Sonntag, 25. Juli 2010

"In Auschwitz starben 300.000 Menschen" - Stand: 1948

Adolf Eichmann und Auschwitz - 1948, 1961 und 1963

Wer dem Jahrgang 1966 angehört oder ähnlichen Jahrgängen, dessen Geschichtsbewußtsein ist nicht unerheblich geprägt worden von solchen Fernsehfilmen wie dem Film "Holocaust" aus dem Jahr 1979. Jeder Nachkriegsgeneration ist ja diesbezüglich die geschichtliche Erinnerung auf neue Weise aufgefrischt worden, zuletzt unter anderem durch die Debatten rund um das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Erst heute stellt sich vielleicht so mancher Zeitgenosse die Frage, welche prägenden Erlebnisse eigentlich Jahrgänge, bzw. Nachkriegsgenerationen vor 1966 bezüglich des Themas Holocaust hatten. Und zu solchen prägenden Erlebnissen gehört sicherlich der Eichmann-Prozeß in Jerusalem im Jahr 1961 ebenso wie der Auschwitz-Prozeß in Frankfurt am Main in den Jahren 1963 bis 1968. Heute abend wird das neue "Dokudrama" zu Adolf Eichmann im ARD ausgestrahlt (ARD).

Ein neues "Dokudrama" zu Adolf Eichmann

Wenn man bei der Suche nach Informationen über dieses Dokudrama auch sonst noch ein bischen herumsucht, weil man in Bezug auf den Fall Adolf Eichmann auch sonst noch vieles vermuten muß, was öffentlich wenig bekannt ist (s. a.: 1), stößt man auf manche interessante historische Filmaufnahme, die derzeit schon frei im Netz zugänglich ist. So ein Eindruck von dem Eichmann-Prozeß von 1961 in Jerusalem und von der dort doch schon sehr eingeschüchtert wirkenden Person Adolf Eichmann.

Einen nicht unwichtigen Höreindruck von den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt am Main kann man sich ebenfalls verschaffen, darunter Aussagen von Zeugen, Angeklagten, Verteidigern und Staatsanwalt (a, b, c) (siehe etwa auch: 2). (Unter "a" übrigens auch der berüchtigte DDR-Rechtsanwalt Friedrich Kaul, zu diesem siehe auch: TAZ 1995.)

Man findet aber außerdem derzeit noch (!?) interessante Video's über einen Auschwitz-Prozeß im Jahr 1948 in Warschau, etwa dieses ("Ankunft der Angeklagten") (- wichtig nur die 1. Minute). Aber dann vor allem dieses.

In diesen alliierten Nachrichten von 1948 ist also noch ganz selbstverständlich von 300.000 Todesopfern in Auschwitz die Rede. Diese Zahl ist ja dann später (- wann?) in mehr als der zehnfachen Höhe angegeben worden. 1989 ist sie schließlich wieder gedrittelt worden (s. Wikipedia). Und danach wurde das Strafrecht in der Weise geändert (der Paragraph zum Thema "Volksverhetzung"), daß es heute in vielen Ländern strafrechtsrelevant sein könnte, wenn man zu diesem Thema noch zu anderen, nicht politisch korrekten Forschungsergebnissen kommen sollte, möglicherweise auch zu solchen, die noch 1948 offenbar als politisch völlig "korrekt" galten.
____________
  1. Bading, Ingo: Hans Globke, der politische Katholizismus und Israel. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 13.12.2009
  2. Laternser, Hans: Die andere Seite im Auschwitz-Prozess 1963/1965. Reden eines Verteidigers. Seewald, 1966

Dienstag, 20. Juli 2010

"Das wiedergefundene Antlitz" von Karl Springenschmid (1944)

Kunstraub, Kunstschutz und Massenmord aus ungewohnter Perspektive

In dem Buch "Servus Heiner" von Karl Springenschmid wird ein "Kai Mühlmann" erwähnt als 15-jähriger Schulkamerad von Springenschmid und Waggerl auf der Salzburger Lehrerbildungsanstalt im Jahr 1912 (7, S. 10):
Wenn uns die Professoren allzu heftig mit dem Peloponnesischen Krieg, der Heronischen Formel oder schwierigen Satzgliederungen plagten, flüchteten wir in einen geheimnisvollen Winkel des weitläufigen Gebäudes. Hier führte Waggerl das Wort. Wir anderen, vor allem Kai Mühlmann, ein ähnlicher Sturmgeist wie Waggerl, wollten hier vor allem den Ärger mit der Schule los werden und zogen wütend auf die Professoren los. Doch Waggerl winkte ab. Ihm ging es nicht um das, was an dieser Schule geschah, ihn erfüllten andere Gedanken. ...
Waggerl las seinen Kameraden statt dessen aus "Sprüche und Widersprüche" von Karl Kraus vor. Dieser  Kajetan Mühlmann (1898-1958) war ein Sonderbeauftragter von Hermann Göring und gilt heute als einer der "erfolgreichsten Kunsträuber des Nationalsozialismus". Er saß noch 1944 gerne mit seinen Freunden Waggerl und Springenschmid in einem bekannten Salzburger Künstlercafé. Und Springenschmid berichtet, wie der von der Gestapo abgehörte Gesprächsinhalt an den Salzburger Gauleiter weitergeleitet wurde, der wiederum derenthalben Springenschmid vorlud, da seine Freundschaft zu Waggerl bekannt war. Im Spitzelbericht stand (7, S. 76):
"Café Bazar 13. Oktober 1944 Uhrzeit: 21 Uhr 20. Anwesend am mittleren Kaffehaustisch, Karl Heinrich Waggerl, Kai Mühlmann, Dr. Josef Mühlmann, ferner zwei Frauen und drei weitere Männer, deren Persönlichkeit bisher nicht festgestellt werden konnte."
Und die - im Nachhinein betrachtet harmlose - kritisierte Aussage von Waggerl soll gelautet haben:
"Solange nicht alle politischen und militärischen Stellen im sogenannten Großdeutschen Reich von Österreichern besetzt werden, wird alles schief gehen!"
Jedenfalls scheinen die Erzählungen von Kajetan Mühlmann in diesem Cafehaus Karl Springenschmid auch zu einer seiner bedeutendsten Novellen angeregt haben, nämlich zu "Das wiedergefundene Antlitz" (1). Der Inhalt beruht auf folgenden historischen Hintergründen (3, S. 299):
Juni 1941 (...) Lemberg (...). Nur einen Tag nach der Einnahme dieser Stadt beschlagnahmte Görings Sonderbeauftragter Kajetan Mühlmann 26 Zeichnungen von Albrecht Dürer und brachte sie aus Lemberg fort.
Das ist auch im Kern der Inhalt der Novelle von Springenschmid. Wobei Springenschmid natürlich auch sein eigenes Kriegserleben verarbeitet:
"... Auf der Straße stand ein zerschossener russischer Panzer. Der Garten lag verwüstet da. Die Rosen waren zertreten, die Beete zerwühlt. Doch ein kleiner neckischer Barockengel, mit dem rechten Bein keck auf einer rosigen Wolke tanzend, hielt dem Besucher freundlich lächelnd, als wäre nichts geschehen, eine Tafel entgegen, auf der in goldenen Buchstaben der Name 'Lischenko' stand. Mitten in der grauenvollen Verwüstung ein heiterer Anblick."
Es handelt sich um ein merkwürdiges Stück Literatur. Man möchte die Novelle auf den ersten Seiten ständig beiseite legen und sich sagen, dass dieses Büchlein nicht zu den gelungensten Werken von Springenschmid gehört. Wie kann man denn ständig so "Larifari" und oberflächlich-"nebensächlich" über Ereignisse in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 schreiben?

In den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges hat also ein deutscher Kunsthistoriker - in der Novelle "Kunsthistoriker Helmut Frobenius" genannt - den Auftrag, mit den ersten deutschen Panzern in Lemberg einzudringen. Und zwar lediglich, um eine Handzeichnung von Albrecht Dürer in der Ossolinski-Bibliothek in Lemberg sicherzustellen.

Nimmt man das Büchlein trotz Verärgerung oder Verstimmung nach einiger Zeit noch einmal in die Hand und liest weiter, dann muss man sich gut zureden: Dieser Springenschmid war sowohl im Ersten wie am Zweiten Weltkrieg Soldat. Wenn er eine Novelle in dieser Weise schreibt, muss er das bewusst so tun und nicht aus Unfähigkeit.

Eine "Schwejkiade"? Eine Antikriegs-Novelle?

Und über weite Strecken liest sich diese Novelle wie eine "Schwejkiade", wie eine Antikriegs-Novelle. Aber selbst diese Einordnung will noch nicht wirklich passen. Ist es denn möglich, mit einem so geradezu anzüglichen Ton über einen Krieg zu schreiben, einen modernen? Soll damit dem Zynismus oder der Gedankenlosigkeit des deutschen "Landsers" des Jahres 1941 ein - "Denkmal" gesetzt werden?

Im letzten Drittel der Novelle beginnt sich der Hintergrund der seltsamen Widersprüchlichkeit, in die das Herz des Lesers beim Lesen gezogen wird, ein wenig mehr zu erhellen. Etwa ab der zitierten Stelle. In diesen wenigen Worten ist der widersprüchliche Stimmungsgehalt der Novelle überhaupt schon ein wenig angedeutet: "zerschossener Panzer" einerseits - "heiterer Barockengel" andererseits.

Offenbar geht es also genau darum: Diesen zutiefst aufwühlenden, ja, abstoßenden Zwiespalt darzustellen: Krieg, entsetzlichste Verzerrung alles Menschlichen einerseits - banales, flappsiges Landser-Idyll andererseits. Und dann noch etwas Drittes: Dürer. Als Inbild der Werte des europäischen Abendlandes überhaupt. Dass über allem das "andere" immer noch "irgendwie" vorhanden ist, anwesend ist, wenn auch oft auf groteske und geradezu lächerliche, schwejkhafte Weise. Wenn auch in Gestalt eines "Kunstbeauftragten" des "Großdeutschen Reiches" in Soldatenuniform. Dem es letztlich auch tatsächlich - und sei es noch so schwejkhaft - um das Menschlichste geht: um die Kunst.

Aber jenseits der Absicht der Novelle wird natürlich noch ein weiterer Zwiespalt aufgerissen zwischen dem durch und durch menschlich-sympathisch dargestellten "Kunsthistoriker Helmut Frobenius" der Novelle und der heutigen historischen Bewertung der offenbaren Vorlage dieses Novellen-Frobenius, nämlich von Kajetan Mühlmann. In der Springenschmid-Biographie von 1987, die von der oben zitierten Studie des Jahres 2008 noch nichts wissen konnte, hieß es noch (4, S. 95):
"Das wiedergefundene Antlitz", eine 1944 (1944?) entstandene Novelle, sticht völlig aus der übrigen Kriegsliteratur von Springenschmid heraus. Diese meisterliche Novelle gehört zu seinen besten Werken, ja, zum Besten was Springs überhaupt je geschrieben hat. Diese Novelle gibt allerhand Rätsel auf. Wieso unterscheidet sie sich in der Sprache und in der Diktion so dermaßen von seinen anderen Werken dieser Zeit? So manche Novelle hatte Springs meist rasch vollendet und in zwei, drei Wochen Fronturlaub seiner Gattin diktiert. Entweder entstand die Novelle doch erst nach 1945, oder einfach in einer Sternstunde seiner Erzählkunst.
Auf jeden Fall handelt es sich um ein besonderes Stück Erzählkunst. Seine Rätsel werden durch die zeitgeschichtlichen Hintergründe nur noch aufregender. Ob die Aktivitäten eines Kajetan Mühlmann tatsächlich nur unter die Rubrik "Kunstraub" oder auch unter die Rubrik "Kunstschutz" eingeordnet werden kann, so wie es die Novelle darstellt, könnte einer weiteren kunsthistorischen Studie aus dem Jahr 2008 entnommen werden (5). Nach dieser Darstellung sind aber die Dürer-Zeichnungen schon 1940 - während der ersten Besetzung Lembergs durch die Deutschen - beschlagnahmt worden (5, S. 299).

Genickschüsse in den Kellern der GPU

Dass diese Novelle ihr eigentliches Gewicht erst durch das Ansprechen der Morde des sowjetischen Geheimdienstes in Lemberg kurz vor seinem Abzug, kurz vor seiner Flucht erhält, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Obwohl dadurch dem Leser schon ein wenig von der Mühe abgenommen ist, die es bedeutet, sich durch die scheinbare Banalität der ersten beiden Drittel der Novelle zu arbeiten. Zu den Morden des sowjetischen Geheimdienstes in den 1939 und 1940 besetzten Gebieten (in Katyn, Lemberg usw..), die ein so wesentlicher - und bis heute wenig beachteter - Auslöser waren für die nachfolgenden Morde an Juden unter der deutschen Besatzung in diesen Gebieten, hat sich als einer der letzten unter anderem der Historiker Bogdan Musial geäußert. (6)

Übrigens waren noch im Jahr 2002 die Besitzrechte der 1941 aus Lemberg in den Westen geschafften Dürer-Werke nicht abschließend geklärt (Forbes 2002).

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  1. Springenschmid, Karl: Das wiedergefundene Antlitz. (Erstveröffentlichung 1955) Arndt-Verlag, Vaterstetten 1971 (124 Seiten)
  2. Bading, Ingo: Costabella - Berg meiner Jugend. Auf: Studium generale, 22. November 2007
  3. Stefan Alker, Christina Köstner, Markus Stumpf: Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. V&R Unipress, 1., Aufl., (1. Januar 2008)
  4. Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid. Leben, Werke, Fotos, Dokumente. Biographie. H. Weishaupt Verlag, Graz 1987
  5. Günther Haase: Kunstraub und Kunstschutz. Band I: Eine Dokumentation. Books on Demand; Auflage: 1 (12. Juni 2008), (568 Seiten)
  6. Musial, Bogdan: "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen". Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941. Propyläen, 2000
  7. Springenschmid, Karl: "Servus Heiner!" Erinnerungen an Karl Heinrich Waggerl. Rudolf Schneider Verlag, München 1979

Donnerstag, 15. Juli 2010

Bröckchenweise Wahrheit: Der Jesuitenorden

In dem soeben erschienenen Bericht der "unabhängigen" Beauftragten zur Aufarbeitung der Mißbrauchsfälle im Jesuitenorden, Andrea Fischer (Jesuiten.org), fällt u.a. auf einen gewissen "Provinzial" P. Pfahl, als den ranghöchsten Jesuiten in Deutschland in den 1980er Jahren, ein recht bezeichnendes Licht. So soll dieser noch lebende Herr in den 1980er Jahren an einen mit schweren Verbrechen belasteten Jesuitenpater, der sich sogar gegen eine bloße Versetzung derenthalben empörte, als Begründung geschrieben haben, daß die Versetzung in den
"gegen Dich geäußerten Vorwürfen"
gründen würde,
"über die wir nicht nur einmal sprachen"
(!!!). Er muß also sehr gut über diese Vorwürfe Bescheid gewußt haben. Und dann führt er im nächsten Brief an diesen aus,
"daß ein grundsätzliches Bestreiten aller erhobenen Vorwürfen weder möglich noch sinnvoll ist". (S. 3f)
Jesuiten unter sich

Diese Formulierung ist doch irgendwie sehr - - - "jesuitisch". Da darüber mehr als einmal gesprochen worden war, wußte der "Provinzial" also Bescheid. Wenn er sich so ausdrückte wie das hier zitiert wird, konnte das doch nur heißen: Wenn das Bestreiten (Vertuschen) "möglich" wäre, dann wäre es auch "sinnvoll".

Ist das nicht die seit Jahrhunderten kritisierte, ja verabscheute Jesuitenmoral? In Reinkultur? In den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Generation des Schreibers dieser Zeilen Abitur machte?

Greulich. Abscheulich.

Oder diese Stelle (S. 7):
"... Allerdings waren im gesamten Orden Gerüchte über Pater Anton im Umlauf, auch über ein 'schmuddeliges' Verhalten gegenüber Kindern und Jugendlichen. ..."
"Schmuddelig"

Ein Orden, in dem so etwas "allgemein" bekannt ist, in dem Gerüchte über Verbrechen durch den ganzen Orden gehen, und der dagegen Jahrzehnte lang nichts tut, der also selbst dadurch insgesamt, so kann man es doch nicht anders nennen, "schmuddelig" wird - wie kann der jemals noch etwas mit Kinder- und Jugenderziehung zu tun haben wollen? Wie kann der sich mit so etwas überhaupt noch versuchen zu brüsten und zu rühmen? Der ist eine verbrecherische Vereinigung. Was sollte er sonst noch sein?

Auch sonst kommt einem dieser schon genannte Jesuitenpater Pfahl noch heute sehr verlogen vor (s. etwa S. 9). Oder man nehme die S. 10 zu einem Vorgang im Jahr 1990 (!):
"Seitens des Generaloberen der Jesuiten, damals Pater Peter-Hans Kolvenbach"
- also des sogenannten ... hm, hm, hm! ... "Jesuitengenerals" ... -
"und auch seitens der zuständigen vatikanischen Kongregation"
- also des allseits beliebten Herrn Josef Ratzinger -
"erfolgt keine Reaktion auf die in der Laisierungsakte enthaltenen Informationen über vielfachen sexuellen Mißbrauch."
Auf S. 19 wird ausgeführt, daß sowohl der Jesuitenorden wie die katholische Kirche immer noch Akten zurückhalten, die Informationen über Verbrechen enthalten. Und es wird gefragt, ob dieses weiterhin praktizierte Zurückhalten der richtige Weg ist.

Samstag, 3. Juli 2010

Parvus Helphand, Hitler und Morell ...

Die Insel Schwanenwerder in Berlin

Das von der Stadt Berlin und einer Trägerschaft betriebene Kinder- und Jugendgästehaus Schwanenwerder scheint ein echter Geheimtipp für Jugendgruppen oder Betriebsausflüge zu sein (1, 2, 3) (siehe Fotos). Es wartet derzeit auch immer noch mit auffallend günstigen Übernachtungskosten auf. An so sommerlich warmen Tagen wie den letzten ist dieser Ort auch sehr geeignet zum ausgiebigen, außerordentlich entspannenden, ruhigen Baden im "Badewannenwasser-warmen" Wannsee, zum Tretbootfahren, zum Grillen und auch für Freizeitsport aller Art.

Und zugleich wird der Besucher darauf gestoßen, sich mit der "Geschichtsträchtigkeit" dieser Örtlichkeit, der Insel Schwanenwerder, auseinanderzusetzen (1, 2, 3). Wenn die Villenviertel von Schmargendorf, Dahlem, Nikolassee oder Wannsee schon vor dem Ersten Weltkrieg innerhalb Berlins zu den ersten Adressen der Wohlhabenden zählten, wenn dort die Rathenaus in der Nähe der Verlegerfamilie Fischer wohnten und nicht weit davon wiederum Angehörige des deutschen Widerstandes gegen Adolf Hitler oder die Nietzsche- und Rilke-Freundin Lulu von Strauß und Salome, so muß eine solche "Betuchtheit" hinsichtlich der Insel Schwanenwerder offenbar noch dreimal so stark betont werden.

Über dieses schöne Stück Berlin ist unter anderem zu erfahren (1):
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Insel zu einem Refugium für wohlhabende Kaufleute, Industrielle und Bankiers. So ließen sich etwa die Warenhausbesitzer Berthold Israel und Rudolph Karstadt auf der Insel nieder. Bankdirektoren wie Schlitter, Goldschmidt, Salomonsohn und Solmssen ließen sich auf Schwanenwerder ebenso prachtvolle Landsitze errichten wie der Generaldirektor der Schultheiss-Patzenhofer Brauerei, Walter Sobernheim oder der Inhaber der Schokoladenfabrik „Trumpf“, Richard Monheim.

Nach Krieg und Inflation verschwanden viele angesehene Namen (...). Neue Einwohner Schwanenwerders wurden nun Kriegsgewinnler, neureiche Aufsteiger und stadtbekannte Spekulanten wie etwa der Wettbetrüger Max Klante, der in kürzester Zeit auf den Berliner Rennbahnen ein Vermögen gemacht und es ebenso schnell wieder verloren hatte.
Doch viel bedeutender war wohl noch der Finanzier Lenins und der russischen Revolution, der Parvenü Parvus Helphand, sicherlich einer der berühmt-berüchtigtsten Bewohnern dieser Insel, neben so vielen anderen:
Auch die Brüder Julius und Henry Barmat, die durch Millionenanleihen bei öffentlichen Kreditinstituten einen Konzern mit Niederlassungen in ganz Europa aufgebaut hatten, residierten auf der Insel. Beim Zusammenbruch des Barmat-Konzerns Mitte der zwanziger Jahre wurde ein Korruptionsskandal ungeheuren Ausmaßes öffentlich, der sich zu einer Staatsaffäre ausweitete. Völkisch-nationale Kreise nutzten die jüdische Herkunft mancher Inselbewohner für ihre antisemitische Hetze gegen die „Judenrepublik“ im allgemeinen und die Reichen auf „Barmatwerder“ im besonderen.
Auf Parvus Helphand folgten Goebbels, Hitler und Morell

Nach 1933 wurden diese Grundstücke "arisiert" und Josef Goebbels wiederum andere "Größen" einer anderen Zeit erwarben hier ihre Villen. Über das heutige, so schön gelegene und erholsame Kinder- und Jugendgästehaus ist zu erfahren:
Villa und Gründstück des jüdischen Bankdirektor Salomonsohn in der Inselstraße 20/22 wurden 1939 von der Reichskanzlei erworben und sollen angeblich für Hitler persönlich reserviert gewesen sein. Auf dem Nachbargrundstück hatte sich sein Leibarzt Theodor Morell niedergelassen. Auch er war 1939 durch die „Arisierung“ zu diesem Besitz gelangt: Villa und Grundstück hatten dem Bankier Georg Solmssen gehört.
Die Salomonsohn-Villa wurde im Gegensatz zu vielen anderen Villen der Insel nicht abgerissen und ist deshalb heute noch im ursprünglichen Zustand erhalten:
(...) Ganz im Zeitgeist der fünfziger bis siebziger Jahre wurden viele Villen und Nebengebäude auf der Insel abgerissen und Neubaupläne genehmigt, so daß heute kaum noch etwas an den einst mit noblen Villen durchsetzten Landschaftspark erinnert.
Ein so unheimliches und doch zugleich so schönes Stück Berlin: die Insel Schwanenwerder, die bis zum Beginn des 20. Jahrhundert noch ganz unbebaut war und schlicht "Sandwerder" hieß.
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