzentriertes Prinzip auch keineswegs auf:

"Das Gen ist noch immer die Haupteinheit der Selektion, aber das Selektionsziel im ursprünglichen Kolonieverhalten ist das höhere der beiden benachbarten Ebenen biologischer Organisation – von Superorganismen über Organismen, wie es auch der Fall ist für Organismen über Zellen und Gewebe" (2005: 4)

Die Sachlage ist unbestreitbar kompliziert, und Missverständnisse sind vorherzusehen, wenn man sich nicht die Mühe macht, zu studieren, was „Gruppenselektion“ von „Gruppenkonkurrenz“ unterscheidet.

"Gruppen haben keine Gene, die sie vererben können"? Wir haben alles, was wir für einen "Superorganismus" beim Menschen brauchen: Wir haben Vereinheitlichung des Verhaltens von Menschen in Gruppen durch kulturelle und sprachliche Prägungen, auch durch die Neigung des Menschen zu gruppenkonformem Verhalten. Wir haben unterschiedliche Häufigkeitsverteilung von Verhaltens- und Wahrnehmungs-Genen in menschlichen Populationen, die zugleich sich kulturell voneinander abgrenzen. Gruppen hätten also keine ihnen spezifischen Gene, die sie an die nächste Generation vererben können?

Aber insgesamt ist das eine sehr differenzierte Stellungnahme, die zum Weiterdenken anregt. Ausgangspunkte der Diskussion sind die Rationalität des verwandtenaltruistischen Paradigmas der Soziobiologie, sowie die neueren Beobachtungen an fortgeschritten-arbeitsteilig lebenden Insektenstaaten, die sich nicht besonders einfach in das bisherige verwandtenaltruistische Paradigma der Soziobiologie einfügen.

Samstag, 4. Juli 2009

Ist das Christentum die Ursache für den Untergang des Abendlandes?

Der Untergang von Sprachen und weltgeschichtlichen Kulturen, bzw. ihr Überleben über die Jahrtausende hinweg ist ein wichtiges Thema in unserer heutigen Zeit und in der Wissenschaft geworden. Insbesondere auch aufgrund der heutigen demographischen Entwicklungen auf der Nordhalbkugel. (Siehe diverse Bücher zu diesem Thema.) Es kann durchaus als ein wichtiges wissenschaftliches Thema angesehen werden zu fragen, aufgrund welcher Ursachen kleine Menschengruppen bis hin zu großen Kulturräumen ihre kulturelle und damit auch demographische Stabilität bewahren oder auf der anderen Seite massiv gefährden. (Es könnte dies übrigens auch durchaus etwas mit der inklusiven Fitneß eines William D. Hamilton zu tun haben. Und/oder mit Gesetzmäßigkeiten von "Gruppenselektion", wie an anderen Stellen auf "Studium generale" schon thematisiert worden ist.)

Möglicherweise nähert sich nun auch die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) an dieses Thema an. "Untergang des Abendlandes" lautete bekanntlich eine viel zitierte frühe Buchveröffentlichung zu diesem Thema von Oswald Spengler im Jahr 1918.

Und unter diesem allerhand Emotionen aufrührenden Titel gibt es demnächst bei der GBS einen Vortrag von Rolf Bergmeier. Aus der Ankündigung (siehe "Aktuelles") wird noch nicht deutlich, in welcher Weise etwaig mit Thesen von Oswald Spengler in dem Vortag umgegangen werden soll, wie auf sie reagiert werden soll:
Vortrag "Der Untergang des Abendlandes" in Mastershausen

Am Sonntag, dem 5. Juli 09, hält Rolf Bergmeier einen Vortrag zum Thema "Der Untergang des Abendlandes" am Stiftungssitz in Mastershausen. Er wird sich mit der Frage beschäftigen, warum all das, was die Griechen und Römer an Wissen, Kultur und Kunst bereits entwickelt hatten, in den "wilden Jahren des Christentums" für Jahrhunderte verloren ging. Derzeit arbeitet Rolf Bergmeier an einer kritischen Auseinandersetzung mit der modernen althistorischen Forschungsliteratur. Einige der Erkenntnisse, die er im Zuge seines Buchprojekts "Konstantin der Große und die wilden Jahre des Christentums" gewann, wird er in Masterhausen präsentieren und mit dem Publikum diskutieren.
Möglicherweise macht also Bergmeier vor allem das Christentum verantwortlich für den Untergang der heidnischen Antike. Hoffentlich tut er das nicht in zu schlichter Manier. Denn da können die Historiker auch noch viele andere Ursachen nennen. Eher kann man das Christentum als eines von vielen "Symptomen" und "Resultaten" des Untergangs der antiken Welt ansehen, eines Untergangs, der sich - etwa in Griechenland - demographisch schon in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitrechnung anbahnte.

- Und viel spannender noch wäre die Frage, inwiefern das Christentum die kulturelle und demographische Entwicklung des Abendlandes zunächst konstituierte, stabilisierte aber schlußendlich dann in unserer Zeit doch auch wieder erneut gefährdete. Gefährdet nämlich insoweit, als an ihm oder seinem unlebendigen, starr gewordenen monotheistischen Erbe, das auch den heutigen Atheismus hervorgerufen hat, allzu unflexibel festgehalten wird.

Schon etwa die grundlegenden, die heutige Demographie stark mitbeeinflussenden familienpolitischen Entscheidungen Konrad Adenauers, an denen die großen Parteien bis heute festhalten, können zu wesentlichen Anteilen als ein Ausfluß von unlebendig gewordenem Monotheismus aufgefaßt werden, zu dem der heutige Atheismus bekanntlich nur ein Spiegelbild, aber keine wirkliche Alternative darstellt. Darüber ist ja auch schon in verschiedenen Zusammenhängen auf "Studium generale" geschrieben worden.

Thank God for Evolution!

"Ingo Badings Begeisterung für das Buch ist ja richtig ansteckend,"
schreibt Kommentatorin "Mona" auf Michael Blume's Blog "Natur des Glaubens". Die Rede ist von dem Buch "Thank God for Evolution" von Michael Dowd. In jedem Fall ein spannendes Thema, das da zwei Michael's wieder einmal aufgeworfen haben.

Ja, danken wir Gott für die Evolution. Wenn wir uns darüber freuen, daß wir hier sein dürfen.

Freitag, 3. Juli 2009

Deutschland, repräsentiert auf einer Briefmarke

"2000 Jahre Varusschlacht". Eine neue Briefmarke, die das Bundesfinanzministerium herausgebracht hat im Gedenken an die Schlacht bei Kalkriese zwischen Wiehengebirge und "Großem Moor" im Jahre 9. n. Ztr. gegen die römischen Okkupanten.
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