Mittwoch, 30. Mai 2012

Otto Skorzeny - der "deutsche James Bond"


Gefürchtet und bewundert von Geheimdiensten und Revolutionären auf der ganzen Welt. - Aber warum eigentlich?

Übernächsten Sonntag läßt Gudio Knopp eine neue Fernsehdokumentation durch den Äther gehen. Und zwar über Otto Skorzeny (1908-1975), den legendären Befreier Mussolini's im Jahr 1943, oftmals auch - ganz unrichtig - als der "deutsche James Bond" bezeichnet (1). Man darf gespannt sein.*) Insbesondere wenn man sich zuvor schon ein wenig mit dieser Person beschäftigt hat. Gerne auch mit zwei schon im Netz zugänglichen Filmdokumentationen über ihn (2, 3), mit Hilfe seiner Autobiographien (von 1950, 1962 und 1975; 4 - 7) oder auch mit Hilfe von Wikipedia.

Wer - vielleicht auch durch Zufall - schon früher einmal auf die folgende Filmaufnahme der Befragung von Otto Skorzeny durch einen amerikanischen Offizier am 2. August 1945 im vormaligen deutschen Konzentrationslager Dachau, zweieinhalb Monate nach seiner Gefangennahme, gestoßen ist, könnte unmittelbar gefangenen genommen worden sein auch von dem Menschen Otto Skorzeny. Und von seinem Auftreten in dieser historisch nicht ganz undenkwürdigen Situation (siehe Ytmehrfach im Netz vorhanden). Zweieinhalb Monate zuvor, am 15. Mai 1945, hatte er sich aus eigenem Antrieb in Salzburg den Amerikanern gestellt.


Er ist 37 Jahre alt, verheiratet, eine fünfjährige Tochter. Und wirkt in dieser Befragung sehr jugendlich, fast jungenhaft. Vor allem aber fällt sein gerader, fester Blick auf, mit dem er seine beiden Gesprächspartner immer direkt in die Augen sieht, wenn sie mit ihm sprechen und mit dem er aufmerksam zuhört. Er weicht niemals aus und scheint auch keinen Grund zu haben auszuweichen. Sein Blick scheint zugleich sowohl fordernd wie auch verbindlich zu sein. Er antwortet auch selbst sehr kurz und knapp - aber verbindlich. Er wirkt in keiner Weise eitel oder überheblich oder wie jemand, der sich aufplustern muß. Oder der in irgendeiner Weise auf "Tauchstation" gehen will (was gerade damals allzu viele gern getan haben). Spätestens von dem Zeitpunkt an, an dem man diese Aufnahmen gesehen hat, wird sich so mancher auch für die Bücher dieses Otto Skorzeny interessieren. Diese Aufnahmen jedenfalls waren der erste Anlaß für die Erarbeitung des vorliegenden Beitrages. Einige Zeit später gerieten einem die Erinnerungen Skorzeny's von 1975 in die Hände (7).

Von den Geheimdiensten zum Teil panisch gefürchtet - warum?

Skorzeny ist von den Geheimdiensten vieler Länder noch lange nach 1945 zum Teil panisch gefürchtet worden. Wo immer man eine ganz besonders dunkle, infame Intrige unterstellen wollte, raunte man den Namen Skorzeny mit wissenden hochgezogenen Augenbrauen und glaubte damit alles gesagt zu haben. Fast alle Geheimdienste suchten die Zusammenarbeit mit ihm - vor allem auch, damit sie ihn nicht gegen sich hätten. Das einzige Buch, das Fidel Castro besessen haben soll in seinen jüngeren Jahren, soll ebenfalls ein Buch ausgerechnet über die Kommandounternehmen des Otto Skorzeny gewesen sein! Skorzeny soll von Fidel Castro bewundert worden sein (3). Skorzeny behauptet jedoch von sich selbst, sich nach 1945 so gut wie nicht mehr politisch oder geheimpolitisch betätigt zu haben. Auch neue 2011 veröffentlichte BND-Akten können zwar die große Aufmerksamkeit des BND's unter dem vormaligen Skorzeny-Kollegen Reinhard Gehlen gegenüber den Tätigkeiten Skorzeny's belegen, nicht jedoch offenbar die Wahrheit der Feststellung Skorzeny's in Zweifel ziehen.


1950 - Die Veröffentlichung von Skorzeny's Erinnerungen löst kommunistische Massendemonstrationen in Paris aus (3)

Skorzeny hat offenbar vor allem während der Ardennen-Offensive im Herbst 1944 die westlichen Geheimdienste - unbeabsichtigt - außerordentlich stark durch sich beeindruckt. Die westlichen Geheimdienste ließen sich in jener Zeit noch überhaupt leicht beeindrucken. So hatten sie ja etwa auch den deutschen Atomforschern um Werner Heisenberg technische Kniffe zugetraut, auf die die amerikanischen Atomforscher in ihrem riesigen Manhatten-Projekt nicht gekommen sein könnten. Weshalb sie die deutschen Atomforscher noch monatelang nach Kriegsende mißtrauisch beäugten und abhörten (siehe Farmhall-Protokolle).

Als eine ähnlich große, unberechenbare Größe und Gefahr wie Werner Heisenberg ist offenbar auch Skorzeny eingeschätzt worden. Denn Gerüchte um seinen Namen sorgten 1944 während der Ardennen-Offensive dafür, daß man an der gesamten Front der Westallierten - von der Kanalküste bis zum Mittelmeer - massenweise deutsche Soldaten in amerikanischen Uniformen vermutete, bzw. oftmals Skorzeny selbst, die Eisenhower würden gefangennehmen oder ermorden wollen. Dies hatte zu einer Panik und zu einem großen, unvorhergesehenen Chaos, zu einer "Spionenfurcht" über die gesamte Front hinweg und sogar rund um das Hauptquartier Eisenhowers selbst geführt. Eine Sekretärin Eisenhowers berichtet, daß wenn ein Jeep im Hauptquartier eine Fehlzündung hatte, alle verschreckt die Köpfe einzogen, weil sie glaubten, daß jetzt der Angriff Skorzeny's auf das Hauptquartier begänne!

1962 - Skorzeny's Erinnerungen, 1. Teil (262 Seiten)
Dabei beruhte diese Furcht allein auf einer scherzhaften, gar nicht ernst gemeinten Bemerkung Skorzeny's zu einem seiner Untergebenen, dem gegenüber er den eigentlichen Zweck des vorzubereitenden Unternehmens verheimlichen mußte, und dem er scherzhaft zuraunte, es ginge gegen das Hauptquartier Eisenhowers. Aber da es Skorzeny auch schon mit der Befreiung Mussolinis (1943) und mit der Besetzung des Burgberges von Budapest, des Regierungssitzes von Miklos Horthy, offenbar jeweils in ganz unerwarteter Weise gelungen war, den von den westlichen Geheimdiensten - in Zusammenarbeit mit den deutschen Geheimdiensten (und Wilhelm Canaris) - vorhergesehenen Geschichtsablauf - zumindest in dem ihm jeweils gegebenen Rahmen - zu unterlaufen und zu torpedieren, ihre "Kreise zu stören" in einer Art, wie sie es offenbar schon damals gar nicht mehr gewohnt waren, mußte man der "Genialität" eines Skorzeny damals allmählich "alles" zugetraut haben.

Der Hauptgrund: Skorzeny durchschaute Canaris

Skorzeny machte sich während des Krieges viele Gedanken darüber, wie man ihn deutscherseits - trotz der von ihm sehr früh erkannten materiellen Unterlegenheit - noch gewinnen könne. Und er suchte dazu - und aufgrund seiner technischen Begabung - nach den entsprechenden "Schwachstellen" der Kriegsgegner und nach den eigenen Stärken was etwa waffentechnische Entwicklungen betraf. Skorzeny war etwa auch gut über die Entwicklung der V-Waffen informiert und verstand sich gut mit der Testpiloten Hanna Reitsch, die für ihn die erste bemannte V 1 flog. Vielleicht war diese Suche den gegnerischen Diensten bekannt und sie trauten Skorzeny allmählich alles mögliche Unerwartete auf diesem Gebiet zu. Und in der Tat scheint ja die Sabotierung kriegsentscheidender Waffenentwicklungen durch maßgebliche deutsche Offiziere nicht unwesentlich zum Kriegsverlauf und -ausgang beigetragen zu haben (8).

Der britische Geheimdienstmann und Romanautor Ian Fleming soll Skorzeny noch  als Vorlage mancher seiner James Bond-Romane benutzt haben. Auch James Bond hat eine Narbe im Gesicht ...

Nicht nur um all solcher Umstände willen lesen sich die 440 Seiten des zuletzt von Skorzeny erschienenen Buches "Meine Kommandounternehmen" (1975) (7) so spannend. Aus ihnen wird klar, daß Skorzeny nicht nur überdurchschnittlich tapfer und draufgängerisch gewesen ist, sondern vor allem auch überdurchschnittlich klug. Und weil seine Klugheit ihn in seiner militärisch notwendigen - lockeren - Zusammenarbeit mit den deutschen Geheimdiensten Einsichten bescherte, die andere noch bis 1975 nicht hatten (oder zumindest nicht äußerten), ragt sein Bericht über andere Erinnerungsliteratur deutlich hinaus. Er ist keineswegs so "sensationell" und "spektakulär", wie man es von einem zum "deutschen James Bond"  hochstilisierten Otto Skorzeny erwarten würde. Dazu war Skorzeny viel zu sehr ganz einfacher, schlichter Soldat. Aber man erfährt in seinem Buch - schon 1975 -, soweit übersehbar, mehr Zutreffendes, Hellsichtiges über die Geheimgeschichte des Zweiten Weltkrieges, als in 99 Prozent der sonst bis dahin erschienenen Bücher, etwa auch von seiten des ebenfalls vergleichsweise gut informierten Autors Paul Carell.


1962 - Skorzeny's Erinnerungen, 2. Teil
Insbesondere die Rolle des Admirals Canaris und des Amtes Abwehr überhaupt  scheint also Skorzeny sehr früh klar geworden zu sein. Skorzeny hat sich von Anfang an nicht auf die von diesem Amt an ihn übermittelten Informationen - etwa über den Aufenthaltsort Mussolinis - verlassen. Nur dadurch sind seine Erfolge zu erklären. Aber zugleich ist dadurch die Furcht der westlichen Geheimdienste vor Skorzeny zu erklären. Denn: wie konnte einer schon zu Kriegszeiten einen so guten Mitarbeiter westlicher Geheimdienste wie Wilhelm Canaris als Einzelmensch so einfach durchschauen und die dabei gewonnenen Erkenntnisse sogar zugleich noch in die Planungen seiner eigenen Kommandounternehmen stillschweigend mit einbeziehen? Das verstand offenbar auf westlicher Geheimdienstseite keiner, weshalb Skorzeny so unheimlich erschien.

(In dem Amt Abwehr arbeitete übrigens auch ein Onkel des noch heute zuweilen enthusiastisch verehrten,  lügnerisch promovierten bundesdeutschen Verteidigungsministers d. D. Baron von und zu Guttenberg. Dieser Onkel galt damals - in allzu lächerlicher Weise - ebenfalls schon in seiner Familie und bei seinen Kindern - wie dessen Tochter in ihrer Biographie über ihn berichtet - als Mensch, der es liebte, das Blaue vom Himmel herunter zu lügen. Damit war er wohl eine sehr gute Personifikation des Geistes dieses Amtes.)

1973 - Skorzeny's Erinnerungen (in 2. Auflage)
Die Erinnerungen von Skorzeny liest also insbesondere derjenige mit großer Anteilnahme, der die Rolle von Wilhelm Canaris verstehen will, weil er merkt, daß eine solches Verständnis notwendig ist, wenn man die umfangreiche und vielschichtige Geheimgeschichte des Zweiten Weltkrieges (und dementsprechend dann auch des Kalten Krieges) überhaupt überblicken möchte. (Zu Canaris selbst soll noch ein eigener weiterer Beitrag folgen.)
"Ist es überhaupt möglich, einen modernen Krieg zu gewinnen, wenn der Chef des Nachrichtendienstes gemeinsame Sache mit dem Feind macht?"
fragt schon 1943 ein enger Mitarbeiter Skorzeny's aufgrund der Erfahrungen, die man mit Wilhelm Canaris gemacht hatte (7, S. 278). Wenn Canaris nach Spanien oder Italien reiste, ging es - nach Skorzeny - immer darum, bestimmte Ziele der damaligen deutschen Politik zu "korrigieren", sprich zu hintergehen. Vieles davon wird Skorzeny erst in den Nachkriegsjahren klar geworden sein. Es ging etwa darum, die für die Kriegslage so wichtige Besetzung Gibraltars durch Deutschland zu hintergehen, auch die - vielleicht für den großen Geschichtsablauf gar nicht so wichtige - Befreiung Mussolinis, schließlich die Verhinderung der Landung der Alliierten auf Sizilien durch die Deutschen. (Und während man all dies liest, kommt einem der Gedanke, daß entsprechend auch die Reisen des guten Katholiken und Canaris-Kollegen Guttenberg, etwa auf den Balkan, ähnlichen Zwecken gedient haben könnten.)

Die Reisen des Wilhelm Canaris - welchen Zweck hatten sie?

Der Rolle des Reinhard Gehlen in der Abwehr Ost scheint Skorzeny hingegen bis zu seinem Lebensende nicht mit so grundlegendem Mißtrauen gegenüber gestanden zu haben. Was demgegenüber verwundert (7, S. 353 - 355). Auch konnte Skorzeny noch 1975 die Behauptung von Gehlen nicht glauben, daß Martin Bormann für die Sowjets gearbeitet habe und das Haupt der "Roten Kapelle" gewesen wäre. Für vieles Geschehen reichte offenbar auch die Vorstellungskraft eines Skorzeny nicht mehr aus.

Feldmarschall Kesselring schickte seinem Freund Skorzeny 1953 seine Erinnerungen und schrieb dazu in der persönlichen Widmung (1, S. 240):
Des rechten Mannes wahre Feier ist die Tat.
Durch diese Worte fühlte sich Skorzeny offenbar sehr gut verstanden und ist offenbar auch seine Person gut charakterisiert worden. Und man stellt sich einmal mehr die Frage, warum so wenige Offiziere der damaligen Zeit, selbst so kluge und tapfere wie Skorzeny, jemals bis zu ihrem Lebensende das Wirken von Geheimdiensten und -gesellschaften umfassender untersucht haben. Der Hauptgrund wird sein, daß damals eben noch lange nicht so viele Puzzelteile bekannt gewesen sind, wie heute. Zumal nach "9/11" und der "Wahrheitsbewegung". 

Die Frage stellt sich auch verstärkt: Welche Rolle spielte Walter Schellenberg, der Nachfolger Heydrichs, der dann unmittelbar mit Skorzeny zusammenarbeitete? Welche Rolle spielte Friedrich Wilhelm Heinz, Offizier des Regimentes Brandenburg, dessen Leute nach der Befreiung Mussolinis alle zu Skorzeny überwechseln wollten, weil in ihrem Regiment Brandenburg nichts los war und nichts lief? Klar ist: Das Reichssicherheitshauptamt ebenso wie das "Amt Abwehr" wimmelten nur so von "Verschwörern" und Angehörigen von Geheimgesellschaften und Geheimdiensten aller Art.

Und in Potsdam lebte in unmittelbarer Nähe des berüchtigten "Infanterieregimentes Nr. 9" niemand geringerer als der Verschwörer und - zumindest spätere - Freimaurer, der (ekelhafte) Ernst Jünger-Freund, Kriegs- und Völkermordverherrlicher Friedrich Hielscher, der unter anderem NS- und SS-nahe Rituale und Feiern gestaltete und wie so viele in diesem Umfeld der SS okkultgläubig war. (Zu ihm siehe andere Beiträge hier auf dem Blog.)

Skorzeny fragt mit recht, wie das Reichssicherheitshauptamt Jahre lang so wenig will mitbekommen haben von all diesen Verschwörern des 20. Juli. 

Skorzeny selbst war der typische Führer einer "Stay behind"-Formation, wie sie von Geheimdiensten und Geheimgesellschaften so gerne benutzt werden. Und beim Lesen seiner Erinnerungen bekommt man ein besseres Gefühl für diese Welt. Der amerikanische General Donovan befehligte auf der Gegenseite z.B. ähnliche Formationen und Skorzeny verstand sich nach dem Krieg auf Anhieb mit ihm. Ein Buch über diese Formationen ("Setting Europe Ablaze") weist schon im Titel auf die "Strategie der Spannung" hin, die von den Geheimdiensten schon im Zweiten Weltkrieg mit ihnen praktiziert wurde, indem alle Völker und Klassen Europas gegeneinander aufgehetzt wurden, gerne auch durch behauptete oder geschehene Verbrechen oder durch Verbrechen, zu denen die Geheimdienste selbst erst den ersten Anstoß gegeben hatten (das gilt z.B. auch für die Judenmorde während des Zweiten Weltkrieges).

Skorzeny sah offenbar bis an sein Lebensende nicht - oder sagt es jedenfalls nie klar genug -, daß Hitler und Mussolini ein ebenso großes Unglück für Deutschland und Europa waren, wie ein Canaris oder Stalin oder Roosevelt oder Churchill und ihre Forderung nach "bedingungsloser Kapitulation" Deutschlands.

Und mehr noch: Skorzeny war ohne Zweifel nicht nur bei Kriegs- und Kommando-Unternehmen mutig, sondern hatte offenbar auch Zivilcourage (was ja auch deutlich genug aus dem zuerst gebrachten Filmaufnahmen hervorgeht). Zur Befreiung Mussolinis wurde er ausgewählt, weil er auf Hitlers Frage an mehrere Sonderkommandoführer, was sie von Italien halten würden, im Gegensatz zu den anderen nur mit drei Worten antwortete: "Ich bin Österreicher, mein Führer!" Hitler schien eine Erläuterung dieser drei Worte zu erwarten. Aber Skorzeny blickte ihm nur gerade in die Augen. Bis Hitler verstand (7, S. 214).

Solche Antriebslagen können ja Autoren von James Bond-Romanen und alle, die James Bond-Motivationen hinter waghalsigen Taten suchen, ja gar nicht verstehen.

Amerikanische Fernsehdokumentation (2003)

Vielleicht ist eine amerikanische Fernsehdokumentation aus dem Jahr 2003 über Otto Skorzeny sachlich, die für den "History Channel" produziert wurde (2). Leider ist sie im Netz gegenwärtig nur in polnischer Synchronisation zugänglich. Ab etwa Minute 30'30 wird auch die Besetzung des Burgberges von Budapest durch Otto Skorzeny behandelt, ab 32'30 wird der Weg seiner Panzerkolonne hoch zur Burg auch in einer Animation "nachgezeichnet". Allerdings sehr unvollständig. Die Szene etwa, wie der ungarische Panzer sein Rohr hebt zum Zeichen, daß er nicht schießen wolle, wird nicht nachgespielt, ebensowenig, wie mit Hilfe eines deutschen Panzers Absperrungen im brutalen Rammverfahren durchbrochen werden.

Österreichische Fernsehdokumentation (2010)

Vor zwei Jahren, 2010, ist nun auch eine Fernsehdokumentation des ORF zu Otto Skorzeny gedreht worden. Man kann nur hoffen, daß sich Guido Knopp nicht an ihr orientiert hat. Sie ist in einer Tendenz produziert, als ob der Zweite Weltkrieg nicht vor 55 Jahren geendet hätte, sondern im Jahr 2009. Was man an schlechten Eigenschaften, Handlungen und Einschätzungen zu Skorzeny glaubte zusammentragen zu können - das trug man zusammen. Ein österreichischer Nationalsozialist vom Schlage eines Skorzeny darf man auch im Jahr 2010 nur als ein verbrecherisches Monster darstellen. Sonst strömen ja noch mehr Leute zur NSU ...

Ein Haufen von nachträglichen Neidern und "Meckerern", die während des Krieges mit Otto Skorzeny in Kontakt gekommen waren, hat man als Zeitzeugen aufgespürt, um mit ihrer Hilfe Otto Skorzeny von seinem vorgeblichen "Helden-Podest" zu stürzen. Da war der eigentliche Mussolini-Befreier gar nicht Skorzeny, sondern in der Dokumentation erklärt sich der greise Harald Mors, damals Kommandant der zugleich eingesetzten Fallschirmjäger-Einheit zu diesem.

Von Sachlichkeit in den Bewertungen keine Spur. Die Tatsache, daß solche Kommandoeinheiten wie diejenigen Skorzeny's von allen Kriegführenden eingesetzt wurden, wird erst sehr spät irgendwann kurz und ohne Betonung erwähnt. Davon daß die erfolgreichsten und spektakulärsten Kommandounternehmen Skorzeny's mit nur sehr wenigen Menschenverlusten einhergingen, was vor allem auf dem persönlichen wagemutigen Einsatz von Skorzeny selbst beruhte, ist ebenfalls nirgends die Rede. Sonst wäre er ja ein "Held", oh Schreck, oh Graus!

Zwei mal wird die gleiche nachgestellte nächtliche brutale Schlägerszene gezeigt, bei der in Budapest der Sohn von Miklos Horthy festgenommen worden ist. Daß sich diese Festnahme aber während eines Treffens von Horthy mit Abgesandten von kommunistischen Tito-Partisanen vollzog, deren Vorgehen gewiß nicht weniger zimperlich gewesen ist wie das der Männer Skorzeny's, wird mit keinem Wort erwähnt. Die Tito-Partisanen waren ja auch im Gegenteil zu den Skorzeny-Leuten lupenreine Demokraten und Pazifisten!

Daß Selbstmord- (Kamikaze-)Kommandos auf deutscher Seite, wie in dem Film (und auch auf Wikipedia) behauptet, geplant gewesen wären, wird von Skorzeny in seinen Erinnerungen, soweit übersehbar, bestritten. Was aber viel wichtiger ist: geplant war viel, zum Einsatz kam viel weniger. Die Japaner werden noch heute vielfach heimlich bewundert für diese Opferbereitschaft. Aber wehe, so etwas hätten deutsche Freiwillige gemacht! Das wäre dann wieder nur "sinnloser Fanatismus" gewesen, klar. Menschen wie Skorzeny sind auch heute noch vor der Geschichtsschreibung vogelfrei. Bloß nicht an "Idolen der Nazis" irgendetwas finden, was menschlich oder einfach nur normal wäre! Bloß nicht!

In der Dokumentation wird auch - soweit übersehbar - nie deutlich herausgestellt, daß Skorzeny für die Sondereinsätze nur Freiwillige auswählte. Es wird so getan, als hätten deutsche Soldaten in amerikanischen Uniformen hinter den amerikanischen Linien nicht nur Informationen gesammelt und Desinformationen ausgestreut, sondern auch gekämpft. Was aber doch nun klar nicht der Fall war, sonst wäre ja Skorzeny nach dem Krieg vor dem amerikanischen Kriegsgericht dafür verurteilt und nicht freigesprochen worden. Es wird nur ganz beiläufig darauf hingewiesen, daß alle Kriegsführenden während des Zweiten Weltkrieges Soldaten in den Uniformen der Kriegsgegner zum Einsatz kommen ließen. (Was im übrigen Skorzeny selbst sehr gründlich studiert hatte zuvor.) Es wird nicht gesagt, daß amerikanische oder britische Soldaten, die in deutschen Uniformen festgenommen worden sind, ganz normal als Kriegsgefangene behandelt worden sind, während der Eindruck erweckt wird, daß auch noch die Erschießung einiger Männer von Skorzeny durch die Amerikaner im Herbst 1944, die die Amerikaner auf Film aufgenommen haben, Skorzeny selbst anzulasten wäre - anstatt den Amerikanern!

Und so vieles andere mehr, das sich an Fehlerhaftem und Tendenziösem bezüglich dieser Dokumentation aufzählen ließe. 55 Jahre nach Kriegsende immer noch keine gelassene, distanzierte Sachlichkeit. Skorzeny war - soweit übersehbar bis an sein Lebensende - überzeugter Nationalsozialist und darum müssen per se alle seine Handlungen unmoralisch und verbrecherisch gewesen sein. So die allzu billige, simple und einfache "Logik" dieser ORF-Dokumentation, der sich im Tenor heute noch nicht einmal mehr die bunt gemischten Wikipedia-Autoren anschließen.

Allein von Wert scheinen in der Dokumentation die sachlich und atmosphärisch ausgewogenen Erinnerungen der 1940 geborenen Tochter Skorzeny's zu sein.

Oder dann auch solch ein Kommentar  (33'07): "Die Menschen in den Trümmern des Dritten Reiches sind erleichtert, daß der Krieg endlich zu Ende ist." Aber hallo was sind sie erleichtert! Aber hallo! Solche Sätze strotzen von Naivität und Kindlichkeit. Erleichtert gewiß. Aber war das das einzige vorherrschende Gefühl im Mai 1945? Von den Hungerlagern am Rhein keine Rede. Von den Hungergebieten östlich der Oder, ja, sogar östlich der Elbe keine Rede. Von der Jahre langen Rechtlosigkeit östlich der Elbe und noch mehr östlich der Oder keine Rede. Von der Installation des Stalinismus östlich der Elbe keine Rede. Von den Deportationen nach Rußland keine Rede. Von den Demontagen keine Rede. Von den Hungerlagern in Rußland und Sibirien keine Rede. Von der Vertreibung der Deutschen keine Rede. Von den dabei geschehenen Massenmorden keine Rede. Aber hallo was waren die Menschen in den Trümmern des Dritten Reiches erleichtert, daß der Krieg endlich zu Ende war. Aber hallo waren sie "erleichtert".

Das Video mit Otto Skorzeny, wie er von den Amerikanern 1945 interviewt wird, wird auch kurz in der ORF-Dokmentation eingeblendet (34'31) und mit ihm fällt dann sofort die ganze zuvor aufgebaute falsche Atmosphäre rund um diesen Mann wie ein Kartenhaus zusammen. Man sieht einfach nur einen schlichten, menschlich sympathisch wirkenden Mann mit einem geraden Blick, der auf alles gefaßt ist, aber weder Haß, noch Reue, noch Angst, noch Verachtung ausdrückt. Skorzeny antwortet vielmehr ruhig und verbindlich.

Diverse weitere Einzelheiten

Otto Skorzeny heiratete 1938 zum ersten mal. Zum zweiten mal heiratete er offenbar 1950 in zweiter Ehe Baronin Ilse Lüthje, interessanterweise eine Nichte (oder Tochter?) des vormaligen Reichsbank-Präsidenten Hjalmar Schacht. 1952 oder 1954 heiratete er dann offenbar ein drittes mal. Eine Seite mit vielen Fotos zu Skorzeny findet sich ---> hier.

Erinnerungen von Skorzeny erschienen, wie erwähnt, in den Jahren 1950, 1962 und 1975 (4 - 7). Da er in der Ausgabe von 1975 Bezug nimmt auf zahlreiche, erst kurz zuvor erschienene zeitgeschichtliche Literatur und auch auf bis dahin erlebte persönliche Begegnungen - etwa mit Kriegsgegnern - wird man davon ausgehen können, daß Skorzeny etwa im Zehnjahres-Abstand seine Erinnerungen mit den jeweils neuen Erkenntnissen, die er bis dahin gewonnen hatte, "aktualisiert" hat, bzw. seine eigenen Erinnerungen mit den jeweils neuen Erkenntnissen abgeglichen und bewertet hat. Es wäre sicherlich wertvoll, die drei verschiedenen Ausgaben inhaltlich miteinander zu vergleichen. Auch wäre zu prüfen, ob die Buchtitel von 1962 von Skorzeny selbst oder von seinem Verleger stammen.

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*) 18.6.12: Es handelt sich um eine Neubearbeitung der hier im Beitrag schon behandelten und kritisierten ORF-Dokumentation (3). In ihr wurden einige wenige krasse Fehlgewichtungen entschärft - die Mehrheit der krassen Fehlgewichtungen aber sind völlig ungeprüft übernommen worden. Viel Arbeit haben sich Guido Knopp und sein Team damit nicht gemacht. Geradezu schauerlich.

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1. Knopp, Gudio; Laasch, Winfried: Otto Skorzeny - Hitlers "gefährlichster Mann"? ZDF, 2012 (Mediathek); Sendetermine: ZDF, 10.6. und 11.6., 00.05 Uhr13.6., 20.15 UhrZDF-Info, 13.6., 6.45 Uhr, 14.6., 16.30 Uhr, 3Sat 15.6., 17.45 Uhr.
2. Dunstan, Simon (Script writer); Martin, Jonathan (Director): The Adventures of Otto Skorzeny. In der Reihe "History's Raiders". Produced by MMI Nugus / Martins Productions Ltd for The History Channel. (Barnes Trust Television.) 2003. 45 Minuten. (Auf Polnisch synchronisiert: Youtube)
3. Gokl, Robert: Otto Skorzeny - SS-Agent für Hitler. Interspot Film GmbH Wien. Ausgestrahlt vom ORF in der Reihe Menschen & Mächte: Idole der Nazis (1) - 02.12.2010 21:05 Uhr, 52 Minuten (YoutubeVimeoVideo-Clip)
4. Skorzeny, Otto: Geheimkommando Skorzeny. Autobiographie. Hansa Verlag J. Toth, Hamburg 1950 (auch französisch, englisch)
5. Skorzeny, Otto: Lebe gefährlich. Kriegsberichte der Waffen-SS. Ring-Verlag Helmut Cramer 1962  (268 Seiten) (2. Auflage u.d.T. "Deutsche Kommandos im 2. Weltkrieg, Band 1 und 2" Königswinter 1971, 1973)
6. Skorzeny, Otto: Wir kämpften – wir verloren. Für Deutschland, Band 4. Ring-Verlag, Siegburg-Niederpleis 1962 (2. Auflage u.d.T. "Deutsche Kommandos im 2. Weltkrieg, Band 1 und 2" Königswinter 1971, 1973, 1975, 1978)
7. Skorzeny, Otto: Meine Kommandounternehmen. Krieg ohne Fronten. Limes Verlag, Wiesbaden 1976 (1975, 2007) (445 Seiten)
8. Georg, Friedrich: Verrat an der Ostfront. Der verlorene Sieg 1941 - 42. Grabert-Verlag, Tübingen 2012

Dienstag, 22. Mai 2012

Oskar Lafontaine entscheidet 100% richtig

Und die Partei "Die Linke" gräbt sich aktuell "absurder" (?) oder "planvoller" Weise selbst ihr eigenes Grab

Zu dem, was derzeit in der Partei "Die Linke" vorgeht, scheint einem die Beurteilung von Klaus Ernst in jedem Punkt treffend zu sein: "Wenn sich die destruktiven Kräfte in der Partei durchsetzen, wird 'Die Linke' schwächer werden, als es die PDS jemals war." Und das ist - so Ernst - angesichts der gesamteuropäischen Entwicklung "absurd":


"Absurd"? Absurd ist alles, was Geheimdienste und Lobbykräfte hinkriegen. Wofür steht dieser destruktive Dietmar Bartsch eigentlich? Für die ungebrochene Stasi-Tradition innerhalb der Partei "Die Linke"? Wofür denn eigentlich sonst? Was will diese Tradition zum Besseren verändern? Hat sie je etwas zum Besseren verändert? ...

Ein großer Teil der lobbygesteuerten Medien gefällt sich in pausenloser Häme gegenüber Oskar Lafontaine. Das ist zu durchsichtig. Lafontaine war und ist der einzige bekanntere deutsche Politiker, der deutlich für Veränderungen in die bessere Richtung steht. Und das ist - seit Jahrzehnten - ganz offenbar außerordentlich unerwünscht (s.a.: a, b, c, d).

Montag, 7. Mai 2012

Im Gästehaus des Königs von Preußen

Zum 300. Geburtstag des großen Freigeistes Friedrich II.

Man denke sich Angela Merkel, Jürgen Habermas, "Kulturstaatsminister" Michael Naumann, den "geistreichen Plauderer der Nation" Jörg Thadeusz und - sagen wir - einen Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke (d.Ä.) - und außerdem noch zahlreiche andere Personen - vereinigt in einer Person. Nicht möglich? Doch: König Friedrich II. von Preußen, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 300. male jährt, hat alle diese Personen in sich vereinigt. Wobei die eigentliche Bedeutung dieses Königs nicht darin liegt, daß er ein erfolgreicher Politiker oder ein tapferer und erfolgreicher Feldherr gewesen ist. Mit beidem schuf er sich bestenfalls die Voraussetzungen für die von ihm gesehene Hauptaufgabe. Und diese lag darin, daß er ein bedeutender Förderer der Kultur und der geistig-moralischen Entwicklung seines Landes - und Europas überhaupt - gewesen ist.

Dieser Umstand könnte im Preußenjahr 2012 noch weitaus deutlicher herausgestellt werden, als es gegenwärtig geschieht. Wer heute nach Potsdam und Sanssouci fährt, betritt Boden, der überall von Kultur durchtränkt ist. Und dieser Umstand ist niemandem mehr zu verdanken als Friedrich dem Großen. Man betritt eine "Kulturlandschaft", die wie keine zweite diesen Namen verdient. Überall, wo Friedrich in Berlin und darüber hinaus seine Spuren hinterlassen hat, trifft man auf Kultur. Man denke nur an den Gendarmenmarkt, Berlins "schönsten" Platz.

Welche von den Kasernen Friedrichs des Großen steht heute noch? Welcher seiner Exerzierplätze ist heute noch bekannt? Sein Staat ist zerschlagen wie kaum ein zweiter in der Geschichte. Aber sein kulturelles Erbe wird gepflegt, wohin man blickt. Mit großer Andacht. Sicherlich weil viele ahnen: Hier liegt die eigentliche Bedeutung dieses großen Königs - und damit: dieses großen Menschen.

Abb. 1: Figurengruppe "Apoll und die Musen" aus der Hadriansvilla  bei Rom im Empfangssaal des "Neuen Palais"

Ein gutes Beispiel: Wer die diesjährige Friedrich-Ausstellung im "Neuen Palais" in Potsdam betritt, steht im zentralen Empfangssaal zunächst der Figurengruppe "Apoll und die Musen" gegenüber. Eine Figurengruppe aus dem ersten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Diese griechisch-antiken Skulpturen waren im 16. und 17. Jahrhundert in der Nähe der Hadriansvilla bei Tivoli, 30 Kilometer nordöstlich von Rom, ausgegraben worden. Dort hatte man ähnlich bedeutende Funde gemacht wie zu gleicher Zeit in Pompeji. Und Friedrich erwarb diese bis dahin in Frankreich aufbewahrte Figurengruppe schon im dritten Jahr seiner Regierung, 1742, um sie in seinem Antikentempel in Sanssouci aufzustellen und dort der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zugänglich zu machen.

Abb.2: Männliches Genital hinter Frauenkleid? Achill versteckt sich feige bei den Töchter des Lykomedes? - Nein, es ist Apoll!
Zu seiner Zeit war die Figurengruppe noch irrtümlich interpretiert worden als "Odysseus erkennt Achill unter den Töchtern des Lykomedes" (gut erläutert hier: PNN). Eine recht amüsante Verwechslung, da man hinter Frauenkleidern das männliche Genital des Achill vermutete. Es waren aber keine Frauenkleider, sondern im 1. Jahrhundert ließ man auch Apoll so bekleidet sein. Nachdem die Wissenschaft - erst nach Friedrichs Tod - erkannt hatte, daß es sich um eine falsche - genitalgesteuerte - Zuordnung gehandelt hatte, wurde die Skulpturengruppe - nach einer Neubearbeitung durch den Bildhauer Daniel Friedrich Rauch - im Alten Museum in Berlin neu aufgestellt. Dort steht sie bis heute. In diesem Jahr ist sie aber für die Friedrich-Ausstellung - unter Betonung der vormaligen Interpretation der friderizianischen Zeit - noch einmal nach Potsdam zurückgekehrt.

Während sie zuvor im Alten Museum in der Masse der dort aufgestellten Skulpturen geradezu "untergangen" war, wird sie an diesem Ort viel eher in ihrem Eigenwert wahrgenommen.

Der Kulturförderer Friedrich

Und dies war bei weitem nicht die einzige kulturell bedeutende Erwerbung Preußens während Friedrichs  Regierungszeit. Gleichzeitig zum Antikentempel umgab sich Friedrich in Sanssouci etwa mit der ebenfalls schon damals öffentlich zugänglich gemachten Bildergalerie, in der er bedeutendste Gemälde der europäische Kunstgeschichte sammelte. 

Friedrich der Große war weiterhin, was ja heute noch vielen bekannt ist, ein Förderer des Musiklebens. Rief er doch bedeutende Musiker seiner Zeit nach Berlin und pflegte den Austausch mit ihnen, ja, musizierte und komponierte selbst. Und schließlich: Friedrich war ein Liebhaber des geistreichen, heiteren, philosophischen Gespräches, bzw. des geistreichen Plauderns und Scherzens. Eine Eigenschaft, für die vielleicht heute am ehesten noch ein Jörg Thadeusz steht in der sonst zumeist sehr trist gewordenen, die Menschen immer passiver machenden "Talkshow"-Kultur.

In der ebenso wertvollen Ausstellungs-Abteilung über die Freunde Friedrichs (im Neuen Palais rechts unten) wird einem erst wieder bewußt gemacht, mit welcher Art von Menschen er den Umgang liebte, welche Späße er mit ihnen machte und welche Spannungen es - immer wieder - zwischen ihm und einzelnen von ihnen gegeben hat. Es ist etwas anderes, weit "entfernt" von den Geschehnissen davon zu lesen, als mit der damaligen Lebensumwelt und einzelnen "Sachgütern" und authentischen Porträts, die damit in Zusammenhang standen, direkt konfrontiert zu sein. - Da wünscht man sich, daß große Teile dieser Ausstellung als Dauerausstellung im Neuen Palais bleiben würden. (Viele exemplarische Fotos, die einen guten Eindruck von der Vielfalt des Ausgestellten geben, findet man übrigens unter "Pressebilder".)

"Die meisten Bürgerlichen denken niedrig" - Friedrichs fremdartiges Staatsverständnis

Was man übrigens bislang nie so ganz verstanden hatte, war die Frage: Warum hat Friedrich eigentlich dieses riesige, prachtvolle, fast überdimensionierte "Neue Palais" gebaut? Man versteht offenbar viel von Friedrich und seiner Zeit, wenn man sich bemüht, die Gesamtheit der Motive zu würdigen, die ihn dazu veranlaßten, ein solches Gebäude zu bauen. Und es so zu bauen, wie er es baute.

In erster Linie war es ein Gästehaus für die alljährlichen Besuche seiner über Mitteleuropa verstreuten Verwandten. Dazu gleich noch mehr. Es war zum 2. seine Art von "Siegesdenkmal" nach dem Siebenjährigen Krieg, in dem er zum Beispiel sächsische Kriegsbeute stolz, wenn auch ganz kultiviert - etwa in Form von erbeutetem Meißner Porzellan - präsentierte. Es war zum 3. sicherlich auch politischer "Bluff", indem er der Welt den Eindruck zu verschaffen suchte: Wer solche Schlösser bauen kann, der steht wirtschaftlich ungebrochen da, den sollte man nicht noch ein viertes mal versuchen anzugreifen. Zum 4. diente der Bau dieses Schlosses neben so vielem anderen einfach der wirtschaftliche Kräftigung und Förderung seines Landes, bzw. vor allem auch allen Bereichen der einheimischen Kunst und des Kunsthandwerkes.

Zum 5. versteht man die Art dieses Baues nur aus Friedrichs ganz "vormodernem" Verständnis vom Funktionieren eines Staates und einer Armee heraus. Obwohl das Gebäude bald nach Fertigstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, kann es doch nicht eigentlich volkstümlich genannt werden. Friedrich sprach ganz selbstverständlich nicht vornehmlich den Bürger- oder Bauernstand an mit diesem "Siegesdenkmal", sondern vor allem "Seinesgleichen", das heißt, vor allem den Adel seines Landes. Sein Land mit Kultur zu schmücken, sollte vor allem das Selbstbewußtsein, den Stolz und das Ehrbewußtsein des Adels für das Land und die Verbundenheit desselben mit der Monarchie stärken. Bürgerliche sollten zum Beispiel innerhalb Preußens keine Adelsgüter kaufen können (4):
"Erwerben Bürgerliche Landbesitz, so stehen ihnen alle Staatsämter offen. Die meisten denken niedrig und sind schlechte Offiziere." Die Bemerkung zeugt davon, wie sehr der König in ständischem Denken befangen blieb. (...) Nur der Adel besaß nach Meinung Friedrichs II. "Ehre", ein Standesbewußtsein, das ihn befähigte, dem Staat selbst mit dem eigenen Leben zu dienen. Bürgerliche hatte er während des Krieges zwar notgedrungen aufrücken lassen, doch auf die Dauer wollte er einen solchen Zustand nicht dulden, weshalb er die meisten Offiziere bürgerlicher Herkunft wieder entließ. Die Wohlfahrt des Staates und der Armee beruhte nach Ansicht des Königs darauf, "jederzeit genugsame Edelleute" in seinen Landen zu haben, "welches Endzweckes sie verfehlen würden, wann die Anzahl derer Edelleute durch Verkaufung ihrer Güter an Personen bürgerlichen Standes nach und nach verringert werden sollte."
In diesem Punkt also war Friedrich ganz "unmodern" (siehe auch: 5, S. 31ff). Und es würde wohl viel zum besseren Verständnis von Friedrich und seiner Zeit dienen, wenn man diesem Punkt ausführlicher nachgehen würde. Er vor allem würde einem verständlich machen können, warum einem Friedrich "nah" und "entfernt" zugleich erscheint. So volkstümlich er als Person auch bei Bürgerlichen und Bauern in ganz Europa und Nordamerika war: Er selbst sprach mit seinem "Siegesdenkmal" seine europäischen adligen Verwandten und den Adel seines Landes an.

Die Gastfreundschaft Friedrichs

Nun aber zurück zum ersten Motiv. Friedrich wird bis heute gern dargestellt als menschenfeindlicher Eigenbrötler, als "Einsiedler von Sanssouci", der Hofgesellschaften abgeneigt war. Das ist aber, wie man im Zusammenhang mit der derzeitigen Ausstellung im "Neuen Palais" erfahren kann, bestenfalls das halbe Bild. Insofern es sich um seine Familie und zahlreiche angeheiratete Verwandte handelte, war Friedrich durchaus sehr gastfreundlich und gesellschaftlich aufgeschlossen. Denn gerade dafür hatte er dieses riesige "Gästehaus" erbaut.

Abb. 3: Karl Christian Wilhelm Baron - Blick vom Klausberg auf das Neue Palais - 1775
Friedrich hatte einfach viele Geschwister, wie diese Ausstellung klar macht (im "Neuen Palais" links unten). Und er hatte dadurch auch viele angeheiratete Verwandte, mit deren Kindern und Enkelkindern er als Onkel in abgestuften Graden verwandt war, und die über ganz Europa verstreut lebten. Zwischen Schweden und Württemberg. Sie leisteten Dienst in seiner Armee und sie kamen auch sonst gern zu ihrem königlichen Verwandten nach Berlin und Potsdam zu Besuch. Wie in dieser Zeit üblich, waren Heiraten zwischen Fürstenhäusern ein wesentlicher Bestandteil der Politik. Einmal im Jahr lud Friedrich deshalb alle diese Verwandten für drei Wochen zu sich nach Potsdam ein - in das "Neue Palais".

Abb. 4: Ausschnitt aus Abb. 1 - König Friedrich auf einem Schimmel hinter einer sechsspännigen Kutsche seiner Gäste - 1775
In diesem Palais konnte mit dem vorhandenen Porzellan ein Galadiner für 90 Personen gedeckt werden. Und in ihm konnte die versammelte Gesellschaft nicht nur kleinere Konzerträume aufsuchen, die zahllosen Gemälde in den zahllosen Sälen besichten, sondern sogar eine eigene Opern-, bzw. Theaterbühne besuchen (im Palais oben rechts). In der Ausstellung werden dankenswerterweise eine ganze Menge Portraits der Verwandten und Gäste Friedrichs gezeigt, die im Begleitheft (1) noch einmal erläutert werden mit allerhand Besonderheiten ihres dortigen Aufenthaltes.

So ist auch die Ankunft der Gäste im Juli 1775 auf einem zeitgenössischen Gemälde (Abb. 3 und 4, ein besseres Foto noch hier) festgehalten worden und wird ausgestellt. Die sechsspännigen Kutschen sind am Schloß Sanssouci vorbeigefahren und fahren gerade weiter zum Neuen Palais. Man kann gut erkennen, wie sehr sich der Park damals noch von der heutigen Gestaltung unterschied (1):
Das Bild zeigt die Ankunft einer Gesellschaft am Neuen Palais im Juli 1775. In den beiden 6-spännigen Kutschen sitzen verschiedene württembergische und hessische Prinzen und Prinzessinnen. Auf einem Schimmel ist der König zu erkennen.
Liebenswerte Details aus dem Leben Friedrichs

Friedrich hat hier ein großes, bewohnbares "Museum" nach seiner Art für die Mit- und Nachwelt errichten lassen. Schönes, wohin man blickt, wertvollste Materialien. Auch hübsch etwa das "Ovale Kabinett" (vom Innenhof aus gesehen: links unten), das er Jugenderinnerungen gewidmet hat. Es ist nämlich mit Illustrationen des Malers Jean-Baptiste Pater zu dem "Romane Comique" von Paul Scarrons (1610 - 1660) geschmückt. Ein Roman, den Friedrich und seine Schwester Wilhelmine in ihrer Kindheit so liebten, weil sie so viele Personen ihres eigenen Hoflebens in diesem Roman karrikiert wiederfanden. Auf Wikipedia wird man angeregt, selbst noch einmal diesen Roman in die Hand zu nehmen:
Ein auch heute noch gut lesbarer burlesker Roman, dessen Rahmen- und Haupthandlung mit derber Komik den heroisch-galanten Roman à la Scudéry und La Calprenède parodiert und persifliert und dessen eingelegte Novellen und Binnenerzählungen im galant-sentimentalen Ton spanischer Vorbilder gehalten sind.
Friedrich hatte also auch noch nach drei Kriegen seine heiteren Jugenderinnerungen und -lektüren nicht vergessen. Und so trifft man auf zahllose liebenswerte Details in dieser Ausstellung und in diesem Gebäude, die sicherlich einen zweiten und dritten Besuch zur Vertiefung der Eindrücke wert wären. Man möchte jedes Jahr für drei Wochen wiederkommen! :) glücklich

Die Privaträume Friedrichs etwa (ganz rechts unten) machen nicht nur das damalige höfische Besuchszeremoniell bewußt, und in welcher Weise Friedrich es für seine Bedürfnisse vereinfachte und abwandelte, nein, viel wichtiger ist: Auch in ihnen stehen die Kunst, die Musik und die Bücher (Bibliothek und Lesekabinett), das tägliche geistreiche mehrstündige Gespräch an der Essenstafel und die Regierungstätigkeit im Vordergrund der Lebensinhalte.

Man erfährt neben so vielem anderen in der Ausstellung auch von einer polnischen adligen Freundin Friedrichs, ja, einer "leidenschaftlichen Verehrerin", nämlich der Gräfin Marianna Skórzewska aus Westpreußen. Den Weg in das deutschsprachige Wikipedia und Internet hat diese Dame bislang noch  nicht gefunden (Ausnahmen: ab), um so bedeutender ihre Erwähnung in der Ausstellung.

Ein weiteres Thema, dem man sich vertiefend zuwenden könnte, wäre die Nutzung des "Neuen Palais" ab 1859 durch die Familien der preußischen Kronprinzen, des nachmaligen 99-Tage-Kaisers Friedrichs III., der dort auch gestorben ist, und seiner Frau Viktoria. Sowie des nachmaligen Kaisers Wilhelm II. und seiner Frau Auguste Viktoria, die im Antikentempel mit einigen Verwandten begraben liegt. Für beide Familien bildete das Neue Palais bis 1918 den Lebensmittelpunkt.

Frage Friedrichs an seine Zeit: "Nützt es dem Volke, betrogen zu werden?" (1777/1780)

Wer aber mit der Bedeutung Friedrichs als Kulturförderer noch nicht zufrieden gestellt ist, der kann sich auch der Bedeutung Friedrichs als Förderer der politischen Emanzipation zuwenden. 1777 bis 1780 lautete die Preisfrage der von Friedrich wiederbelebten Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften, fortgesetzt heute durch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW): "Nützt es dem Volke, betrogen zu werden?" Was für eine bösartig klingende Frage. Vielleicht klingt sie in heutigen Ohren mit heutigen Erfahrungen noch deutlich bösartiger als damals. Was für eine Steilvorlage, um Aktualitätsbezüge zwischen Friedrich und der heutigen Zeit herzustellen (1):
Mit 42 Antworten aus ganz Europa ist sie die erfolgreichste Preisfrage der Akademie.
Man stelle sich einmal vor - oder vielleicht lieber nicht? - ein von der Regierung Merkel angeregtes "Jahresthema" der BBAW würde lauten: "Nützt es dem Volke, betrogen zu werden?" Man hätte sicherlich allen Grund, diese Akademiefrage (2) als Anlaß zu nehmen, um frühere wertvolle Ausstellungsansätze (3) weiter auszubauen.

Aber was geschieht stattdessen? Stattdessen wagt es der evangelische Landesbischof von Berlin, seinen Mund aufzutun und an Friedrich dem Großen herum zu kritteln. Nämlich daß dieser seine religiöse Toleranz mit Gleichgültigkeit und Verachtung gegenüber Religionen verbunden hätte. Na so was aber auch! Unerhört! Wie kann man Religionen nur mit Gleichgültigkeit und Verachtung gegenüber stehen! Das kann doch nicht vorbildlich für unsere Zeit sein! Zum Glück gab es einflußreiche Kulturförderer an der ersten Stelle des Staates mit solchen Meinungen nur in früheren Zeiten. Und es ist ärgerlich genug, daß Menschen, die in ihrem "politischen Testament" schreiben konnten (1):
"Es ist gleichgültig für die Politik, ob ein Souverän Religion hat oder nicht. Alle Religionen sind (...) mehr oder weniger absurd."
heute noch geachtet werden und daß man ihnen große Ausstellungen widmet, zu denen die Menschen zu Tausenden strömen! Ach, Landesbischof hin oder her: Man möchte oft wiederkehren in das Gästehaus dieses großen Freigeistes, in das Gästehaus Friedrichs des Großen.
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*) Man darf sich beim Besuch dieser Ausstellung nicht zu sehr auf den "Audioguide" und so zahlreiche besserwisserisch-schulterklopfend-spöttische Ausstellungs-Erläuterungen einlassen. Deren Grundton ist allzu oft, als würde derjenige, der Kultur fördert, damit "bloß" "Selbstinszenierung" betreiben wollen. Dadurch wird man ganz aus der Atmosphäre dieser Räumlichkeiten und dieser allzu zahlreichen Kultur- und Sachgüter aus dem Leben Friedrichs herausgerissen. Diese Charakterisierungen tragen zu einem tieferen Verständnis der Anliegen und der Person Friedrichs des Großen nichts bei.
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1. Geißler, Nadja u.a.: Friedrisiko. Friedrich der Große. Die Ausstellung im Neuen Palais und Park Sanssouci Potsdam. Begleitheft / Objekthef. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, 2012 (ganz gut zur Ausstellung z.B. auch: Mitteldt. Ztg., 27.4.12 oder Fr. Rdsch.)
2. Hans Adler (Hrsg.): Nützt es dem Volke, betrogen zu werden? Est-il utile au Peuple d'etre trompe? Die Preisfrage der Preußischen Akademie für 1780. Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart 2007 (pdf) (Perlentaucher, Philobar)
3. Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Ausstellung "X für U - Bilder, die Lügen", 1999 - 2010
4. Mittenzwei, Ingrid; Herzfeld, Erika: Brandenburg-Preußen 1648 - 1789. Das Zeitalter des Absolutismus in Text und Bild. Verlag der Nation, Berlin 1987 (3. Aufl. 1990), S. 356
5. Borchardt, Georg; Murawski, Erich: Die Randbemerkungen Friedrichs des Großen. Podzun-Pallas-Verlag, Friedberg o.J. [etwa 1980er Jahre]

Sonntag, 6. Mai 2012

Freimaurer-Kunst

Ein neuer Fall von freimaurerischem Satanismus im Kulturleben?

Schon vor Jahren haben jüngere nordamerikanische "Künstler" eine "Loge für die Königliche Kunst" gegründet (Royal Art Lodge). "Königliche Kunst" ist das, was die Freimaurerei nach eigenem Selbstverständnis seit Jahrhunderten in ihren "Königlichen Logen" betreibt. Auf der Internetseite dieser "Loge" heißt dann eine Zeichnung auch: "Sie brauchte Satan im Badezimmer" ...

Wie sind wir darauf gestoßen? Schon häufiger sind wir hier auf dem Blog auf Satanismus im Kulturleben gestoßen. Nicht nur in der Literatur (Hermann Hesse), sowie im Filmschaffen oder im modernen Musikleben, sondern auch in den Bildenden Künsten. So war etwa auf den Künstler Hansruedi Giger hingewiesen worden. Für all diese Gebiete werden hier auf dem Blog bestenfalls sporadisch und willkürlich Anregungen gegeben, die Dinge genauer weiterzuverfolgen. So wie auch die folgende Anregung, die uns "unübersehbar" erscheint. Man gehe in die nächste Bahnhofsbuchhandlung, wo wir es selbst entdeckt haben, und überprüfe es: Die diesjährige Frühjahrs-Ausgabe der Zeitschrift "Lettre International" ist mit einer merkwürdigen Titelseite geschmückt ("Lettre International", Frühjahr 2012 - "Künstler": Marcel Dzama).
Der Satanismus auf der Zeichnung dieser Titelseite einer elitär-intelektuellen Zeitschrift ist unübersehbar. Soll so nach der Meinung der Herausgeber dieser Zeitschrift "Berliner Freiheit" aussehen? Betreibt die Berliner Loge der "Fraternitas Saturni", die in früheren Zeiten auch im Logenhaus der "Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland" in Dahlem getagt haben soll, derzeit in dieser Weise Öffentlichkeitsarbeit? Werden so die Überlebenden satanistischen Mißbrauchs verhöhnt, die nicht nur in Berlin - aber auch dort - in psychotherapeutischer Behandlung sind?

Mit dieser Titelseite wird man auf den "königlichen" "Künstler" Marcel Dzama (geb. 1974) aufmerksam gemacht, das wohl wichtigste Gründungsmitglied der eingangs erwähnten "Loge für Königliche Kunst". In dem "Lettre"-Heft finden sich noch weitere, ebenso "aussagekräftige" satanismusnahe pornographische Zeichnungen dieses "Königlichen (Freimaurer-)Künstlers" Dzama.

Zu seinen Beiträgen in dieser Zeitschriftenfolge heißt es: "Welcome to the Land of Drone. And other drawings. Ink and gouache on paper, 2011 / 2012." Also heißt das Titelbild (Abb. 1) offenbar "Willkommen im Drohnen/Faulenzer/Schmarozer-Land".

Eine Netzrecherche ergibt, daß Dzama aus Kanada stammt und in vielen großen Kunstmuseen der Welt - auch in Deutschland - seit etwa 1999 ausgestellt wird. Und daß seine "Werke" für allerhand tausend Euro verkauft werden.

Erfreuen sich Freimaurer in aller Welt an ihnen, so wie sonst nur an ... - ähem ... - Snuff-Video's? Aber nicht doch? Es fühlen sich doch wohl "ehrenwerte" Freimaurer von solchen Vermutungen nicht beleidigt? Nachdem sich kein Mensch mehr für Renate Rennebach zu interessieren scheint, wird es ja auch sehr beleidigend sein, wenn man solche Vermutungen ausspricht - ?

So wie diese Titelseite enthalten unzählige der "Werke" dieses satanistischen, freimaurerischen Künstlers immer wieder ganz unübersehbare Anspielungen auf den Satanismus. Ja, sie ähneln sogar überdeutlich vielen Kinderzeichnungen, die von Überlebenden satanistischer Verbrechen in Erinnerung an diese gezeichnet worden sind, was einer Verhöhnung dieser Opfer gleichkommt. Hier auf dem Blog sind schon in früheren Beiträgen solche Zeichnungen gebracht worden. Fällt denn das sonst niemandem auf? Die Wissenden "genießen" und kaufen natürlich lieber schweigend und zynisch, anstatt empört zu sein. Aber daß über die Nähe dieser "Kunst" zur Freimaurerei und zum Satanismus offenbar nirgendwo sonst offen gesprochen wird, befremdet schon sehr.

Seine Zeichnungen muten so an, als würde es sich um Illustrationen handeln für Bücher wie dem von Cathy O'Brien oder "Vater unser in der Hölle". So findet sich etwa die Dzama-Zeichnung "Hier, nun wird sich dein schlechter Bruder nicht mehr so schlecht fühlen." Dargestellt ist, wie die Mutter das Gesicht ihrer Tochter mit einer häßlichen (Teufels-)Maske verdeckt und wie der Bruder schuldbewußt daneben steht mit einer Träne im Auge. Familienleben in freimaurerischen Logenhäusern mit generationenübergreifendem Inzest, wie es Cathy O'Brien schildert und wie es dieses auch in Deutschland gibt! - ? Fühlt sich der Junge schlecht, wenn er Verbrechen an seiner Schwester mitansehen muß - oder selbst begehen muß, während er ihr "schönes" (unschuldiges) Gesicht sieht?

Und kann er selbst - traurig zwar, aber dennoch - "schlecht" sein, wenn sie diese Maske trägt während all der Verbrechen? Von was sonst handelt diese Zeichnung als von satanistischem Inzest, von satanistischer Gewalt?

Oder es findet sich da die Zeichnung "Etwas loswerden, sich von etwas befreien". Ja, von was denn, wenn nicht von Erinnerungen an satanistische Gewalt, die die Menschen - Täter wie Opfer - zum abschlachtbaren Tier machen, und in der Tier- und Menschen-Persönlichkeiten "ausgewechselt" werden?

Eine Zeichnung von 2001 heißt abgrundtief zynisch: "Sues friends are sad she is living leaving." Was für eine ekelhafte Zeile: "Die Freunde von Sue sind traurig, daß sie lebt gehen muß." Ja, so denken Kinder in satanistischen Kreisen bestimmt: Sie sind darüber traurig, daß sie - und andere Kinder - so leben müssen. Aber sie sind natürlich ebenso traurig, wenn sie oder andere Kinder sterben müssen. Wer würde also nicht auch hier den Zynismus satanistischer Verbrechen hindurchhören? Eine Zeichnung von 2004, bei der man - wie bei so vielen Zeichnungen von Dzama und bei von ihm produzierten Musikvideos - an satanistisches Ekeltraining denkt, heißt: "100.000 Jahre der Rache". Was für Worte!

Eine Zeichnungsserie aus dem Jahr 2008 heißt "Der personifizierte Lauf der Menschheitsgeschichte". In ihr finden sich Hitlerjungen mit Fahnen, die mit satanistischen Symbolen geschmückt sind. Statt des Hakenkreuzes also ein - "anderes" - satanistisches Symbol. Und auf diesen Zeichnungen ist ansonsten wiederum Ekeltraining zu sehen.

Es dürfte überhaupt von Interesse sein, daß Dzama auch menschheits- und zeitgeschichtliche Erfahrungen, vor allem Kriege, als satanistische Ereignisse verarbeitet. Auch von ihren satanistischen Hintergründen hat er mithin so mancherlei Ahnungen oder Wissen erhalten in freimaurerischen "Logen der Königlichen Kunst". (Oder wäre es nicht besser zu sagen: in freimaurerischen "Logen der Satanistischen Kunst", in denen man, bzw. "frau" Satan im Badezimmer brauchen?) Stalin, Churchill und Roosevelt treten auf mit satanistischen Anklängen: Churchill mit Schweinekopf, Roosevelt mit Gummihaube, luftabschnürender, also wiederum Ekeltraining und das Nachstellen von "Nahtod-Erlebnissen". Man denkt bei den "Werken" von Dzama oft auch an "Stay behind"-Truppen oder ähnliche Mördertruppen (a, b).

Von seinen Werken finden sich zudem Menschen angesprochen, die merkwürdige Blogs gestalten. In ihnen werden offenbar satanistische Lebenserfahrungen verarbeitet, bzw. die Blogs spiegeln diese wieder oder verleihen ihnen Ausdruck (z.B.: Why do children steal). Eine kritische Wendung dagegen - anstatt resgnierte Akzeptanz oder geradezu krude Propagierung - ist auf ihnen ebensowenig zu finden wie in der "königlichen Kunst" des Herrn Dzama. Von der man bestenfalls sagen kann, daß der Künstler - was sonst - seine eigenen traurigen Lebenserfahrungen und seine eigene traurige Lebenssicht zum Ausdruck bringt.

Aber es ist damit - soweit übersehbar - nicht der geringste emanzipatorische, aufklärerische Anspruch verbunden. Es sei denn, man würde ihn sehr unterschwellig durchspüren wollen und davon ausgehen, daß Dzama die Einnahmen für seine Kunstwerke für Therapien von Überlebenden satanistischer Gewalt spendet.

- Oder handelt es sich bei ihm wirklich nur um einen "Künstler" der "Königlichen Kunst", der sich einen "Spaß" macht mit diesen Themen? Der mit ihnen - "künstlerisch" - "spielt"? Aber dazu sind seine Zeichnungen zu authentisch, zu "echt". - Hier läßt sich die "Kulturwelt" "gruseln", ohne zu hinterfragen. Eklig.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Franz Josef Strauß und der Bayernsumpf bis heute


Christ-katholische Lobbypolitik
Herbert Wehner hat 1937 in Moskau als Oberhaupt der deutschen Kommunisten zahlreiche Freunde und Parteigenossen der Stalin'schen Terrorjustiz als "Meisterdenunziant" ans Messer geliefert und dem sicheren Tod übereignet. Unheimlich, ausgerechnet von einem solchen Menschen zu wissen, daß er nach 1945 dann Jahre lang "Frontmann" in der Verteidigung der parlamentarischen Demokratie gewesen sein will. Viel eher kommt es einem glaubwürdig vor, wenn der Polizist, der Benno Ohnesorg erschossen hat, berichtet, daß er im Beisein von Herbert Wehner in Ostberlin von der Stasi rekrutiert worden sei, daß also Herbert Wehner Zeit seines Lebens im Innersten für ganz andere Ziele gearbeitet hat, als nach außen hin vorgegeben. (Also etwa für die Beherrschung der Massen etwa mit Hilfe der "Strategie der Spannung".) Fast bekommt man heute schon Mitleid mit einem so "gnadenlosen" Politiker wie Herbert Wehner, der bis an sein Lebensende nichts Menschliches ausgestrahlt hat. Und so jemand bestimmte die deutsche Nachkriegspolitik? - Zutiefst unheimlich.

Aber wie sieht es mit seinem "großen Antipoden" nach 1945 aus? Wie sieht es mit Franz Josef Strauß aus? In den Regierungen der Bundesländer werden die meisten "Nachwuchspolitiker" für die Spitzenpositionen der Bundesrepublik "herangezogen". (- Und von wem? Natürlich wieder nur von den hinter ihnen stehenden Klüngeln aus Lobbygruppen, Geheimgesellschaften und -diensten.) Wenn man sich nun aber die "Landesregierungen" der Bundesländer ansieht, so gibt es kaum eine, die in den letzten Jahrzehnten nicht von schweren bis schwersten Korruptionsfällen betroffen gewesen ist.

Korruptionsfälle in den Landesregierungen der Bundesrepublik

Franz Josef Strauß hat sich in Bayern und innhalb seiner CSU zeit seines Lebens wie ein gnadenloser Despot verhalten, also quasi totalitär und autoritär. 

Aber nicht nur er in Bayern mit seinen Ministerkollegen, die im - inzwischen verrufenen - Benediktinerkloster Ettal erzogen worden sind: Da gibt es den Sachsensumpf, in den Thomas de Maziere, ein Produkt des Jesuitengymnasiums in Bad Godesberg, verwickelt gewesen ist. Da gibt es den ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen Christian Wulff, ebenfalls ein - worauf selten hingewiesen wird - dezidierter Vertreter des politischen Katholizismus. Da gibt es die schwerwiegende Barschel-Affäre in Schleswig-Holstein, die mit der Ermordung eines Ministerpräsidenten durch den Mossad endete, offenbar unter Mitwissen der CDU-Spitze und der "Spiegel"-Spitze.

In Hessen ist erst kürzlich ganz überraschend der Ministerpräsident Roland Koch zurück- und in die Wirtschaft übergetreten und hat dabei sehr konsternierte Parteigenossen zurückgelassen. Zuvor hatte es schwerste Skandale rund um das hessische Finanzministerium und die hessischen Steuerbehörden gegeben, die wohl bis heute nicht bereinigt worden sind. Und sicherlich läßt sich noch manches über manches andere Bundesland manches Korrupte berichte (auch jenseits der jeweiligen Landesämter für Verfassungsschutz). Der Bayernsumpf jedenfalls (1) zieht sich über Jahrzehnte hin, beginnt spätestens mit der Wahl von Franz Josef Strauß zum Landesvorsitzenden der CSU und ist mit dem Rücktritt von und zu Guttenbergs als Verteidigungsminister nicht beendet, sondern wird offenbar von Horst Seehofer fortgesetzt (1).

Dazu sind auch christkatholische Männer-Seilschaften zu "klebrig" und haben ein zu zähes Leben, als daß ein derartiger Sumpf von selbst austrocknen würde.

Franz Josef Strauß hat aller Wahrscheinlichkeit nach während seines politischen Lebens durch das Einsammeln von Schmiergeldern ein Vermögen von 300 Millionen D-Mark zusammengerafft, das mit aller Wahrscheinlichkeit zu je 150 Millionen D-Mark auf seine drei Kinder verteilt worden ist und sich noch heute in deren Besitz befindet (1). Eine solche große Summe kann nicht auf regulärem Weg zustande gekommen sein. Der größte Teil ist durch Schmiergelder und Steuerhinterziehung durch Einrichtung von Konten in der Schweiz entstanden. Einer der größten Steuerhinterzieher Bayerns war also der Ministerpräsident selbst, ebenso mehrere bayerische Finanzminister.

Franz Josef Strauß stand - wie sein "alter ego" und Nachfolger Edmund Stoiber und sein Sohn Max Strauß - in Jahrzehnte langem engstem Kontakt nicht nur mit einem international berüchtigen Waffenlobbyisten. Franz Josef Strauß hat sich innerhalb der CSU und innerhalb Bayerns intern wie der übelste Despot aufgeführt, dem Recht und Gesetz schlichtweg egal waren, und die für ihn überhaupt nichts galten.

Der bayerische höhere Finanzbeamte Wilhelm Schlötterer

2009 hat ein bayerischer Ministerialbeamter unter Strauß, der sich innerhalb der Steuerbehörde gegen die Machenschaften der Strauß-Clique gestellt hatte und dafür Jahrzehnte lange "Verfolgung" erlitten hat, ein Buch über seine Erfahrungen veröffentlicht und über das, was ihm an korruptem Verhalten der CSU-Spitze sonst noch bis 2009 bekannt geworden ist (1). Videos mit dem Autor Wilhelm Schlötterer  finden sich im Netz mehrere (09/200905/201003/2011ab; siehe auch früherer Beitrag über Schlötterer).

Darin berichtet er auch, daß dem CSU-Bundestagsabgeordneten Erich Riedl im Jahr 1998 von einem Polizeibeamten die Warnung ausgesprochen worden war (1, S. 285):
"Wir möchten Sie warnen. Passen Sie auf Ihr Leben auf! Wir kennen die Gebräuche von ..."
Der hier genannte Name ist in dem Buch nicht angeführt worden. Aus dem Zusammenhang heraus kann es sich hier aber nur entweder um Edmund Stoiber oder um Max Strauß handeln. Und beide standen wie keine zweiten in der Tradition der "Gebräuche von" Franz Josef Strauß. 

Dies erscheint uns deshalb so wichtig, weil im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Verena Becker-Prozeß in Stuttgart-Stammheim die Vermutung laut geworden ist, daß der Auftrag zum Mord an Siegfried Buback im Jahr 1977 von Franz Josef Strauß stammte (siehe früherer Beitrag).

Dies läßt die Frage: Wer war eigentlich dieser Franz Josef Strauß? Und glücklicherweise ist nun erst kürzlich über ihn dieses Buch von Seiten eines bayerischen Ministerialbeamten erschienen, der über den "Bayernsumpf" der Regierungsjahre von Franz Josef Strauß, Streibl und Stoiber in recht umfassender Weise Auskunft gibt (1).

Und in diesem Zusammenhang wird einem erst klar, was es bedeutete, wenn Franz Josef Strauß zu seinen Freunden den Diktator Pinochet und den von Pinochet geförderten Führer der Colonia Dignidad, den Verbrecher Schäfer zählte (siehe frühere Beiträge). Das ist die Gesellschaft, in der sich ein Franz Josef Strauß wohlfühlte, wohlfühlen mußte. Deren Methoden er nicht ablehnte - sondern die er - gegebenenfalls - selbst praktizierte. In Zusammenarbeit mit den deutschen und ausländischen Inlands- und Auslandsgeheimdiensten.

Der Bayernsumpf spätestens seit Franz Josef Strauß ist nur denkbar aufgrund des Zusammenhaltens und Kuschens von Männer-Seilschaften innerhalb der CSU und ihres "Marsches durch die Institutionen". Was ist aber der tiefere innere Kitt dieser Männerseilschaften? Strauß selbst stammt aus einer bigott  katholischen Familie, die 1923 sogar für die Trennung Bayerns vom übrigen (nicht-katholischen) Deutschland war. Kardinal Ratzinger verglich ihn in seiner Trauerrede mit einer "Eiche" (!). Womit ebenso über Strauß wie über Ratzinger wie über christ-katholische Lobby alles gesagt ist. Streibl ist ein Produkt der bigott-katholischen, verbrecherischen Internatsschule Ettal.

Das Buch endet mit einem Hinweis auf eine Privataudienz Horst Seehofers beim Ratzinger-Papst:
"O je!", habe der Papst zum 10-Milliarden-Loch der bayerischen Landesbank gesagt, berichtete Seehofer.
Jawohl: O je. Wirklich "ins Gebet" scheint dieser Papst die korrupte CSU-Spitze noch niemals genommen zu haben. Diese treuen Söhne der katholischen Kirche.

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1. Schlötterer, Wilhelm: Macht und Mißbrauch. Franz Josef Strauß und seine Nachfolger. Aufzeichnungen eines Ministerialbeamten. Fackelträger-Verlag, Köln 2009 (4. Aufl.) 

Die "elende Prospektradiererei"

Zu den Jugendwerken des Malers Ludwig Richter

In einem früheren Beitrag ist auf den deutschen Maler Ludwig Richter (1803 - 1884) als Landschaftsmaler während und nach seiner Italienreise (1823 - 1826) hingewiesen worden (1, 2).

13. Lilienstein (aus: 3)
Ludwig Richter hatte zuvor in der Werkstatt seines Vaters in Dresden als Kupferstecher sächsische Landschaftsaufnahmen angefertigt, sozusagen für beliebte "Tourismus"-Führer der damaligen Zeit (3, 4). Obwohl Richter von seinen Kupferstichen jener Zeit in seiner Autobiographie (1) eher wegwerfend schreibt ("elende Prospektradiererei"), geht von ihnen doch ein eigenartiger Reiz aus.
17. Bad Schandau und Krippen an der Elbe (aus: 3)
Es scheint derzeit noch keine systematische Zusammenstellung dieser etwa hundert Kupferstiche im Netz zu geben (im Gegensatz zu Illustrationen von mehreren Kinderbüchern). Dennoch kann man sich einen großen Teil derselben auf vielen Seiten im Netz einzeln zusammensuchen (Ebay abcBildindex). Man wäre fast versucht, einen Beitrag mit dem größten Teil dieser Kupferstiche zusammenzustellen. Doch sei hier nur eine kleine Auswahl gegeben (nummeriert entsprechend der Originalnummerierung aus dem Jahr 1820).

19. Herrnskretschen (heute Tschechien) (aus: 3)

Als "elend" wird Ludwig Richter diese Tätigkeit unter anderem deshalb empfunden haben, weil ja eben doch immer eine sehr deutliche Absicht mit den Aufnahmen verbunden war. Es sollte das Spektakulärste, Aufsehenerregendste abgebildet werden und nicht vorwiegend das, was einen Künstler selbst individuell als Künstler angesprochen hat.
26. Die Arnsteinhöhle (aus: 3)


Auf Buchhandelsseiten ist über diese Kupferstiche zu lesen: 
Die schönen, fast romantischen Ansichten sind Gemeinschaftsarbeiten von Vater und Sohn Richter, sie stammen aus der Zeit der Wanderungen von 1816 bis 1818 in die unmittelbare Umgebung ihrer Heimat. Nach Hoff-Budde stammen etwa zwei Drittel der Blätter von Ludwig Richter. In der zweiten Auflage sind die Radierungen auf den Stein gegeben und lithographisch reproduziert. Die feinen Tafeln zeigen Gesamt- und Teilansichten von Pillnitz, Schloß Lohmen, Wehlen, Rathen, ... Oybin und Stolpen, ferner Landschaften, Höhlen, Wasserfälle, Felsformationen und Burgruinen. Alle Blätter sind mit Spaziergängern, Jägern, Reitern, Tieren, Treidelschiffen, Fuhrwerken und des öfteren auch einem Zeichner staffagiert.



35. Ansicht von der Runine bei Gersdorf (aus: 3)

1820 und 1821 hatte Ludwig Richter die Gelegenheit, im Gefolge eines russischen Fürsten als "persönlicher Maler" desselben mit nach Südfrankreich und Paris zu reisen.

37. Teplitz (aus: 3)
Nach seiner Frankreichreise entstand das Bändchen "30 An- und Aussichten zum Vergißmeinnicht-Taschenbuch für den Besuch der Sächsischen Schweiz. Neu aufgenommen, gezeichnet und gestochen von A. L. Richter". Dies stellte die erste selbständige Arbeit Ludwig Richters für die Arnold'sche Buchhandlung in Dresden dar (4). 1957 erschien eine Neuauflage, in der ein Adolf Spemann in der Einleitung schreibt:
Nach einem Aufenthalt in Paris folgte erneutes Studium in Dresden, dann eine weitere gemeinsame Arbeit mit dem Vater für Arnold, nämlich „30 malerische An- und Aussichten von Dresden und den nächsten Umgebungen", und endlich im Jahre 1823 die erste selbständige Arbeit für Arnold, eben unser Bändchen, dessen voller Titel lautet: 30 An- und Aussichten zum Vergissmeinnicht-Taschenbuch für den Besuch der Sächsischen Schweiz Neu aufgenommen, gezeichnet und gestochen von A. L. Richter. Ebenso wie die ersten beiden Werke erschien auch dieses in einer schwarz gedruckten und in einer handkolorierten Ausgabe; die erstere kostete 1 Thaler und 6 Groschen, die zweite 7 Thaler. Ludwig Richter war damals 20 Jahre alt und strebte innerlich bereits mit allen Fasern von der „elenden Prospektradiererei" weg. Denn der Auftraggeber hatte bei allem Verständnis für die Begabung des jungen Künstlers in erster Linie praktische Gesichtspunkte - wir würden heute sagen: Er spekulierte auf den Fremdenverkehr.
Die Romantik der wunderlichen Geländeformen der Sächsischen Schweiz wurde damals neu entdeckt. Arnold wollte einen Reiseführer geben und die Touristen sollten auf diesen "Prospekten" genau die einzelnen Sehenswürdigkeiten feststellen können, die darum auch sorgfältig unter jeder Tafel vermerkt werden mußten.
Trotz aller kindlichen Befangenheit, die in manchem fühlbar ist, erkennt man aber bereits in diesen Blättern den künftigen Meister. Das Motiv ist mit unverkennbarer Sicherheit herausgeschnitten. Mit großer Kunst ist - in der alten Punktmanier des Vaters - die Tiefenwirkung erzielt, und immer wieder ahnen wir in der Staffage den späteren Idylliker, der nicht müde wurde, sein Vorbild Salomon Gessner zu bewundern.
Mit sparsamsten Mitteln ist ein echter Stimmungszauber erzielt. Der Himmel ist stets weiß gelassen; seine Ausgestaltung blieb dem Koloristen überlassen. Leider ist dem Herausgeber noch kein koloriertes Stück dieses köstlichen Werkes zu Gesicht gekommen. Um so dankbarer ist er, daß ein lieber alter Kollege aus dem Osten Deutschlands ihm den seltenen Schwarzdruck geschenkt und ihm so die Möglichkeit verschafft hat, einem breiten Kreis dieses Jugendwerk Ludwig Richters zugänglich zu machen. Nur wenige Jahre später wurden diese Landschaftsradierungen durch die 1820 in England erfundene Kunst des Landschaftsstahlstichs überflügelt.
Verzeichnis der Radierungen
1. Aussicht vom Borsberg
2. Eingang in den Liebethaler Grund
3. Die Lochmühle im Liebethaler Grund
4. Stadt Wehlen mit den Schloßruinen
5. Aussicht von der Bastei
6. Ansicht des Tores auf dem Neurathen
7. Schandau von der Postelwitzer Höhe
8. Aussicht von der Ostrauer Scheibe
9. Aussicht von der Ostrauer Scheibe
10. Die Steinbrüche zwischen Schandau und Schmilka
11. Die Mühle in Schmilka
12. Die Heidemühle im Kirnitzschgrunde
13. Die Kuhstallfelsen
14. Aussicht vom großen Winterberg gegen Morgen
15. Aussicht vom großen Winterberg gegen Mittag
16. Ansicht des Prebischtores
17. Herrnskretschen
18. Das Belvedere über Herrnskretschen
19. Aussicht vom Brand bei Hohnstein
20. Stadt und Schloß Hohnstein vom Hockstein
21. Aussicht vom Buchberg bei Sebnitz
22. Aussicht von der hohen Liebe über Ostrau
23. Aussicht vom Großen Zschirnstein
24. Aussicht vom Schneeberg
25. Aussicht vom Schneeberg
26. Das Schwedenloch im Bieler Grund
27. Königstein und Lilienstein vom Quirl
28. Die Rathener Felsen
29. Aussicht vom Lilienstein
30. Aussicht vom Lilienstein
Die Bastei (aus: 4)
Harzreise (1840)

Auch in späteren Jahren war Ludwig Richter aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, sich der "elenden Prospektradiererei" zuzuwenden. Auf eine Harzreise entstanden zahllose neue Radierungen, die 1840 veröffentlicht wurden (etwa auf: Sammlerdomaine, Lexikus, Staatl. Kunstsammlungen Dresden).

Das Brockenhaus

Schloß Wernigerode
Aus all diesen Bildwerken geht hervor: Die Landschaftswahrnehmung allgemein war im 19. Jahrhundert noch eine andere als die heutige.
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1. Richter, Ludwig: Lebenserinnerungen eines deutschen Malers. Nebst Tagebuchaufzeichnungen und Briefen.  Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1950 (Zeno)
2. Ludwig Richter - Der Maler. Zum 200. Geburtstag. Zur Ausstellung in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, 2003/04 und in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München, Neue Pinakothek, 2004. Deutscher Kunstverlag, 2011 (ZVAB)
3. 70 mahlerische An- und Aussichten der Umgegend von Dresden in einem Kreise von sechs bis acht Meilen; aufgenommen, gezeichnet und radirt von C. A. Richter, Professor, und A. Louis Richter. Dresden, Arnold, 1820  
4. 30 An- und Aussichten für den Besuch der Sächsischen Schweiz. 1823. Engelhorn-Verlag 1957 (37 S.), Notschriften Verlag, Radebeul 2007 (31 S.)
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