Donnerstag, 29. März 2012

Die V 2 - und andere "Wunderwaffen" des Zweiten Weltkrieges

... Me 262, "Horten IX" ...

Zur Entstehung unserer modernen Welt gehört die Geschichte der Weltraumfahrt dazu.

In diesem Zusammenhang liest sich der Bericht über die Entwicklung der ersten Weltraum-Rakete der Menschheit zwischen 1930 und 1945 durch Wernher von Braun und seine Mitarbeiter in Peenemünde an der Ostsee (1), sehr spannend. Er läßt einen nach Filmaufnahmen dieser langwierigen, mühsamen und kostspieligen Versuchsreihen fragen. Und man findet sie leicht im Netz und kann anhand ihrer die Faszination und Begeisterung der damaligen Techniker und Entwickler über die von ihnen geschaffene erste Weltraum-Rakete nachvollziehen (a, b,c, d):


Ebenso wird einem das Erschreckende bewußt angesichts des Wissens, daß diese Rakete als erste Funktion zur Vernichtung von Menschenleben eingesetzt worden ist. Nämlich als "V 2" vor allem gegen London und Antwerpen, sowie gegen zahlreiche andere Städte in England, Frankreich und Belgien. (Ein Vergleich mit dem zeitgleichen "Manhattan-Projekt" in den USA macht aber auch auf deutliche Maßstabsunterschiede was Kriegsverbrechen betrifft, aufmerksam.)

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Interviews mit Wernher von Braun, bzw. Dokumentationen über sein Leben allgemein (19621969, 1972 [engl.], 1975).


Die Entwicklung der V 2 erfuhr eine "merkwürdige", "erstaunliche" Verzögerung um zwei Jahre, so daß sie erst 1944 zum Einsatz kam. Ähnliche "merkwürdige" Verzögerungen in der Entwicklung erfuhr auch das erste Düsenflugzeug der Menschheit, die Me 262, das zur gleichen Zeit in Deutschland entwickelt wurde. Auch über dieses Flugzeug gibt es eindrucksvolle Aufnahmen und Dokumentationen im Netz (a, b):


Auch in diesen Dokumentationen wird sowohl auf die vernichtende Wirkung dieser Waffe gegenüber den alliierten Bomberverbänden aufmerksam gemacht und auf den "merkwürdigen" Umstand, daß sie "wieder einmal" erst so spät und dann nur so selten zum Einsatz kam, obwohl inzwischen so viele Maschinen gebaut worden waren.


Indem man diesen beiden Entwicklungen hinterherrecherchiert, stößt man darauf, daß damit noch längst nicht alle damals von den Deutschen entwickelten "Wunderwaffen" genannt sind. Die folgende Filmdokumentation macht auf den "Horten Ho IX" aufmerksam, der verblüffend genau dem modernen amerikanischen Tarnkappenbomber B 2 ähnelt:


Kein Wunder angesichts solcher "gespenstischer" Maschinen, daß seither den Deutschen auch die Entwicklung der mysteriösen, von einer sagenhaften "Vril-Kraft" angetriebenen "Flugscheiben" zugetraut wird ... (Was natürlich die reale Existenz solcher Flugscheiben, an die insbesondere Okkultgläubige so gerne glauben, in keiner Weise plausibler macht.)

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  1. Dornberger, Walter: Peenemünde. Die Geschichte der V-Waffen. Ullstein TB, Frankfurt/M. (7. Aufl.) 1996 (erstmals 1952 unter dem Titel "V 2 - Der Schuß ins Weltall")

Donnerstag, 22. März 2012

Von der "roten Bude" zum Bundeskanzleramt (II)


Zur Geschichte des Regierungsviertels im Spreebogen (1871 bis heute)
Teil 2: 1918 - 1947 / heute

Im ersten Teil dieses Beitrages ist die Geschichte des Generalstabsgebäudes am Königsplatz im Spreebogen bis Ende Oktober 1918 geschildert worden. Im folgenden sollen die Ereignisse rund um diese Örtlichkeit für den Zeitraum vom 9. November 1918 bis 1947 skizziert werden. Insbesondere in den Endtagen des Zweiten Weltkrieges hat sich hier noch ein dramatisches Geschehen vollzogen, dem aber auch noch ein eigener, ergänzender Beitrag gewidmet ist.

Das Generalstabsgebäude in den Revolutionstagen 1918/19

In den Anfangstagen der Revolution nach dem 9. November 1918 sind offenbar im Generalstabsgebäude innerhalb der politischen Abteilung auch Akten über die Entwicklung von biologischen Waffen vernichtet worden (Biol. Waffen 1915 - 1945, 1999, S. 59):
Major Marguerre hat "erkärt, daß er persönlich zur Zeit des Ausbruchs der Revolution im Keller des Generalstabsgebäudes unter Hinzuziehung einiger zuverlässiger Offiziere die Akten durch Feuer vernichtet habe".
Heinrich Marx (Handbuch der Revolution in Deutschland, 1919, S. 80):
Robert Henseling berichtet als Augenzeuge darüber folgendes: In der Nacht vom 10. zum 11. November 1918 standen im Generalstabsgebäude des Großen Hauptquartiers zwei kleine Gruppen einander gegenüber. Aus der einen Seite ...
Karl Hampe (2004, S. 797):
Im Generalstabsgebäude war man bei der Revolution zum Widerstand bereit, gab ihn aber auf Befehl der Reichsleitung auf. Man habe sich auf die Soldaten doch wohl nicht verlassen können. 
Siegfried Vietzke (1966, S. 377f):
Die Offiziersbesprechungen im Generalsstabsgebäude in Berlin (...). Auf ihr gab Major von Schleicher das damalige politische Programm der OHL bekannt: Für einen Generalstabsoffizier gäbe es im Augenblick nur eines von Wichtigkeit: die Gesundung des Wirtschaftslebens ...  
E. R. Huber (1978, Bd. 5, S. 895):
Vielmehr kündigte Hindenburg in einem sofort geführten Ferngespräch mit Ebert die Entsendung des Ersten Generalquartiermeisters Groener nach Berlin an. Am 20. Dezember 1918 begaben Groener und der ihn begleitende Major Schleicher, der Leiter der politischen Abteilung der OHL, sich nach ihrer Ankunft in der Reichshauptstadt in einem (...) vom Generalstabsgebäude in die Reichskanzlei, wo sie den Volksbeauftragten die Einwendungen ...
Ernst Otto Schüddekopf ("Das Heer und die Republik", 1955, S. 89):
Soweit sie damals in Berlin waren oder sich dort auf der Durchreise aufhielten, versammelten sie sich in den Dezembertagen des Jahres 1918 mehrmals im ehemaligen Generalstabsgebäude am Königsplatz, in der berühmten „roten Bude", ...
Und (S. 382):
Die beiden Offiziersbesprechungen im Generalstabsgebäude in Berlin. 18. Dezember  
Hagen Schulze berichtet ("Weimar", 1994, S. 112):
Am 20. Dezember 1918 findet im Gebäude des Großen Generalstabs eine Offiziersversammlung statt. 
Gilbert Zibura (1975, S. 33):
... die von der militärischen Führung in der ersten grundlegenden Besprechung nach dem Waffenstillstand im Generalstabsgebäude in Berlin am 20. Dezember 1918 entwickelt worden waren, blieb die Konzeption von Seeckts — langfristig ...
25. Dezember 1918 - General von Lüttwitz wird Oberbefehlshaber

Am 25. Dezember 1918 wurde General von Lüttwitz zum Oberbefehlshaber der Truppen um und in Berlin ernannt. Er residierte offenbar im Generalstabsgebäude und wurde schließlich, am 9. Januar 1919 Gustav Noske unterstellt. Ludwig R. G. Maercker berichtet ("Vom Kaiserheer zur Reichswehr", 1921, S. 67):
Das Hauptquartier der Abteilung Lüttwitz war im Generalstabsgebäude. Während der spartakistischen Wirren war es dort zu gefährdet. Es wurde am 6. 1. in das Luisenstift nach Dahlem verlegt, wohin auch Noske mit seinem Stabe ging.
Waldemar Erfurth (1960, S. 25):
Da der Stab Noskes in der Reichskanzlei und in dem Generalstabsgebäude ständig in der Gefahr schwebte, von den Spartakisten ausgehoben ...
(Google Bücher, 1997):
General der Infanterie von Lüttwitz führte das Generalkommando Lüttwitz, die "Abteilung Lüttzwitz", die ausführende Kommandostelle des Oberbefehlshabers Gustav Noske (Wirren, S. 58) mit gemeinsamem Sitz im Dahlemer Luisenstift (später im Gebäude des Großen Generalstabes am Königsplatz).
Friedrich Wilhelm Oertzen berichtet über Gustav Noske am 9. Januar 1919 ("Die deutschen Freikorps", 1939, S. 262):
... erkannt von den die Straßen füllenden erregten Menschenmassen zu Fuß ins Generalstabsgebäude durchschlug, um dort mit den Herren des Stabes der sogenannten Abteilung Lüttwitz die militärische Lage durchzusprechen. Die Abteilung Lüttwitz - schon wenige Tage später wurde diese Bezeichnung in Generalkommando Lüttwitz umgeändert - war die von der Obersten Heeresleitung bestimmte Spitze aller Freikorps in und bei Berlin. Im Generalstabsgebäude erfuhr Noske zunächst allerdings eine bittere Enttäuschung. ... In seinem Buch „1918/19. Die Wehen der Republik" erzählt Oberst Reinhard über die ...
9. Januar 1919 - Gustav Noske und General Lüttwitz im Generalstabsgebäude

Über den 6. Januar 1919 heißt es (Quellen z. Gesch. d. Rätebewegung, S. 226):
Noske hatte sich sofort nach seiner Ernennung zum Oberbefehlshaber am 6.1. vorm. zum Generalstabsgebäude und von ...
Richard Müller ("Bürgerkrieg in Deutschland", 1974, S. 47):
Noske nahm sofort seine Tätigkeit als Oberbefehlshaber auf. Mittags verhandelte er im Generalstabsgebäude mit Offizieren und den Führern der vor Berlin liegenden freiwilligen Verbände, dar-...
Andreas Linhardt (2002, S. 58):
Nach einer Lagebesprechung im Berliner Generalstabsgebäude, in der deutlich geworden war, daß außer den wenigen schon bestehenden Freiwilligenformationen keine verläßlichen und schlagkräftigen Truppen mehr existierten, suchte die OHL verstärkt den Kontakt zu den sich bildenden Freikorps.
Günter Hortzschansky (Gesch. d. Nov. revol., 1978, S. 298):
Noske und die ihn umgebenden Generalstabsoffiziere hatten am Nachmittag des 6. Januar das Stabsquartier der Regierungstruppen vom Generalstabsgebäude im Zentrum der Hauptstadt in den Villenvorort Dahlem verlegt, ...
Eine Hauptquelle für diese Ereignisse ist das Buch von Gustav Noske selbst "Von Kiel bis Kapp" mit einem Vorwort vom April 1920 (zitiert auch von: Eduard Bernstein 1921, S. 143; Benoist-Mechin, Geschichte des dt. Heeres, 1939, S. 91; 1965, S. 124; Gerhard Ritter, "Die deutsche Revolution", 1968, S. 169). In ihm heißt es (1920, S. 68):
Mit einem jungen Hauptmann in Zivil sollte ich (von der Reichskanzlei) nach dem Generalstabsgebäude gehen, um dort mit einigen Offizieren die erforderlichen Maßnahmen zu besprechen. Auf der Straße
- der Wilhelmsstraße vor der Reichskanzlei -
wurde ich stürmisch begrüßt. Man hob mich hoch, und ich teilte kurz mit, daß ich zum Befehlshaber ernannt sei. (...) "Verlaßt euch darauf, ich bringe euch Berlin in Ordnung."
Als wir die Massen, mit denen die Wilhelmstraße gefüllt war, hinter uns hatten, stießen wir Unter den Linden auf das Aufgebot der Unabhängigen und Spartakusleute. Diesmal handelte es sich nicht um eine friedliche Demonstration. (...) Am Brandenburger Tor, im Tiergarten und vor dem Generalstabsgebäude mußte ich den Zug durchschreiten. Zahlreiche Bewaffnete marschierten mit. Einige Lastautomobile mit Maschinengewehren standen an der Siegessäule. Höflich bat ich wiederholt darum, mich durchzulassen, denn ich hätte eine dringende Besorgung. Es wurde mir bereitwillig der Weg freigegeben.
Und (S. 71):
In einem Zimmer des Generalstabsgebäudes fanden sich bei mir am Mittag diese Januartages neben anderen Offizieren die Generalstabsmajore von Hammerstein und von Stockhausen ein, die von nun an monatelang meine pflichteifrigsten Mitarbeiter waren und sich außerordentlich verdient gemacht haben. Auf dem Platze vor dem Gebäude wogten die demonstrierenden Massen. Wenn sie Entschlossenheit gehabt hätten, da Haus zu nehmen, hätte es kaum mit einiger Aussicht auf Erfolg verteidigt werden können. Daß hier nicht unseres Bleibens sein konnte, war klar. Rasch wurde erörtert, ob im Augenblick militärisch etwas unternommen werden könnte. Es wäre möglich gewesen, einige hundert Mann bis an den Zoologischen Garten in Charlottenburg heranzuführen. Eine Verzettelung von Kräften lehnte ich aber ab und fand für den Vorschlag lebhafte Zustimmung, aus Berlin herauszugehen und erst dann zu handeln, wenn genügend starke Kräfte einen vollen Erfolg garantierten. Als Hauptquartier wurde das freiliegende, daher leicht zu verteidigende Luisenstift in Dahlem in Aussicht genommen, ein Pensionat für mehr als 12jährige Mädchen. Nachmittags gegen 3 Uhr traf ich dort als erster ein. (...) Die Schülerinnen waren in den Ferien, unser Einzug konnte sofort beginnen.
Über den 12. Januar 1919 berichtet er (1920, S. 193):
Mittags fand Kabinettssitzung in der Reichskanzlei statt. Die Straßen begannen sich mit den Menschenmassen zu füllen, die zum Reichstagsgebäude zogen. (...)
Nachdem die Massen ein paar Stunden auf dem Königsplatz ohne Ordner und ohne Führung herumgestanden hatten, wurden Polizeibeamte angegriffen und ein Sturm auf das Parlamentsgebäude unternommen, der mit Maschinengewehren abgeschlagen wurde. 42 Tote und 105 Verwundete hatten die Unabhängigen auf dem Gewissen. Die Führer hatten hinter den dicken schützenden Mauern des Reichstagsgebäudes den Verlauf der Ereignisse abgewartet. Nicht einer der bekannten Wortführer war inmitten der auf die Straße gelockten Massen gewesen.
Noske spricht sich in Erinnerungen aus dem Jahr 1947 einen beträchtlichen Einfluß auf den Gang der deutschen Geschichte an diesem Tag zu (1947, S. 70):
Als ich zum Oberbefehlshaber, ohne Truppen, ernannt, von der Wilhelmstraße zum Gebäude des Großen Generalstabs ging, hätte ich mit einem einzigen Fingerzeig an die bewaffneten Massen, die Unter den Linden und im Tiergarten demonstrierten, die Welle des blutigen Terrors auf alles lenken können, was nicht kommunistisch war. Statt dessen schuf ich das Instrumtent, mit dem der Bolschewismus niedergeschlagen wurde.
Alfred Döblin schreibt 1950 ("Karl und Rosa", S. 329):
Der lange Spaziergänger war der beauftragte Bluthund, der sich die Massen ansah, die er jagen sollte, Gustav Noske, ... Geschlossene Züge, die sich in Richtung Moabit bewegten, machten regelmäßig halt am Generalstabsgebäude, um ihrem Haß wenigstens in „Nieder-Nieder-Rufen" Luft zu machen. Noske stand dabei. Als ein Zug herausfordernd stehenblieb ...
Am 23. Februar 1919 kehrte der General Erich Ludendorff von Schweden, wo er seine Kriegserinnerungen niedergeschrieben hatte, nach Berlin zurück. Er schreibt in seinen Lebenserinnerungen (7, S. 46f):
Auf dem Stettiner Bahnhof hielten rote Soldaten Wache. (...) Kapitänleutnant v. Pflugk-Hartung, der später im neuen Deutschland verfolgt wurde, und Hauptmann Breucker holten mich ab und brachten mich im Kraftwagen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division wieder in das Haus meines Regimentskameraden (gemeint: Breucker). Schon unterwegs machten mir meine Begleiter Mitteilungen, die mein Bild über die letzten Ereignisse in Deutschland vervollständigten. Im Reich hätte sich im Laufe des Februars die Regierung Ebert unter Kämpfen gegen Spartakisten, Kommunisten und ihre eigenen Angehörigen durchzusetzen begonnen. (...) Herr Noske wäre bei Niederwerfung der Aufstände mit seiner Autorität immer mehr hervorgetreten. Die Regierung habe sich in Weimar ganz unter den Schutz des Generals Maercker gestellt. (...) In Berlin würden noch ernstere Ereignisse erwartet. Während meine Begleiter mir dies erzählten, fuhren wir auch am Generalstabsgebäude vorüber, in dem ich im Frieden für die Wehrhaftmachung des Volkes und im Kriege - wenn die Oberste Heeresleitung in Berlin weilte - für dessen Erhaltung gearbeitet hatte. Jetzt hatte sich irgendeine revolutionäre Behörde festgesetzt; denn es sollte ja nach dem Willen der Revolution Deutsche Kraft "für immer" gebrochen sein.
Erich Ludendorff sah also noch während des Abfassens seiner Lebeserinnerungen Mitte der 1930er Jahre in dem damals noch bestehenden Generalstabsgebäude ein Symbol für "Deutsche Kraft". 

Im Mai 1919 erfolgte die Überführung des Kartenarchivs des Generalstabs mit über 200.000 Karten in die Kartenabteilung der Preußischen Staatsbibliothek Unter den Linden (Jahrbuch der Univ. Breslau). In dem schon zitierten, kurzen Abriß zur Geschichte des Generalstabsgebäudes heißt es:
Nach der von den Siegermächten des I. Weltkrieges erzwungenen Auflösung des Großen Generalstabes nutzten verschiedene Reichsbehörden, so auch das Reichsinnenministerium, das Generalstabsgebäude.
Die Zeit nach 1920

Abb. 23: Bebauungsvorschlag von Hans Poelzig aus dem Jahr 1929
In der Weimarer Republik wurde der Königsplatz in "Platz der Republik"  umbenannt. Es gab Pläne zu seiner Umgestaltung spätestens ab 1929. Darunter vor allem verschiedene Entwürfe von Hans Poelzig, die man zumindest im Vergleich mit der heutigen Bebauung als die gar nicht einmal schlechteste Alternative erachten muß.

Während des Dritten Reiches wurde der "Platz der Republik" wieder Königsplatz benannt.

Abb. 24: Blick (wohl) aus dem vormaligen Generalstabsgebäude auf Siegessäule und Reichstagsgebäude, vor 1938 
Im Gegensatz zu heute war der Platz der Republik in den 1920er und 1930er Jahren offenbar dicht bewaldet.

Abb. 25: Reichsinnenministerium (vormals Generalstab) mit Siegessäule (vor 1938)

Abb. 26: Moltkestraße in Richtung Reichstag - links Reichswohnungskommissar, rechts vormaliges Generalstabsgebäude, nun  Reichsinnenministerium (undatiert - um 1940?)
1938 Umgestaltungen zur "Welthauptstadt Germania"

Ab 1937 begannen die Planungen Albert Speers für die Umgestaltung der Reichshauptstadt Berlin zur "Welthauptstadt Germania" (nach den späteren Worten Hitlers). Im Zentrum dieser Umgestaltung stand eine gigantische Überlagerung der alten Siegesallee Kaiser Wilhelms II. (von der Alsenstraße im Spreebogen über den Königsplatz bis zum Kemperplatz) durch eine neue, viel gigantischere Siegesallee an gleicher Stelle. Sie sollte aber nach Norden und Süden bis zum Autobahnring hin zu einer "Nord-Süd-Achse" verlängert werden.

Zunächst wurden dazu alle Denkmäler der alten Siegesallee abgeräumt und an andere Orte versetzt. Also die Siegessäule, die Denkmäler Bismarcks, Roons, Moltkes, sowie der brandenburgischen Kurfürsten und Könige. Sie alle wurden nun als zu bescheiden in ihren Dimensionen empfunden. Die Siegessäule und die ihr zugeordneten Denkmäler am vormaligen Königsplatz wurden auf den "Großen Stern" versetzt, der neuen West-Ost-Achse. Dort stehen sie noch heute - letztlich als Zeugnis der städtebaulichen Umgestaltungen der Nationalsozialisten. 

Das Zentrum Berlins ist also bis heute in einigen seiner wichtigsten Wahrzeichen (der Siegessäule, dem Platz vor dem Reichstagsgebäude und der wilhelmischen Siegesallee) von den Umgestaltungen der Nationalsozisten entscheidend mitgeprägt geblieben. Also von Umgestaltungen, die nur niemals zu Ende haben durchgeführt werden können, und die vor allem das Stadtbild des  kaiserzeitlichen Königsplatzes und der Siegesallee durchgreifend zerstört haben.

Der Krieg und die bewußte Platzierung des sowjetischen Siegesmales direkt auf der kaiserzeitlichen und nationalsozialistischen Siegesallee vollendeten dann das Ziel, das vormalige wilhelminische Deutschland im Zentrum der deutschen Hauptstadt der Geschichtsvergessenheit anheim fallen zu lassen. Die Erinnerungen an das kaiserzeitliche Deutschland sind durch die beiden totalitären Umgestaltungen fast völlig ausgelöscht worden. Ein mit Unkraut bewachsener Pfad führt heute an Stelle der vormaligen kaiserzeitlichen Siegesallee durch den Tiergarten bis zum Kemperplatz.

Auch die "rote Bude", das alte Generalstabsgebäude, fand im Rahmen der nationalsozialistischen Umgestaltungen kein Wohlwollen mehr. Es hatte ebenfalls unbarmherzig abgerissen werden sollen. Denn an seiner Stelle war ja viel Wichtigeres vorgesehen. Nämlich die gigantische "Große Halle". Der deutsche Generalstab hatte an Stelle dessen ein neues Gebäude genau zwischen Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor erhalten sollen. Aber alle diese drei Gebäude hätten lächerlich klein gewirkt neben der geplanten "Großen Halle" (Fröhl. Neugestalt., S. 51). Die Präsenz des Militärs wäre (Fröhliche Neugestaltung, S. 28) ...
... im neuen Zentrum Berlins mit dem Generalstabsgebäude direkt neben dem Reichstagsgebäude gegenüber der Reichkanzlei, dem gewaltigen Komplex des Oberkommandos des Heeres und der "Soldatenhalle" unmittelbar südlich des Tiergartens und dem Triumphbogen und der Trophäenallee vor dem Südbahnhof geradezu erdrückend geworden.
Auf den Fotos von 1945 sieht man - abgesehen von Bunkereinbauten - den Königsplatz schon seines vormaligen Denkmalschmuckes entledigt. Der Historiker Jan Kindler berichtet:

Als Mitte der Dreißigerjahre das ehemalige preußische Genralstabsgebäude in Berlin-Tiergarten  (...) weichen sollte, stand man vor einem erinnerungspolitischen Problem: Das sogenannte Moltkezimmer, Arbeitszimmer des prominenten ehemaligen Generalstabschefs Moltke dem Älteren und inzwischen zum "Gedenkraum" umfunktioniert, in dem auch seine Totenmaske aufbewahrt wurde, mußte ebenfalls abgerissen werden. Es drohte der Verlust eines zentralen Erinnerungsortes preußisch-deutscher Militärtradition. (...) Die Heeresführung beauftragte ein Kamerateam der armeeeigenen Heeres-Filmstelle, Aufnahmen des Zimmers und seiner traditionsrelevanten Artefakte herzustellen. Die so entstandenen stummen Filmaufnahmen, überliefert im Bundesarchiv, dienten im direktesten Sinne einer filmischen Bewahrung von Erinnerung.
Dieses Zimmer wird auch in einer Ausgabe der Moltke-Briefe aus dem Jahr 1960 erwähnt (E. Kessel, S. 389)
Moltke-Gedächtniseimmer = Arbeitszimmer Moltkes im ehemaligen Generalstabsgebäude am Königsplatz in Berlin, vom Reichsministerium des Innern, das nach 1918 das Gebäude zugewiesen erhielt, mit Dokumenten, Bildern usw. als ...
1943 - Dienstgebäude Heinrich Himmlers (?)

1943 wurde Heinrich Himmler zum Reichsinnenminister ernannt. Und gelegentlich wird erwähnt, daß er eine Dienstwohnung im ehemaligen Generalstabsgebäude bezogen hätte. Deshalb hat dieses Gebäude 1945 in den Augen der sowjetischen Soldaten auch als das "Haus Himmlers" gegolten. In geschichtswissenschaftlichen Darstellungen (1, S. 650f) werden aber nur das Dienstgebäude "Unter den Linden" und das Reichssicherheitshauptamt in der Prinz-Albrecht-Straße als Dienstsitze Himmlers erwähnt.

Heinrich Himmler stellte Hitler aber in den Endtagen des Zweiten Weltkrieges seine eigene Leibwache zur Verteidigung des Regierungsviertels zur Verfügung. Ob sie besonders das Innenministerium verteidigt hat, ist der bisher eingesehenen Literatur nicht zu entnehmen, wie es überhaupt bis heute keinen einzigen unmittelbaren deutschen Augenzeugenbericht von den so schweren Kämpfen an der Moltkebrücke und um das Generalstabsgebäude Ende April 1945 zu geben scheint bis heute.

Schwerste Kämpfe um das Generalstabsgebäude im April 1945

Die Bedeutung der Moltkebrücke und des Generalstabsgebäudes während der Kämpfe um Berlin Ende April 1945 und während des Selbstmordes von Hitler nur wenige hundert Meter entfernt im Führerbunker der Reichskanzlei ist gegenwärtig auf dem englischen Wikipedia wesentlich eindrucksvoller geschildert, als auf dem deutschen, weshalb das englische zitiert sei:
The bridge saw heavy fighting during the Battle of Berlin in April 1945 at the end of World War II. German defenders, about 5000 members of the SS and Volksturm, barricaded the bridge at both ends and wired it for demolition. On April 28, units of the Soviet 3rd Shock Army, commanded by Major-General S.N. Perevertkin, fought their way down Alt-Moabit towards the bridge. Their goal was the capture of the German Reichstag, only 600 metres from the bridge. At dusk, the Soviets assaulted the bridge. The detonation charges damaged the bridge, with a section falling into the Spree, but enough stood for men and vehicles to cross. It was damaged by German demolition charges as the Soviet forces marched towards the center of the city, but it didn't collapse. By midnight, the Soviet 150th and 171st rifle divisions had secured the bridgehead against any counterattack the Germans could muster. From here they moved on the Reichstag, which they captured on May 1. Though damaged, the bridge was one of the few to survive the war and looks similar to the original construction, though it was repaired and strengthened to take the weight of modern traffic.
Und noch etwas allgemeiner über die letzten, schweren Kämpfe im Bezirk Tiergarten:
By 28 April, the Germans were now reduced to a strip less than five kilometres wide and fifteen in length, from Alexanderplatz in the east to Charlottenburg and the area around the Olympic Stadium (Reichssportfeld) in the west. (...) The 3rd Shock Army were in sight of the Victory Column in the Tiergarten and during the afternoon advanced down towards the Moltke bridge over the Spree, just north of the Ministry of the Interior and a mere 600 metres from the Reichstag. German demolition charges damaged the Moltke bridge but left it passable to infantry. As dusk fell and under heavy artillery bombardment the first Soviet troops crossed the bridge. By midnight, the Soviet 150th and 171st rifle divisions had secured the bridgehead against any counterattack the Germans could muster. (...)
During the evening, von Greim and Reitsch flew out from Berlin in an Arado Ar 96 trainer. (...)
In the early hours of 29 April, the 150th and 171st Rifle divisions started to fan out from the Moltke bridgehead into the surrounding streets and buildings. Initially the Soviets were unable to bring forward artillery, as the combat engineers had not had time to strengthen the bridge or build an alternative. The only form of heavy weaponry available to the assault troops were individual 'Katyusha' rockets lashed to short sections of railway lines. Major-General Shatilov's 150th Rifle Division had a particularly hard fight capturing the heavily fortified Ministry of the Interior building. Lacking artillery they had to clear it room by room with grenades and sub-machine guns.
Das vormalige Gebäude des Großen Generalstabes mußte also von den sowjetischen Truppen - ebenso wie das Reichstagsgebäude - Raum für Raum mit Handgranaten und Maschinenpistolen erobert werden.

Abb. 27: 28. bis 30. April 1945 - Vorstoß über die Moltkebrücke (s.a. b)
Weiter heißt es:
The Nordland Division was now under Mohnke's central command. All the men were exhausted from days and nights of continuous fighting. The Frenchmen of the Nordland had proved particularly good at destroying tanks, of the 108 Soviet tanks destroyed in the central district, they had accounted for about half of them.
Zu den vielen kampfunfähigen sowjetischen Panzern siehe die Abbildungen. Aus den Kellerfenstern des Generalstabsgebäudes haben offenbar die deutschen Kanoniere die Bildung eines sowjetischen Brückenkopfes auf der Südseite der Brücke zu verhindern gesucht (Abb.).

Abb. 28: "Kanoniere in den Kellerfenstern des Reichsministerium des Innern"
Die beiden letzten Ritterkreuze wurden für diese Panzervernichtungen verliehen, eines an einen Franzosen, ein anderes an einen deutschen Soldaten der Waffen-SS:
At 06:00 on 30 April the 150th Rifle Division had still not captured the upper floors of the Ministry of the Interior, but while the fighting was still going on the 150th launched an attack from there across the 400 metres of Königsplatz towards the Reichstag. (...) The initial infantry assault was decimated by cross fire from the Reichstag and the Kroll Opera House on the western side of Königsplatz. By now the Spree had been bridged and the Soviets were able to bring up tanks and artillery to support fresh assaults by the infantry. (...) Accurate fire from 12.8 cm guns two kilometres away on the Berlin Zoo flak tower prevented any further successful advance (...) during daylight. (...)
During the morning, Mohnke informed Hitler the centre would be able to hold for less than two days. Later that morning Weidling informed Hitler in person that the defenders, would probably exhaust their ammunition that night and again asked Hitler permission to break out. At about 13:00 Weidling who was back in his headquarters in the Bendlerblock, finally received Hitler's permission to attempt a breakout. During the afternoon Hitler shot himself. (...)
Because of the smoke, dusk came early to the centre of Berlin. At 18:00 hours, while Weidling and his staff finalized their breakout plans in the Bendlerblock, under cover of a heavy artillery barrage, three regiments of the Soviet 150th Rifle Division, closely supported by tanks, assaulted the Reichstag. All the windows were bricked up, but they managed to force the main doors and entered the main hall. The German garrison, of about 1,000 defenders - a mixture of sailors, SS and Hitler Youth - fired down on the Soviets from above, turning the main hall into a medieval style killing field. Suffering many casualties, the Soviets made it beyond the main hall and started to work their way up through the building. The fire and subsequent wartime damage had turned the building's interior into a maze of rubble and debris amongst which the German defenders were strongly dug in. The Soviet infantry were forced to clear them out. Fierce room-to-room fighting ensued. As May Day approached Soviet troops reached the roof of the Reichstag as fighting continued inside. (...)
The fighting continued as there was still a large contingent of German soldiers down in the basement. The Germans were well stocked with food and ammunition and launched counter-attacks against the Red Army leading to close fighting in and around the Reichstag. Close combat raged throughout the night and the coming day of 1 May, until the evening when some German troops pulled out of the building and crossed the Friedrichstraße S-Bahn Station where they moved into the ruins hours before the main breakout across the Spree. About 300 of the last German combatants surrendered. A further 200 defenders were dead and another 500 were already hors de combat lying wounded in the basement, many before the final assault had started. (...)
The commander of the Zoo flak tower (that had proved impervious to direct hits from 203 mm howitzer shells) was asked to surrender on 30 April.
Das punktgenaue Sperrfeuer des Flakturms vom Bahnhof Zoo hatte also mit dazu beigetragen, daß es für die sowjetischen Truppen so schwer war, die 600 Meter vom Generalstabs- bis zum Reichstagsgebäude zu überwinden.

Abb. 29: "Die JS II und SU 152 fahren von der Brücke in Richtung Reichstag"
Wohl von wenigen anderen eng umgrenzten Kampforten des Zweiten Weltkrieges werden so viele Photographien, erstellt unmittelbar nach Ende der Kämpfe überliefert sein wie für die Kämpfe rund um diese Örtlichkeiten.

Abb. 30: An der Moltkebrücke
Da man auf den Abbildungen keine Gefallenen sieht, wird man vermuten können, daß die Photographien erstellt wurden nach dem Absammeln der Gefallenen vom Schlachtfeld aber noch vor Abstransport der liegengebliebenen und gefechtsunfähig gewordenen Panzer, sowie der Panzerabwehrkanonen.

Hohe Verluste beim Überqueren der Moltkebrücke

Der Historiker Le Tissier schreibt über den Kampf um das Generalstabsgebäude (S. 178f):
Um 2.00 Uhr am 29. war das erste Ziel, das Haus Ecke Uferanlagen/Moltkestraße, erreicht. 
Die Russen waren dann heftigen deutschen Gegenangriffen von beiden Seiten des Flusses aus, auch vom Lehrter Güterbahnhof aus, ausgesetzt. Le Tissier weiter:
Nach der Errichtung eines kleinen Brückenkopfes im Eckhaus bedienten sich die Russen ihrer üblichen Taktik, um diesen zu erweitern, sie kämpften sich durch die Häuser vor. Die 150. Division durchkämmte die Häuser in der Moltkestraße, während die 171. Division begann, den Rest des Häuserblocks zu säubern. Das 525. Schützenregiment kämpfte auf dem Kronprinzenufer, das 380. Schützenregiment zu seiner Rechten (also wohl am Schlieffen-Ufer). (...) Die Vielzahl der Einheiten, die zusammengedrängt auf engem Raum kämpften, weist auf die Entschlossenheit der sowjetischen Führung hin, diese Tatsache läßt aber auch den Schluß zu, daß die Russen hohe Verluste beim Überqueren der Brücke erlitten haben müssen.

Um 7 Uhr begann die zweite Phase dieser Operation mit einem zehnminütigen Feuerschlag. Die 150. Division bereitete sich darauf vor, über die Moltkestraße zum Haupteingang des Innenministeriums, "Himmlers Haus", wie sie es nannten, vorzustoßen. Die Eingänge der beiden mittleren Häuser auf der rusischen Straßenseite lagen genau gegenüber dem Ministerium, und es ist anzunehmen, daß dieser Weg gewählt wurde. Die Russen rannten über die Straße, drückten sich an die Mauern des Ministeriums, warfen Handgranaten in den Eingang und stürmten dann in die Eingangshalle. Die Kämpfe zogen sich schnell über die Haupttreppe in alle Stockwerke und hielten den ganzen Tag und die Nacht über an, im erstickenden Qualm der brennenden Möbel und Teppiche. Die SS-Verteidiger leisteten heftigen Widerstand, so daß die 150. Division noch ihre Reserve, das 674. Schützenregiment, anfordern mußte, um die Südwestecke des Gebäudes zu säubern.
Also die Gebäudeseite zum Königsplatz und zur Krolloper hin. Und weiter (S. 184f):
Um 4.00 Uhr morgens am 30. April hatte die 150. Division das Innenministerium und die 171. Division die Westhälfte des Diplomatenviertels von den Deutschen gesäubert. Das 525. Schützenregiment hielt die Alsenstraße, das 380. Schützenregiment die Schweizer Gesandtschaft mit Blick über den Königsplatz auf den Reichstag, das Ziel der Operation, besetzt. Verluste waern auf beiden Seiten hoch, und es ist bezeichnend, daß von diesem Zeitpunkt an das 469. Schützenregiment nicht mehr erwähnt wird.
Die Krolloper war aber noch in deutscher Hand, weshalb der Reichstag nicht erstürmt werden konnte, da von der Krolloper heftiges Abwehrfeuer über den ganzen Königsplatz abgegeben werden konnte. So mußte im weiteren erst die Krolloper von den Russen erobert werden. Erst abends um 18 Uhr, nachdem die Krolloper erobert worden war, erreichten die ersten russischen Soldaten das Reichstagsgebäude. Aber auch um dieses sollte noch über mehrere Tage hinweg und zwischen den verschiedenen Stockwerken gekämpft werden.

Abb. 31: Russische Soldaten in der Moltkestraße, 1945
Der britische Historiker Anthony Beevor schreibt (S. 381):
Die 150. Schützendivision attackierte das Innenministerium. (...) Türen und Fenster waren bis auf Schießscharten für die Verteidiger verbarrikadiert. Es war schwer einzunehmen. Geschütze und Raketenbatterien konnten hier nicht eingesetzt werden. (...) Die wichtigsten Waffen, die am Vormittag des 29. April im Nahkampf zum Einsatz kamen, waren Maschinenpistolen und Handgranaten. 
So berichtet Beevor laut eines Gespäches mit dem Augenzeugen Oberleutnant Nikolai Beljajew im Juli 2000. Offenbar hat auch Beevor - wie alle Historiker vor ihm - keine Augenzeugen aus den Reihen der deutschen Verteidiger bei diesen Kämpfen mehr ausfindig machen können. Stattdessen zitiert Beevor den Brief eines kurze Zeit später gefallenen einfachen russischen Soldaten, der offenbar schon auf der Südseite der Spree geschrieben worden ist, und in dem unter anderem berichtet wird (S. 381):
Ich lebe und bin gesund, nur die ganze Zeit ein wenig berauscht. Aber das brauchen wir, um uns Mut zu machen. Eine vernünftige Ration Drei-Sterne-Kognak schadet nicht. 
Ein sechsstöckiges Haus sei über seinen Kameraden zusammengestürzt. Im weiteren referiert Beevor einen im Jahr 2000 veröffentlichten Bericht des russischen Kriegsberichterstatters Nikolai Schatilow (S. 387f):
Unter sporadischem Beschuß brachte man den Korrespondenten dann im Zickzack zum Himmler-Haus. Nach den detonierenden Handgranaten und dem Rattern der Maschinenpistolen zu urteilen, wurde in den oberen Etagen noch gekämpft. Im Keller dagegen bereitete das Küchenbataillon fast ebenso geräuschvoll das Frühstück für die Sturmtrupps zu. Im Parterre suchte sich Hauptmann Neustrojew, ein Bataillonskommandeur, der den Sturm auf den Reichstag anführen sollte, zu orientieren. Immer wieder schaute er auf seine Karte und dann auf das graue Gebäude vor ihm. Sein Regimentskommandeur, der wegen Verzögerung langsam ungeduldig wurde, stand plötzlich neben ihm.

"Da steht ein graues Gebäude im Weg," erklärte Neustrowjew. Der Regimentskommandeur nahm ihm die Karte weg und suchte nach dem eigenen Standpunkt. "Neustrowjew," rief er schließlich aufgebracht. "Das ist der Reichstag!" Der junge Bataillonskommandeur hatte sich nicht vorstellen können, daß sie ihrem Ziel so nahe waren.

Auch der Korrespondent riskierte einen Blick aus dem Fenster. Auf dem Königsplatz "Blitze, Flammen, detonierende Granaten und Feuerpfeile der Leuchtspurgeschosse". Bis zum Reichstag waren es kaum 400 Meter. "Ohne die Kämpfe", schrieb er, "hätte man die Entfernung in wenigen Minuten hinter sich gebracht. Aber nun schien dieses Stück Weg, das Geschoßkrater, Eisenbahnwaggons, Drahtverhaue und Gräben versperrten, völlig unpassierbar zu sein." (...)

Beim Frühstück "kontrollierten" alle noch einmal ihre Waffen und Ersatzmagazine". Um sechs Uhr zog die ersten Kompagnie in den Kampf. Sie waren "kaum 50 Meter vorangekommen, als ein Feuersturm des Gegners sie niederwarf". Zwei sehr gelichtete Bataillone stürmten kurz danach noch einmal vor, wobei zahlreiche Männer fielen. Schweres Sperrfeuer kam von der Krolloper (...) und aus dem Reichstag selbst.
Reed/Fisher schreiben über die Verteidiger der Moltkebrücke und des Generalstabsgebäudes (S. 604):
Es waren  meistens SS-Leute, aber auch zwei Bataillone Volkssturm, einige Reste der 9. Fallschirmjägerdivision und die Marine-Radartechniker vom Großadmiral-Dönitz-Bataillon.  Der Kampf um die Brücke war (S. 616)
ein harter und blutiger Kampf, der die ganze Nacht hindurch anhielt, mit Abwehrfeuer und Gegenangriffen von rückwärts und von den Flanken wie auch von der Front, denn deutsche Truppen standen noch im Lehrter Güterbahnhof in Perewjortkins rechter Flanke. 
Über die Identifizierung des Reichstages ergänzen Reed/Fisher noch (S. 626):
Neustrojew war immer noch nicht überzeugt. (...) Entschlossen, eine zweite Meinung zu hören, befahl Neustrojew einem seiner Männer, einen der deutschen Gefangenen zu holen, die sie gerade gemacht hatten. Ein älterer Volkssturmmann (...) wurde hereingebracht. "Was ist das?" fragte Neustojew und zeigte auf das graue Gebäude. "Der Reichstag", stotterte der Gefangene. Immer noch nicht überzeugt, befahl Neustrojew, noch einen zweiten Gefangenen zu befragen. Auch er identifizierte das Gebäude als Reichstag. Um ganz sicher zu gehen, ließ Neustrojew einen Dolmetscher holen und durch ihn fragen, ob dies der einzige Reichstag sei. Der Gefangene, ein Berliner, bestand darauf.
Abbildung 31 zeigt den zerschossenen Reichstag und die Moltkestraße. Abbildung 29 und 30 zeigen, wie sich am Südausgang der zum Teil von den Deutschen gesprengten Moltkebrücke deutsche Panzerabwehrkanonen und außer Gefecht gesetzte russische Panzer nach dem Ende der Kämpfe miteinander verkeilt unmittelbar gegenüberstehen. Im Hintergrund sieht man noch die zum Teil überwundenen Panzersperren.

Abb. 32: Sowjetisches Ehrenmal und Generalstabsgebäude (1945) (s.a. a) - auch der Panzergraben quer über den Königsplatz ist noch gut zu erkennen
Abbildung 32 ist zu entnehmen, daß nur der Eingang des sowjetischen Ehrenmals exakt mittig auf der vormaligen Siegesallee liegt, und daß das bauliche Zentrum desselben etwas nach links verschoben liegt. Dies  will berücksichtigt sein, wenn man sich heute an Ort und Stelle ein Bild von der kaiserzeitlichen Gestaltung der Örtlichkeit verschaffen will.

Abb. 33: Generalstabsgebäude, 1945
Aus dem September 1947 gibt es Filmaufnahmen, auf denen hinter dem sowjetischen Ehrenmal noch das vormalige Generalstabsgebäude zu sehen ist (Minute 5'15):


Zur Situation heute

Wenn man im Vorangehenden einen kleinen Einblick in die Geschichte dieser Örtlichkeit bekommen hat, ist natürlich der Gegensatz zur heutigen Gestaltung des Regierungsviertels im Spreebogen in die Augen fallend. Fast alles dort ist heute "neu". Und vieles nimmt sich dort heute so aus, als ob man die von den Nationalsozialisten versäumte "Gigantomanie" in anderer Form hätte nachholen wollen.

Im Norden der riesige neue Hauptbahnhof mit Glasfassade. Nur der etwas spreeabwärts gelegene, um 1871 errichtete "Zollpackhof" (heute Restaurant) und die daneben liegende, 1945 so umkämpfte, 1888 bis 1891 errichtete Moltkebrücke ("A") geben einem auch heute noch eine leise Orientierung hinsichtlich der historischen städtebaulichen Verhältnisse in der ereignisreichen Epoche zwischen 1860 und 1950. Und ebenso die heute reichlich deplatziert und verloren wirkende, von allen Häusern allein stehen gebliebene Schweizer Botschaft. Noch heute bewegt man sich im Spreebogen wie in "Niemandsland". Als wäre der Krieg nicht 65, sondern nur fünf Jahre her.

Abb. 34: Regierungsviertel im Spreebogen heute - "waagerecht" in die Weltordnung eingegliedert?
Weiter im Süden folgt dann das neue Bundeskanzleramt. Es dominiert mit seiner starken West-Ost-Achse das Bild. Dies wird noch verstärkt durch das Abgeordnetenhaus, das auf der gleichen Achse angesiedelt ist und sich über die Spree hinweg nach Osten ähnlich fortsetzt, wie der Kanzleramts-Garten über die Spree hinweg nach Westen die gleiche Achse fortsetzt. Soll damit architektonisch angedeutet sein, wie fest und "waagerecht" sich Deutschland inzwischen in eine Weltordnung eindordnet - zwischen Moskau und Paris, und ohne noch gar zu eigenwillig in andere Himmelsrichtungen "abzugleiten"?

Und die "Bundeswaschmaschine", genannt Bundeskanzleramt? Soll sie sie die tägliche Gehirnwäsche und Umvolkung versinnbildlichen, die von allen deutschen Bundeskanzlern seit Konrad Adenauer vorangetrieben werden?

Oder wäre es möglich, eine versöhnlichere Charakterisierung der heutigen städtebaulichen Situation dieses Ortes zu formulieren? Dies fällt vorderhand zu schwer, als daß es noch Thema dieses Beitrages sein soll. Der allzu deutliche Unterschied zur Zeit vor 1945 dürfte herausgearbeitet worden sein. Und die heutige weitverbreitete Geschichtsvergessenheit bezüglich dieser Örtlichkeit dürfte allemal kritisierenswert sein.

Und Bäume dürften vielleicht auch wieder ein wenig mehr rauschen zwischen Reichstagsgebäude und Bundeskanzleramt ... Was hätte versöhnlicheren Charakter als Bäume?

_________________
  1. Stephan Lehnstaedt: „Das Reichsministerium des Inneren unter Heinrich Himmler“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 54/2006 (freies pdf) 
  2. Le Tissier, Tony: Der Kampf um Berlin 1945. Von den Seelower Höhen zur Reichskanzlei. Ullstein, Frankfurt/M. 1991 (engl. 1988)
  3. Read, Anthony; Fisher, David: Der Fall von Berlin. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1995 (engl. 1992)
  4. Beevor, Antony: Berlin 1945. Das Ende. C. Bertelsmann Verlag, München 2002 (engl. 2002) 
  5. Noske, Gustav: Erlebtes aus Aufstieg und Niedergang einer Demokratie. Bollwerk-Verlag, Karl Drott, Offenbach/Main 1947 (Google Bücher)
  6. Lüttwitz, Walther von: Im Kampf gegen die November-Revolution. Vorhut-Verlag O. Schlegel, Berlin 1934 (139 S.)
  7. Ludendorff, Erich: Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940, 1941 

Sonntag, 18. März 2012

Von der "roten Bude" zum Bundeskanzleramt (I)

Zur Geschichte des Dienstgebäudes des Großen Generalstabes im Regierungsviertel im Spreebogen in Berlin (1871 bis heute) 
- Teil 1: 1871 bis 1918

Abb. 1: "Das neue Generalstabs-Gebäude zu Berlin" (1872; n. e. Zeichn. v. G. Theuerkauf, Holzstich)

An jenem Ort, an dem heute das Bundeskanzleramt steht, stand von 1871 bis 1947 die "rote Bude", das Generalstabsgebäude des berühmten deutschen "Großen Generalstabs", bewundert, geliebt, gefürchtet und gehaßt, wie selten eine Institution in der Geschichte. Während heute im Pentagon immer noch Weltpolitik gemacht wird, während noch heute das schon vor 1914 gegenüber dem deutschen weitaus prächtigere russische Generalsstabsgebäude in Petersburg - in der Nähe der Eremitage und des Winterpalais' - einen wesentlichen touristischen Anziehungspunkt dieser Stadt ausmacht, während man gegenwärtig an dritter Stelle bei der Google-Suche "Generalstabsgebäude" eine Erläuterung über das 1929 errichtete Generalstabsgebäude in - - - Ankara findet (von Seiten des Goethe-Instituts), ist das frühere deutsche Generalstabsgebäude im Bewußtsein selbst eines geschichtsbewußteren deutschen Personenkreises noch weniger präsent heute als im Internet in verstreuten Hinweisen überhaupt, gibt es selbst am Infokiosk heute vor Ort nicht den geringsten Hinweis auf dieses Gebäude.

Dabei haben sich im deutschen Generalstabsgebäude geschichtlich wesentlich vielfältigere und bedeutsamere Ereignisse über einen viel längeren Zeitraum abgespielt, als dies die einmalige Bewilligung des Ermächtigungsgesetzes in der nebenstehenden Krolloper im Jahr 1933 darstellt. Die Krolloper kennt heute jeder, der sich nur flüchtig mit der Geschichte dieser Örtlichkeit beschäftigt - das nebenstehende Generalstabsgebäude, die "rote Bude" in den Worten Bismarcks - - - ?

Das Berliner Regierungsviertel im Spreebogen hat in den letzten 150 Jahren unglaublich grundlegende, alles verändernde städtebauliche Umwandlungen erlebt. Wenn man die historischen Fotos dieses Ortes (siehe vorliegender Beitrag) mit der heutigen Situation vergleicht, werden einem die damit verbundenen geschichtlichen Umbrüche vielleicht intensiver bewußt als an vielen vergleichbaren Orten. Nur die Spree fließt heute noch wie damals immer gleichmäßig ihre geruhige Bahn. 

"Google Bücher" - Enorme Hilfe und groteskes Hindernis zugleich für "Grasswurzel-Forschungen"

Übrigens scheint sich das Thema des vorliegenden Beitrages besonders gut zu eignen für das Experiment, ein Thema, zu dem man zunächst kaum Vorkenntnisse besitzt, sich fast ausschließlich mit Hilfe des Internets zu erarbeiten und dabei insbesondere mit Hilfe der Funktionen "Google Bücher" und "Google Bilder". Die Ergebnisse von Stichworte-Suchen "Generalstabsgebäude" in Verbindung mit Worten wie "Berlin", "Waldersee", "Schlieffen", "Ludendorff" und anderen können einem schon zahlreiche, zum Teil recht detaillierte Eindrücke von der Geschichte dieses Gebäudes und seiner Örtlichkeit verschaffen. So wie sie im folgenden auch zusammengetragen worden sind. Bzw. sie können einen auf in diesem Zusammenhang wichtige Themen und Literatur hinweisen. 

Da aber die bei Google auffindbaren Bücher derzeit noch selten vollständig im Netz zugänglich sind - auch zumeist solche nicht, die vor mehr als hundert Jahren erschienen sind (!) -, ergeben sich bei einem solchen Vorhaben groteskerweise die unnötigsten Hindernisse. Um den folgenden Beitrag wirklich rund machen zu können, müßte man deshalb praktisch immer noch alle hier zitierten Bücher außerhalb des Internets sich mühevoll heraussuchen, um sie im Zusammenhang lesen und vollständig zitieren zu können. Und das bloß aufgrund der immer noch vorliegenden "elitären" Attitüden in den Diskussionen rund um solche Internet-Dienste wie "Google-Bücher". Man kann sich kaum vorstellen, daß das ein längerfristiger Zustand bleiben wird und mutiert auch bei dieser Erfahrung einmal erneut - - - zum potentiellen "Piraten"-Wähler.

Vom Generalstabsgebäude zum Bundeskanzleramt

Aufmerksam wurde man auf das Thema im Rahmen von Vorarbeiten zu einer Biographie Erich Ludendorffs. Zwischen 1894 und 1918 arbeitete Erich Ludendorff - mit Unterbrechungen durch Truppenkommandierungen und dann natürlich durch die Kriegsereignisse - im Großen Generalstab in Berlin. Aber, so fragt man sich, wo befand sich denn eigentlich das Dienstgebäude dieses einflußreichen und legendären deutschen Großen Generalstabes in Berlin? Und zum großen Erstaunen ergibt sich, daß sich dieses Generalstabsgebäude an keinem geringeren Ort befunden hat als an jenem, an dem heute die Bundeskanzlerin Angela Merkel regiert. - Hm!!!

Abb.: 2: "Das neue Generalstabs-Gebäude zu Berlin" (Holzschnitt, 1872; siehe auch a)
Exerzierplatz und "Kroll'sches Establishment" - bis 1860

Noch bis in die 1860er Jahre hinein nannte man die Gegend westlich des schon damals berühmten Brandenburger Tores, das dann Regierungsviertel werden sollte, "Exerzierplatz vor dem Brandenburger Tor". 1844 war am westlichen Rand desselben von König Friedrich Wilhelm IV. als Ausflugs- und Veranstaltungslokal das "Kroll'sche Establishment" errichtet worden mit Wintergärten, Sälen und Restaurants (vgl. Abb.). Ebenso wie es weiter südlich am späteren Kemperplatz das Wirtshaus eines Herrn Kemper gab, nach dem dann ein bis 1945 sehr vornehmer Stadtplatz benannt worden war, an dem bis Mitte der 1930er Jahre die berühmte wilhelminische Siegesallee endete, die im Spreebogen ihren Anfang nahm (vgl. früherer Beitrag).

Abb. 3: Moltkezimmer in der Behrenstraße 66, Berlin (1932), dem Generalstabsgebäude bis 1870
In den 1890er Jahren zu einem vollwertigen Opernhaus umgestaltet, bestand die genannt Krolloper bis in die 1950er Jahre. In ihr wurde insbesondere nach dem Reichstagsbrand 1933 das Ermächtigungsgessetz bewilligt, dem auch zahlreiche demokratische Politiker der Vorgängerparteien der heutigen CDU und der FDP zugestimmt haben.

Abb. 4: "Die zukünftige Siegessäule in Berlin" (aus Gartenlaube, 1872) - hinter der Säule das Generalstabsgebäude
Neubaugebiet nach 1860

Die 1860er Jahre sind als die Zeit der Regierung Otto von Bismarcks in Preußen in Erinnerung. Daß sie auch ganz unabhängig davon Jahre rascher Entwicklung und Industrialisierung in Preußen und Deutschland darstellten, gerät dabei leicht aus dem Blickfeld. Aber erst wenn man letzteres mit in den Blick nimmt, wird wahrscheinlich auch die Dynamik der Bismarck'schen Politik voll verständlich. Berlin jedenfalls dehnte und streckte sich damals nach allen Richtungen. Im Zuge dieser Entwicklung entstand damals auch das neue Regierungsviertel im Spreebogen am Rande des Tiergartens. 

Eine Bahnlinie Hannover-Berlin wurde geplant, für die der neue Kopfbahnhof "Lehrter Bahnhof" nördlich des Spreebogens vorgesehen wurde. Und so wurde auch südlich des Spreebogens auf dem vormaligen Exerziergelände ein neuer, vornehmer Stadtteil geplant: die Moltkebrücke über die Spree, das Kronprinzenufer, das Alsenviertel und der Königsplatz. Da die konkreten Planungen in die Zeit unmittelbar nach dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 fielen, erinnerten im Spreebogen bis 1945 fast alle Namen von Straßen und Örtlichkeiten - wie auch der Name des Alsenviertels selbst - an Personen und Orte dieses Krieges.

Abb. 5: Der Königsplatz - von links: Krolloper, Generalstabsgebäude, Alsenstraße - dahinter: Lehrter Bahnhof
Ankündigung in der Zeitung - 1867

Nachdem 1866 der "Norddeutsche Bund" gegründet worden war mit seiner Hauptstadt Berlin und dieser nicht nur eine personell erweiterte Armee, sondern auch einen personell erweiterten Generalstab mit sich brachte, hieß es im März 1867 in den "Nachrichten" der "Deutschen Militär-Zeitung":
Preußen. Berlin, 29. März (...) Die Tätigkeit, welche der gegenwärtige Kriegs- und Marineminister, General der Infanterie von Roon, entfaltet, um die abermals bedeutend vermehrte Armee in allen ihren Beziehungen neu zu organisieren, ist eine ebenso vielverzweigte im Allgemeinen, als intensiv tiefgreifende im Einzelnen. (...) In dem an militärischen Denkmälern reichen Berlin besitzen wir bekanntlich - außer dem allerdings in wundervollem Stil schon im 17. Jahrhundert errichteten Zeughause unter den Linden - nur sehr wenige Gebäude für militärischen Zwecke, die einen ausgesprochen monumentalen Charakter tragen. Besonders unscheinbar nimmt sich das dem großen Generalstabe der Armee mit seinen Schätzen, wie historisches Archiv, topographisches Bureau etc. dienende Gebäude in der Behrenstraße aus, dessen Räumlichkeiten sich schon lange als sehr beschränkt erwiesen haben und jetzt, bei der Vermehrung des großen Generalstabes, noch weniger genügen können. Es wird daher die Nachricht freudig aufgenommen werden, daß ein großer Neubau beschlossen worden ist. Derselbe wird seine stelle an dem neuen Königsplatze finden, und zwar zwischen der Moltke- und Herwarthstraße, der Bau soll unmittelbar nach Eintritt der milden Witterung beginnen. Das neue Generalstabsgebäude wird einen Flächenraum von nicht weniger als 370 Qnadratruthen und eine Front von 288 Fuß am Königsplatz einnehmen; dasselbe wird in großartigem monumentalen Stil erbaut, zur Zierde des ganzen neuen, mit seinen Brücken und Boulevards prachtvoll angelegten Stadtteils gereichen und zu seiner Vollendung 4 Jahre bedürfen.
Abb. 6: Der Königsplatz mit Siegessäule - von links: Krolloper, Generalstabsgebäude, Alsen- und  Moltkestraße
Es entstand also ein neues Generalstabsgebäude
1867 – 1871 nach einem Entwurf von August Ferdinand Fleischinger (1804 - 1884) als Sitz des preußischen Generalstabs und wurde von diesem nach seiner Rückkehr vom Frankreichfeldzug bezogen. Von 1873 - 1882 erfolgte eine Erweiterung des Komplexes, der an der Schauseite zum Königsplatz im spätklassizistischen, ansonsten im Neorenaissance-Stil erbaut wurde. Im Generalstabsgebäude wohnte und arbeitete bis 1888 Helmuth Graf von  Moltke. Hier wirkten auch seine Nachfolger als Chef des Großen Generalstabes von 1888 bis 1891 Alfred Graf von Waldersee (1832–1904), von 1891 bis 1906 Alfred Graf von Schlieffen (1833–1913) und von 1906 bis 1914 Helmuth von Moltke (1848–1916).
Alle Nachfolger Moltkes bis zu Helmuth von Moltke dem Jüngeren wohnten noch selbst mit ihren Familien in diesem Gebäude. In diesem Gebäude - so eine kurze Zusammenfassung des folgenden - dachte die christlich-bigotte "Stoeckerei" der Waldersee-Clique schon vor dem erwarteten Dreikaiserjahr über deutsche Präventivkriege nach und bereitete zu diesem Zweck den Sturz Bismarcks vor und führte ihn durch (1890). Dieses Gebäude sah den Trauerzug für Kaiser Wilhelm I. nach dem Schloß Charlottenburg und die hunderttausende von Menschen, die ihn stumm begleiteten (1888). Dieses Gebäude sah den 90. Geburtstag Moltkes (1890), der ein Jahr später auch hier starb, der hier aufgebahrt wurde, und für den hier die Trauerfeier stattfand (1891). In ihm bereitete sich  der Sturz Waldersees durch den jungen Kaiser vor. In ihm wurde dann der berühmte Schlieffenplan - als Ersatz für Präventivkriegspläne - konzipiert und die dafür notwendige letzte große Heeresvorlage von 1913. In ihm fanden während des Ersten Weltkrieges zahlreiche politische Besprechungen statt. Hier wurde der Geburtstag Hindenburgs erneut wie ein Staatsfeiertag begangen, wie ein "Kaisergeburtstag" (1917). Und dieses Gebäude erlebte auch ein Jahr später die Entlassung Ludendorffs (1918).

Neben solchen bedeutenden Ereignissen fand in diesem Gebäude die alltägliche, von aller Welt so bewunderte und gefürchtete, penible Alltagsarbeit der deutschen Generalstabsoffiziere statt, auf der in letzter Instanz allein die seit 1871 bestehende Größe und Sicherheit des Reiches beruhte.

Nach Auflösung des gefürchteten Großen Generalstabes - aufgrund des Versailler Vertrages - umgewandelt in ein Gebäude des Reichsinnenministeriums sollte es nach 1937 der "Großen Halle" der "Welthauptstadt Germania" weichen. Dem aber kamen im April 1945 die sowjetischen Soldaten zuvor, die das Gebäude gegen außerordentlich zähen und erbitterten Wiederstand von zusammengewürfelten deutschen Soldaten verschiedenster Einheiten Raum für Raum im Nahkampf und mit Handgranaten erobern mußten. Während sich der "größte Feldherr aller Zeiten" in der nahen Reichskanzlei in der Wilhelmsstraße - und wenig später der größte Schreihals aller Zeiten ebendaselbst - das Leben nahmen. Vom Flakbunker am Bahnhof Zoo wurde Sperrfeuer geschossen, als die Sowjetsoldaten die wenigen letzten hundert Meter Distanz zum gegenüberliegenden Reichstag zu überwinden trachteten. Die Moltkebrücke war verstopft mit zahllosen abgeschossenen russischen Panzern.

Die letzten Aufnahmen des Gebäudes zeigen es ausgebombt im Hintergrund des neu errichteten "Sowjetischen Ehrenmales", das quer über die vormalige kaiserliche Siegesallee mit Marmorsteinen der zerstörten Neuen Reichskanzlei errichtet wurde und dort bis heute die Lage der vormaligen kaiserzeitlichen Anlagen am deutlichsten markiert. - Soweit eine kurze Zusammenfassung der Schicksale des Generalstabsgebäudes und seiner Umgebung. Doch zurück in das Jahr 1867, in dem sicherlich niemand eine solche Zukunft, die Zukunft eines zweiten noch einschneidenderen Dreißigjährigen Krieges vorausahnte.

Abb. 7: Der Königsplatz vom Reichstag aus: links Krolloper, rechts Generalstabsgebäude
Bau und Bezug des neuen Generalstabsgebäudes - 1867 - 1871

1867 bis 1871 wurde das neue Gebäude für den großen und allseits geachteten und geehrten "Feldherrn" der deutschen Einigungskriege, für Helmuth von Moltke den Älteren errichtet. An der Moltkestraße, an der Moltkebrücke mit Blick auf die 1873 errichtete Siegessäule auf dem Königsplatz. 1905 wurde vor der benachbarten Krolloper zusätzlich auch noch jenes Moltkedenkmal errichtet, das dann 1939 zusammen mit der Siegessäule seinen heutigen Platz auf dem "Großen Stern" erhielt. Bis 1871 hatte das schon erwähnte Dienstgebäude des Großen Generalstabes - und damit auch das Wohnhaus Moltkes - nur wenig entfernt in der Behrenstraße 66 gelegen (die südliche Parallelstraße der "Linden" hinter der Russischen Botschaft).

Abb. 8: Helmuth von Moltke im neuen Generalstabsgebäude (um 1871)
In der Behrenstraße blieb noch bis in die 1930er Jahre - als das frühere Generalstabsgebäude ausgerechnet Sitz des katholischen Bischofs von Berlin geworden war - ein "Moltkezimmer" als Gedenkraum eingerichtet (siehe Abb.). Ein solches "Moltkezimmer" befand sich bis in den 1930er Jahre ebenfalls im neuen "Generalstabsgebäude" am Königsplatz (siehe unten). Von Helmut von Moltke gibt es denn auch mehrere Photographien und Abbildungen, die ihn in seinem repräsentativen Arbeitszimmer im neuen "Generalstabsgebäude" zeigen. Der Musiklehrer der Familie Moltke berichtete 1904 in seinem Buch "Moltke in seiner Häuslichkeit" (Dressler, 1904, S. 20):
Die Privatwohnung des Generalstabschefs lag zu Moltkes Zeiten, ebenso wie jetzt, im ersten Stock des Südostflügels des Generalstabsgebäudes, an der Ecke des Königsplatzes und der Moltkestraße. Der Eingang war vom Königsplatz.
Und in einer neueren Darstellung zur Geschichte der Familie Moltke heißt es (Jessen, S. 218):
Im Juni 1871 steht im neuen Generalstabsgebäude am Königsplatz die Chefwohnung für Moltke bereit. Ihre Ausstattung hat der Kaiser mit 12 000 Talern aus seiner privaten Schatulle bezuschußt. (...) Eine fast endlose Zimmerflucht: Empfangssaal, Arbeitszimmer, Schlafzimmer, Konferenzsaal, "Silberzimmer", Teezimmer, Musiksalon, Rauchkabinett, Speisesaal, die Räume der Familie, Wirtschaftsräume. (...) Überaus prachtvoll ist das Arbeitszimmer des Hausherrn geraten. Vom großen Balkon des Raumes aus kann Moltke auf Tiergarten, Kroll-Oper, Königsplatz, Moltkestraße und den Spreebogen blicken, über den sich die Alsenbrücke spannt. Auf dem Königsplatz ist der Bau der Siegessäule im Gange. (...) Das Rauchkabinett ist im türkischen Stil gehalten als Erinnerung an den Aufenthalt im Osmanischen Reich. Im Musikzimmer, ganz in Weiß und Gold mit einem Bechstein-Flügel, versammeln sich die Bewohner des Hauses fast jeden Abend. Henry (von Burt) unterhält die Familie mit seinem Gesang. (...) Friedrich Dressler, der Gesanglehrer Henrys, wächst in die Rolle eines Hausfreundes hinein. Alljährlich probt er im Empfangssaal mit dem Damen aus dem Umkreis des Hofes für ein Konzert zugunsten wohltätiger Zwecke.
In einer stadtgeschichtlichen Darstellung aus dem Jahr 1989 (Tiergarten) heißt es (S. XIV):
Das Gebäude des Großen preußischen Generalstabs (1867 - 71 erbaut) bildete den Kern der Bebauung des Spreebogens nördlich des Königsplatzes. (...) "Mit der Ausmöblierung des Hauses", schrieb Moltke in seinen Erinnerungen, "geht es langsam vorwärts. Der Balkon ist fertig und sehr schön, mit Blick auf den Tiergarten, der grün ist wie niemals zuvor." 
Abb. 9: Berliner Neubaugebiet 1875 - Lehrter Bahnhof und Spreebogen (noch ohne Reichstagsgebäude)
In einer anderen Darstellung (Wünsdorf 2007) erfahren wir:
Hier befanden sich sowohl die Wohn- und Arbeitsräume für die Angestellten, und zwar im Keller, wie in den oberen Stockwerken die Beamtenwohnungen. Dazu gehörten die Dienstzimmer für den Ober-Quartiermeister, die Abteilungen für Festungswesen und Kriegsgeschichte sowie für die kartographische Abteilung und die Bibliothek. Die Dienstwohung des Chefs des Generalstabs war durch ein geräumiges Vestibül und über die "vornehme Haustreppe" zu erreichen, wohin man von der Unterfahrt am Königsplatz kam.  (...) Eine beträchtliche Erweiterung (...) erfolgte bereits von 1873 bis 1882. (...) Der Hilfsapparat des Generalstabs vergrößerte sich immer mehr, neue Abteilungen kamen hinzu. 
Eine Abbildung dieses Beitrages zeigt das "Neubaugebiet" vor dem Brandenburger Tor im Jahr 1875. Das Reichstagsgebäude ist noch nicht errichtet, stattdessen befindet sich an diesem Ort ein Artillerie-Schießstand. Das Gelände des späteren Generalstabsgebäudes ist erst im vorderen Drittel bebaut. Die breite Alsenstraße, in deren Verlängerung über den Königsplatz hinweg nach Süden später die Siegesallee durch den Tiergarten bis zum Kemperplatz führen sollte (s. früherer Beitrag), ist schon angelegt. Das einzige Palais des Alsenviertels, das nach 1945 stehen geblieben ist und von diesem Zeugnis gibt, ist die heutige Schweizer Botschaft. 1879 heißt es in einer englischsprachigen Städtebeschreibung ("Berlin under the New empire"):
The building in which the General Staff is installed has a principal and two side facades, enclosing a large court. ... Like the majority of modern public buildings in Berlin, it is built of brick, with stone dressings.
Im gleichen Jahr heißt es in einer Veröffentlichung über "Die Bibliothek des großen Generalstabes zu Berlin" (wie so vieles über Google Bücher gegenwärtig nur bruchstückhaft zitierbar):
Eine der umfangreichsten Deutschen Militär-Bibliotheken ist die des großen Generalstabes zu Berlin. Sie zeigt in ihrer Entwicklung ein Stück preußischer Heeresgeschichte. Nach dem vor Kurzem neu herausgegebenen Katalog führt die Bibliothek ihren Ursprung auf das Jahr 1816 zurück. (...) Das Archiv und die Bibliothek, welche nach Erweiterung der betreffenden Räumlichkeiten in dem ehemaligen Pagenhause (jetzigen Gebäude des Militär-Kabinetts, Behrenstraße 66) Aufstellung fanden und später in das neue Gebäude des großen Generalstabes ... In dem neuen Generalstabsgebäude, als dem bisherigen Pagenhause allhier, dürfen keine anderen Karten oder Materialien befindlich ...
Der Fähnrich Ludendorff begegnet Moltke - 1881

Am 9. oder 10. Januar 1881 gab es einen Brand im Genralstabsgebäude (vgl. "Berlin als deutsche Reichshauptstadt", 1989, S. 386 - 388). Über ihn heißt es (Moritz Lazarus, 1983, S. 116):
Er wurde in den Berliner Zeitungen nur an unauffälliger Stelle kurz erwähnt. (...) Er fand schon am Sonnabend, den 10. Januar 1881, statt. Es hatte nur in einem Flügelbau der Moltkestraße gebrannt, und dort brannten dank schneller Löscheinsätze im wesentlichen nur der Dachstuhl und die zwei Zimmer große Buchbinderei, in der das Feuer ausgebrochen war und die keine Fenster, nur Oberlicht hatte.
Erich Ludendorff schreibt über den Sommer 1881, als er mit 16 Jahren Fähnrich geworden war (S. 7f):
Bei einem Urlaubsspaziergang in Berlin, der mich nach der Siegessäule führte, die zur Erinnerung an die Deutschen Siege 1870/71 und zur Ehrung unseres Heeres am Beginn des Tiergartens jenseits des berühmten Brandenburges Tores errichtet war, durch das schon so oft siegreiche Truppen ihren Einzug gehalten hatten, begegnete ich im Tiergarten dem Generalfeldmarschall Graf v. Moltke, der in dem dort gelegenen Generalstabsgebäude arbeitete und wohnte. In diesem Gebäude sollte ich später so viele Jahre im Frieden arbeiten und im Weltkriege öfter weilen. Als ich die hohe schlanke, ehrfurchtgebietende Gestalt des Generalfeldmarschalls und Chefs des Generalstabes seines Königs 1866, 1870/71 und des Siegers der Schlachten von Königgrätz, Gravelotte und Sedan in Begleitung eines Adjutanten wahrnahm, ging es mir wie ein Ruck durch den Körper. Ich machte so gut ich konnte Front. Langsam, militärisch grüßend ging der Große Mann an mir vorüber, mich gütig anblickend. Es dauerte Zeit, bis ich mich ganz wiederfand. Würde ich je so Großes leisten, ging es durch mein Selektanergehirn, das soeben die einfachsten Grundlagen der Taktik aufzunehmen hatte.

Später noch einmal sah ich den Generalfeldmarschall. Ich sah ihn auf der Totenbahre im Generalstabsgebäude im April 1891 in Berlin, wo ich damals auf Kriegsakademie war.
Bis 1882 war das Generalstabsgebäude bis hinunter ans Spreeufer und bis zur Moltkebrücke erweitert worden. In der schon zitierten stadtgeschichtlichen Darstellung aus dem Jahr 1989 (Tiergarten) heißt es (S. XIV):
Das Generalstabsgebäude bestand "aus zwei zusammenhängenden, in ihrem äußeren Aufbau aber verschiedenen Gebäuden: dem am Königsplatz gelegenen sogenannten Moltkepalais, dessen Fassade mit hellgelben Birkenwerder Ziegeln verblendet war, und dem eigentlichen Generalstabsgebäude an der Moltkebrücke, einem dunkelroten Ziegelbau" (Otto Hach).
Die Moltkebrücke ist ebenfalls eines der wenigen baulichen Überreste der Zeit vor 1945, die bis heute stehen geblieben ist trotz starker Zerstörungen im April 1945.

Aufgrund seiner roten Backsteinfassade wurde das Generalstabsgebäude auch das "Rote Haus" genannt (etwa in dem Roman "Sturmzeichen" 1914), Bismarck nannte es die "rote Bude" (laut Franz Herre), wieder andere nannten es die "Große Bude" oder auch die "rote Kiste". Bismarck hatte schon 1866 nach der Schlacht von Königgrätz gegenüber den Militärs und seinem König seine maßvollen politischen Vorstellungen in schwerem Ringen durchsetzen müssen - und blieb im Spannungsverhältnis mit dieser "roten Bude" bis zu seiner Entlassung - bei aller Hochachtung für die rein militärischen Leistungen Moltkes. 

Abb. 13: Generalstabsgebäude - wohl vom Königsplatz aus
Das Reichstagsgebäude entsteht - 1884

Daß 1871 ein gesamtdeutsches Parlament ein größeres Gebäude benötigen würde, und daß man dann allseits den Platz gegenüber der roten Bude des Generalstabsgebäudes als dafür geeignet ansehen würde, war bei Baubeginn des letzteren im Jahr 1867 noch nicht absehbar. Erst 1884 wurde der Grundstein für das Reichstagsgebäude gelegt - in Sichtweite des Generalstabsgebäudes.

Abb. 14: Blick vom Reichstag auf den Königsplatz: Bismarckdenkmal, Siegessäule, dahinter die Krolloper
Damit kamen damals das Reichstagsgebäude und das Generalstabsgebäudes wohl eher zufällig in sich auf Sichtweite gegenüber liegende Lage. Wobei sicherlich vielen schon damals bewußt gewesen ist, daß jene großen Heeresvorlagen, die vom Generalstab ausgearbeitet wurden, im Reichstag genehmigt werden mußten. 1861 hatte Kriegsminister Albrecht von Roon im Konflikt zwischen König und Parlament über die Heeresvorlage Otto von Bismarck als preußischen Ministerpräsidenten vorgeschlagen. Der Konflikt über die letzte Heeresvorlage im Jahr 1913 brachte Erich Ludendorff eine Strafversetzung aus dem Großen Generalstab zu einem Regiment in Düsseldorf. 1914, so sagten viele Militärs, fehlten Deutschland in der Marneschlacht gerade jene Truppen, die Erich Ludendorff 1913 in der Heeresvorlage - z.T. vergeblich - gefordert hatte.

Während des Ersten Weltkrieges, insbesondere nach 1916 gab es dann auch - sozusagen - eine Rivalität zwischen der Mehrheit des deutschen Reichstages und der Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff darüber, wer den entscheidenden Einfluß auf die Ernennung des Reichskanzlers ausüben soll. Mit der Revolution von 1918 und der Entlassung Ludendorffs durch den Kaiser, sowie mit dem Sturz der Monarchie wurde diese Frage dann ziemlich eindeutig zugunsten des Reichstages entschieden.

Nach 1989 wurde das neue Bundeskanzleramt sehr bewußt in städtebaulicher Korrespondenz zum Abgeordnetenhaus und zum Reichstag an eben der Stelle des nach 1947 abgerissenen ehemaligen Generalstabsgebäudes errichtet. Welche Rolle die Geschichtsträchtigkeit des Ortes bei der Entscheidung über die Örtlichkeit des neuen Bundeskanzleramtes spielte, wäre noch zu klären. Hervorgehoben wird die Geschichtsträchtigkeit heute jedenfalls nur sehr selten. Es überwiegt derzeit an diesem Ort im öffentlichen Bewußtsein Geschichtsvergessenheit.
Abb. 10: Die Moltkebrücke, rechts das Generalstabsgebäude rückseitig von der Spree aus gesehen nach seiner bis 1882 erfolgten Erweiterung (1886)

Die "Stoeckerei" der Waldersee-Clique, ein frömmelnder Betkreis im Generalstabsgebäude, wirkt mit am Sturz Bismarcks
Abb. 11: Alfred von Waldersee (1832 - 1904)

Nicht nur geben sich die heutigen Berliner Regierenden bis tief in die SPD hinein betont christlich, nicht nur stand der Generalstabschef Helmut von Moltke, der Jüngere, über seine Frau unter überdurchschnittlichen religiösen Einflüssen von Seiten Dritter (Rudolf Steiner und andere), auch schon die Aktivitäten seines Vorgängers Graf Alfred von Waldersee (1832 - 1904) zwischen 1882 und 1891 scheinen von ebensolchen religiöse Einflüssen - ebenfalls über die Ehefrau - bestimmt gewesen zu sein (Bürger-Kaiser, 2008): 
Die Waldersees bezogen im April 1882 ihre (...) Dienstwohnung im zweiten und dritten Stock des Generalstabsgebäudes in der Herwarthstraße 2, dem Roten Haus, wie die Berliner es nannten. 
Graf Waldersee war mit einer frömmelnden Amerikanerin verheiratet (F. Herre, S. 65):
Im Salon der Waldersees im Generalstabsgebäude wurde parliert und gebetet. Vorbeter war Hofprediger Adolf Stoecker.
Und ("Bürger-Kaiser", 2008, S. 151):
Wilhelm II., das hatten die Gräfin Waldersee und ihr frömmelnder Betkreis sich in den Kopf gesetzt, sollte ein christlicher Herrscher und Wahrer des Glaubens sein.
Auch diese fast entscheidenden religiösen Einflüsse auf die Politik, die zum Sturz Bismarcks führten, machen sich selbst Geschichtsbewußte wohl selten ausreichend bewußt. Jedenfalls begann mit ebendiesen frömmelnden Akivitäten des Ehepaares Waldersee, das in beiden Teilen gut befreundet war mit dem nachmaligen Kaiser Wilhelm II. und seiner Frau, der "Kirchenguste", jene Destabilisierungen des deutschen Kaiserreiches und damit der europäischen Verhältnisse - durch das Säen von Mißtrauen gegenüber Bismarck Vater und Sohn und durch das Fördern von reichsdeutschem Imperialismus -, die dann im 20. Jahrhundert die bekannten langfristigen, frömmelnden "Erfolge" zeitigen sollten. Über diese Aktivitäten nun heißt es auf Wikipedia:
1882 wurde Waldersee Generalquartiermeister und damit Stellvertreter Helmuth Graf von Moltkes im Großen Generalstab. Moltke hatte ihn persönlich ausgesucht und baute ihn in der Folge zu seinem Nachfolger auf; in den letzten Jahren ließ er ihm relativ freie Hand, da er in hohem Alter nicht mehr die administrative Führung seines Amtes ausüben wollte und in Waldersee einen geeigneten Offizier sah, der ihn ersetzen konnte.
Die 1885/86 entwickelten Strategien für einen Präventivkrieg gegen Rußland und Frankreich für den Fall eines Bündnisses zwischen beiden Staaten (wie sie später Schlieffen weiterentwickelte) gerieten zunehmend in den Widerspruch zur Außenpolitik des Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck. 1887 forderte Waldersee dann erneut, einen Präventivkrieg gegen Rußland zu überdenken, verbunden mit Annäherungen an das konservative Lager um Adolf Stoecker (er und seine Frau engagierten sich sehr in der Berliner Stadtmission) und Prinz Wilhelm, den späteren Kaiser. 1888, nach dem Amtsantritt Wilhelms II., wurde Waldersee Nachfolger Moltkes (auf dessen ausdrücklichen Wunsch) als Chef des Generalstabs. In dieser Position stärkte er das Militär gegenüber der Politik (Kriegsministerium und Reichsleitung) und wirkte am Sturz Bismarcks 1890 aktiv mit. Waldersee wurde aber nicht, wie von ihm selbst erhofft, Bismarcks Nachfolger.
Es ist auffallend, daß die "graue Eminenz" des deutschen Reiches, daß Friedrich von Holstein, auf der Seite dieser unheilvollen Pläne stand:
In Deutschland plädierten einflußreiche Persönlichkeiten aus Militär und Diplomatie wie Friedrich von Holstein, Helmuth Karl Bernhard von Moltke und Alfred von Waldersee für einen Präventivkrieg gegen Rußland.
Und noch auffallender ist, daß noch 1965 in deutschen rechtskonservativ-bigotten Kreisen die Präventivkriegspläne Waldersee's grotesk-befremdend positiv gewürdigt worden sind (Johannes F. Barnick im Seewald-Verlag). Und auffallend ist ebenso, daß der "expressionistische" Worpsweder Künstler Bernhard Hoetger 1915 für die Freimaurerstadt Hannover (der Heimatstadt Hindenburgs) ein Waldersee-Denkmal geschaffen hat, das Waldersee als einen Tempelritter ("Kreuzritter") darstellt. Bernhard Hoetger, in dessen Werken auch buddhistische Einflüsse wirksam sind, hat 1922 als Kriegerdenkmal einen sogenannten "Niedersachsenstein" geschaffen, der - wie manche anderen seiner "sehr expressionistischen" Kunstwerke - einen noch heute außerordentlich befremdlichen "Geist" ausstrahlt. Es ist nicht besonders fernliegend, als gemeinsamen kausalen Nenner all dieser Erscheinungen die Einflüsse freimaurerischer Okkultlogen zu vermuten. Und da es bis heute Vermutungen darüber gibt, daß Kaiser Friedrich III. keines natürlichen Todes gestorben ist, könnten an die damaligen politischen Vorgänge viele weitere Mutmaßungen angeschlossen werden. - Übrigens berichtet der Historiker Franz Herre über den Moltke der letzten Jahre auch (1984, S. 376):
Moltke betrachtete Waldersee nicht ohne Mißtrauen, aber er war zu müde geworden, um die Zügel noch straff zu führen, und so alt, daß er selbst eine Entlastung, die ihn belastete, hinnahm. Es fiel ihm schwer, sich an neue Gesichter zu gewöhnen und in neue Verhältnisse zu finden. Waldersee brachte neue Leute mit. (...) Nicht nur in den Amtsstuben, auch in den Privaträumen des Generalstabsgebäudes gab es Veränderungen. 
Da wäre wohl noch manches zu finden, wenn man weiter recherchieren würde. Wie man überhaupt - das wird einem durch die Inhalte des vorliegenden Beitrags vielleicht erstmals vollumfänglich bewußt gemacht - in der Kenntnisnahme geschichtlicher Entwicklungen die Biographie Bismarcks parallel zu Biographien wie denen von Moltke dem Älteren oder auch Wilhelm II. sehen muß und auch parallel zu den Örtlichkeiten in der Wilhelmsstraße und im Bezirk Tiergarten, wo sich die meisten politischen Ereignisse jener Zeit abgespielt haben. Erst dann wird das Bild der "Kaiserzeit" vollständig "rund".

"Waldersee-Konferenz" 1887

Aber das unheilvolle Wirken des Grafen Waldersee und derjenigen hinter ihm, die diesem Wirken positiv gegenüber standen, ist damit noch keineswegs ausreichend charakterisiert. Im November 1887 fand im Generalstabsgebäude eine für die Beteiligten später außerordentlich diskreditierende Konferenz statt über die sozial- und kirchenpolitische Arbeit des Dom- und Hofpredigers Adolf Stöcker. Sie stellte den ersten deutlicheren Schritt zur Entfremdung zwischen Bismarck und dem nachmaligen "christlichen" Kaiser Wilhelm II. dar, jener Entfremdung, die schließlich drei Jahre später zur Entlassung Otto von Bismarcks - und seines vorgesehenen Nachfolgers Herbert von Bismarcks - führen sollte. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2001 werden diese Vorgänge folgendermaßen zusammengefaßt (T. Benner, S. 81 - 89):
Waldersee war mit einer streng religiösen Amerikanerin verheiratet, einer Freundin Prinzessin Auguste Victorias, der Gemahlin des Prinzen. Kirchenpolitisch stand Waldersee dem Hofprediger und Politiker Adolf Stoecker sehr nahe, den er maßgeblich unterstützte. Bereits Anfang der 80er Jahre hatte der Hofprediger ein durchaus enges Verhältnis zum Prinzenpaar gewonnen, eine Beziehung, die von gegenseitiger Sympathie getragen war. (...) Die Verbindung mit dem Geistlichen sollte für Wilhelm zum Anlaß eines scharfen Konflikts mit dem Reichskanzler werden. Als die unheilbare Krankheit Kronprinz Friedrich Wilhelms im November 1887 publik wurde, war allen politisch maßgeblichen Kreisen klar, daß nach dem Tode Wilhelms I. nur ein kurzes Interregnum durch desssen krebskranken Sohn würde stattfinden können. (...) So wurde Wilhelm (...) zum Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. (...) Noch im gleichen Monat, am 28. November 1887, präsidierte Wilhelm einer kirchenpolitischen Versammlung im Hause Waldersees
- gemeint ist das Generalstabsgebäude -,  
die der sozialkaritativen Arbeit Stoeckers gewidmet war. Daß der präsumptive spätere Kaiser wie ein Privatmann an einer Aktion der Berliner Stadtmission teilnahm, die nun einmal von dem politisch exponierten Stoecker geleitet wurde, konnte Bismarck gerade in der Phase des zuende gegangenen Kulturkampfs überhaupt nicht nachvollziehen. Erschwerend kam hinzu, daß die Versammlung bei Waldersee stattgefunden hatte, einem erklärten Kriegstreiber und Gegner der Bismarckschen Diplomatie der Balance der Mächte. Der Beginn der Krise zwischen Wilhelm II. und Bismarck (...) läßt sich hier festmachen. (...) Um sich zu verteidigen, schrieb Wilhelm - unter Beratung Waldersees - am 21. Dezember an Bismarck, daß die geplante Ausdehnung der Arbeit der Stadtmissionen nicht unter Leitung Stoecker stehen werde und parteiübergreifend sei. (...)
Der Reichskanzler antwortete am 6. Januar 1888.
Ein priesterkritisches Schreiben Bismarcks - Januar 1888

Diese Antwort Bismarcks enthält so viele "goldene Worte" über das Wesen des Priestertums an sich und des protetantischen Priestertums im Besonderen, daß es auf diesem Blog unmöglich ist, es zu unterlassen, aus derselben hier sehr ausführlich zu zitieren. Auf die Tatsache, daß es sicherlich schon damals eine enge Verquickung gegeben hat zwischen der Freimaurerei und der protestantischen Priesterschaft, geht Bismarck darin zwar nicht ein, ihre Berücksichtigung würde aber die Aussagen Bismarcks nur verstärken. Verstehen sich doch auch die Freimaurer - zumindest in den Hochgraden - oft noch viel bewußter als okkulte "Priester" denn viele protestantische Pfarrer. Diese Antwort hat Otto von Bismarck im 1919 erschienenen dritten Band seiner "Gedanken und Erinnerungen" abgedruckt ebenso wie die Briefe Wilhelms, auf die er dabei antwortet (vgl. Zeno). Dort hat er auch die Begleitumstände seiner Antwort noch genauer geschildert. Im folgenden sei aber nur aus dem Antwortbrief Bismarcks selbst zitiert (Hervorhebungen nicht im Original):
Die Opposition im Parlament würde eine ganz andere Kraft gewinnen, wenn die bisherige Geschlossenheit des Bundesrates aufhörte und Bayern und Sachsen mit (Eugen) Richter und (Ludwig) Windthorst gemeinsame Sache machten.
Eugen Richter war der langjährige wichtigste Redner der linksliberalen, Ludwig Windthorst der christ-katholischen Gegner Bismarcks im Deutschen Reichstag. Ihnen unterstellte Bismarck immer wieder die Bereitschaft und den Willen, die Einheit und den Bestand des von ihm geschaffenen Deutschen Reiches zu gefährden. Bismarck weiter:
Der nationale Gedanke ist auch den Sozial- und anderen Demokraten gegenüber, auf dem Lande vielleicht nicht, aber in den Städten stärker als der christliche. Ich bedauere es, sehe aber die Dinge, wie sie sind. Die festeste Stütze der Monarchie suche ich aber in beiden nicht,
- also weder im Christentum, noch im nationalen Gedanken - 
sondern in einem Königtum, dessen Träger entschlossen ist, nicht nur in ruhigen Zeiten arbeitsam mitzuwirken an den Regierungsgeschäften des Landes, sondern auch in kritischen lieber mit dem Degen in der Faust auf den Stufen des Thrones für sein Recht kämpfend zu fallen, als zu weichen. Einen solchen Herrn läßt kein deutscher Soldat im Stich, und wahr bleibt das alte Wort von 1848 'gegen Demokraten helfen nur Soldaten'. Priester können dabei viel verderben und wenig helfen; die priesterfrommsten Länder sind die revolutionärsten, und 1848 standen in dem gläubigen Pommerlande alle Geistlichen zur Regierung, und doch wählte ganz Hinterpommern sozialistisch, lauter Tagelöhner, Krüger und Eieraufkäufer. Ich komme damit auf den Inhalt des gnädigen Schreibens vom 21. v.M. und beginne am liebsten mit dem Schlusse desselben und dem Ausdruck des Bewußtseins, daß Friedrich der Große Ew. Ahnherr ist, und bitte Höchstdieselben, ihm nicht bloß als Feldherr, auch als Staatsmann zu folgen. Es lag nicht in der Art des großen Königs, sein Vertrauen auf Elemente wie das der inneren Mission zu setzen; die Zeiten sind heut freilich andere, aber die Erfolge, welche durch Reden und Vereine gewonnen werden, auch heut keine dauernden Unterlagen monarchischer Stellungen; für sie gilt das Wort, 'wie gewonnen so zerronnen'. Beredtsamkeit der Gegner, giftige Kritik, taktlose Mitarbeiter, deutsche Zanksucht und Mangel an Disziplin bereiten der besten und ehrlichsten Sache leicht einen betrübten Ausgang. Mit solchen Unternehmungen wie die 'Innere Mission', besonders in der Ausdehnung wie sie beabsichtigt ist, sollte meines untertänigsten Dafürhaltens Ew. Name nicht in solche Verbindung treten, daß er von dem möglichen Mißerfolge mitbetroffen würde. Der Erfolg entzieht sich aber jeder Berechnung, wenn die Verbindung sich auf alle großen Städte ausdehnt und also die Elemente und Richtungen alle in sich aufnimmt, welche in den Lokalverbänden schon vorhanden sind oder in sie eindringen werden. In solchen Vereinen ist schließlich nicht der sachliche Zweck für das wirkliche Ergebnis maßgebend, sondern die darin leitenden Personen drücken ihnen Stempel und Richtung auf. Das werden Redner und Geistliche sein, vielfach auch Damen, lauter Elemente, die zu einer politischen Wirksamkeit im Staate nur mit Vorsicht verwendbar sind und von deren Wohlverhalten und Takt ich die Meinung des Volkes über seinen künftigen König in keiner Weise abhängig wissen möchte. Jeder Fehler, jedes Ungeschick, jeder Uebereifer in der Vereinstätigkeit wird den republikanischen Blättern Anlaß geben, den hohen Protektor des Vereins mit dessen Verirrungen zu identifizieren.

Ew. führen eine stattliche Zahl achtbarer Namen als einverstanden mit höchstdero Beteiligung (an der Waldersee/Stöcker-Versammlung) an. Unter denselben finde ich einmal keinen, dem ich die Verantwortung für die Zukunft des Landes isoliert zumuten möchte; dann aber fragt sich, wie viele von den Herren ein Interesse an der inneren Mission betätigen würden, wenn sie nicht wahrgenommen hätten, daß Ew. und die Frau Prinzessin der Sache höchstihre Teilnahme zuwenden. Ich bin nicht bestrebt, Mißtrauen zu wecken, wo Vertrauen besteht; aber ein Monarch kann ohne einiges Mißtrauen erfahrungsgemäß nicht fertig werden, und Ew. stehen dem hohen Berufe zu nahe, um nicht jedes Entgegenkommen daraufhin zu prüfen, ob es der Sache gilt, um die es sich gerade handelt, oder dem künftigen Monarchen und dessen Gunst. Wer von Ew. Vertrauen in der Zukunft etwas begehren will, der wird heut schon streben, eine Beziehung, ein Band zwischen sich und dem künftigen Kaiser herzustellen; und wie viele sind ohne geheimen Wunsch und Ehrgeiz? und auch für den, der es ist, bleibt in unsern monarchisch gesinnten Kreisen das Streben nicht ohne Wirkung, in irgend welchem nähern Verhältniß zum Monarchen zu stehen. Das Rote Kreuz und andere Vereine würden ohne I.M. die Kaiserin so viele Teilnahme nicht finden; das Verlangen, zum Hofe in Beziehung zu stehen, kommt der Nächstenliebe zu Hilfe. Das ist auch erfreulich und schadet der Kaiserin nicht. Anders ist es mit Thronerben. Unter den Namen, die Ew. nennen, ist keiner ganz ohne politischen Beigeschmack, und der Bereitwilligkeit, den Wünschen des hohen Protektors zu dienen, liegt die Hoffnung zu Grunde, sich oder der Fraktion, der man angehört, den Beistand des künftigen Königs zu gewinnen. Ew. werden nach der Thronbesteigung die Männer und die Parteien mit Vorsicht und mit wechselnden Treffen nach höchsteigenem Ermessen benutzen müssen, ohne die Möglichkeit, äußerlich einer unserer Fraktionen Sich hinzugeben. Es gibt Zeiten des Liberalismus und Zeiten der Reaktion, auch der Gewaltherrschaft. Um darin die nötige freie Hand zu behalten, muß verhütet werden, daß Ew. schon als Thronfolger von der öffentlichen Meinung zu einer Parteirichtung gerechnet werden. Das würde nicht ausbleiben, wenn höchstdieselben zur inneren Mission in eine organische Verbindung treten, als Protektor. (...) Schon in dem Namen 'Mission' liegt ein Prognostikon dafür, daß die Geistlichkeit dem Unternehmen die Signatur geben wird, selbst dann, wenn das arbeitende Mitglied des Comité nicht ein General-Superintendent sein würde. Ich habe nichts gegen Stöcker; er hat für mich nur den einen Fehler als Politiker, daß er Priester ist, und als Priester, daß er Politik treibt. Ich habe meine Freude an seiner tapferen Energie und an seiner Beredsamkeit, aber er hat keine glückliche Hand; die Erfolge, die er erreicht, bleiben momentan, er vermag sie nicht unter Dach zu bringen und zu erhalten; jeder gleich gute Redner, und deren gibt es, entreißt sie ihm; zu trennen von der innern Mission wird er nicht sein, und seine Schlagfertigkeit sichert ihm den maßgebenden Einfluß darin auf seine Amtsbrüder und die Laien. Er hat sich bisher einen Ruf erworben, der die Aufgabe, ihn zu schützen und zu fördern, nicht erleichtert; jede Macht im Staate ist stärker ohne ihn als mit ihm, in der Arena des Parteikampfes aber ist er ein Simson. Er steht an der Spitze von Elementen, die mit den Traditionen Friedrichs d. Gr. in schroffem Widerspruch stehen, und auf die eine Regierung des Deutschen Reiches sich nicht würde stützen können. Mir hat er mit seiner Presse und seiner kleinen Zahl von Anhängern das Leben schwer und die große konservative Partei unsicher und zwiespältig gemacht. Die 'Innere Mission' aber ist ein Boden, aus dem er wie der Riese Antäus stets neue Kräfte saugen und auf dem er unüberwindlich sein wird. Die Aufgabe Ew. und höchstihrer dereinstigen Minister würde wesentlich erschwert werden, wenn sie die Vertretung der 'inneren Mission' und der Organe derselben in sich schließen sollte. Der evangelische Priester ist, sobald er sich stark genug dazu fühlt, zur Theokratie ebenso geneigt wie der katholische, und dabei schwerer mit ihm fertig zu werden, weil er keinen Papst über sich hat. Ich bin ein gläubiger Christ, aber ich fürchte, daß ich in meinem Glauben irre werden könnte, wenn ich, wie der Katholik, auf priesterliche Vermittlung zu Gott beschränkt wäre. (...)

Alle Vereine, bei welchen der Eintritt und die Thätigkeit der einzelnen Mitglieder von diesen selbst abhängig ist und von ihrem guten Willen und persönlichen Ansichten, sind als Werkzeuge zum Angreifen und Zerstören des Bestehenden sehr wirksam zu verwenden, aber nicht zum Bauen und Erhalten. Jeder vergleichende Blick auf die Ergebnisse konservativer und revolutionärer Vereinstätigkeit überzeugt von dieser bedauerlichen Wahrheit. Zum positiven Schaffen und Erhalten lebensfähiger Reformen ist bei uns nur der König an der Spitze der Staatsgewalt auf dem Wege der Gesetzgebung befähigt. Die Kaiserliche Botschaft bezüglich sozialer Reformen wäre ein toter Buchstabe geblieben, wenn ihre Ausführung von der Tätigkeit freier Vereine erwartet worden wäre; die können wohl Kritik üben und über Schäden Klage führen, aber heilen können sie letztere nicht. Das sichere Mißlingen ihrer Unternehmungen können die Vereinsmitglieder um so leichter tragen, als jeder nachher den Andern anklagt; einen Thronfolger als Protektor aber trifft es schwerer in der öffentlichen Meinung. Mit Ew. in einem Verein zu sein, ist für jedes andere Mitglied ehrenvoll und nützlich ohne jedes Risiko; nur für Ew. tritt das umgekehrte Verhältnis ein; jedes Mitglied fühlt sich gehoben und macht sich wichtig mit dem Vereinsverhältnis zum Thronerben, und Letzterer hat allein als Gegenleistung für die Bedeutung, welche er dem Verein verleiht, Nichts als die Gefahr des Mißlingens durch Anderer Schuld. Aus dem anliegenden Ausschnitt der freisinnigen Zeitung, der mir heut zugeht, wollen Ew. huldreich ersehn, wie schon heut die Demokratie bemüht ist, hochdieselben mit der sogenannten christlichsozialen Fraction zu identifiziren. Sie druckt die Sätze gesperrt, durch welche Ew. und meine Beziehungen zu dieser Fraktion in's Publikum gebracht werden sollen. Das geschieht von der freisinnigen Zeitung doch gewiß nicht aus Wohlwollen oder um der Regierung des Kaisers einen Dienst zu erweisen. 'Religiöse und sittliche Bildung der Jugend' ist an sich ein ehrenwerter Zweck, aber ich fürchte, daß hinter diesem Aushängeschild andere Ziele politischer und hierarchischer Richtung verfolgt werden. Die unwahre Insinuation des Pastors Seydel, daß ich ein Gesinnungsgenosse sei und ihn und seine Genossen vorzugsweise als Christen betrachtete, wird mich zur Widerlegung nötigen, und dann wird es offenbar werden, daß zwischen den Herrn und mir das Verhältnis ziemlich dasselbe ist wie mit jeder anderen Opposition gegen die jetzige Regierung Sr. Majestät.

Ich (...) habe seit 20 Jahren zu viel unter der Giftmischerei der Herren von der Kreuzzeitung und den evangelischen Windthorsten gelitten, um in Kürze von ihnen reden zu können. Ich schließe dieses überlange Schreiben mit meinem unterthänigen und herzlichen Danke für die Gnade und das huldreiche Vertrauen, welches Ew. Schreiben mir bekunden.
Zumindest oberflächlich betrachtet scheint sich Wilhelm als Kaiser an viele Ratschläge dieses Briefes während seiner Regierungszeit gehalten zu haben. - Allerdings war es in jedem Fall priesterliches Wirken, das die Entfremdung zwischen dem Prinzen Wilhelm und Bismarck ausgelöst hatte, und das mit imperialistischen Präventivkriegsabsichten zumindest nicht unvereinbar war - sondern eher im Gegenteil. Es scheint nicht, als ob diese Umstände seither schon ausreichend durch die Geschichtswissenschaft gewürdigt worden wären und ins allgemeine Geschichtsbewußtsein eingegangen wären.

- Und deuten sich nicht auch Parallelen an zu heutigen deutschen "Präventivkriegen", die an exakt dieser Örtlichkeit beschlossen werden von allerchristlichsten (anthroposophischen oder freimaurerischen) Bundeskanzlern, Bundespräsidenten, Bundestagspräsidenten, Verteidigungsministern, Innenministerns, Staatssekretären, Fraktionsvorsitzenden und Abgeordneten? Von den großen Druck- und Fernsehmedien ganz zu schweigen? -

Der Kaiser Wilhelm I. hatte Waldersee noch 1887 eine Rüge darüber ausgesprochen, daß er eine solche Versammlung im Generalstabsgebäude veranstaltet hatte (Im Ring der Gegner Bismarcks, 1943, S. 280). Und offenbar als Folge derselben ist noch im Jahr 1912 im Handwörterbuch "Die Religion in Geschichte und Gegenwart" die Verantwortlichkeit Wilhelms für diese Veranstaltung vertuscht, bzw. widerspruchsvoll kleingeredet worden - so peinlich ist sie also noch im Jahr 1912 offiziell von allen Beteiligten - insbesondere von der Priesterschaft - empfunden worden:
Zum 28. November 1887 beriefen Prinz und Prinzessin Wilhelm von Preußen (das jetzige Kaiserpaar) in das Generalstabsgebäude zu Berlin zum Grafen Waldersee eine aus etwa 50 Herren und einigen Damen bestehende Versammlung. Zweck und Aufgabe dieser Versammlung bezeichnete der Prinz in einer freien Ansprache dahin: In den großen Volksmassen, namentlich der großen Städte, nehmen die Umsturzideen immer mehr überhand.
Dem sollte das "christlich-soziale" Wirken Stoeckers entgegengestellt werden. Entgegen der Erwartungen des Prinzen aber, so das Handwörterbuch, der Stöcker ursprünglich zu dieser Versammlung gar nicht hatte einladen wollen (!), ergriff derselbe aber dann dennoch auf dieser Versammlung sogar selbst das Wort (!), um über seine Arbeit in der "Stadtmission" zu berichten. Eine reichlich unglaubwürdige Darstellung. Insbesondere das 1912 noch in vollem Umfang in Tätigkeit sich befindende langjährige sozial- und kirchenpolitische Engagement der Prinzessin und nachmaligen Kaiserin Auguste Viktoria ("Beruf Kaiserin")
nahm mit der "Waldersee-Konferenz" am 28.11.1887, die im Berliner Generalstabsgebäude (...) stattfand, ihren Anfang. Darin lag eine dezidierte Popularisierungsstrategie des eigenen monarchischen Images, welche das Kronprinzenpaar im rechtskonservativen Lager der "Kreuzzeitungs-Partei" verankerte. Ziel war es, sich eindeutig von der eher liberalen Gesinnung des kurzzeitigen Kaiserpaares Friedrich und Victoria abzusetzen. 
Der von der "Kirchenguste", also der nachmalige Kaiserin Auguste Viktoria geförderte 
protestantische Kirchenbau in Berlin und Preußen war eine nationalpatriotische Angelegenheit geworden, weil er seit der "Waldersee-Konferenz" in bewußtem Gegensatz zur Sozialdemokratie (...) positioniert worden war.
Um so mehr man von diesen Zusammenhängen erfährt, um so unheimlicher werden sie einem (G. Herm, 1964, S. 234):
Immer zielstrebiger begann Mary (von Waldersee) in den letzten Wochen der Regierungszeit Friedrichs III. die Feinde des Reichsgründers um sich zu versammeln. Baron Holstein, die "graue Eminenz" des Auswärtigen Amtes ...
Das zielbewußte Streben der Mary von Waldersee nach Macht ist in einer 1962 im "Spiegel" besprochenen Biographie über sie noch einmal betont herausgearbeitet worden. Diese Biographie zu konsultieren, könnte sinnvoll sein, um die Frage zu beantworten: Ist es möglich, daß hinter diesem bigott-christlichen weiblichen Machtstreben, das so eng mit einem Holstein kooperieren konnte, keine bewußten priesterlichen Einflüsse gestanden hätten? Zumal auch sonst so manches über diese Mary von Waldersee gemunkelt wird?

Der Staatsakt für Kaiser Wilhelm I. - 1888

Schon drei Monate nach der Rüge an seinem Enkelsohn starb Kaiser Wilhelm I.. Der Trauerzug für ihn am 16. März 1888 vom Berliner Dom "Unter den Linden" entlang zum Brandenburger Tor und von dort zum Charlottenburger Schloß führte über den Königsplatz und am Generalstabsgebäude vorbei. Er wurde von Prinz Wilhelm angeführt, da sein Vater schon schwer erkrankt war. Hunderttausende von Menschen säumten ihn. Noch heute wird dieser Staatsakt auf der "Protokoll"-Seite der Bundesregierung als Beispiel aufgeführt (abc). 

Der Maler August Westphalen malte den Trauerkondukt vor der Siegessäule. Auch von dem Schriftsteller Rudolf G. Binding, der diesen Staatsakt miterlebt hat, gibt es einen Bericht von diesem Tag (Projekt Gutenberg). Dieser wurde in nachfolgenden Generationen - insbesondere unter jenen, die dem Kaiserreich hohe Wertschätzung entgegenbrachten - als bedeutend eingeschätzt (etwa von Seiten Ernst von Salomon's). Im folgenden seien nur aus drei zeitgenössischen Berichten Auszüge zitiert, die sich auf das Geschehen am Königsplatz beziehen:
Als der Trauerzug die Siegesallee erreicht hatte, gaben die Stabsoffiziere die Führung an acht Leutnants von den Leibregimentern ab. Auch die den Baldachin tragenden Generale wurden von Hauptleuten abgelöst, und die Spitze des Gefolges nahm in den bereitstehenden Wagen Platz. Die Könige, Fürsten und Prinzen fuhren nach Charlottenburg. 
Ein weiterer zeitgenössischer Bericht ergänzt:
... So verließ die Leiche des großen Kaisers seine Hauptstadt. An der Siegesallee löste sich der Zug auf. Der Leichenwagen wurde nur noch von einer Schwadron Garde du Corps und den Hofchargen durch Spalier von Kavallerie und Infanterie, welche sich durch den ganzen Tiergarten bis Charlottenburg erstreckte, und durch viele Tausende, in dichten Reihen stehende Zuschauer eskortiert.
Und in einem anderen:
Nachdem die Stadt Berlin ihrem geliebten Kaiser beim Durchzug des Sarges durch das Brandenburger Tor ihren letzten feierlichen Gruß dargebracht hatte (...) und an der Siegessäule die Reichsinsignien vom Trauerzug abgelöst worden waren, um nach dem Königsschloß zurückgeleitet zu werden, nahmen die Reihen der Garde die sterbliche Hülle ihres ruhmgekrönten Führers und Kriegsherrn in ihre Mitte auf. (...) Neben der Chaussee nach Charlottenburg, rechts und links vom Weg, standen sämmtliche Truppenteile des Garde-Korps, regimenter- und bataillonsweise aufgestellt. Langsam, in feierlicher Stille, nur durch kaum vernehmbares Kommando, gedämpften Trommelschlag und die klagende Weise des Trauermarsches unterbrochen, nahm der tote Kaiser zwischen zwei salutierenden Paradeaufstellungen seine letzte Heerschau ab. Die Leiche begleitend ritten, sich ablösend, die Kommandeure der Truppenteile, zwischen denen der Zug sich fortbewegte und hinter dem Sarg die zum Militärkabinet weiland S. M. gehörenden Offiziere. So, in der Ordnung, in welcher der Monarch, als er noch unter den Lebenden weilte, so manche Parade abgenommen hatte, näherte sich der Zug der letzten Ruhestätte des toten Kaisers; und dort blieb der Sarg zurück, während die trauernden Truppen in ihre Quartiere zurückzogen.
Abb. 12: Leichenzug für Kaiser Friedrich III. (Juni 1888) (?)  
Der Priester schlägt zurück: "Wir müssen vorsichtig sein." (Der "Scheiterhaufenbrief") - August 1888

Der Hofprediger Stoecker stand schon seit Jahren in gutem Einvernehmen mit dem Schriftleiter der ultra-konservativen "Kreuzzeitung", deren Ruf als Bismarck-feindliche Zeitung ebenfalls seit Jahrzehnten feststand. Dieser Schriftleiter war der Freiherr Wilhelm Joachim von Hammerstein. An diesen schrieb er am 14. August 1888 den berühmten "Scheiterhaufenbrief", der 1895 im "Vorwärts" veröffentlicht worden ist:
Prinzipiell wichtige Fragen wie Judenfrage, Martineum, Harnack (Vertreter einer als zu liberal empfundenen Theologie), Reichstagswahl im sechsten Wahlkreis, die gewiß mit einem Fiasko der antisozialdemokratischen Elemente schließt, muß man, ohne Bismarck zu nennen, in der allerschärfsten Weise benutzen, um dem Kaiser den Eindruck zu machen, daß er in diesen Angelegenheiten nicht gut beraten ist, und ihm den Schluß auf Bismarck überlassen. Man muß also rings um das politische Zentrum resp. Kartell Scheiterhaufen anzünden und sie hell auflodern lassen, den herrschenden Opportunismus in die Flammen werfen und dadurch die Lage beleuchten. Merkt der Kaiser, daß man zwischen ihm und Bismarck Zwietracht säen will, so stößt man ihn zurück. Nährt man in Dingen, wo er intuitiv auf unserer Seite steht, seine Unzufriedenheit, so stärkt man ihn prinzipiell, ohne ihn zu reizen. Er hat kürzlich gesagt: sechs Monate will ich den Alten verschnaufen lassen, dann regiere ich selbst. Bismarck hat selbst gemeint, daß er den Kaiser nicht in der Hand behält. Wir müssen also, ohne uns etwas zu vergeben, doch vorsichtig sein.
(s.a.: a.) Daß die Bismarck-Gegner Stoecker und Hammerstein nicht eben sehr deutlich aus der übrigen Reihe zahlloser typischer Bismarck-Gegner herausfielen, wurde offenbar spätestens im Jahr 1896 und konnte Wilhelm neuerlich von der vormaligen Richtigkeit der Bismarck'schen Ausführungen zu Stoecker überzeugen:
1896 mußte Stoecker die Deutsch-konservative Partei verlassen. Anlaß dafür waren skandalöse Vorgänge, in die er sich verstrickt hatte. Seinem Freund von Hammerstein wurden schwere Unterschlagungen, Scheckfälschungen und sittlich-moralische Verfehlungen nachgewiesen, die zur nach außen gezeigten tiefen Christlichkeit seines Lebenswandels in scharfem Widerspruch standen. Stoecker hatte den Angegriffenen gedeckt. Auch seine Intrigen gegen Bismarck wurden ihm vorgehalten.
1888 war also, wie schon erwähnt, Graf Waldersee, der enge Freund des jungen Kaisers und schon seit 1882 der Stellvertreter Moltkes, zum Nachfolger Moltkes ernannt worden (Mombacher, S. 26). Viele erwarteten seine baldige Reichskanzlerschaft. Er sollte es sich aber schon bald mit dem sprunghaften Wilhelm II. verderben, Generalstabschef nur bis 1891 bleiben - und Reichskanzler nie werden. 

Abb. 13: Neubau der Moltkebrücke im Jahr 1889 - im Hintergrund das Generalstabsgebäude

Der Kaiser im Generalstabsgebäude, Frühjahr 1890: Kritik an Waldersee
Am 18. März 1890 hatte die "Stoeckerei" - so nannte der Kanzler die Waldersee-Clique - ihr Ziel erreicht. Bismarck wurde entlassen. Ganz Berlin aber wußte: Einer der Urheber dieses Komplotts war "die Waldersee", 
so schrieb Gerhard Herm (in "Amerika erobert Europa", 1964, S. 234). Doch schon wenig später kühlte sich auch das Verhältnis zwischen dem jungen Kaiser und Graf Waldersee ab (Röhl/Wilhelm II., S. 465):
Daß Waldersees Stern im Sinken begriffen war, fiel scharfäugigen Beobachtern bald nach Bismarcks Entlassung auf. Sie datierten den Umschwung in der Stimmung des Kaisers auf einen Vorfall im Frühjahr 1890, als der Kaiser Waldersee im Generalstabsgebäude vor allen Untergegebenen abfällig kritisierte.
Nämlich wegen der Anlage des Kaisermanövers. 
Unmittelbar zuvor hatte Wilhelm den Chef des Generalstabes wie gewohnt zu einem Morgenspaziergang abgeholt, bei dem Waldersee politische Äußerungen gemacht haben muß, die dem Kaiser mißfielen, denn auf dem Rückweg sagte Wilhelm zu einem seiner Adjutanten verärgert: "Ich begreife Waldersee nicht; er ist mein Generalstabschef und hat sich nicht um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angehen." Dem Chef des Militärkabinetts sagte der Kaiser nach der scharfen Kritik im Generalstabsgebäude, er habe Waldersee zeigen wollen, daß er auch ohne ihn leben könne.
Waldersee wolle Reichskanzler werden, wozu ihn Wilhelm aber nie ernennen wolle.

Wilhelm sprach  auch später noch gegenüber dem Nachfolger Waldersees, dem Grafen Schlieffen, im Tiergarten und innerhalb des Generalstabsgebäudes schwere Manöverkritiken aus, mit denen dann von den übrigen Generalstabsoffizieren sehr "diplomatisch" umgegangen werden mußte (Röhl, S. 635).

Abb. 14: Von oben nach unten: Lehrter Bahnhof, Humboldthafen, Spreebogen, Alsenstraße, Königsplatz, Reichstag
Der 90. Geburtstag Moltkes im Generalstabsgebäude - 1890

Am 26. Oktober 1890 wurde der 90. Geburtstag Helmuth von Moltkes gefeiert. Über diesen Geburtstag wird berichtet ("Männer deutscher Geschichte", 1944):
Er wird zum Festtag der Nation. Das Generalstabsgebäude, in dem Moltke noch immer wohnt, ist mit Grün geschmückt, alle Häuser haben geflaggt, die Schulen feiern, die Studenten bringen am Vorabend einen Fackelzug ...
Ulrich von Hassel berichtet (Erinnerungen aus meinem Leben, 1919, S. 158):
Der alte Kriegsheld und Stratege stand vor dem Hauptportal des Generalstabsgebäudes, während der riesige Zug vorbei kam — ein ergreifender Anblick!
Oder (1906):
Nachmittags erschien die Kaiserin mit den drei ältesten Prinzen im Generalstabsgebäude, um Moltke persönlich zu beglückwünschen und gleich darauf stattete ihm der Kaiser selbst einen längeren Besuch ab.
Oder ("Deutschlands Heerführer", 1895):
Sein 70jähriges Dienstjubiläum verlebte Moltke in aller Stille, aber gefeiert wie von seinem Allerhöchsten Kriegsherrn so von der Königlichen Familie und weiten Kreisen. An seinem 90. Geburtstage begrüßte ihn Seine Majestät der Kaiser, umgeben von den General-Inspekteuren der Armee, dem Kriegsminister und sämtlichen kommandierenden Generalen, im Generalstabsgebäude mit einer Ansprache voll huldigenden Dankes, die im ganzen Heere und Volke Widerhall fand.
Ein halbes Jahr später, am 24. April 1891 starb Moltke. In dem Aufsatz "Der Kaiser an Moltke's Sarge" (in der Zeitschrift "Politische Geschichte der Gegenwart") wurde berichtet: Der Kaiser
fuhr nach dem Generalstabsgebäude, von der versammelten Menge ehrfurchtsvoll, aber still begrüßt. Dort hatten sich auch der Chef des Generalstabs, General Graf Schlieffen, und Graf Waldersee eingefunden.
Abb. 15: Generalstabsgebäude am Königsplatz (Postkarte, 1903)
Spaziergänge und -ritte im Tiergarten - Antarktis-Expeditionen - Kunstausstellungen 
Abb. 16: Moltkebrücke, Generalstabsgebäude, Reichstag und Siegessäule (um 1900)

Das Generalstabsgebäude stand in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder im Mittelpunkt eines vielfältigen kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Geschehens. 1909 etwa stellte Wilhelm Filchner, der Fritjof Nansen, Walter Scott und Ronald Asmussen Deutschlands, im Konferenzraum des Generalstabsgebäudes vor General von Moltke dem Jüngeren, vor Wissenschaftlern, Journalisten, Wirtschaftsvertretern und Staatsbeamten Pläne zu einer deutschen Antarktis-Expedition vor (Jessen 2010, S. 278f). Die deutschen Ortsnamen in der Antarktis stammen aus jener Zeit. 

Vom Dezember 1911 bis Januar 1912 hat es im Bibliothekssaal des Berliner Generalstabsgebäudes eine Kunstausstellung gegeben. Bei dem Musikinteresse der Familie von Moltke wurde im Generalstabsgebäude auch viel musiziert und fanden (siehe oben) Chorproben unter dem Hauslehrer Friedrich Dressler statt (Jessen, S. 220, 225, 281).

Abb. 17: Lehrter Bahnhof, Großer Generalstab, Reichstag (Ausschnitt aus dem Plan von Mittel-Berlin, Diercke, Atlas für Berliner Schulen, 1911)

Abb. 18: Bernhard von Bülow und ein Hauptmann, Ausritt am Landwehrkanal im Tiergarten (1900/1909)
Auch Pferdeställe gab es im Generalstabsgebäude. Und die Generalstabsoffiziere machten damals vor Dienstbeginn, während des Dienstes oder nach Dienstschluß Ausritte sowohl im Tiergarten wie auch im Grunewald. Ebenso wie die kaiserliche Familie, wie die Reichskanzler und andere, sicherlich zumeist wohlhabendere Personen und Bürger.

Abb. 19: "Aufbruch aus dem Quartier" während der "großen Generalstabsreise 1912" - Generalstabschef H. von Moltke, Ludendorff und andere Offiziere zu Pferd (ohne Ortsangabe) (aus: Ludend.)
Es finden sich viele Photographien von Personen auf Spazierritten im Tiergarten: Wilhelm II., das Kaiserpaar mit Tochter und Gefolge, der deutsche Kronprinz, Reichskanzler Bethmann-Hollweg uam.. Auch noch aus den 1930er Jahren wird berichtet - etwa von General Ludwig Beck -, daß tägliche Ausritte im Grunewald unternommen wurden - allein, mit Tochter oder Mitarbeitern. Ein Mitarbeiter Erich Ludendorffs im Großen Generalstab jener Jahre, Albrecht von Thaer, berichtet etwa auch (zit. n. 35, S. 58; 1958, S. 189):
Als ich als junger Hauptmann des Generalstabes 1904 bis 1905 in der Aufmarsch-Abteilung war, da war Ludendorff als junger Major mein Sektionschef und mein nächster Vorgesetzter. Ich arbeitete als sein Adlatus in seinem Zimmer allein mit ihm. Fast täglich nach Feierabend gingen wir dann zu Fuß gemeinsam durch den Tiergarten nach dem Westen. Wie oft lächelte er überlegen über meinen stöckerschen Antisemitismus, den er mit seiner "deutschen Objektivität" für nicht vereinbar hielt.
Der Hofprediger Stöcker blieb also noch auf Jahre hinaus Gesprächsthema im Großen Generalstab. - Die fünfzig Jahre Geschichte des Großen Generalstabes seit der Zeit, in der Moltke 1857 Generalstabschef geworden war, haben nach und nach eine beträchtliche personelle Erweiterung dieser Institution mit sich gebracht, die sich ja auch - wie oben erwähnt - im Bau und in der Erweiterung des Generalstabsgebäudes kundtat. 1857 arbeiteten im Großen Generalstab in der Behrenstraße 64 Offiziere. 1877 waren es 135, 1888 239 (Mombacher, S. 26). 1914 arbeiteten im Große Generalstab 625 Offiziere, davon 113 im Generalstabsgebäude in Berlin und 239 in den Truppengeneralstäben der Armeekorps sowie der Divsionen (Mombacher, S. 35). 

Kronprinzen-Allüren und Kriegsausbruch - 1914

Abb. 20: "Das Moltkezimmer des Generalstabs-Gebäudes nach dem Einzug des Kronprinzen" ("Jugend",  4.2.1914)
Anfang 1914 scheint der deutsche Kronprinz Wilhelm im Generalstabsgebäude gewohnt zu haben, denn in der Satire-Zeitschrift "Jugend" spießt der Karrikaturist E. Wilke diesen Umstand auf, um einmal erneut die zahlreichen außerdienstlichen Leidenschaften des Kronprinzen, die damals in aller Munde waren, zu kommentieren und dabei auch den Gegensatz zwischen dem Bismarck'schen und dem "moderneren" Wilhelminischen Deutschland aufzuzeigen (s. Abb.). 

Über eine ganz andere Zeit, nur ein gutes halbes Jahr später schreibt dann der Historiker Goodspeed 1966 in seinem Kapitel "Die Schlacht um Lodz", die ebenfalls noch im November 1914 stattfand:
General von Falkenhayn und Ludendorff saßen sich im Generalstabsgebäude am Königsplatz in Berlin gegenüber - in demselben Zimmer, in dem vor Falkenhayn Moltke und vor Moltke Schlieffen gearbeitet hatten. Man schrieb erst Ende Oktober, aber schon stand zwischen den beiden Männern, unausgesprochen und dennoch spürbar, die Erinnerung ... 
(Wiederum nur bruchstückhaft zitierbar infolge der Google-Restriktionen.)

Theodor Wolff, der Inhaber des berühmten Telegrafenbüros, schreibt in seinen Tagebüchern über den 30. August 1915 (1984, S. 279):
Im Generalstabsgebäude Sitzung der Chefredakteure etc., einberufen von Major Deutelmoser. Dieser setzt auseinander, daß die Verständigung mit Amerika und damit eine Einschränkung des Torpedierens von Passagierschiffen notwendig geworden sei. Nach ihm spricht Georg Wedel vom Ausw. Amt, verlegen und wenig geschickt. Die journalistischen Parteigänger Tirpitz', besonders Georg Bernhard von der Vossischen Ztg. sprechen ihren Schmerz aus und fragen, ob die Erklärungen Deutelmosers u. Wedels ein Verbot der Kritik bedeuteten. Wedel windet sich um eine klare Antwort herum - es macht einen ziemlich mäßigen Eindruck, daß das Ausw. Amt sich bei der ganzen Aktion fortwährend hinter der "Obersten Heeresleitung" versteckt, von der es aufgefordert worden sei, eine Verständigung mit Amerika herbeizuführen. Grf. Reventlow von der Deutschen Tagesztg., der schon von militärischer Seite vorgestern einer Untersuchung unter vier Augen um Einstellung seiner rasenden Campagne gegen Amerika ersucht worden ist, hört schweigend zu.  
...

Der "Eiserne Hindenburg" wird aufgestellt - 1915

Abb. 21: Siegessäule mit "Eisernem Hindenburg" (5. 9. 1915) (s.a. zahllose weitere Postkarten dazu)
Am 5. September 1915 weiht der Reichskanzler Bethmann-Hollweg auf dem Königsplatz vor der Siegessäule - als den berühmtesten aller damaligen zahllosen in Deutschland und vielen Ländern aufgestellten "Wehrmänner in Eisen" - den "Eisernen Hindenburg" ein. Für eine Kriegsspende darf man einen Nagel in den hölzernen Hindenburg einschlagen. Die Frau Hindenburgs weilte während der Einweihung unter den Gästen (s.a. Kammelar 2009).

Abb. 22: Großer Generalstab, Nordseite (Postkarte, 1915)
Zwischen 1916 und 1918 war faktischer Leiter des Großen Generalstabes der Generalquartiermeister Erich Ludendorff. Der Große Generalstab befand sich im Krieg fast immer im Westen (in Koblenz, Spa und an anderen Orten). Doch fanden während des Krieges im Berliner Generalstabsgebäude zahlreiche politische Besprechungen statt mit dem Reichskanzler, mit Staatssekretären und vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Diese wären - etwa anhand der Kriegserinnerungen Ludendorffs - hier nachzutragen. Für diese wurde auch das nahegelegene Schloß Bellevue im Tiergarten genutzt, der heutige  Sitz des Bundespräsidenten (Hansaviertel, S. 19):
Während des Ersten Weltkrieges wurde das Schloß im Jahre 1916, wohl wegen der Nähe zum Generalstabsgebäude am Königsplatz, zu einem Besprechungszentrum für wichtige Konferenzen mit der obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff, sowie mit hochrangigen Personen der Regierung und der diplomatischen Vertretungen der alliierten Mächte hergerichtet. 
Schloß Bellevue war 1840 von König Friedrich Wilhelm IV. erworben worden und für verschiedene Zwecke genutzt worden. Kaiser Friedrich III. hatte es umfangreicher für sich selbst nutzen wollen, starb aber. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten hier auch Kaiserbälle stattgefunden (Wikipedia).

Hindenburg-Feier auf dem Königsplatz - 1917

Am 2. Oktober 1917 wurde der Geburtstag des Generalstabschefs Hindenburg in Berlin und auf dem Königsplatz geradezu wie "Kaisers Geburtstag" gefeiert (Jesko von Hoegen, 2007, S. 190):
Die Straßen waren von Hindenburgs Wohnung bis zum Genralstabsgebäude am Morgen des 2. Oktober 1917 von Schulkindern eingesäumt, die dem Volkshelden Herbstblumen auf den Weg streuten, während Flieger Blumen und Lorbeer abwarfen. Des weiteren hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, die dem Feldmarschall auf seinem Weg zum Dienst "jubelnde Huldigungen" bereitet haben soll. Vor dem Generalstabsgebäude erwarteten Hindenburg nicht nur sein Mitarbeiterstab, sondern auch ein Spalier "vaterländischer Korporationen", deren Front der Feldmarschall abschritt, sowie Abordnungen diverser Regimenter, zu denen Hindenburg als Chef oder a la suite in Verbindung gestanden hatte.  

Wie es in jener Zeit im Generalstabsgebäude zugehen konnte, berichtet beispielsweise der damalige k.u.k. Generalstabsoffizier Edmund Glaise von Horstenau (1882 - 1946) in seinen 1945 niedergeschriebenen Erinnerungen (1980, Bd. 2, S. 457):
An einem Vormittag hatte ich im Generalstabsgebäude in der Moltkestraße zu tun. Da kam Ludendorff vorüber. Er begrüßte mich als alten Bekannten und fragte mich, wie es mir gehe. Ich sagte: "Schlecht Exzellenz, weil Sie die austropolnische Lösung unmöglich machen!" Er sah mich verdutzt an und begann mit mir über diese Frage und die ganzen Friedensfragen zu debattieren. 
Der Ludendorff nahestehende Generalstabsoffizier Max Bauer unter anderem (1922, S. 38):
... insofern man den ganzen Tag und einen großen Teil der Nächte im Generalstabsgebäude war, ... 
Am 11. Mai 1918 gab es im Generalstabsgebäude eine Besprechung zwischen dem Reichskanzler Graf Hertling und der Obersten Heeresleitung, in der die politischen Aspekte der deutschen Offensiven an der Westfront im März und April besprochen wurden. Auch über die Gewinnung von Siedlungsland in den baltischen Provinzen gab es eine Besprechung (J. von Hehn, 1977, S. 123):
Auch wollten Vertreter der livländischen und der estländischen Ritter- und Landschaft die Abgabe eines Drittels auf das landwirtschaftliche Nutzland beschränkt sehen (...). Solche Angebote konnten die reichsdeutsche Seite nicht befriedigen. Die Gegensätze prallten bereits bei einer ersten Besprechung aufeinander, die Anfang Juni unter dem Vorsitz des Obersten von Thaer im Generalstabsgebäude in Berlin stattfand. Als die Vertreter Livlands und Estlands, Stryk und Brevem, ...
Oder (Untersuchuungsausschuß, Bd. 2, 1925, S. 227):
... war für den 14. August, 10 Uhr vormittags, mit Generalstabsgebäude angesetzt. Hintze suchte den Reichskanzler vorher auf, trug ihm erneut seine hoffnungsarme, der dargelegten Auffassung der O.H.L. widersprechende Beurteilung der Kriegslage vor, hat ihn um Unterestützung seines Verlangens nach Ermächtigung zu Friedensaktionen.
Oder (W. Zürrer, Kaukasien, 1978, S. 167):
Am 21. August 1918 trafen sich im Berliner Generalstabsgebäude die Wirtschafts- und Verkehrsexperten der Reichsregierung, um die anstehenden Fragen zu besprechen. Sie beschlossen, mit dem Dampfer "Daland" eine regelmäßige wöchentliche ...
Erich Ludendorff schreibt (Meine Kriegserinnerungen, S. 362):
Der Generalfeldmarschall und ich waren bei unserer ersten Anwesenheit in Berlim am 7. Juli bereit gewesen, Mitglieder des Reichstags im Generalstabsgebäude in zwangloser Form Aufklärung über unsere Kriegslage zu geben. Es lag mir daran, beruhigend zu wirken. Diese Besprechung fand nun am 13. nachmittags statt. 

Über eine weitere Besprechung wird berichtet (Hans Volz, 1942, S. 544):
Oktober 1918 richtete Generalfeldmarschall von Hindenburg nach einer Unterredung (im Generalstabsgebäude in Berlin) mit Prinz Max von Baden, der an diesem Tage zum Reichskanzler ernannt wurde, an diesen ein Schreiben, auf Grund ... 
(Gustav Böhm u.a., 1977, S. 35, Anmerkung):
Am 3. Oktober 1918 erklärte Generalfeldmarschall v. Hindenburg dem Reichskanzler Prinz Max von Baden bei einer Besprechung im Generalstabsgebäude in Berlin, an seiner Forderung vom 29. September nach einem sofortigen "Friedensangebot" festhalten zu müssen. Es sei "geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen Volke und seinen Verbündeten nutzlose Opfer zu ersparen", obwohl die Möglichkeit gegeben sei, "bis zum Frühjahr deutsches Gebiet zu schützen", und ein "allgemeiner Zusammenbruch" nicht sicher bevorstünde.
Die Entlassung Ludendorffs - 1918

Die Entlassung Ludendorffs durch den Kaiser am 26. Oktober 1918 fand im Schloß Bellevue statt. Der Tag begann und endete für Ludendorff jedoch im Generalstabsgebäude (S. 616):
Am 26. früh 8 Uhr schrieb ich noch in der Seelenstimmung des vorangegangenen Abends mein Abschiedsgesuch. (...) Der Generalfeldmarschall (von Hindenburg) kam am 26. 9 Uhr früh wie gewöhnlich zu mir. (...) Oberst v. Haeften meldete mir, die Regierung hätte bei Seiner Majestät meine Verabschiedung erwirkt. (...) Seine Majestät würde mich gleich in das Schloß Bellevue befehlen. (...) Bereits während des Gesprächs mit Oberst v. Haeften wurden wir plötzlich zu ungewohnter Stunde zu Seiner Majestät befohlen. (...) Fahrt vom Generalstabsgebäude nach dem Schlosse Bellevue. (...) Der Kaiser war im Vergleich zum Vortrage wie umgewandelt.
Ludendorff weigerte sich nach der Entlassung durch den Kaiser vor dem Schloß, mit Hindenburg in dem gleichen Kraftwagen zurück ins Generalstabsgebäude zu fahren, mit dem sie gekommen waren, da dieser nicht in alter Kameradschaft zusammen mit ihm auf seinem Abschied bestanden hatte. Offenbar besuchte Ludendorff zunächst seine Frau (M. Nebelin 2010, S. 496). In seinen Erinnerungen schreibt er dann:
Ich sagte nach der Rückkehr in das Generalstabsgebäude meinen Herren, darunter auch Oberst v. Haeften, in tiefer Sorge, in 14 Tagen hätten wir keinen Kaiser mehr. Auch sie waren sich darüber klar.
In einem zweiten, kürzeren Teil werden die Schicksale dieses Gebäudes, des Königsplatzes und der Siegesallee seit der Revolution vom 9. November 1918 bis zu seinem Abriß 1947 dargestellt.

__________________________________________________________________________
  1. Nachrichten. In: Allgemeine Militär-Zeitung. Hrsg. von einer Gesellschaft Deutscher Offiziere und Militärbeamten. Darmstadt, 6.4.1867, Band 42, Seite 112 (Google Bücher)
  2. Goedeking, H.: Das neue Dienstgebäude für den Generalstab zu Berlin. In: Deutsche Bauzeitung 2 (1868), Nr. 36, S. 381 - 384  
  3. Die Bibliothek des großen Generalstabes zu Berlin. In: Organ der Gesellschaft für Heereskunde , Band 30, 1879 (später "Monatshefte für Politik und Wehrmacht") (Google Bücher), S. 208 - 211
  4. Dressler, Friedrich August: Moltke in seiner Häuslichkeit. Berlin (2. Aufl.) 1904 (Google Bücher)
  5. Artikel über den Hofprediger Stöcker (vermutlich). In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch. 1912, S. 28 (Google Bücher)  
  6. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914 - 1918. Mittler und Sohn, Berlin 1919
  7. Noske, Gustav: Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der deutschen Revolution. Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin 1920 (Vorwort April 1920) (210 S.) (Google Bücher)
  8. Ludendorff, Erich: Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Heer. Ludendorffs Verlag, München 1935
  9. Das Moltkezimmer im ehemaligen Generalstabsgebäude. Dokumentarische Filmaufnahme, Mitte der Dreißigerjahre. Produktion: Heeres-Filmstelle, Kopie: BA-Filmarchiv, 35 mm, schwarz-weiß (s/w), stumm. (zit. n. Google Bücher)
  10. Görlitz, Walter: Der deutsche Generalstab. Geschichte und Gestalt. 1657 - 1945. Verl. d. Frankfurter Hefte, Frankfurt am Main 1950  (710 S.), Bechtermünz Verlag 1997 (auch ins Englische übersetzt) (Google Bücher) (Rezension im Spiegel 1950)
  11. Erfurth, Waldemar: Die Geschichte des deutschen Generalstabes von 1918 bis 1945. Bd. 1 und 2. Musterschmidt, Göttingen 1960 
  12. Smith, Alson J.: A View of the Spree.  The John Day Company, New York 1962 (Biographie der bigotten, herrschsüchtigen Mary von Waldersee)
  13. Herm, Gerhard: Amerika erobert Europa. Econ-Verlag 1964 (Google Bücher)
  14. Barnick, Johannes F.: Deutschlands Schuld am Frieden. Seewald Verlag, Stuttgart 1965
  15. Förster, Gerhard; Otto, Helmut; Schnitter, Helmut: Der preußisch-deutsche Generalstab.  1870 - 1963. Zu seiner politischen Rolle in der Geschichte. Dietz Verl., Berlin 1964, 2. erw. Aufl. 1966
  16. Otto, Helmut: Schlieffen und der Generalstab. Der preussisch-deutsche Generalstab unter der Leitung des Generals von Schlieffen 1891 - 1905. Dt. Militär-Verl, Berlin 1966
  17. Goodspeed, Donald James: Ludendorff. Soldat, Diktator, Revolutionär. Bertelsmann Sachbuchverlag 1966 (Google Bücher)
  18. Dupuy, Trevor N.: Der Genius des Krieges. Das deutsche Heer und der Generalstab 1807-1945. Stocker-Verlag, (2. Aufl.) 2011 (engl. 1977)
  19. Herre, Franz: Moltke. Der Mann und sein Jahrhundert. Deutsche Verlags-Anstalt, 1984 (2. Aufl.) 1990 (Google Bücher)
  20. Georg Morris Cohen Brandes, Erik M. Christensen, Hans-Dietrich Loock: Berlin als deutsche Reichshauptstadt. Erinnerungen aus den Jahren 1877 - 1883. Colloquium-Verlag, 1989
  21. Bräutigam, Helmut u.a.: Tiergarten. Teil 1: Vom Brandenburger Tor zum Zoo. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1989 [Historische Kommission zu Berlin: Geschichtslandschaft Berlin - Orte und Ereignisse, Bd. 2]
  22. Horst Ulrich, Uwe Prell, Heinz Werner: Berlin Handbuch. 1992, S. 89 (Google Bücher)
  23. Röhl, John, C.G.: Wilhelm II. - Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888 - 1900. C.H.Beck, München 2001 (Google Bücher)
  24. Mombauer, Annika: Helmuth von Moltke and the Origins of the First World War. Cambridge University Press, Cambridge UK 2001 (Google Bücher)
  25. Benner, Thomas: Die Strahlen der Krone. Die religiöse Dimension des Kaisertums unter Wilhelm II. vor dem Hintergrund der Orientreise 1898. Tectum Verlag 2001 (Google Bücher)
  26. Wagner-Kyora, Georg: "Beruf Kaiserin". Die mediale Repräsentation der preußisch-deutschen Kaiserinnen 1871 - 1918. In: Historische Anthropologie, Jg. 15, Heft 3, 2007, S. 339 - ... (Google Bücher)
  27. von Hoegen, Jesko: Der Held von Tannenberg. Genese und Funktion des Hindenburg-Mythos (1914-1934). Böhlau-Verlag, Köln 2007 (Google Bücher)
  28. Gerhard Kaiser und Bernd Herrmann: Vom Sperrgebiet zur Waldstadt. Die Geschichte der geheimen Kommandozentralen in Wünsdorf und Umgebung. Ch. Links Verlag, 2007 (Google Bücher)
  29. Pintschovius, Joska: Der Bürger-Kaiser. Anmerkungen zu Wilhelm II. Osburg Verlag, 2008 (Google Bücher)
  30. Lars Olof und Sabine Larsson, Ingolf Lamprecht: "Fröhliche Neugestaltung" oder: Die Gigantoplanie von Berlin 1937-1943. Albert Speers Generalbebauungsplan im Spiegel satirischer Zeichnungen von Hans Stephan. Verlag Ludwig (2. unveränderte Nachauflage) 2008 (Google Bücher)
  31. Kammelar, Rob: Spijkeren voor het vaderland. "Kriegsnagelungen" - een merkwaardige uiting van Duits patriottisme tijdens de Eerste Wereldoorlog. Auf: Wereldoorlog1418.nl, 2009
  32. Janiszewski, Betram: Das alte Hansa-Viertel in Berlin. Gestalt und Menschen. Books on Demand, 2009 (Google Bücher
  33. Jessen, Olaf: Die Moltkes. Biographie einer Familie. Beck-Verlag (2. Aufl.) 2010 (Google Bücher)
  34. Kindler, Jan: Die Skagerragkschlacht im deutschen Film. In: Michael Epkenhans, Jörg Hillmann und Frank Nägler (Hg.) Skagerrakschlacht. Vorgeschichte - Ereignis - Verarbeitung. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2010, S. 351ff (Google Bücher)
  35. Nebelin, Manfred: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler-Verlag, München 2010
  36. von Thaer, Albrecht: Generalstabsdienst an der Front und in der O. H. L.. Aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, 1915-1919. Helmuth K. G. Rönnefarth. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958 (Google Bücher)
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