Sonntag, 28. März 2010

"Über Leichen muß er fliehen aus dem Vatikan ..."

Gibt es Prophezeiungs-Gläubige unter einflußreichen katholischen Amtsträgern?

Die Zukunft kann niemand vorhersagen. Aber es gibt die sogenannten "sich selbst erfüllenden" Prophezeiungen, das heißt: Wenn Menschen an Prophezeiungen glauben, sind sie auch geneigt - entweder aus abergläubischer Furcht oder in bewußter Zielverfolgung viel im Sinne der Erfüllung dieser Prophezeiungen zu tun. Beziehungsweise: viel in der Abwehr des Vorausgesagten zu unterlassen.

Aberglaube und Politik: Das Beispiel Rudolf Heß 1941

Ein gutes Beispiel dafür ist der England-Flug von Rudolf Heß im Jahr 1941 (s. das Buch von "Botengang eines Toren" des Historikers Rainer F. Schmidt): Der Prophezeiungs-Gläubige Rudolf Heß ließ sich durch vom britischen Geheimdienst veranlaßte "Weissagungen" dazu verleiten, daran zu glauben, daß er durch einen "Friedensflug" Frieden zwischen Deutschland und England herbeiführen würde. Und in seinem blinden Aberglauben wurde er ein williges Werkzeug des britischen Geheimdienstes und der Westalliierten, die mit seiner Gefangensetzung in England ein "Ass" im Ärmel hatten, mit dem sie etwaigen, von Stalin nochmals bekräftigten oder erneuerten "Nichtangriffsabkommen" mit Hitler zuvorkommen konnten oder mit Hilfe dessen sie mit einem Zuvorkommen gegenüber Stalin drohen konnten.

"Voraussagen" in der Politik: Britische Kriegszielplanung 1941

Wie der Autor dieser Zeilen in seiner Magisterarbeit dargestellt hat, sind auch die britischen Kriegszielplanungen, da sie für das Jahr 1941 noch sehr "ungewöhnlich" (will heißen verbrecherisch) waren, einfach - verbal - in die Form von "Voraussagen" gekleidet worden. Also es wurde von verschiedenen, "eingeweihten" Persönlichkeiten einfach gesagt, "daß es so kommen würde", und daß man die Planungen frühzeitig darauf ausrichten "müsse" (nämlich Aufteilung Deutschlands und Europas zwischen der Sowjetunion und dem Westen an der Elbe und vieles dergleichen mehr).

Einflußreiche Prophezeiungs-Gläubige in der katholischen Kirche heute?

Auch heute gibt es mancherlei Prophezeiungs-Gläubige. Ihnen werden von einer Schar prophezeiungsgläubiger Anhänger gerne auch in abergläubischer Weise "übersinnliche Fähigkeiten" zugesprochen. Wenn man gegenwärtigen Angaben im Weltnetz trauen darf, gibt es solche Kreise auch innerhalb der katholischen Kirche. Schon in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten spielten in der katholischen Kirche abergläubische "Voraussagen" auf "Schicksalsjahre" eine große Rolle. Wie oft hat man hier schon "das Ende aller Tage" anbrechen sehen. Die Bibel selbst mit ihren fürchterlichen "Endzeit-Erwartungen" gibt ja hier zu vielem gefährlichen Aberglauben Anlaß.

Daß solcher Aberglaube auch heute noch in der katholischen Kirche eine Rolle spielen könnte, darauf stößt man, wenn man sich beispielsweise Erkundigungen einholen möchte über die Beichtväter des gegenwärtigen Papstes, da doch Beichtväter oft schon in der Geschichte sehr einflußreich gewesen sind. So berichtet etwa der vormalige Jesuit Alighiero Tondi in seinen Büchern, daß die Beichtväter von Pius XII., sowie viele engere Mitarbeiter dieses Papstes Jesuiten gewesen sind.

Der prophezeiungs-gläubige Buchautor Stephan Berndt

Wenn nun die Vermutungen und Anhaltspunkte, die man im Weltnetz von Seiten des an "übersinnliche Fähigkeiten" glaubenden, prophezeiuungs-gläubigen Buchautors Stephan Berndt findet (Prophezeiungen-zur-Zukunft-Europas.de), von Seiten eines Prophezeiuungs-Gläubigen also, der der katholischen Kirche ansonsten eigentlich eher neutral oder gar ablehnend gegenübersteht, wenn diese also richtig gedeutet sind, dann gehört(e) zu den Prophezeiungs-Gläubigen in der katholischen Kirche auch der langjährige, im Jahr 2000 verstorbene Beichtvater des Kardinals Ratzinger, des heutigen Papstes.



Fürchterlicher Aberglaube in oberbayerischen Klöstern?

Nach diesen Angaben war dies ein Pater Frumentius im Kloster St. Ottilien, südwestlich von München, nördlich des Ammersees (siehe Karte oben und Bild rechts). Kardinal Ratzinger ist in diesem Kloster gesehen worden und das Kloster selbst sagt, daß sich "Bischöfe" "bei ihm Rat und Segen" holten, daß Frumentius also "als Beichtvater gefragt" gewesen ist.

Und Stephan Berndt kannte nun Pater Frumentius persönlich. Berndt berichtet über ihn:
Über mehrere Jahre war Pater Frumentius quasi der spirituelle Schutzpatron eines bzw. des oberbayrischen Prophezeiungs-Gläubigen-Kreises, der sich 1 bis 2 mal im Jahr traf, u.a. in Frumentius's Kloster St. Ottilien, wobei auch ich wenigstens 2 mal zugegen war. Darüber hinaus hieß es im Kreise dieser Leute, Pater Frumentius sei im Besitz der Originale eines (oder beider?) Feldpostbriefe (1914). Pater Frumentius war also bestbewandert in europäischen Prophezeiungen.
Beichtvater Ratzingers kennt das Buch "Prophezeiungen zur Zukunft Europas"

Und weiter Berndt:
Mitte 2000 habe ich ihn im Kloster St.Ottilien besucht, da ich hoffte, über ihn die Finanzierung meines 3. Prophezeiungs-Buches realisieren zu können. (Was so nicht, aber doch auf andere Weise klappte.) Dabei schenkte ich ihm mein 2. Buch "Prophezeiungen zur Zukunft Europas" und er meinte "Das kenne ich doch!"
Berndt:
In den Zirkeln der oberbayrischen Prophezeiungs-Fanatiker - zu denen ich mich mal wohnorttechnisch hinzuzähle - hält sich hartnäckig das Gerücht, ein gewisser Pater Frumentius aus dem Kloster St.Ottilien südwestlich von München sei der Beichtvater Kardinal Ratzingers gewesen.
"Einen wachen Blick für alles Bedrohliche in Kirche und Welt"

Und:
Ob er auch voraussah, dass Ratzinger Papst werden würde, kann ich nicht beurteilen. Obwohl ein Freund von mir behauptet, Pater Frumentius habe ihm exakt das vorausgesagt.
Von Frumentius wird auf der Netzseite des Klosters St. Ottilien berichtet, daß er einen "wachen Blick für alles Bedrohliche in Kirche und Welt" gehabt habe.

Erwarten hohe katholische Würdenträger den Ausbruch eines Dritten Weltkrieges?

Der abergläubische, an "übernatürliche Fähigkeiten" glaubende Stephan Berndt berichtet nun unter anderem das folgende:
In diesem Zusammenhang wären dann noch zwei Dinge zu erwähnen:

1. Begründete B16 (also Benedikt XVI.) die Wahl seines Namens (u.a.) damit, dass er Benedikt XV. als Vorbild habe, der versuchte, den 1.Weltkrierg zu verhindern.

B16 thematisierte explizit dieses Bemühen, den 1.Weltkrieg zu verhindern!

Was liegt da näher als die Vermutung, B16 sähe eine Kriegsgefahr, bzw. eine Weltkriegsgefahr?

Sehr, sehr merkwürdig! Ganz objektiv! Auch wenn man nichts von Prophezeiungen weiß.

2. B16 wird seine erste Auslandsreise als Papst nach Köln machen.

Obiges "Große Kaiserweihe schaut ein Dom" kann man im Kontext sonstiger Prophezeiungen nur als Hinweis auf eine Kaiserkrönung im Kölner Dom interpretieren, die der Papst durchführt! OK. Natürlich wird B16 jetzt nicht gleich in Köln jemanden krönen. Aber es ist dennoch etwas komisch.
An dieser Stelle soll zunächst nicht weiter auf all die auf den ersten Blick wirr anmutenden Theorien, "Dokumente", "Zeugnisse" und "Beweise" von Prophezeiungs-Gläubigen eingegangen werden. Sollten allerdings der derzeitige Papst und einflußreiche Männer in der Kirche selbst Prophezeiuungs-gläubig sein und an "übernatürliche Fähigkeiten" bei sich selbst oder anderen glauben (- und wer könnte an letzterem eigentlich zweifeln?), dann hätte man wohl manchen Anlaß, sich mit dem zu beschäftigen, was man sich in diesen Kreisen von Prophezeiungs-Gläubigen so alles "zuraunt".

Wann tritt der jetzige Papst zurück und wann verzichtet man endlich auf die Wahl eines neuen "absoluten Monarchen"?

Da erwartet man von einer zukünftigen Zeit zum Beispiel, daß ein Papst "über Leichen" aus dem Vatikan flüchten muß, um nicht ermordet zu werden vom römischen Mob oder von eigenen Priestern. Aber da Papst Ratzinger bereit ist, sein eigenes Leben einzusetzen, wie er in Interview's geäußert hat (siehe Stephan Berndt), dürfte er auch einer solchen (sich selbst erfüllenden?) Prophezeiung mit trotzigem Märtyrermut entgegensehen, sollte er an eine solche Prophezeiung glauben und ihre Erfüllung erwarten.

- Aber "muß" es wirklich soweit kommen? Muß man über Leichen gehen, bevor dieser Mann zurücktritt? Wird die katholische Kirche auch gegenwärtig und zukünftig wieder nur "halbherzig" Kriege verhindern, die "sowieso" prophezeit worden sind? Der jetzige Papst ging schon über die Leichen vieler seelisch Gemordeter. Er wird auch vor anderem ohne mit der Wimper zu zucken nicht zurückschrecken, wenn es Beichtväter für richtig halten sollten. Er hat schon so manche "Kriegsansagen" Andersgläubigen gegenüber angedeutet oder unverfroren geäußert.

Dienstag, 23. März 2010

Familienpolitische "cheater detection" auf Michael's Blog

"... Nicht dumme, parasitäre Hausfrauen, sondern Königinnen ..."

Abb.: Junge Familie Mitte der 1960er Jahre
Auf dem Blog von Michael Blume hat die "Amazon-Rezensentin" Lena Waider in den letzten zehn Tagen mit Bravour und großem Engagement, Können und Intelligenz die familienpolitischen Vorschläge von Peter Mersch dargestellt und verteidigt (Natur des Glaubens, 14.3.10 ff). Da wurde so viel Gutes gesagt, daß hier eine Zusammenstellung von wichtigen Diskussionsbeiträgen gegeben werden soll. Lena Waider begann die Diskussion mit den Worten:
Positiv scheint mir (in der gegenwärtigen Zeit) auch zu sein, dass nun zunehmend der "Gleichheitsfeminismus" in die Kritik gerät. In der Natur ist bei Arten, bei denen auch die Weibchen soziale Aufgaben übernehmen, stets recht bald eine Arbeitsteilung unter den Weibchen entstanden (und damit wieder Ungleichheit), nur dass die einen dann nicht dumme parasitäre Hausfrauen, sondern Königinnen heißen.
Der Satz saß. Und:
Es muss dann einen echten Beruf für Familienarbeit geben, bei dem Frauen (eventuell Männer) für das Aufziehen ihrer eigenen Kinder bezahlt werden. Und wie im Tierreich muss es zum Teil zu einer Arbeitsteilung unter Frauen kommen: die einen("Arbeiterinnen") sind eher an einer Karriere in der Wirtschaft interessiert und haben dann keine oder nur wenige Kinder, während die anderen (Königinnen/Göttinnen ;-)) im Aufziehen von mehreren eigenen Kindern (und ggf. dem Betreuen anderer Kinder) ihre Lebensaufgabe sehen und dafür dann auch bezahlt werden (möchten). Im Internet nachzulesen ist das hier:

http://knol.google.com/...echtigten/6u2bxygsjec7/2

Der Artikel ist in der betont kühlen Art des Autors gehalten (kaum ein Tabuthema bleibt außen vor). Er ist aber meiner Meinung nach dennoch sehr lesens- und bedenkenswert.
Neben anderem warf Mitdiskutantin Mona ein:
„Die Arbeitslosigkeit ist eine Folge der hohen Erwerbsbeteiligung von Frauen im Zusammenwirken mit den niedrigen Geburtenraten. Das geht aus den Zahlen des statistischen Bundesamtes klar hervor.“

Wie bitte, die Frauen sind schuld?
"Heute besitzen Frauen in den Büros die Mehrheit"

Lena Waider:
Schuld: Wer redet von Schuld? Frag doch mal ältere Männer (Rentner): Noch um 1970 saßen in den meisten Büros überwiegend Männer. Männer waren die Chefs und Sachbearbeiter, Frauen Sekretärinnen. Arbeitende Frauen waren vorwiegend im Niedriglohnbereich anzutreffen, weil die versuchten, zu dem mickrigen Lohn des Ehemanns noch etwas dazuzuverdienen (sofern es überhaupt einen Ehemann gab). Gutverdienende Männer gaben noch in den 60er Jahren den Spruch von sich: "Ich habe es nicht nötig, dass meine Frau arbeiten geht." Die erste Tagesschausprecherin kam 1974 (Berghoff), der Versprecher der ersten Sportschaumoderatorin (Schalke 05) löste ein kleines mediales Erdbeben aus.

Heute besitzen Frauen in den Büros die Mehrheit, in den Medien sowieso. Das statistische Bundesamt zeigt auf: Ab 1970 brachen die Geburtenraten von vorher ca. 2,3 auf dann 1,3-1,4 ein (Pillenknick). Gleichzeitig stieg die Arbeitslosenquote kontinuierlich an, obwohl die Wirtschaft immer mehr Erwerbsarbeitsplätze anbot (es gibt also heute mehr Arbeit). Der Anstieg bei der Arbeit war aber klein im Vergleich zum Anstieg bei den Erwerbspersonen, der in erster Linie durch zusätzliche Frauen bewirkt wurde.

Hier ist zu berücksichtigen, dass vor allem qualifizierte, gut ausgebildete Frauen nachgerückt sind. Die bekommen nun besonders wenige Kinder, weil sie besonders viel arbeiten. Die Auswirkungen davon sind so gut wie irreparabel: 1981 wurde unter den deutschen Jugendlichen (ca. 15) ein mittlerer IQ von 107 gemessen (damals Weltspitze), heute liegt er bei 98. 15-jährig in 1981 bedeutet: Man ist Teil der Babyboomer, die um 1965 geboren wurden. Von denen sind ganz besonders viele beiderseitig berufstätig und haben wenige Kinder. Die sind heute um 45 und besetzen die wichtigsten Schaltstellen in unserem Land. (...)

Mersch hat gezeigt, dass allein ein Familienberuf für eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit um 4 Millionen sorgen würde. (...) Die kinderlose Christiane Nüsslein-Volhard hat mit ihren Nobelpreiseinnahmen u. a. eine Stiftung für Frauen in der Forschung gegründet, damit diese leichter einen Kinderwunsch realisieren können. Sie schreibt es in einem Geleitwort in aller Deutlichkeit: Eine Forscherin muss alle Veröffentlichungen selbst lesen, sie kann das nicht delegieren. Reduziert sie ihren Arbeitsaufwand, fällt sie in ihrem Gebiet zurück. Gleiches gilt auch für Künstler, Sportler, Manager etc.. (...)

In modernen, hochtechnisierten Ländern wie Deutschland, Japan, Taiwan, Süd Korea, Singapur etc. lässt sich das Nachwuchsproblem meiner Meinung nach nur durch:
a) Massive Zuwanderung
b) Rückkehr zum Patriarchat
c) einen zusätzlichen Beruf für Familienarbeit
lösen. (...)

Geringe Geburtenraten in Wohlstandsländern, die durch Migranten aufgefüllt werden müssen (!), sind Kolonialismus und nichts anderes.
"Heute bekommen so viele Menschen keine Arbeit, weil so wenig Kinder in die Welt gesetzt werden"

Frau Waider sagt unglaublich klare, deutliche Sachen:
Wir haben genug Arbeitsplätze. Unser Problem sind die vielen Erwerbspersonen. Es werden kaum Kinder in die Welt gesetzt, weswegen nun beide Geschlechter einen Vollzeitarbeitsplatz für sich beanspruchen. Das kann nicht funktionieren. Es muss immer einen Ausgleich zwischen Produktion und Reproduktion geben. Wer verbraucht, muss auch erneuern. Deutschland hat kein Öl, sondern nur Humanressourcen. Wir behandeln die aber aktuell so wie Öl: Angeblich sprudeln die einfach aus der Erde. Das Aufziehen von neuen Menschen ist aber mit Arbeit verbunden, und genau die sparen wir uns. Folglich ist die Arbeitslosigkeit aktuell so hoch.
Man hört immer wieder: setzt besser keine Kinder in die Welt, denn die kriegen später keine Arbeit. Tatsächlich ist es so, dass heute viele Menschen keine Arbeit bekommen, weil so wenige Kinder in die Welt gesetzt werden. Stattdessen meinen wir, das könnte die 3. Welt für uns erledigen. Das ist Verlagerung von Arbeit in Niedriglohngebiete, genau das, was unsere Wirtschaft mitunter auch tut, aber nicht so radikal, wie es die Bevölkerung getan hat.
Verlagerung von Arbeit in Niedriglohngebiete - durch die moderne Familienpolitik

In einem Exkurs fragt Michael Blume:
Erlauben Sie mir eine Frage: Hat P. Mersch die durchschnittlich höhere Kinderzahl religiös vergemeinschafteter Menschen (die u.a. Varianten von Wertezuschreibung, Familienrollen und gemeinschaftlicher Kinderbetreuung organisieren) in seinen Modellen schon berücksichtigt? Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Aspekt für ihn interessant sein könnte, bin bislang jedoch bei ihm nicht darauf gestossen.
Antwort Waider:
Ich konnte mich auch nicht erinnern, bei Mersch etwas darüber gelesen zu haben und habe ihm ein email geschickt. Die Zahlen (die höhere Fertilität religiös vermeintschaftlicher Menschen) sind ihm geläufig. Er erwartet aber dennoch keineswegs, dass der von ihm vorgeschlagene Familienberuf hauptsächlich von solchen Personen angestrebt werde, da bei den religiösen Gruppen meist ein patriarchalischer Hintergrund bestehe, während der Familienberuf in erster Linie matriarchalisch ausgerichtet sei (was für viele Menschen ein Problem darstelle).
Erziehungsgehalt stärkt die matriarchalische Komponente in unserer Gesellschaft

Mitdiskutant Ralf Würfel:
Ich zitiere hier mal die entsprechende Stelle aus Merschs Aufsatz „Familienarbeit in gleichberechtigten Gesellschaften“, auf den Lena hinwies:
„Jeder Bürger müsste gemäß seiner individuellen Leistungsfähigkeit für ein Kind Unterhalt zahlen. Allerdings könnte er sich von dieser Verpflichtung durch das Aufziehen eines eigenen Kindes befreien. (...) Die Differenz zu einer bestandserhaltenden Geburtenrate könnte dann von staatlich beschäftigten Familienmanagerinnen abgedeckt werden, die in aller Regel größere Familien mit drei oder mehr Kindern gründen. Da die Familienarbeit dabei zum Fulltimejob generiert, würden solche Familienfrauen (oder auch -männer) vom Staat für die von ihnen geleistete Erziehungsarbeit - in Abhängigkeit von der Zahl ihrer Kinder - bezahlt. Allerdings benötigten sie entsprechende Qualifikationen, da sie einen Beruf mit sehr hoher Verantwortung ausüben. Auch müssten sie sich regelmäßig fortbilden. Sie gingen einer echten Erwerbsarbeit nach. Für sie würde das folgende ergänzende Familienmodell zum Einsatz kommen: Der Mann geht arbeiten und verdient Geld, die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld.
Dieses Familienmodell trägt den Namen Familienmanager-Modell. Es dürfte das einzige Familienmodell sein, welches einen nennenswerten Anteil gut ausgebildeter Frauen unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter zur Gründung einer Mehrkindfamilie bewegen könnte. Natürlich würde auch die umgekehrte Variante (Die Frau geht arbeiten und verdient Geld, der Mann zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld) funktionieren, allerdings dürften solche Konstellationen eher selten sein.“
Das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern würde sich komplett ändern

Lena Waider auf Einwände:
Das Konzept ist das genaue Gegenteil von totalitär. Keiner muss den Beruf ergreifen, genauso wenig wie heute jemand Gerichtsmediziner werden muss. Die Menschen werden es trotzdem.
Es ist im Grunde ganz einfach: Menschen (i.d.R. Frauen), die lieber eine größere eigene Familien haben wollten als irgendwo arbeiten zu gehen, interessieren sich für den Job als Familienmanagerin (FM) und machen frühzeitig eine entsprechende Ausbildung. Quereinstiegsmöglichkeiten sollte es auch geben. (...)
Durch die Bezahlung würde sich das Machtverhältnis unter den Geschlechtern in den Familien komplett umdrehen ("solange du deine Füße unter meinen Tisch..."). Mersch rechnet schon bald mit so etwas:
http://de.wikipedia.org/wiki/Mosuo
(...) Ferner glaubt er, dass sich einige (viele?) zusammenschließen und größere Einheiten (Kinderland) bilden werden: Ganze Straßen mit Wohnen, Homeschooling, Kindergärten, Mal- und Musikschulen, Bolzplätzen, Restaurants, ggf. einem angeschlossenen Altenheim, und das alles bankfinanziert, da die FMs ein sicheres Einkommen beziehen. Älteren Künstlern etc. wird es eine Ehre sein, dort zu unterrichten.
Wenn man es durchzieht, würde sich unsere Gesellschaft komplett umdrehen. Es würde im Grunde wieder der Mensch und die menschliche und kulturelle Weiterentwicklung ins Zentrum rücken und nicht so sehr die Frage, welche Eigenschaften der nächste VW Golf hat. Die Reproduktion würde mehr in den Mittelpunkt geraten.
Zum Unterhalt und den Kinderlosen: Da gäbe es keine Ausnahmen. Jeder, der kein Kind großzieht, müsste z. B. von 35 bis 60 Unterhalt zahlen, und zwar unabhängig von seiner Zeugungsfähigkeit. Damit würde auch endlich mehr Gerechtigkeit zwischen den Singles entstehen, denen mal ein Kondom geplatzt ist, und denen das noch nie passiert ist. Denn Erstere müssen schon jetzt Unterhalt für ein Kind zahlen, obwohl sie es vielleicht nie oder nur ganz selten zu Gesicht bekommen.
Hier werden so viele Wahrheiten auf einmal gesagt, Wahrheiten, die auch hier auf dem Blog schon verschiedentlich betont wurden, daß man sich wundert, daß das so lange dauert, bis die sich herumsprechen. Aber immerhin: Bis zum Blog vom Michael haben sie sich ja schon herumgesprochen! Waider:
Unter totalitär verstehe ich das:
"No woman should be authorized to stay at home to raise her children. Society should be totally different. Women should not have that choice, precisely because if there is such a choice, too many women will make that one."
Aus: Sex, Society and the Female Dilemma: A Dialog between Simone de Beauvoir and Betty Friedan, in: Saturday Review, 14.06.1975, 13, S. 16-20, 56 (...)
Unter totalitär verstehe ich, (...) wenn Frauen arbeiten gehen müssen (!), um ihre Kinder ernähren zu können, wenn Kinderlose (wie hier anzutreffen) meinen, sie hätten ein Recht darauf, dass sie sich ihre Rente von den Kindern anderer finanzieren lassen, wenn Frauen mittlerweile meinen, Kinder ließen sich nur in staatlichen Kindergärten ordentlich erziehen, wenn Menschen meinen, (...) eine ordentliche Bezahlung für die Erziehungsleistung von Müttern (die auch im Wesentlich gar nicht vom Staat, sondern von Kinderlosen käme), sei unfinanzierbar, wenn Frauen wie immer mehr nach Arbeitsplätzen rufen, obwohl sie den Mangel an Arbeitsplätzen genau mit dieser Rufe erst hervorrufen. Das ist totalitär, diese die ganze Gesellschaft durchziehende fast pathologisch zu bezeichnende alleinige Orientierung hin auf eine Erwerbstätigkeit in der Wirtschaft. (...)
Der Pförtner am Firmentor wird bezahlt, die auf die Kinder wachende Mutter auf dem Spielplatz nicht. Ein gleicher Anspruch auf Bezahlung besteht für die Mutter nicht, da sich der Anspruch des Pförtners aus dem Arbeitsvertrag ableitet, und den hat die Mutter nicht. Das ist das Problem.
Manche Dinge sind zu simpel, als daß es viele Menschen noch verstehen könnten. Sie verstehen nur "komplizierte" Dinge - und dann zumeist auch die nicht richtig, weil sie sich immer mehr in irgendwelche Kompliziertheiten hineinsteigern. Waider stattdessen:
Beim Elterngeld bestehen aber (...) noch viel größere Ungerechtigkeiten, denn nun bekommt die arbeitslose Hochschulabsolventin für das Aufziehen ihres Kindes 300 Euro, die mit dem Job aber z. B. 1.600 Euro. Und diese Unterschiede wurden von Frauen verabschiedet! (...)
Einer der Gründe für unser gesellschaftliches Problem ist: die Menschen können nicht rechnen.
Unternehmen rechnen so: Der Forscher für unsere Medikamente kostet uns 25 Jahre lang nur Geld. Viel Geld. Gewinne wirft er erst ab, wenn die Medikamente der nächsten Generation (!) auf den Markt kommen, an deren Entwicklung er beteiligt war. Das ist aber erst in 25 Jahren.
Kein Mitarbeiter bei der Herstellung der Pillen würde auf die Idee kommen zu behaupten, dass er mit seinem Job (der aktuell gewinnbringend ist) den Forscher bezahlt und der doch bitte deshalb eine eine Bezahlung verzichten solle. Alle wissen: Wir können nur deshalb Geld verdienen, weil die Forscher der vorherigen Generation so gute Medikamente entwickelt haben. Und deshalb bezahlen wir die heutigen Forscher, damit die Arbeitnehmer in 25 Jahren noch immer in diesem Unternehmen gutes Geld verdienen können.
So denken Unternehmen, so denken Mitarbeiter in Unternehmen. Die rechnen nämlich immer in 2 Generationen, und nicht in einer, wie der moderne Ichling, der kein Morgen kennt.
Wer ist der größte Steuerzahler in einem Sozialstaat? Derjenige mit dem Hochschulabschluss und dem gut bezahlten Job? Nein, es ist die Mutter mit den 4 Kindern, die vorher ggf. sogar noch etwas studiert hat, diesen Beruf dann aber nicht ausgeübt hat.
Warum? Weil man in einer Gesamtkostenrechnung auch ihren "Output" mitberücksichtigen muss, nämlich die 4 guten Steuerzahler, die sie auf den Weg gebracht hat. Die zahlen aber erst in der nächsten Generation.
So einfach sieht die Welt aus, wenn man rechnen kann.
Und (Seite 3):
Diese unsere Gesellschaft funktioniert nur deshalb einigermaßen gut, weil unsere Mütter einen guten Job gemacht haben, und zwar trotz Krieg, Hitler und Co.
Und obwohl ihnen die Männer dabei die ganze Zeit in den Ohren gehangen haben, nur das, was sie machten, sei im Grunde wichtig. Deshalb sollten sie mal schön still sein, denn nur er bringe das Geld nach Hause.
Die heutigen Frauen haben denen das schlussendlich geglaubt. Nun sind auch die meisten Frauen der Meinung, nur die Arbeit draußen in der Wirtschaft sei wichtig. Nur wer dort arbeitet und Geld verdient, der leiste etwas. Die unschätzbare Leistung von Frauen, die alles kulturell Wertvolle an ihre Kinder weitergegeben haben, zählt dagegen heute nichts mehr. Nun kann auch jede kinderlose Frau einer engagierten Mutter vorrechnen, dass sie ihr in Wirklichkeit auf der Tasche liege.
Und wir wundern uns über den modernen Ichling, wenn die großen sozialen Leistungen heute nichts mehr wert sind? Wenn die großen sozialen Leistungen nicht einmal mehr als solche erkannt werden?
Mersch hat das mir gegenüber in einem email einmal so ausgedrückt: "Mein Vater hatte ein mittelständiges Unternehmen, meine Mutter war Hausfrau und Mutter von 4 Kindern. Das, was mein Vater geschaffen hat, gibt es längst nicht mehr, das von meiner Mutter aber alles noch."
Wir haben heute ein gesellschaftliches Problem, das eine ganz andere Ursache hat, als wo alle immer hinschauen.
Oder (Seite 4):
Der Staat rechnet aus, wieviele FamilienmanagerInnen er aufgrund der aktuellen Geburtenzahlen braucht. Wenn die ohnehin schon (z. B. aufgrund der Unterhaltszahlungen bei Kinderlosigkeit) gegen 1,8 gehen, dann würde der Staat überhaupt keine FMs einstellen, denn wozu? Es werden doch auch so genügend Kinder geboren!
(Setzen wir besser statt 1,8 Kinder pro Frau/Mann 2,3. Aber dann ist es schlüssig.)
Immerhin würden die FMs nicht mehr auf den normalen Arbeitsmarkt drängen und diesen hierdurch massiv entlasten. Und sie würden Stellen schaffen für Personen mit geringeren Qualifikationen. Das ist doch auch schon mal was.
Und:
Hier 4 Beispiele:
1. Hans ist Single und kinderlos. Er hat eine gute Ausbildung und verdient 5.000 Euro Brutto im Monat.
2. Werner ist Single. Allerdings zahlt er Unterhalt für ein uneheliches Kind, welches Ergebnis eines ONS ist. Das Kind sieht er nur ganz selten, da er bei München, die Mutter aber in Flensburg lebt. Er hat eine gute Ausbildung und verdient 5.000 Euro Brutto im Monat.
3. Susanne ist Single und hat ein Kind. Sie ist Alleinerziehende. Aufgrund ihres Kindes arbeitet sie nur halbtags. Sie ist froh über die regelmäßigen Unterhaltszahlungen, die sie vom Vater erhält. Sie hat eine gute Ausbildung und verdient 1.800 Euro Brutto im Monat.
4. Josef und Maria sind verheiratet und haben 2 kleine Kinder. Ihren leitenden Job, bei dem sie viel unterwegs war, musste Maria wegen der Kinder aufgeben. Wenn sie größer sind, will sie wenigstens wieder halbtags arbeiten gehen. Josef hat eine gute Ausbildung und verdient 5.000 Euro Brutto im Monat.
Fragen:
a) Wer von den oben genannten Personen hat das meiste Geld für sich persönlich, kann also am meisten konsumierne (Auto, Urlaub etc.)?
b) Wer hat später Anspruch auf die höchste Rentenzahlung?
c) Wer bezahlt Hans später dessen Rente?
Und:
So könnte der Slogan lauten: "Hey Leute, ihr habt sicherlich auch schon mitbekommen, dass man bei den Unternehmen aktuell nicht gerade offene Türen einrennt. Ein riesengroßer Arbeitsbedarf besteht aber nachwievor bei mütterlichen Leistungen. Schon seit 40 Jahren werden bei uns nur 1,3 bis 1,4 Kinder pro Frau geboren. Das sind nicht viele und das ist nicht gut. Wir wollen das jetzt ändern. Und deshalb suchen wir Frauen und Männer, die diesen Job gerne machen möchten. Voraussetzung sind bestimmte Qualifikationen, da die Personen in der Regel für viele kleine Menschen Verantwortung tragen und vielleicht auch noch einige Kinder aus anderen Familien tagsüber betreuen werden. Wir zahlen übrigens richtig gut, da uns das alles so am Herzen liegt. Für unsere Kinder wollen nämlich nur das Beste. Also liebe Bürgerinnen und Bürger, schickt uns eure Bewerbungen zu. Wir warten auf Euch! Eure Angela"
"Alice Schwarzer eine der Hauptverantwortlichen für den Mist, den wir heute erleben."

Und was sagt Lena Waider über Alice Schwarzer auf den Einwurf einer Diskussionteilnehmerin:
" Am liebsten würde ich Alice Schwarzer mal zu diesem Dialog hier einladen - hej, das wäre ein Spaß! *g*"
Die würde dabei untergehen, denn die ist doch eine Hauptverantwortliche für den Mist, den wir aktuell erleben. Die hat doch diesen Sozialdarwinismus in der Familienfrage eingeführt: starke Frauen gehen arbeiten und lassen arme Kinder zurück. Die Emanzipation wurde auf dem Rücken der Schwächsten in unserer Gesellschaft ausgetragen: den Kindern. Außerdem fordere ich endlich Gleichberechtigung für Frauen. Alice Schwarzer hat genau die nicht gebracht. Sie hat Frauen gleiche Rechte gebracht, wenn sie einen männlichen Lebensentwurf anstreben. Sie hat Frauen, die gerne mehrere eigene Kinder großziehen möchten die Armut gebracht.
Waider (Seite 7):
Hinter dem Evolutionsprinzip steckt - heimlich still und leise - verborgen das Prinzip der Generationengerechtigkeit. Wenn eine Gesellschaft aus 1.000 Menschen nur 10 Nachkommen in die Welt setzt, weil sie lieber Urlaub macht, dann verletzt sie die Generationengerechtigkeit: Den Nachkommen wird es deutlich schlechter gehen. (...)
Ich bemühte mich die ganze Zeit darauf hinzuweisen, dass in dieser Gesellschaft ein systematischer Organisationsfehler besteht, und diesen Fehler kann ich durch die Aussage "dann gehen Sie doch bitte nach drüben" leider nicht beheben. Dieser Organisationsfehler sorgt für zunehmende Arbeitslosigkeit, Verarmung von Familien und Kindern etc. Ich finde das nicht schön. Solche Situationen mobilisieren mein soziales Bewusstsein, das ich mir noch ein wenig bewahrt habe. Natürlich könnte ich genauso darüber hinwegsehen und auf die wunderschöne Lebensform von irgendwelchen exotischen religiösen Lebensformen in der Ferne hinweisen, hilft aber leider nicht darüber hinweg, dass unsere Gesellschaft aktuell in einem rasanten Tempo dequalifiziert.
Irgendwann mischt sich Michael Blume in die Diskussion ein und möchte Lena Waider durch seine Forderung nach Trennung von Naturwissenschaft und gesellschaftspolitischen Forderungen "auf die Schliche" kommen. Er sagt z.B.:
Es war und ist einfach nie gut, wenn man wissenschaftliche Evolutionstheorie, quasi-religiöse Weltanschauung und politische Forderungen miteinander vermischt hat.
Dazu sagt Lena Waider:
Dem widerspreche ich. Evolution heißt fortlaufende Anpassung, oder anders ausgedrückt: Erhalt von Lebensraumkompetenzen. Auch ein Unternehmenslenker muss keinerlei weltanschauliche Begründungen für seine Investitionsentscheidungen vorlegen. Es reicht, dass er sagt: "Wir können damit unseren Marktanteil in der Zukunft erhalten und vielleicht sogar noch ausbauen." (= wir können damit unsere Marktkompetenzen erhalten).
Mehr brauche ich nicht. Auf die Gesellschaft übertragen heißt das: Generationengerechtigkeit. Oder: "Unseren Kindern soll es mal besser (nicht schlechter) gehen."
Wenn ich dieses Prinzip anerkenne, verbietet es sich sofort von selbst, alle Meere zu verseuchen. Ich muss dann mit darauf achten, dass diese Welt auch für die nächsten Generationen noch lebenswert ist. (...)
Ich habe es eigentlich jetzt schon x-mal gesagt: Für universell halte ich nur das obige Prinzip: Fortlaufende Anpassung bzw. "Erhalt von Kompetenzen". Das ist das universelle Evolutionsprinzip. Andere nennen das: Evolutionär stabile Strategie. (...)
Ein Sozialstaat muss sich entsprechend organisieren, wenn er langfristig vorhandene Kompetenzen bewahren und ausbauen möchte. (...) Nicht jede Organisationsweise ist jedoch eine evolutionär stabile Strategie (= kompetenzbewahrend).
Nach dieser Kaskade guter Diskussionsbeiträge konnte man selbst nur noch zustimmend anfügen (Seite 9):
Liebe Frau Waider,
geradezu "fassungslos" erlebe ich, wie Sie sich hier ganz und gar "bravourös" schlagen. Gegen ein Meer von Widerspruch: Einfach Klasse. Man möchte Ihnen so gern mit ähnlicher Bravour beistehen, weil man ja sieht, wie sehr Sie in allem, allem, allem recht haben (bis vielleicht auf Nebensächlichkeiten), wie sehr es eben vor allem darum gehen muß, soziale Gerechtigkeit für Familien herzustellen, wie sehr also einfach auch schlicht auf das Gerechtigkeitsprinzip abzustellen ist.
Die Soziobiologen erforschen gerade auch in Deutschland derzeit weltweit führend und mit viel Akribie "tit-for-tat"-Zusammenhänge, "cheater detection" gegen "Trittbrett-Fahren" und ähnliches, scheinen aber den großen Elefanten im Raum unserer Familien- und Sozialpolitik gänzlich zu übersehen, wenn sie mit ihren Probanden Computerspiele spielen ...
Gerade auch deshalb kann Mersch so viel Anregung für die empirische Forschung geben. (Und ebenso Sie hier mit Ihren Beiträgen.)
Würde Gerhard Mackenroth heute noch leben, der bedeutendste deutsche Bevölkerungswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, dessen Reformvorschläge Adenauer in den Wind geschlagen hat, der Grundlagenforschung mit angewandter Forschung zu verbinden wußte - er würde Ihnen (und Peter Mersch) sicherlich in fast allem zustimmen.
Sie sollten die maßgebliche Politikberaterin für Angela Merkel werden!
In meinen Blogbeiträgen zum Thema "Warum Erziehungsgehalt"
http://studgendeutsch.blogspot.com/...ehungsgehalt
bin ich vor drei Jahren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie Mersch und Sie. Sie drängen sich ja doch auf, schon wenn man nur herausbekommen will, wie gerecht heute eigentlich Kinderaufzuchtkosten zwischen Menschen mit viel und weniger Kindern in unserer Gesellschaft tatsächlich aufgeteilt sind.
Die Wissenschaft kann es nicht, da die Verteilungsprinzipien viel zu kompliziert und undurchschaubar geworden selbst, sogar für die Wissenschaft selbst - wie dann erst für den einfachen Bürger, der sich ein Urteil darüber bilden soll?
Schon der 5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland unter der Federführung von Rosemarie von Schweitzer kam zu ähnlichen Ergebnissen wie Sie - ohne daß es damals breit in den Medien diskutiert worden wäre.
Die Rolle der Medien muß auch einmal evolutionspsychologisch und gruppenpsychologisch durchleuchtet werden und alle Vorgänge, die dort eine Rolle spielen bei Information und Desinformation.
Wie kann eigentlich in modernen Großgesellschaften "cheater detection" wirksam durchgesetzt werden? Soweit ich sehe, nur dadurch, daß Menschen ähnlich engagiert und intelligent die Dinge zu durchdenken lernen wie Sie, Mersch und immer mehr Menschen (etwa auch in der Familienpartei Deutschlands).
Wozu noch viel zu sagen wäre ...

Keine soziale Komponente in Darwins Theorie

Google-Suche bringt übrigens zu Tage, daß sich Lena Waider inzwischen tatsächlich als --> ernstzunehmende Wissenschaftlerin versucht. Sie schreibt (Weitergen, 15.3.10):
"Survival of the fittest heißt eben nicht das Überleben des Stärkeren, sondern das des am besten Angepassten."
Doch, leider marginalisieren Sie. Der Fehler lag nicht in einem Übersetzungsfehler, sondern in massiven Defiziten der Darwinschen Theorie, die über keine soziale Komponente verfügt. Deshalb lässt sie sich überhaupt nicht auf menschliche Sozialstaaten anwenden.
Siehe hier:
http://knol.google.com/k/lena-waider/systemische-evolutionstheorie/1gkbevzlim11a/1

Montag, 15. März 2010

Die katholische Kirche in ihrer tiefsten Sinnkrise seit 1945

Die derzeitigen Ereignisse und Entwicklungen sollen hier eigentlich nur noch protokolliert werden. Man steht nur noch wie vor einem grandiosen Naturschauspiel. Und dieses Schauspiel kultureller Evolution wird sicherlich in der Tat auch künftige genetische Selektionsereignisse auf humangenetischem Gebiet beeinflussen. Deshalb wird es sicherlich sinnvoll sein, die Tagesereignisse sogar für künftige Generationen festzuhalten.

Niemand soll "querfeldein" laufen, meint ein Erzkatholik im "Cicero"

Neuerdings hat sich auch Erzkatholik und Journalist Alexander Kissler, erklärter "Fehdegegner" der Anthroposophen und Atheisten, hinsichtlich der Mißbrauchsfälle in der katholischen Kirche geäußert (Cicero, 12.3.10). Die Art seiner Äußerung zeigt, wie wenig Argumente den Verteidigern von Papst und katholischer Kirche noch übrig bleiben. Er spricht von jenen, die er zu "Wegweisern" und "Stoppschildern des Zeitgeistes" erklärt, der - seiner Meinung nach - lieber "querfeldein" unterwegs ist und dem man deshalb "Stoppschilder" hinstellen muß. Sehr kennzeichnende, ja geradezu lächerlich verräterische Worte, über die man sich reichlich amüsieren könnte, wenn einem angesichts der Fülle der Ereignisse Zeit dazu bliebe:
Eine Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Lauterkeit aufgegeben hat, weil sie selbst sie nicht durchhält, will die einzig verbliebene Gegengesellschaft auf den Pfad der eigenen moralischen Anspruchslosigkeit zwingen. Die Wegweiser sollen fallen, weil man selbst gerne querfeldein unterwegs ist, die Ampeln und Stoppschilder verschwinden, weil man selbst gerne tüchtig auf die Tube drückt. Da soll nichts mehr sein, was das Ich hemmen könnte in seinem Drange.
Soll man das etwa auch als Anspielungen lesen auf eine Frau im Priesteramt, auf Frau Käßmann? Das gäbe diesen Worten noch eine besondere Note. (Natürlich schwingt da die Anspielung auf einen "neuheidnischen" Text von Martin Walser mit, der auch "Querfeldein" betitelt gewesen ist.) - Diese "Gegengesellschaft" katholische Priesterkirche soll nun also die "letzte Hoffnung" auf "Lauterkeit" in unserer Gesellschaft aufrecht erhalten. - Was für eine Lächerlichkeit. Was für ein Hohn. Was für eine absurde These angesichts all dessen, was sich derzeit abspielt. Und so etwas erscheint in der "seriösen", "neokonservativen" Zeitschrift "Cicero"? Wieviel Kirchensteuer-Gelder müssen da von der PR-Abteilung der Kirche ausgeschüttet worden sein, daß solche Artikel überhaupt noch an einem solchen Ort erscheinen können?

Da mutiert die katholische Kirche also zur "Gegengesellschaft". Warum nicht gleich "Parallelgesellschaft"? Das ist wohl ein sehr passender Begriff in diesem Fall. Oder auch: "Geheimgesellschaft", "Vertuschungsgesellschaft" ...

- Arme katholische Kirche, wenn sie keine besseren Verteidigungungen mehr vorzubringen hat als dertiges Wettern gegen Querfeldein-Laufen. Da erklärt Herr Kissler die Basisbewegung "Wir sind Kirche" zu einem "Seniorenverein" und ihre Forderungen als gleichbedeutend mit Forderungen, die ein "Gemeinderat von Neutraubling" einem Barack Obama stellen würde. - Und wenn wir statt Neutraubling einfach Bad Tölz setzen? Wird es dann gar so unstimmig? - Man hüte sich vor "Basisbewegungen", wenn man auf so wackligem Boden steht, wie derzeit die katholische Priesterkirche. Denn auch die Katholische Jugend äußert sich inzwischen ähnlich. - Etwa wieder nur ein "Gemeinderat von Neutraubling"? (Domradio, 15.3.10):
Die katholische Jugend verlangt eine Stellungnahme des Papstes zu den Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen. Das beschäftige die Menschen, ob sie gläubig sind oder nicht. Der Heilige Vater sollte sich dazu äußern, sagte der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Dirk Tänzler, der „Berliner Zeitung“. Die Kirche in Deutschland stecke „in einer ihrer tiefsten Sinnkrisen seit 1945“. Auch Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sprach von einer „schweren Krise der katholischen Kirche in Deutschland“.
Der Papst selbst direkt für Mißbrauchsfälle in Bayern verantwortlich

Die sich überschlagenden Entwicklungen scheinen also über die Einschätzungen eines Herrn Kissler sehr schnell hinwegzugehen. Denn der Papst selbst ist belastet (Salzb. Nachr., 15.3.10). Heute ist der Stand der Kenntnisse zu seinem belastenden Verhalten folgender (Reuters, 15.3.10):
Das Erzbistum München und Freising hatte am Freitagabend bestätigt, dass 1980 ein pädophiler Priester unter Zustimmung von Kardinal Joseph Ratzinger vom Bistum Essen nach München versetzt wurde, um dort eine Therapie zu machen. Entgegen dem Beschluss sei der Geistliche aber direkt in der Gemeindearbeit eingesetzt worden, wo er sich Jahre später erneut an Minderjährigen sexuell verging. Das Erzbistum sprach von einem schweren Fehler, für den der damalige Generalvikar Gerhard Gruber in der Erklärung die Verantwortung übernahm und sich bei den Opfern entschuldigte. "Wir wollten nicht, dass er den ganzen Tag nichts zu tun hat, außer einer Stunde Therapie", sagte Gruber der "Süddeutschen Zeitung". Nach Angaben des Erzbistums ist kein Missbrauchsfall des Priesters aus der Zeit bekannt, in der Ratzinger die Diözese leitete. 1986 wurde der Priester, der bis heute weiter als Geistlicher tätig ist, nach neuerlichen Übergriffen wegen sexuellen Missbrauchs 1986 zu 18 Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt.
Der Bruder des Papstes: "extrem cholerisch und jähzornig"

Also im Verantwortungsbereich des heutigen Papstes geschahen derartige Dinge. Und die Gemeinde Bad Tölz ist hochgradig empört, daß dieser Priester derzeit immer noch in ihr tätig ist. Empörung gegen den Papst in der Papst-treuesten Region Deutschlands! Man hört die Glocken klingen im Vatikan! Denn ebenso stark in Mißkredit geraten ist inzwischen der Bruder des Papstes (Oberösterr. Nachrichten, 13.3.10):

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete, Missbrauch bei den weltbekannten Regensburger Domspatzen, die Papst-Bruder Georg Ratzinger von 1964 bis 1994 leitete, habe es bis in die 90er Jahre hinein gegeben. Bisher ging es dort um Vorwürfe aus den 50er und 60er Jahren. Ein Ex-Schüler sagte, er sei in dem Internat bis 1992 von älteren Schülern vergewaltigt worden.

In der Wohnung eines Präfekten sei es zu Verkehr zwischen Schülern gekommen. Ratzinger habe er als "extrem cholerisch und jähzornig" erlebt. Vor ein paar Tagen hatte Ratzinger gesagt, von sexuellem Missbrauch nichts mitbekommen zu haben. Er bereute, früher geschlagen zu haben.
Was werden wir wohl bald noch an "Reue" von Seiten des Papstes selbst zu hören bekommen. Denn auch in Irland brodelt es hochgradig weiter:
Unterdessen gab der Vatikan bekannt, dass ihm 3000 Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aus den vergangenen 50 Jahren bekannt seien. Bei 300 davon handele es sich um pädophile Übergriffe, sagte Charles J. Scicluna von der Glaubenskongregation der Bischofszeitung "Avvenire". Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte die katholische Kirche und andere betroffene Institutionen auf, umfassendes und belastbares Zahlenmaterial zur Aufklärung von Missbrauch vorzulegen.
Hurra! - Jesuiten werden zu "Befreiungstheologen" in Deutschland

Zur gleichen Zeit versuchen sich offenbar die Jesuiten auf einem ganz anderen Gebiet in ein positives Licht zu rücken, in dem man sie bislang jedenfalls noch nie wahrgenommen hatte. Und auffälligerweise auch nicht gerade in einem "Kernland des Katholizismus", sondern in einem "Missionsgebiet" (Thüring. Landesztg., 14.3.10):
Es leben viele Menschen weit unter ihren Verhältnissen: Das sagte bei seiner gestrigen Weimarer TLZ-Rede der Jesuit Friedhelm Hengsbach. Damit zielte er nicht nur auf die Ärmsten, er meinte uns alle, die wir es - den Verhältnissen in einer kapitalistischen Arbeitswelt geschuldet - nicht schaffen, ein wahrlich gelingendes Leben zu führen. Partnerschaft, Familie, soziales Engagement - es bleibt so vieles auf der Strecke, weil wir dauernd in Hast und Eile sind. Getrieben von einem System, das als einigermaßen menschenfeindlich betrachtet werden darf. Hengsbach fordert die grundlegende Gleichheit und spricht von Menschenrechten, die es zu verwirklichen gelte. Er fordert Gerechtigkeit unter den Menschen und einen radikalen Eingriff in die Finanzwelt. Die Politik sei gefordert, Systemfehler zu überwinden. (...)

Eine andere Gesellschaft also. Eine wahre Demokratie. Das erfordert mutige Politiker. Politiker, die sich nicht nur dem Alltagsgeschäft widmen. (...) Aber ließe sich daneben nicht tatsächlich Grundlegendes entwickeln? Hengsbach hat diese Hoffnung geweckt - und viele Zuhörer haben ihm nach seiner TLZ-Rede gesagt, dass nun Handeln erforderlich sei. Abschied vom ungebändigten Finanzmarkt, Demokratisierung der Wirtschaftsentscheidungen - große Hoffnungen. Die Frage bleibt: Traut Merkel sich zu, die Geldmacht zu bändigen?
Warum gerade jetzt? Warum erst jetzt? Oder hatte man da vieles an Positivem bislang übersehen? Diese Äußerungen muten ja geradezu so an, als ob dieser Jesuit Hengsbach - endlich einmal? - diesen Blog sehr gründlich gelesen hätte! Etwa ein weiterer Cioran-Anhänger unter den Lesern dieses Blogs? ;-) (Scherz beiseite ...) (s.a. OTZ, 14.3.)

Aber immer noch hochgradig unfreie Menschen in Deutschland: katholische Kirchenbedienstete

Und in der österreichischen Presse schreibt ein Cornelius Hell (Die Presse, 12.3.10):
Die katholische Kirche als Ganzes müsste sich ändern; sie müsste öffentlich eingestehen, dass so ziemlich alles, was sie in den vergangenen Jahrhunderten zum Thema Sexualität von sich gegeben hat, obsolet ist. Es halten sich ohnedies selbst die innersten Kernschichten schon lange nicht mehr daran: Ein Großteil der nicht homoerotisch veranlagten Priester hat eine Partnerin, und selbst Theologen und kirchliche Angestellte kümmern sich kaum um das Verbot vorehelicher Sexualität, von der absurden Verurteilung einer „künstlichen“ Empfängnisverhütung ganz zu schweigen. Ich habe noch immer viele Freundinnen und Freunde im katholischen Milieu, kenne aber niemanden, der die Idiotien der Päpste gutheißt, wenn sie in Afrika (und selbst den Aidskranken) Kondome verbieten wollen. Doch wenn sie beruflich für die Kirche arbeiten, dürfen sie das nicht sagen.
Wer für die Kirche arbeitet - und sei es nur als Religionslehrer - hat keine Meinungsfreiheit mehr. Er hat keine Handlungsfreiheit mehr. Unglaublich. Und das im 21. Jahrhundert in Deutschland. Ist das überhaupt mit den Menschenrechten, mit der deutschen Verfassung und mit dem deutschen Strafgesetzbuch vereinbar? Wie kann man von jemanden, der innerhalb der Kirche seine Untergebenen so behandelt, jemals in der Geschichte erwarten, daß er freiheitlichen Geist in der Gesellschaft fördern würde?
Der Zwang, die eigene Meinung und die eigene Lebensform verstecken zu müssen, ist der eigentliche Schaden der rigorosen Sexualverbote. Die Lust konnten die allgegenwärtigen Verbote nämlich auch dann im katholischen Milieu nie ganz unterdrücken, als sie noch eine Wirkung hatten. (...)

Wer finanziell von der Kirche abhängig ist, wird oft zum Versteckspiel gezwungen: Priester müssen ihre Geliebten verstecken, wenn sie nicht die berufliche Existenz verlieren wollen; Religionslehrerinnen und Religionslehrer können sich gerade noch scheiden lassen, aber wenn danach eine Beziehung publik wird, sind sie ihren Job schnell los. Und vor allem dürfen sie allesamt nicht laut sagen, was sie über die kirchlichen Sexualvorstellungen denken.
Meinungsterror ist das. Was denn eigentlich sonst? Aber noch mehr.

Das Spitzel- und Verleumdungssystem der katholischen Kirche
Schon gar nicht die Theologen. Unter Johannes Paul II. ist nicht nur das Spitzel- und Vernaderungs-[=Anschwärzungs-]System ausgebaut worden: Wer heute (an staatlichen Fakultäten!) Theologieprofessor werden will, wird oft gezwungen, zu einem bestimmten Thema eine von Rom erwünschte Meinung zu publizieren; tut er es nicht, kann er seine akademische Karriere vergessen. Kein Wunder, dass in diesem Klima die Moraltheologie der kirchlichen Lehrmeinung nicht zu widersprechen wagt. So ändert sich trotz aller Ombudsstellen und öffentlichen Büßermienen nichts an dem System, das den sexuellen Missbrauch Abhängiger systematisch und aus sehr verständlichen Gründen gefördert hat. (...) Wo die Kirche als Arbeitgeber noch etwas zu sagen hat, bleibt die Doppelmoral.
Die größte transnationale Schwulenorganisation, genannt katholische Kirche

Und für den Jesuiten und Psychotherapeuten Hermann Kügler (im "Spiegel")
ist die katholische Kirche die "größte transnationale Schwulenorganisation".
Wie sie wohl aus diesem ganzen Schlamassel wieder herausfinden, diese ... "Wache gegen den Traum vom neuen Menschen", diese "Wache", dieses "Stoppschild", dieser "Wegweiser" gegen .... "Querfeldein-Laufen". Dabei gibt es immer mehr, die tun nichts lieber als das. Und finden dabei so viel mehr als innerhalb von: ... Kirchen.

Freitag, 12. März 2010

2008 in Moskau brutal ermordet: Der oberste Jesuit Rußlands

"Unter der Fahne des Kreuzes Gott Kriegsdienste leisten ..."

Jahrhunderte lang lautete das Motto des Jesuitenordens so außerordentlich militant: "Unter der Fahne des Kreuzes Gott Kriegsdienste leisten." Ist das für den Jesuitenorden heute, wo er oft so aufgeklärt und "modern" daher kommt, ein veraltetes Motto? Ereignisse in Rußland und Reaktionen von Jesuiten in Deutschland und weltweit auf diese lassen das mehr als zweifelhaft erscheinen.

Ermordet im Kampf für den "rechten Glauben"

Im August 2008 ist der oberste Jesuit in Rußland, der sogenannte "Provinzial" des dortigen Jesuitenordens, ein Herr Otto Messmer SJ (1961 - 2008) (Kathpedia)(siehe Foto links), in Moskau brutal ermordet worden. Dies geschah noch am selben Tag, an dem dieser gerade erst von seinem Besuch in Deutschland nach Moskau zurückgekehrt war. Denn es bestehen engste Kontakte zwischen den Jesuiten in Rußland und den Jesuiten in Deutschland. Otto Messmer selbst stammt aus einer rußlanddeutschen Familie, die zu größten Teilen nach Deutschland zurückgekehrt ist. Dieser Mord im Jahr 2008 war also etwa so, als ob in Deutschland der Ordensobere Stefan Dartmann, bzw. sein Nachfolger Kiechle brutal ermordet werden würden. Und dennoch hat man darüber so wenig in den großen Medien gelesen?

Ein zweiter Jesuit mit Namen Betancourt war schon zwei Tage zuvor in derselben Moskauer Jesuiten-Wohnung, gelegen in der Nähe des Kreml, brutal ermordet worden. Er stammte aus Ecuador und stolz auf seine Abstammung aus einer ecuadorianischen - - - Konquistadoren-Familie. Also auf seine Abstammung von Gewaltbekehrern im Dienste des römischen Papstes (nur als Beispiele: Good Jesuit; Good Jesuit, 25.8.09, a, Good Jesuit, 29.8.09, Katholisches.info, 11.11.09, a).

"Der Vorfall wird von russischer Seite auf höchster Ebene behandelt."

Selbstverständlich stellte sich danach die Frage, wer denn für diese brutalen Morde verantwortlich ist. Und in welchem Zusammenhang sie gesehen werden müssen. "Radio Freies Europa" und auch die Jesuiten in Deutschland, Rom und weltweit fragten sich, ob diese Morde - und auch andere Morde an katholischen Priestern in Rußland - in Zusammenhang stehen könnten mit offenbaren Machtkämpfen zwischen der katholischen Kirche und der russisch-orthodoxen Kirche in Rußland (Katholisches.info, 30.10.08):
(...) Der Vorfall wird von russischer Seite auf höchster Ebene behandelt. Die Administration des russischen Präsidenten habe sich eingeschaltet, sagte Pater Kowalewski.
Das religiöse Leben in Russland wird von der russisch-orthodoxen Kirche dominiert. Das Moskauer Patriarchat hatte sich mehrfach gegen eine missionarische Tätigkeit der katholischen Kirche ausgesprochen. Jedoch habe gerade Messmer durch seine bescheidene Art und intellektuelle Redlichkeit ein besonders gutes Verhältnis zum orthodoxen Patriarchen gehabt, so (Jörg) Basten (Sprecher von Renovabis).
Auf "Renovabis" werden wir noch zu sprechen kommen. In Rußland jedenfalls zeigt sich jedenfalls vieles wesentlich offener, unverfrorener, "ehrlicher" als in anderen Staaten der Erde. (Rechts der Patriarch Alexei II. von Moskau, gestorben 2009.) Die zahlreichen Morde an Regimegegnern in Rußland, von denen die herrschende Klasse profitiert, sind ja ansonsten auch im Westen einigermaßen bekannt. Aber könnte sich hier nicht auch der unglaubliche Machtwille der Priesterkaste der katholischen Kirche und der Priesterkaste russisch-orthodoxen Kirche andeuten, deren Konkurrenz in der Tat Jahrhunderte alt ist? Warum läßt es die katholische Kirche nicht einfach bleiben, wenn es so lebensgefährlich ist, in Rußland missionarisch tätig zu sein? "Muß" man denn missionieren? - ?

"Pogromstimmung gegen christliche Gruppierungen" ...

Und da ist es dann schon außerordentlich auffällig, wenn auch aus der vormaligen "letzten Bastion vor Moskau", wie sie in früheren Jahrzehnten genannt wurde, also wenn aus dem Berliner jesuitischen Canisius-Gymnasium, 2008 von dem im Jahr 2010 so deutschlandweit bekannt gewordenen Rektor Mertes, der so gerne "aus Loyalität widerspricht", außerordentlich glaubenskämpferische Töne hörte. Töne, die nicht gerade in einem Geist loyalen Widerspruchs zum Vatikan formuliert zu sein scheinen - sondern ganz im Gegenteil (FAZ, 8.11.08):
In der Einladung zur Berliner Mahnwache schrieb Klaus Mertes, der Rektor des vom Jesuitenorden geführten Berliner Gymnasiums Canisius-Kolleg, in Russland richte sich zunehmend eine Pogromstimmung gegen christliche Gruppierungen, die nicht zur Orthodoxie gehörten. Sie seien auch von staatlicher Seite Behinderungen und Verleumdungen ausgesetzt. Mertes forderte die russische Regierung auf, sich diesem antiökumenischen und fremdenfeindlichen Denken erkennbar entgegenzustellen.
(...) Mertes hält es nicht für ausgeschlossen, dass der Hintergrund für die Morde die wachsende Unduldsamkeit in Russland gegen alle Nicht-Orthodoxen sei.
Das einfachste wäre doch in dieser Situation gewesen, seine glaubenskämpferischen Patres schlichtweg aus Moskau und Rußland abzuziehen und den aggressiven russisch-orthodoxen Priestern dort das Feld zu überlassen - anstatt sich weiter ermorden zu lassen. Wie aber reagieren die Jesuiten in Rußland, in Deutschland und weltweit? Stattdessen spricht der sonst so "liebevolle" und "verständnisvolle" Mertes sehr aggressiv von: "antiökumenischem Denken". Nein, wie wir gleich sehen werden, werden die beiden Mordopfer vom Jesuitenorden sogar als "Märtyrer des Glaubens" gefeiert, denen man nacheifern soll. Wer solche Kämpfer erzieht, wie kann der zugleich ehrliches Verständnis aufbringen für die "Zimperlichkeiten" und "Sensibilitäten" der deutschen Öffentlichkeit bei der Begehung von Seelenmord an Schülern des Canisium-Gymnasiums, die sich nicht wehren konnten und können?

... oder "aggressive (Re-)-Katholisierung"?

"Radio Freies Europa" macht insbesondere auf die Tatsache aufmerksam, daß die beiden ermordeten Jesuiten in Rußland um Nachwuchs warben, der selbst gar nicht katholisch war. Der Sender spricht von "aggressivem Proselytismus", also von "aggressiver (Re-)Katholisierung", die ja auch einem ecuadorianischen "Nachkömmling von Konquistadoren" wie auf den Leib geschnitten zu sein scheint (Radio Free Europe, 31.10.08):
Might the murdered priests have been involved in "aggressive" proselytism?

Maria Cioccoloni, a Jesuit spokeswoman in Rome, says that for seven years Betancourt handled pastoral relations with Russians who were possibly interested in joining the Society of Jesus. It's unclear what that entailed. "He was doing pastoral work with students and people in the parish, with young people," Cioccoloni says. Asked if those young people were already Catholics, she says, "[They] don't have to be [Catholics] -- they can also be from other religions."

Catholic-Orthodox relations have been rocky since the east-west division of Christianity in 1054. John Paul II, the late Polish pope, had sought to improve ties with the church of his country's giant neighbor, but Russian Orthodox officials never granted his lifelong wish to visit Russia.

In 2004, 300 religious leaders gathered in Russia to pray for strengthening religious tolerance. But tellingly, Catholics were not included among the invited "traditional" religions of Orthodoxy, Judaism, Islam, and Buddhism.

Catholics and other non-Orthodox Christian denominations in Russia have also been victims of past violence. A Slovak priest was killed in 2005 in Bryansk, apparently by robbers, while an American Episcopal priest was killed last August in Moscow. The motives were unclear. Non-Orthodox Christian leaders in Russia complain frequently that the authorities and police often act belatedly to their pleas for protection.
Der Patriarch von Moskau ist gegen einen Rußland-Besuch des Papstes

Man hat das Gefühl: Da wird untergründig doch mit knallharteren Bandagen gearbeitet, als daß so im allgemeinen an die größere Öffentlichkeit dringt (links der derzeitige Patriarch von Moskau, Kyrill). Und zwar von beiden Seiten.

Die beiden ermordeten Jesuiten waren vor allem auch im Rahmen der aus deutschen Kirchensteuer-Mitteln (!) mitfinanzierten Osteuropa-Hilfe "Renovabis" tätig, die nach 1989 von der deutschen Bischofskonferenz zum katholischen Wiederaufbau in Osteuropa (sprich zur "Mission" und Re-Katholisierung) begründet worden war (Abendztg., 29.10.08):
Beide Patres arbeiteten mit Renovabis zusammen. Das Hilfswerk förderte im Jahr 2007 mit 2,6 Millionen Euro verschiedene Projekte in Russland, darunter das von Messmer gegründete Priestervorseminar.
Man achte auf die Wortwahl: "Priestervorseminar". Derartiger Dinge bedarf es also heute, da es immer weniger Menschen gibt, die es sich vorstellen können, katholischer Priester zu werden. Man muß ihnen viele Brücken bauen.

Der Vorsitzende der Russischen Bischofskonferenz nun, also der katholischen, versteht sich, wiederum ein Jesuit, der Bischof Josef Werth aus Nowosibirsk, fand nun anläßlich des Todes des obersten Jesuiten Rußlands und seines ihn beleitenden Konquistadoren-Abkömmlings, sehr, sehr deutliche, sehr glaubenskämpferische Worte. Diese Worte sollte sich jeder Leser auf der Zunge zergehen lassen und im Hinterkopf behalten, wenn er künftig an die Lobbymacht der katholischen Kirche und den Jesuitenorden denkt. Der Jesuiten-Bischof Werth verglich die Ermordeten mit "Märtyrern der Kirche" im Kampf um den Glauben.

Moskauer Patriarch Alexeji ist gegen die Missionstätigkeiten der Jesuiten in Rußland

Man stelle sich die folgende Predigt in ähnlichem Wortlaut im Angesicht der Bestrebungen zur Wiederbekehrung von Protestanten, Heiden und Atheisten in Deutschland vor. - Ist das so undenkbar? - ?? - Josef Werth SJ jedenfalls sagt - und wir bringen den Text zunächst ohne Unterbrechung (Kreuz.net, 30.10.08):
Nach dem Zweiten Weltkrieg ereignete sich in Deutschland eine entsetzliche Tragödie:

Während eines Busausfluges von Novizen der Jesuiten passierte ein Unfall. Das gesamte Noviziat der Jesuiten kam dabei ums Leben.

Diese Tragödie hat die gesamte Kirche in Deutschland erschüttert. Im nächsten Jahr kamen zu den Jesuiten so viele Kandidaten, daß kaum Platz mehr für sie war.
Der Tod der zwei Jesuiten hat den Orden in Rußland und in der ganzen Welt erschüttert.
In letzter Zeit während ihrer Zusammenkünfte, sprachen die Jesuiten immer öfter davon, daß in ihrem Dienst doch mehr das ignatianische Feuer entbrennen muß, daß der apostolische Eifer sich stärker entzünden muß.
Doch wie schwer ist es, dieses Feuer am brennen zu halten.

Heute habe ich bereits mehrmals gehört: Die Jesuiten in Rußland sind ab heute andere Jesuiten.

Aber wir?
Kirche im Tiefschlaf
Vor vielen Jahren kam in Krasnojarsk Pater Jan Fratzkevitz ums Leben – und wir blieben dieselben.

Danach wurde ein Priester in Astrachan umgebracht – und wir blieben dieselben.

Vor zwei Jahren wurde ein alter Priester in der Moskauer Diözese von Heranwachsenden umgebracht – und wir blieben dieselben.

Heute – nach dem Tod von Pater Otto und von Pater Viktor – bleiben wir immer noch dieselben?

Wie viele Opfer braucht es noch, damit die Kirche in Rußland, in Sibirien vom Schlaf erwacht?

Sie lebten und starben
Wir sagen, wir bauen heute auf dem Fundament der Märtyrer des 20. Jahrhunderts.

Aber diese Märtyrer lebten und starben schon vor vielen Jahren. Wer von uns hat sie noch gekannt?

Der Tod der beiden Priester, die wir persönlich kannten, die wir gesehen haben – manche von uns haben vor drei Tagen noch mit ihnen telefoniert – wird dieser Tod uns endlich doch verändern?
Jesuitischer Fanatismus

Das sind schon flammende Worte. Das ist also die Idealvorstellung der Jesuiten: Daß dort, wo ein Jesuit oder ein Novize stirbt, die "gesamte Kirche" so erschüttert ist, daß zehn neue Novizen an ihrer Stelle ihnen zuströmen. Offenbar ist es damit in Rußland noch nicht gar so weit ...

Und man lese den Text genau: Die Jesuiten selbst müssen nach ihm gar nicht wachgerüttelt werden. Sie sagen sofort: "Die Jesuiten in Rußland sind ab heute andere Jesuiten." Nein, sie aufzurütteln, ist nicht nötig. Aber die restliche katholische Kirche, darum geht es in dieser Predigt. Aus all dem kann man ablesen: Die Jesuiten stehen nicht nur in Rußland, sondern auch sonst hellwach auf ihrem Posten, sind je nach Erfordernis sofort "andere", wenn es darum geht, zu "anderen" werden zu müssen.

Ist die Kirche im Tiefschlaf?, fragen die Jesuiten in Rußland und klagen sich selbst des Schlafes nicht an ...

In Deutschland hat man sich noch vor wenigen Wochen darüber lustig gemacht, daß die russisch-orthodoxen Bischöfe mit einer Bischöfin Käßmann nicht auf Augenhöhe sprechen wollten (Pelzig 5'45). - Daß aber die Kabalen zwischen den verschiedenen Priester-Kirchen nicht nur so harmloser Natur sein brauchen, daß man sich im Kabarett darüber lustig machen könnte - wer hätte das gedacht? Da würde dem guten Herrn Pelzig wohl jeder Scherz im Halse stecken bleiben!
Natürlich: In der ehemaligen Sowjetunion werden Regimegegner, regimekritische Journalisten, (falschgläubige) Tschetschenen jeden Alters, jeden Geschlechtes und jeden beruflichen Hintergrundes am laufenden Band "fröhlich" ermordet im Auftrag unbekannter Hintermächte. Oder allzuoft im Auftrag viel gut bekannter Hintermächte. - Darüber eben können die hier behandelten Morde "etwas anderen Charakters" leicht übersehen werden - und zumal die Reaktionen innerhalb des Jesuitenorden und innerhalb der katholischen Kirche auf diese. Morde, die geradezu so anmuten, als wären sie im Zusammenhang Mafia-Kabalen in Süditalien geschehen. Aber es handelt sich um eine Konkurrenz von ganz anderen totalitären Priesterkasten, auf ganz anderer Ebene.


Im äußerlich "zivilisierteren" Mitteleuropa gehen diese Konkurrenzkämpfe möglicherweise - äußerlich - etwas "zivilisierter" vor sich. Rekatholisiert wurde zwar 1945 im Zusammenhang mit der größten Bevölkerungsumsiedlung der Weltgeschichte auch was das Zeug hielt. Das fiel aber außer dem Journalistenehepaar Runge ("Nicht nur die Steine sprechen deutsch") den wenigsten besonders auf.

Doch zeigte auch in Deutschland jüngst der Fall des prominentesten protestantischen Theologen unserer Zeit, von jenem --> Klaus Berger, der Zeit seines Lebens im Geheimen papsttreuer Katholik geblieben ist und als solcher "Kryptokatholik" von Protestanten ganz offen in der FAZ die "Unterwerfung unter den Papst" gefordert hat - und all das mit stillschweigendem Wissen des heutigen Papstes -, daß auch hier in Deutschland mit weitaus härteren Bandagen "gekämpft" wird, als dies nach außen hin oft sichtbar wird.

Manchmal werden Dinge nur sichtbar, wenn sie der betreffende von sich aus sichtbar macht, so wie Klaus Berger dies kurz vor seiner Emeritierung gemacht hat, sicherlich ebenfalls mit so manchem Kalkül.

"Der apostolische Eifer muß sich stärker entzünden" - unter Katholiken, nicht unter Jesuiten

Fragen stellen sich da sogar, in welche Kategorie eigentlich die Umstände des Rücktritts von Frau Käßmann  - nämlich kurz vor der Bischofskonferenz in Freiburg - fallen.

Angesichts all solcher Dinge ist es vielleicht nicht mehr ganz so weit von den Verhältnissen in Deutschland zu den Verhältnissen in Rußland, mit denen der deutsche Katholizismus und der deutsche Jesuitenorden personell und materiell in sehr, sehr engem Zusammenhang steht. Mit vom deutschen Staat erhobenen Kirchensteuern wird von Deutschland aus (etwa durch "Renovabis", s.u.) die Rekatholisierung Rußlands betrieben (!). Eigentlich unglaublich für sich!

- Hat sich eigentlich in den letzten 400 Jahren in der katholischen Kirche und im Jesuitenorden etwas grundlegender geändert? Warum geradezu diese "Getriebenheit", in Rußland missionieren zu wollen? Und ähnliches wird sicherlich auch von den ostasiatischen Staaten zu sagen sein, die ähnlich ein Schwerpunkt der gegenwärtigen Arbeit des Jesuitenordens und des Vatikans darstellen, wie schon in früheren Beiträgen dargestellt.

Im Jahr 2011 endlich gibt Jesuitenpater Mertes sogar im "Spiegel" zu, daß sexuelle Gewalt im Jesuitenorden "systematisch" geschehen ist, und daß der Jesuitenorden eine Gewalt-"Täterorganisation" (gewesen?) ist. Und niemand zieht daraus die konsequente Schlußfolgerung und verbietet diese verbrecherische Organisation und zieht ihr Vermögen vollständig ein, um damit die Geschädigten, die Überlebenden seiner sexuellen Gewalt zu therapieren und zu "entschädigen"?

Die Gefahr des religiösen Fanatismus des Jesuitenordens kann man wohl gar nicht unterschätzen

Mit diesem Beitrag sollte jedenfalls darauf hingewiesen werden, daß der Jesuitenorden keineswegs politisch, religiös, wirtschafts-, kultur- oder bildungspolitisch so harmlos ist, wie er sich gerne unter gutgläubigen, ja, naiven Europäern und Deutschen darzustellen beliebt. Wer sieht, wie glaubenseifrig die Jesuiten im atheistisch gewordenen Rußland für die katholische Religion kämpfen, ja, kämpfen, und dabei den Märtyrermord gerne in Kauf nehmen, der wird noch manches andere für möglich halten auch in ganz anderen "Arbeitsbereichen" und Ländern.

Etwa wird dadurch der Vorwurf von protestantischen Freikirchen in den USA schon etwas glaubwürdiger, Jesuiten würden sich in ihre Reihen einschleichen, würden sogar Frauen heiraten, Pfarrer der Gemeinden werden, um diese zu zerstören und von ihrer Ablehnung der ökumenischen Bewegung abzubringen. (Siehe etwas das Video von 1990 "Jesuit Infiltration of America", in dem viele derartige Stimmen und Erfahrungen gesammelt sind.) Jedenfalls: Die Gefahr des religiösen Fanatismus des Jesuitenordens wird man wohl nicht leicht unterschätzen können, wenn man zusätzlich noch in Anschlag bringt, wie viele einflußreiche Persönlichkeiten in Medien, Wirtschaft und Politik Jesuitenschüler gewesen sind: Thomas de Maziere, Josef Ackermann und so allerhand sonstige Verblödungsfuzzi's im Sacro-Pop-Fernsehen.

(Text neu gegliedert und überarbeitet: 13.9.2011)

Gehorsamspflicht bei Jesuiten

"Der Teufel war zu Besuch bei uns"

Der österreichische Künstler, Sänger und Schauspieler André Heller (geb. 1947) war Schüler am Jesuiteninternat Kalksburg bei Wien - ebenso wie der gefeierte Schriftsteller Daniel Kehlmann. Auch in der zum Teil jüdischen Herkunft scheinen sich Jesuitenschüler wie Kehlmann, Heller und Abrantes Ostrowski zu ähneln. Heller nennt seine Zeit am Jesuiteninternat "Kinderinquisition" (Standard, 10.3.). Man fragt sich, warum hört man das von solchen prominenten Leuten erst so spät? Hätten sie nicht viel verhindern können, wenn sie früher so in der Öffentlichkeit über den Jesuitenorden gesprochen hätten?
Damals, als die Missbrauchsfälle aufflogen, sei der Generalpräfekt erschienen und habe erklärt: "Der Teufel war zu Besuch bei uns." Alle Betroffenen sollten sich melden. Dann sei es lediglich zu "jesuitischer Selbstjustiz" gekommen. Hilfe für Opfer, etwa durch Psychologen, gab es laut Heller damals nicht.
Also schon um 1960 gab es im Jesuitenorden intern ein Vorgehen gegen Kindesmißbrauch - zumindest in Österreich. Aus Deutschland hat man darüber noch gar nichts gehört. Aber welcher Art war dieses Vorgehen? Wurde es etwa gar zur Vertiefung des katholischen Aberglaubens an Teufel benutzt? Das würde die These des letzten Beitrages auf recht ungewöhnliche Art bestätigen. Der Mißbrauch wäre dann vom Jesuitenorden gleich in zweierlei Art "genutzt" worden, nämlich einmal in direkter Schwächung der seelischen Abwehrkräfte der Kinder, die da der "Inquisition" (nach dem Wort Hellers) unterworfen wurden, und zweitens zur Vertiefung des abergläubischen Teufelsglaubens. Und dann folgt ein merkwürdiger Ratschlag:
Heller riet Opfern, über das Geschehene zu sprechen - wenn auch nicht notwendigerweise an die Öffentlichkeit zu gehen.
Nirgendwo schienen sich Mißbrauchsopfer besser therapieren zu können als auf dem Blog Spreeblick - in der Öffentlichkeit. Und nirgendwo kann man besser künftiges Unheil verhindern, wenn öffentlich darüber geredet wird. Scheint das Heller immer noch nicht klar zu sein? Will er solche Dinge immer noch "intern" geregelt wissen?

Im Standard finden sich übrigens eine Fülle --> weiterer Berichte über die derzeitig inflationär anwachsende Mißbrauchs-Debatte in Österreich.

Die Gehorsamspflicht bei Jesuiten: sehr selbständig geht es dort zu

Was hat sich seit Jahrhunderten am Jesuitenorden geändert? In einem Bericht über den jüngst diplomierten katholischen Mathematiker Thomas Albers, der in Frankfurt am Main in einem "Schnupperkurs" bei dem dortigen Jesuitenpater Lutz Müller überlegt, ob er Jesuit werden soll (FAZ, 18.2.10), heißt es:
... „Der Zölibat wird immer so hochgehängt.“ Er (Albers) hält die Pflicht zum Gehorsam für die schwierigere Bürde. Denn Jesuit zu sein bedeute auch: Man darf zwar einen Berufswunsch haben. Albers interessiert sich etwa für das Engagement des Ordens in Afrika oder sieht sich als Lehrer. Aber es gibt keine Garantie dafür, je auf diesen Feldern zu arbeiten. Vorgesetzte entscheiden, wer wo der Gemeinschaft am besten dient.
- "Vorgesetzte entscheiden, wer wo der Gemeinschaft am besten dient ..." - Da ist also offenbar ganz schön viel Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung möglich in diesem Jesuitenorden. Da werden also offenbar frei und unabhängig aus sich selbst heraus entscheidende Staatsbürger, "Menschenkinder" und Priester herangebildet. - Aber durch den jüngsten Skandal rund um die Jesuiten sind auch Interessent Thomas Albers und ein weiterer Teilnehmer des Schnupperkurses etwas zweifelnd geworden, laut FAZ:
Besonders aufgewühlt haben sie die Taten des Mannes, der in derselben Wohngemeinschaft wie Pater Müller zu Hause ist. Sie kennen ihn und haben gemeinsam an einem Tisch gegessen. Albers sagt: „Man muss sich überlegen, dann lebt man vielleicht mit Leuten zusammen, die entsprechende Fehler begangen haben in der Vergangenheit - möchte man das?“ Am letzten Gruppenabend haben sie lange mit ihrem Pater über das Thema gesprochen, sehr offen und ehrlich, so Albers. Der Pater selbst sagt: „Die Situation zerreißt einen. Wie gestaltet man das tägliche Frühstück?“ (...)
Gut. Man könnte auch vorschlagen, mal die eigenen Oberen anzuklagen, daß die ihre Mitpater - offenbar - nie über Mißbräuche anderer Pater informiert haben, obwohl sie doch laut Pflicht zur Gewissensrechenschaft darüber Bescheid wissen müssen. Der Pater sollte also mal seine Oberen fragen, warum die ihn mit dem so lange haben frühstücken lassen, ohne bestimmte Dinge mitzuteilen ....

Donnerstag, 11. März 2010

Die Kirche und der Jesuitenorden sind kriminelle Vereinigungen

Fortschrittliche Katholiken fordern grundlegende Reformen der katholischen Morallehre

Das Thema sexueller Mißbrauch in der katholischen Kirche geht jetzt breit durch das Fernsehen und durch Fernseh-Gesprächsrunden. Man kann dies als einen Reinigungsprozeß begreifen. Eine Auswahl: Ein schon fast veraltet wirkendes Interview mit dem katholischen Theologen Hermann Häring auf 3Sat, 5.2.10. Das WDR Spezial vom 21.2.10 mit Interviews mit zahlreichen Kirchenangestellten. Diese Sendung von Martin Bachmann wurde hier auf dem Blog schon behandelt.

Die sehr emotionale Sendung von Frank Plaßberg, 24.2.10 parallel zur Bischofskonferenz in Freiburg mit dem Hamburger Bischof H.J. Jaschke, dem Vatikan-Verteidiger A. Englisch, dem Ex-Jesuiten-Schüler und -Novizen Heiner Geisler, der TAZ-Redakteurin B. Mika und dem Mißbrauchsopfer Norbert Denef. Der fortschrittliche Katholik Heiner Geisler beispielsweise verlangt die Abschaffung des Zölibats und eine grundlegende Reform der katholischen Morallehre. So auch in der nächsten Sendung. In allen Sendungen wirken die jeweiligen Bischöfe am unglaubwürdigsten, vertreten die schrillsten Positionen, ebenso die diese noch verteidigenden statt kritisierenden "Katholiken".

Dies setzt sich nämlich dann fort bei Sandra Mischberger, 9.3.10 wieder mit dem Ex-Jesuiten-Schüler und -Novizen Heiner Geisler, der zum Katholizismus konvertierten Journalistin M. von Welser, dem Salzburger Bischof A. Laun, der rechtskonservativen Katholikin Gaby Kuby, dem Mißbrauchsopfer bei den Regensburger Domknaben F. Wittenbrinck. Auch hier fordern fortschrittliche Katholiken grundlegende Reformen, denen sich eine solche rechtskonservative Katholikin wie Gaby Kuby mit haarsträubenden Argumenten entgegenstellt. Auch hier ist es das Mißbrauchsopfer selbst, das das klarste und glaubwürdigste Urteil hat.

Heute spricht Maybritt Illner, 11.3.10 mit Jesuitenschüler Miguel Abrantes Ostrowski, dessen Buch wir hier auf dem Blog gerade behandelt haben, mit Sabine Leutheuser-Schnarrenberg, Bischof Stefan Ackermann, Alice Schwarzer, Stefanie von und zu Guttenberg. Abrantes Ostrowski kritisiert hier sowohl den Jesuitenorden und die katholische Kirche, so wie man es eigentlich auch schon in seinem Buch hätte erwarten können. Allerdings findet man eine solche ausgesprochene Kritik in diesem Buch nicht. Auch dieser Umstand ist einigermaßen bemerkenswert.

Die Mißbrauchsopfer selbst haben das klarste Urteil über alle Erscheinungen in der Kirche

All das zeigt jedenfalls, daß die öffentliche Diskussion derzeit immense Fortschritte macht. Natürlich besteht allmählich die Gefahr des Zerredens. Aber wofür die Öffentlichkeit bislang Jahre und Jahrzehnte brauchte, dafür braucht sie derzeit nur noch Tage. Was sagt da etwa ein Jesuit am 9.3. im "Spiegel":
Die katholische Kirche ist keine kriminelle Vereinigung.
Noch vor zwei Wochen hätte er eine solche Vermutung im "Spiegel" nicht zurückweisen müssen. Wenn die nun sogar ein Jesuit im "Spiegel" in ruhiger, gar nicht einmal empörter Weise zurückweist, nun, dann weiß man eines:

Ja. Die Kirche ist eine kriminelle Vereinigung. Der Jesuit mit Namen Johannes Siebner (siehe Bild rechts - die Ähnlichkeit seiner Physiognomie mit der des Herrn Klaus Mertes, bzw. so vieler Jesuiten heute untereinander wäre noch einmal gesondert betrachtensswert) sagt:
Zwischen den Tätern selbst gibt es wohl keine Verbindung oder Verabredung, jedenfalls nicht bei den Fällen am Berliner Canisius-Kolleg und bei uns in St. Blasien.
"Wohl keine Verbindung"? Da sagt er eine kleine Wahrheit, um eine große Lüge auszusprechen. Die Täter mußten alle entsprechend der Ordnung ihres Ordens Gewissensrechenschaft ablegen gegenüber ihren Oberen innerhalb des Ordens. Sie mußten sich völlig vor ihren Oberen "entblößen" für diese Gewissensrechenschaft bis in die tiefste Seelenregung. Sie müssen sich gegenseitig überwachen, kontrollieren und alles übereinander an die Oberen melden. Daß da den Oberen nichts von den Mißbrauchsfällen bekannt gewesen sein soll, das können die Jesuiten anderen erzählen. Das wissen sie selbst am besten, daß es so nicht war und nicht ist.

Würde die Ordensoberen erst jetzt über all diese Mißbrauchsfälle erfahren, dann hätten diese Pater etwas gegenüber dem Orden verheimlicht, was per se gemäß der Regeln dieses Ordens eine Sakrilegsverletzung ist. Es wäre ein Grund, intern über diese Pater empört zu sein. Aber das ist ja gar nicht nötig und davon hört man auch nirgends. Die Disziplin und der Gehorsam laufen doch reibungslos in diesem Orden, in dieser "Avantgarde" der katholischen Kirche.

Gewissensrechenschaft und gegenseitige Kontrolle

Nein, es ist genau umgekehrt: Die Tatsache, daß solche Mißbrauchs-Pater immer wieder und immer weiter in der Jugenderziehung eingesetzt wurden, zeigt, daß die Oberen der Meinung waren, daß derartiger Mißbrauch den Schülern "gut" tut. Im jesuitischen Sinne. Und dem Orden auch. Natürlich beides nur so lange, so lange niemand Außenstehender davon etwas erfährt und so lange es darum nicht zu viel "Lärm" gibt, der dem Orden schaden könnte. Sonst hat der Orden natürlich ein Problem bezüglich der Aufrechterhaltung seiner totalitären Strukturen in einem demokratisch-freiheitlichen Umfeld.

Aber der Orden weiß auch: die Wellen schlagen gewöhnlicherweise kurz hoch und dann verlaufen sie sich wieder. Und der Orden kann sein "Jahrtausend-Werk" an ihm untergebenen Kinderseelen, die ihm hörig werden sollen, weiter betreiben, vielleicht ein wenig "modizifiert", angepaßt an modernere, weniger dem totalitären Geist des Ordens angepaßte Zeiten. Noch besser getarnt als bisher. - Ja, der Jesuit weiß, worum es jetzt geht:
Die Opfer selbst sehen sich nicht nur als Opfer einzelner Täter. (...) Die Erfahrung der Opfer besteht darin, dass zum Missbrauch nicht nur die Missbrauchstat gehört, sondern auch das Wegschauen in der Institution.
Ja. Es ist aber nicht nur ein Wegschauen in der Institution. Es ist ein bewußtes Weiterbeschäftigen betroffener Pater in der Jugenderziehung, weil man der Meinung ist, daß diese es gerade richtig machen.

Und jetzt will der Jesuit Schul-Strukturen verändern. - Und Ordensstrukturen? Darf man fragen, was Orden in der Jugenderziehung zu suchen haben, die die totale Gewissensrechenschaft gegenüber ihren Oberen pflegen und dennoch - oder gerade deshalb? - nicht fähig sind, auf Mißstände unverzüglich zu reagieren, was zeigt, daß Mißstände für sie gar keine Mißstände sind, sondern Zustände mit positiven Folgewirkungen: Die Schüler werden hörig und seelisch abwehrarm gemacht gegenüber denen, die sie mißbrauchen. Das hat Jahrhunderte lang geklappt - warum sollte es nicht weiter klappen?

Es besteht durchaus ein sehr dringender Verdacht, daß wir es hier mit einer kriminellen Vereinigung, mit einer Psychosekte zu tun haben, die schlichtweg verboten gehört.

Mittwoch, 10. März 2010

Gelenkte Demokrat/ur in Rußland - Der Unmut wächst

Sarah Reinke von der "Gesellschaft für bedrohte Völker" schreibt viele wichtige, wesentliche Beiträge, auch auf dem Berliner Blog der GfbV. Den folgenden wollen wir einfach vollständig übernehmen, weil er uns so bedeutsam erscheint:

Starker Auftritt: Russischer Altrocker wettert gegen System Putin

Mit wem kann man Juri Schewtschuk und die Gruppe DDT in Deutschland vergleichen? Viel härter und politischer (immer gewesen) als Grönemeyer, als die Toten Hosen oder BAP, Kult seit vielen Jahren, so genannte Altrocker, die weiter einen großen Fankreis haben. DDT hat am 7. März in der Moskauer Olympiahallte ein Konzert gegeben. Vier Minuten lang hat sich Schewtschuk zwischen zwei Songs über die von Putin geprägte Politik in Russland empört. Aus dem Publikum kam lautstarkter Zuspruch.

“Das System, das in unserem Land aufgebaut wurde, ist brutal, unmenschlich und gewalttätig. Die Menschen leiden, nicht nur in den Gefängnissen und Lagern, auch in Waisenhäusern und Hospitälern. So viele Bastarde fressen sich an der Macht voll. Sie rauben uns aus, überfahren uns auf den Straßen. Niemand wird für die Verbrechen zur Rechenschaft gezogen!”

Wer einen Eindruck vom Originalausbruch Schewtschuks erhalten will, sollte sich das Video anschauen!

Zwar ist Schewtschuk als Putin-Kritiker bekannt, dieser Auftritt vor riesigem Publikum mitten in Moskau ist jedoch einmalig. Der Frontmann von DDT versucht, andere Künstler und Musiker auf seine Seite zu ziehen – mit Erfolg, manche haben sich schon angeschlossen.

Demonstrationen in vielen Orten, gefrustete Polizisten, unzufriedene Arbeiter, Märsche der Dissidenten und unangemeldete Demos – bekommt der Kreml endlich den Ärger, den er verdient? Die soziale Misere in Russland ist riesig, sie könnte sich für die Machthaber als gefährlich erweisen. So hoffen wir jedenfalls!

Bekommt der Kreml endlich den Ärger, den er verdient, und den ihm die feigen westlichen Staatsmänner und - frauen, darunter Angela Merkel und ihr Amtsvorgänger Gerhard Schröder, und mit ihnen ein großer Teil der westlichen "Intelligenzia" nicht verschafft haben? Muß es immer erst den Schwächsten der Gesellschaft so schlecht gehen, daß sie keinen anderen Ausweg mehr wissen?

- Bekanntlich hat es vor knapp einem Monat im heute von Russen bewohnten nördlichen Ostpreußen, in Königsberg, russisch Kaliningrad, ebenfalls Proteste gegen die Putin-Regierung gegeben, die die "Neue Züricher Zeitung" "Die Revolution von Kaliningrad" nannte. - Man darf einigermaßen sicher sein, daß der russische Geheimdienst diesen bürgerlichen Unmut gut kennt und im Auge hat und ihn dementsprechend wohl dosiert zuläßt und "steuert". Das wird für ihn ein "kleiner Fisch" sein.

Dennoch bemerkenswert. - Und hassenswert: Das System Putin.

Montag, 8. März 2010

Katholisches Innenleben in moderner Zeit

Die fremde Welt des Katholizismus

Die Welt des Katholizismus und der Jesuiten ist vielen Menschen eine so fremde, daß man leicht unterschätzt, welche Bedeutung die Dinge, die hier vorgehen, für die gesamte Gesellschaft haben oder doch haben können.

Und zwar immer noch trotz all der Kirchen- und Religionskritik der letzten Jahrzehnte, trotz all der massiven Kirchenaustritte, trotz all des Priestermangels auf der Nordhalbkugel dieser Erde.

In der Fernsehunterhaltung spielen überzeugtere Katholiken fast eine dominierende Rolle, wie wir schon in früheren Beiträgen zum Thema "Sacro pop" aufgezeigt haben. Und man kann von hier darauf schließen, daß dies auch an vielen anderen Stellen der Fall sein wird.

Und spätestens seit Richard Sosis wissen wir: religiöse Institutionen wie die katholische Kirche haben ein viel zäheres Leben als atheistische Institutionen, als etwa jener Marxismus-Leninismus in Osteuropa und weltweit bis 1989. Letzterer ist längst zusammengebrochen. Wo findet er in heutiger Zeit noch überzeugungsfestere Vertreter?

Das zähe Leben der katholischen Kirche

Und hätte man nicht ähnliches längst auch vom Katholizismus erwarten können angesichts der grenzenlos hoffnungslosen Unangepaßtheit der katholischen Lehrinhalte, der katholischen Moral und eines traditioneller katholischen Lebensstils innerhalb der heutigen Zeit?

Und dennoch quält sich das Leben dieser reptilienhaften, Jahrtausende alten Institution in ganz merkwürdigen, schillernden Erscheinungen weiter fort in der Weltgeschichte.

Aber genau dieser Umstand ist es, der zu würdigen ist und der zunächst einmal auch nur erst in seinen Ursachen und von seinem Wesen her gültiger zu verstehen ist.

Erinnerungen eines Jesuiten-Schülers (2004)

Gerade aus diesem Grund wird man ein Buch wie jenes von Miguel Abrantes Ostrowski ("Sacro pop - Ein Schuljungen-Report", 2004) über seine Erinnerungen an einem jesuitische Elite-Internat zwischen 1981 und 1991 gerade auch für Nichtkatholiken und für solche Katholiken, die vielen Erscheinungen innerhalb des Katholizismus kritisch gegenüber stehen, sehr zur Lektüre empfehlen müssen.

Jesuiten-Schüler Miguel Abrantes Ostrowksi, geb. 1972
(Schauspieler, Buchautor)


Nicht unbedingt deshalb, weil man damit irgend einem Mitmenschen eine erbauliche Lektüre empfehlen möchte oder kann. Sondern einfach, weil man an solchen Erinnerungen lernt, welche Psychologie offenbar hinter dem Verhalten vieler überzeugterer Katholiken auch heute noch steht oder stehen kann. Fast hat man das Gefühl, daß der Katholik Abrantes Ostrowski gar kein Gefühl mehr dafür hat, von welchem Ausmaß an Unmoral er in seinen Erinnerungen Kenntnis gibt. Und wenn er es haben sollte: warum äußert sich dann von seiner Seite aus nirgends deutlicheres Entsetzen über dieselbe? Warum bestimmt stattdessen nur eine so süßlich-zynisch-wohlwollende Stimmung all seine Erinnerungen, mag da das Ungeheuerlichste erzählt werden, was immer möglich ist und in einer Sprache, die abgebrühter nicht sein kann?

Um es deutlich zu sagen in seiner Sprache: Er berichtet von einem Schülerleben zwischen Messen und Ficken.

"Spannung zwischen Askese und Weltbejahung"

Nach dem, was man zuvor schon über diese Erinnerungen gelesen hatte, etwa in der TAZ (TAZ, 10.2.05), war man eigentlich davon ausgegangen, daß sich Abrantes Ostrowski längst von der katholischen Kirche abgewandt hätte. Das scheint aber nun keineswegs der Fall zu sein. Auf Seite 55 berichtet er etwa:
Kürzlich bei der Priesterweihe eines guten Freundes ...
- Daß jemand, der der Kirche ablehnend gegenüber steht, einen guten Freund hat, zu dessen Priesterweihe er geht, wird man nicht gerade für den "gewöhnlichsten" Fall halten. Und dementsprechend heißt es dann auch weiter:
... sang der Vorsänger mehr als zwanzig Minuten eine Aufzählung aller Heiligen: Heiliger Hieronymus, (Alle) bitte für uns - Heilige Barbara, (wieder Alle) bitte für uns ... Konsequenterweise müßte ich eigentlich das gesamte Programm aufzählen. (...) Aber ersparen wir uns die schönen Namen aller heiliggesprochenen Personen. Ja, so eine Priesterweihe ist schon etwas ganz Besonderes, ein Muß für jeden Liebhaber endloser Zeremonien.
Die endlose Zeremonie der Priesterweihe: 2009 in St. Blasien

Daß er selbst die Liebe zu solchen Zeremonien in seiner zehnjährigen Internatszeit mit all ihren Meßbesuchen verloren hätte, hört man wiederum bei Abrantes Ostrowski an keiner einzigen Stelle. Hingegen gibt er in einer fünfseitigen (!) kleingedruckten Fußnote ausführlich und ganz sachlich-unkritisch-wohlwollend Auskunft über das Leben des Ordensgründers der Jesuiten, des Ignatius von Loyola. Und dann folgt das Resümee:
Ignatius ist es gelungen, in seiner Person die Spannung zwischen Askese und Weltbejahung, innerlichem Gebet und aktivem, öffentlichen Engagement auszuhalten und fruchtbar zu machen.
Vielleicht sollen wir auch seine Schulerinnerungen zwischen - Messen und Ficken - als Ausdruck einer solchen "gelungenen Spannung" lesen? Erinnerungen, in denen aber - die TAZ gibt das richtig wieder - ständig nur von Pimmeln, von Ficken, von Schwänzen, von Frauen-Flachlegen und ähnlichen Dingen die Rede ist?

Jesuitische Priesterweihe in St. Blasien 2009

Jedenfalls folgen noch weitere Lobpreisungen des Ignatius in dieser Art. - War dieser "Schuljungenreport", so stellt sich beim Lesen dieser Abschnitte die Frage, schon im Jahr 2004 die Vorausnahme der (Selbst-)Kritik früherer jesuitischer Erziehungspraktiken bei gleichzeitiger Beibehaltung des Kerns der "ignatianischen Botschaft", so wie das jetzt von den Jesuiten selbst - nur leicht seriöser - auch ganz offiziell betrieben wird? Sieht eigentlich Abrantes Ostrowski an seiner Schulzeit irgendetwas wirklich Kritikwürdiges? Oder überall nur Sünden, die leicht vergeben werden können? Letzteres ist das Naheliegendste. Aber glaubt man denn, das ließe sich eine kritische Öffentlichkeit einfach alles so unwidersprochen bieten? Einen solchen Sumpf voll Unmoral?

Weltoffene, moderne, zeitgemäße Jesuiten - ?

Jedenfalls: Unter derartigen Blickwinkeln nimmt das Thema "Sacro pop" ständig neue, ständig größere Dimension an. Weil sich einfach die Frage stellt: Was glauben überzeugtere Katholiken eigentlich alles, was weniger überzeugte Katholiken an ihrem Glaubensleben noch gut finden sollen? Etwa eine gelungene Spannung zwischen Messe-Gehen und Ficken? Welche Erwartungen bestehen da? Sollen wir es jetzt toll finden, in welcher Sprache da Jungen untereinander auf Jesuiten-Internaten "Thema Nummer eins" behandeln, in einer Sprache, die dem Autor dieser Zeilen in seiner Gymnasialzeit selbst zum Glück nie begegnet ist (außer in der Verfilmung der Blechtrommel von Günter Graß), und der er in seiner Bundewehrzeit so weit als möglich aus dem Weg ging - was leider in der Tat nicht immer möglich war - ? Jesuiten? Bundeswehr? Bestehen da immer noch Parallelen?

Vielleicht ist ja der "gute Freund", der da zum Priester geweiht wird, nun der Beichtvater von Abrantes Ostrowski. Und er - oder andere "gute Freunde" (... SJ) - haben ihm vielleicht gut zugeredet, seinen "Schuljungenreport" doch zu veröffentlichen? Als Zeichen dafür, wie "weltoffen", aufgeschlossen, modern, zeitgemäß man als Katholik in der heutigen Welt leben könne - zwischen Messe-Gehen und ... - und wie so ganz und gar "modern", "weltaufgeschlossen" und "zeitgemäß" es auf Jesuiten-Internaten zugehen würde?

Es muß guttun - und Abrantes Ostrowski scheint es noch heute gut zu tun -, auf die eingeschworene Gemeinschaft katholischer Schüler und auf eine Schulkameradschaft zurückzublicken, eingeschworen in den ähnlichen Sünden (oder "Sünden"), die man als Schüler beging und die man gegenseitig voneinander wußte, eingeschworen in der ähnlichen Haltung des halboffenen Verschweigens dieser Sünden in der Beichte, eingeschworen in der ähnlichen Haltung des Wissens, daß praktisch jede Sünde auch vergeben werden kann und vergeben wird, solang man nicht von der Schule fliegt ...

Und so wird auch die Sünde des Veröffentnlichens dieses "Sündenreportes" schon längst wieder vergeben worden sein ..., so wird man einmal ganz unbedarft als Nichtkatholik vermuten dürfen.

Denn auch zum Thema Beichte hören wir von Abrantes Ostrowski sehr ähnliche Töne, wie wir sie schon von dem Jesuitenschüler Matthias Matussek gehört hatten:
Ich fand es immer bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit einem bei Messen (...) Sünden vergeben wurden. (...) Machen es sich die die Katholiken nicht ein bischen einfach? Ich sage: Nein! Denn auf diese Art werden nur kleine Sünden, bzw. klitzekleine Sündchen vergeben.
Man achte zunächst einmal auf den Widerspruch zwischen dem Eingangssatz und den Folgesätzen. Vielleicht sagt dem Herrn Abrantes Ostrowski eine innere Stimme doch noch etwas anderes zu der Leichtigkeit der Sündenvergebung. Aber sonst: So, so. Oh, himmlische Güte: klitzekleine Sündchen sind also Gegenstand der erhabenen, katholischen Messe? So genau hatte man es nun auch wieder nicht wissen wollen. - Aber folgen wie Abrantes Ostrowski weiter:
Die wirklich schweren Todsünden (...)
- also laut Wikipedia: Mord, Ehebruch und Glaubensabfall, klar, Glaubensabfall ist eine Todsünden, wir halten das einmal fest, so schlimm wie Mord:
kann man nur bei einer persönlichen Beichte loswerden.
Aber loswerden kann man sie auch! Klar! Beichten, wieder gläubig werden - und alles ist OK. Und: Mord, Ehebruch und Glaubensabfall - das sind also jene Bereiche, wo es sich auch ein Katholik "nicht leicht" machen soll. Und bei allen anderen dann also wohl schon. Das scheint auch in der Tat dem Handeln der gegenwärtigen Verantwortlichen in der katholischen Kirche zu entsprechen. Hier scheint sowieso überhaupt niemand wirklich zur Verantwortung fähig zu sein. Bis zu höchsten Erzbischöfen hinauf, die sich alle innerlich sagen: Ist schon vergeben in dem Augenblick in dem ich meine Sünde ausspreche ...

Ist das Abnehmen von Kinderbeichten eine Straftat?

Freilich: Warum eigentlich aussprechen? Auch hier weiß Abrantes Ostrowski Bemerkenswertes hinsichtlich Beichtpraxis auf dem Jesuiteninternat mitzuteilen: Klug war es auf der Schule, so sagt er, einerseits nicht die schlimmsten und andererseits nicht die harmlosesten "Sünden" zu beichten, sondern irgend etwas "dazwischen", damit die Beichtväter etwas zu hören bekamen und irgendeinen "Ernst" heraushörten - aber eben doch nicht gerade so, daß es für einen selbst wirklich nachteilig werden könnte. Denn schließlich wäre auch nicht sicher gewesen, ob das Beichgeheimnis wirklich eingehalten worden wäre.

Haben alle diese Dinge noch etwas mit humaner, menschenwürdiger Pädagogik zu tun, die den Menschen in seiner Eigenverantwortung wirklich ernst nimmt? Oder sagt nur niemand etwas gegen eine solche "Pädagogik", weil man es schon seit vielen hundert Jahren so gewohnt ist?

- Das ist doch alles tiefste Unmoral. Muß man das noch erklären, warum? Das ist einfach alles nur: gräßlich, gräßlich, gräßlich. Auf dieser Unmoral im Wechselspiel zwischen Sünden, Beichten und Vergebung scheint der gesamte Katholizismus und all das Anrüchige, das damit verbunden ist, zu beruhen. All das mangelnde Verantwortungsbewußtsein, das überall stärker ausgeprägt scheint als innerhalb der katholischen Kirche, wenn es um bestimmten Gebiete geht. Wobei dann noch hinzutritt, was unter "Sünde" verstanden wird: Natürlich Sexual- und Frauenherabsetzung größten Ausmaßes.

Dem Autor dieser Zeilen sind Veröffentlichungen über eine würdige, weder irgendwie übersteigerte, noch irgendwie gar zu absprechende Wertung des menschlichen Geschlechtslebens aus den letzten Jahren aus dem katholischen Raum kaum bekannt geworden. Man kann diesbezüglich eine Autorin wie Christa Mewes sehr schätzen gelernt haben. Aber sie ist erst sehr spät zum Katholizismus übergetreten und ist Schülerin des Evolutionären Psychologen Konrad Lorenz.

Nur zwei Möglichkeiten der Haltung gegenüber der Geschlechtlichkeit?

Aber was schreiben, reden und tun da heute eigentlich Jesuitenschüler oder tiefer im Katholizismus verwurzelte Menschen vom Schlage Miguel Abrantes Ostrwowski (geb. 1972), Stefan Raab (geb. 1966), Daniel Kehlmann (geb. 1975), Matthias Matussek (geb. 1954), Harald Schmidt (geb. 1957) ...?

Offenbar scheint es in vielen Kreisen überzeugterer Katholiken, ob nun Laien oder Priester, nur zwei Möglichkeiten zu geben, insofern es um die Geschlechtlichkeit des Menschen geht:
1. entweder gar nicht davon reden, sie tabuisieren, sie als Feind christlicher Gläubigkeit zu betrachten, als etwas Sündiges, Abzulehnendes, Ungeistiges oder aber

2. wenn man davon redet, wie in der Fülle eines Wasserfalles von ihr ständig nur in der aller absprechendsten Weise zu reden, so daß man geradezu zum Vorreiter und Einpeitscher des abgebrühtesten, denkbar zynischsten Zeitgeistes auf diesem Gebiet wird.
Zeigt einem Miguel Abrantes Ostrowski in seinem "Schuljungen-Report" auf, daß er während seiner zehnjährigen Zeit am Jesuiten-Internat auch nur in irgendeiner Weise zu einem würdigen Umgang, ja, überhaupt nur zu einem würdigen Sprechen über seine eigene Geschlechtlichkeit hingefunden hätte?

Und zeigt das einer der vielen anderen Jesuiten oder Jesuiten-Schüler oder bekanntere, überzeugteren Katholiken auf, die man bei längerem Umhersuchen gefunden hat? Wie ist das etwa bei Daniel Kehlmann? Warum findet man in seinen Roman "Die Vermessung der Welt" über Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt so viel Absprechendes über viele idealere Lebensinhalte, die ja gerade diese beiden Persönlichkeiten so ausgesprochen verkörperten? Warum ist ihm ganz entgangen, welche hohe Auffassung etwa Carl Friedrich Gauß von den Frauen hatte, mit denen er verheiratet war, vom Geschlechtsleben überhaupt?

Nein, an seiner katholischen, jesuitischen Erziehung wird es gewiß nicht liegen - ? Oder etwa doch? An was denn eigentlich sonst? Sind die Gemeinsamkeiten, die hier zutage treten, nicht allzu deutlich?

"Sex-Messen"?

Der Königsweg, den es hinsichtlich von Geschlechtlichkeit ja nun einmal auch noch gibt im menschlichen Leben, nämlich einfach, "das Beste daraus zu machen" - und natürlich wird das jeder Mensch in seinem Sinne verstehen - aber niemandem scheint dieser Königsweg krasser kaputt gemacht worden zu sein, als einem von Jesuiten oder von bewußteren Katholiken erzogenen Menschen. Man zeige doch einfach Gegenbeispiele auf, die diese These korrigieren würden. Gibt es edle Menschen unter den heutigen Katholiken? Ist es der Papst? Sind es die Bischöfe?

Findet man Menschen, die einfach nur anständig sind auf diesem Gebiet. Und von denen man nach jeder Richtung hin durch und durch Anständiges hört?

Pater Löwenstein, noch vor kurzem Leiter der katholischen Studentengemeinde in Frankfurt am Main, lädt Pornoproduzenten ein zu Gesprächsrunden. Hat er nichts Besseres zu tun? Wirklich nichts? Warum hört man von ihm nichts Besseres gerade zu dieser zentralen, wesentlichen Thematik? Warum berichtet die "Bild"-Zeitung nur über einen solchen Quark? Hat sie von Pater Löwenstein nichts anderes zu hören bekommen?

Und was erfährt man aus den USA? Auf vielen katholischen und jesuitischen Universitäten in den USA ist offenbar in den letzten Jahren mit besonderer Inbrunst das Theaterstück "Vagina-Monologe" aufgeführt und besucht worden (Good Jesuit - Bad Jesuit, 7.2.08):
More than half of the colleges hosting the play in 2008 are Jesuit.
Wirklich? Hat man als Jesuit und überzeugungsfesterer Katholik nichts Besseres zu tun, als solche Theaterstücke zu feiern? Was sollen derartige Verhöhnungen? Verlese man doch gleich die Vagina-Monologe in seinen Messen. Um es klar genug werden zu lassen für alle abergläubischen Katholikenkritiker, wie sehr Satanas in der Kirche anstelle von Gott den Platz eingenommen hat?

Auswirkungen auf machtpolitisches Handeln?

Warum nun aber ist dieses moralische Herabzerren möglicherweise auch politisch und auf dem Gebiet der Machtpolitik von so großer Bedeutung?

Nun, es könnte durch dieses moralische Herabzerren eine Aversion unter bewußteren Katholiken und insbesondere Jesuiten erzeugt werden oder erzeugt worden sein. Da sie selbst keinen würdigen Umgang mit ihrer Geschlechtlichkeit leben können, da man deshalb mit sich selbst zynisch umgeht, neigt man möglicherweise auch dazu, anderen Menschen gegenüber zynisch entgegenzutreten. Mit Aversionen. Mit instinktiver Ablehnung. Man könnte andere Menschen als eine Gefahr für den eigenen Seelenzustand empfinden.

Andere Menschen sehen vielleicht mit Distanz, ja, Abscheu und Ekel auf diese innerseelischen Zustände bei solchartig katholisch verwurzelten Menschen. Man könnte das als ein so von Kindesbeinen an mißbrauchter Katholik empfinden, diese Aversion, die einem entgegen gebracht wird. Und insofern man sich bewußter festgelegt hat auf den katholischen Glauben, der einem von Kindesbeinen an gelehrt worden ist, könnte man aus dieser Festlegung, aus dieser Starre heraus auch heftige Ablehnung gegenüber Menschen entwicklen, die über all diese Dinge ganz, ganz anders denken. Und die auf diesen Gebieten ganz anders handeln.

Man käme damit zur berühmten "Psychologie des Ressentiments", die auf Friedrich Nietzsche zurückgeht, und über die man so manches auch bei Peter Sloterdijk nachlesen kann. Nietsche laut Wikipedia:
Während der vornehme Mensch vor sich selbst mit Vertrauen und Offenheit lebt (...), so ist der Mensch des Ressentiment weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren, alles Versteckte mutet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen.
Oh, Nietzsche, großer Psychologe, von so großer Aktualität bist du noch heute!

Aber immer dann, wenn man dieses Ressentiment in heutiger Zeit äußerlich und ehrlich zeigt - der Papst Ratzinger und der Bischof Mixa zeigen es ja auf -, weckt man nur Gegenkräfte. Das wissen der Jesuitenorden und die katholische Kirche aus vielhundertjähriger Erfahrung. Und sie wenden diese Provokation des Zeigens ihrer Aversion, ihres Ressentiments, ihres Mißtrauens, ihres Hasses auf die moderne Welt deshalb auch immer nur "wohldosiert" an. Aber sie steht ihnen jederzeit psychologisch zur Verfügung, da dies die Gefühle sind, aus denen dieser Glaube lebt.

Die Psychologie des Ressentiments

Ansonsten verbirgt man natürlich diese Aversionen und Ressentiments sehr häufig und sehr bewußt. Aber heißt das, daß man denselben deshalb auch im Geheimen, wo man ihnen nachgehen könnte, in Intrigen hinter den Kulissen, nicht Raum geben könnte? Wo man doch so häufig als katholische Kirche über Macht und Einfluß verfügt?

Alles das sind Gedanken, die sich aufdrängen, wenn man ein solches Buch wie "Sacro pop" von Abrantes Ostrowski liest. Man fühlt sich an den süßlich-zynischen Gesichtsausdruck eines der großen Morallehrer des Jesuitenordens und der katholischen Kirche erinnert, den er auf vielen "Heiligenbildern" zeigt, man fühlt sich an Alfons von Liguori erinnert:

Auf Wikipedia liest man zur Kritik der Moraltheologie von Liguori:
Liguoris Moraltheologie hat bis zum heutigen Tage einen großen Einfluss insbesondere auf die weltweite Beichtpraxis katholischer Priester. In diesem Zusammenhang wird der Umgang mit Minderjährigen und sexuell noch unerfahrenen Menschen kritisiert, die von manchen Beichtvätern zur Beschäftigung mit "sündigen Gedanken und Taten" geradezu gedrängt würden. Dies verstoße gegen die sexuelle Selbstbestimmung und grenze an eine strafbare Handlung. Der Umgang mit diesem Problem wird insbesondere unter Sexualwissenschaftlern diskutiert.

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