Donnerstag, 20. September 2012

Berlin-Neukölln - Im April 1945 verteidigt von französischer Waffen-SS

Ein Buch des französischen Schriftstellers und Militärhistorikers Jean Mabire (1927 - 2006)

Es ist nicht ganz einfach, Literatur über die letzten Kämpfe in Berlin im April 1945 zu finden. Zumindest solche, die auch möglichst dicht am Geschehen vor Ort dran ist. Für diese ist das Interesse dieses Blogs gewachsen, seit die Geschichte des Dienstgebäudes des Großen Generalstabes in Berlin erarbeitet worden ist und man dabei auch auf die Rolle gestoßen ist, die daselbe in den Endkämpfen 1945 im Bezirk Tiergarten gespielt hat (GA-j!, März 2012). Seine Rolle manifestiert sich zum Beispiel dadurch, daß vor diesem Gebäude haufenweise russische Panzer abgeschossen worden waren, die über die Moltkebrücke vorgedrungen waren (siehe dort). Wie aber, so fragt man sich, haben die Soldaten selbst diese Kämpfe erlebt?

Viele militärgeschichtliche Bücher, die zwischenzeitlich zu diesem Thema eingesehen worden sind, behandeln diese Kämpfe eher oberflächlich.*) Auf einem militärgeschichtlichen Forum irgendwo im Netz wurde auf ein Buch eines Jean Mabire über die französische Freiwilligen-Division der Waffen SS "Charlemagne" hingewiesen (1). Das hatten wir im Hinterkopf behalten. Und nun hält man es in Händen. UInd es läßt einen nicht mehr los.

Abb. 1: Französische Freiwillige der Waffen-SS, Oktober 1943
Wie präzise die Vorgänge innerhalb dieser Division im Frühjahr 1945 geschildert werden. Die schweren Kämpfe in Pommern und der Ausbruch aus dem Kessel in Pommern, wobei ein Regiment fast vollständig auf freiem Feld von russischen Einheiten aller Waffengattungen zusammengeschossen worden ist. Und wobei sich die übrigen Einheiten nur in mühevollen Nachtmärschen über die Oder retten konnten.

Auch das Denken und die Haltung der überlebenden Soldaten innerhalb dieser Division ist recht genau geschildert. Sowohl derer, die Anfang April 1945 freiwillig auf Weiterkampf verzichteten und sich in Baubataillione eingliedern ließen (etwa 400), wie derer, die freiwillig weiterkämpften (etwa 600), und die sich selbst bewußt waren, wie "absurd" ihr Verhalten in den Augen so vieler erscheinen mußte. Schließlich war ihr Heimatland Frankreich zu diesem Zeitpunkt schon von westalliierten Truppen besetzt.

Noch auf der Fahrt in den Einsatz (von Mecklenburg nach Berlin hinein) tippten sich viele - zumindest nach der Schilderung von Mabire - mit dem Zeigefinger - halb belustigt, halb kopfschüttelnd - auf die eigene Stirne. Sie begegneten auf der Straße übrigens Heinrich Himmler, der gerade von Seperatfriedensverhandlungen mit dem Grafen Bernadotte zurückkehrte und nur müde aus seinem Wagen heraus grüßte.

Die ersten französischen Freiwilligen waren von der Regierung Petain 1941 nach Rußland geschickt worden als reguläre Truppenteile des mit Deutschland verbündeten französischen Staates. Andere Franzosen haben in verschiedenen anderen Einheiten Dienst geleistet. Sie wurden alle schließlich 1944 in der Divsion Charlemagne gesammelt. Es gab ältere Soldaten, die französisch-patriotisch eingestellt waren. Viele jüngere Soldaten aber waren auf den insbesondere von der Waffen-SS propagierten europäischen Gedanken eingeschworen, was sich auch darin zeigte, daß sie ihre Soldatenlieder auf Deutsch sangen.

Berlin-Neukölln und die Waffen-SS-Division "Charlemagne"

Als letzte größere militärische Einheit schlüpfen die Angehörigen dieser Division von Westen her in den Einschließungsring von Berlin hinein. Sie übernachten im Wald am Spreeufer in der Nähe des Olympiastadions. Und sie werden dann nach Neukölln zum Einsatz geführt. Der Stadtteil Neukölln steht in den nächsten Tagen im Mittelpunkt der Kämpfe dieser Division, deren in Berlin im Kampf stehende Teile im April 1945 nur noch ein Regiment ausmachen. Links von dem Regiment Charlemagne waren dänische SS-Einheiten der Division "Nordland" eingesetzt. Das Rathaus Neukölln bildete den Gefechtsstand des Regimentes. Die Soldaten verteidigten Teile des Flughafens Tempelhof und die angrenzenden Friedhöfe rund um die Hasenheide. Rückwärtige Sammelstelle war der Hermannsplatz, wo sich auch eine Sanitätsstelle befand. Das Rathaus Neukölln wurde am 26. April 1945 bis zum äußersten von den Franzosen verteidigt.

Mit seinen Kämpfen und Gefallenen hat sich diese Division Charlemagne - so weiß man es nach der Lektüre dieses Buches - tief in die Geschichte des Stadtteiles Berlin-Neukölln eingegraben. Und man sieht die Straßen Neuköllns zwischen Hermannsplatz und Rathaus und darüber hinaus nach der Lektüre dieses Buches anders als zuvor. Dieser Stadtteil, der heute als einer der klassischsten, von türkischen Migranten bewohnten Stadtteile Deutschlands gilt. 1945 ließen sich junge französische Nationalsozialisten in der Verteidigung dieses Stadtteiles durch Granatbeschuß die Gedärme zerfetzen  und setzten ihr Leben für ihn ein.

Granatvolltreffer töteten gleich zu Anfang und auch später noch mehrfach gleich mehrere Soldaten des Regimentes auf einmal. Die Rote Armee überschüttete die deutschen Verteidiger mit einer ungeheuer starken Massierung von Artilleriebeschuß (s. Abb. 2 und 4).

Viele der französischen Soldaten hofften auf die "Wunderwaffe". Andere konnten nicht glauben, daß die Amerikaner an der Elbe stehen bleiben würden und den Russen Berlin überlassen würden. Und so redete sich jeder einen etwas anderen Sinn ein, den dieser Kampf noch haben könnte.
Abb. 2: Stalinorgeln in Berlin, 1945
Kennzeichnend ist auch das Wort eines weiterkämpfenden Kameraden zu einem zum Baubataillon übertretenden Kameraden: "Wenn die Deutschen in Paris wären, würdet Ihr bessere Nationalsozialisten sein wollen als wir." (1, S. 99) Das heißt: Diejenigen, die weiterkämpften, wollten einfach geradlinig bleiben in ihrem Verhalten. Sie wollten nicht plötzlich kneifen, wenn es mal nicht so gut lief mit dem, was sie als ihre eigenen Überzeugungen erachteten.

Warum meldeten sich Franzosen noch 1945 freiwillig?

Diese Einstellung ist es wohl, die sich Mabire so viel Mühe gibt, möglichst präzise zu beschreiben. Und die Tatsache, daß er dieselbe so präzise beschreibt, ist wohl der Grund dafür, daß man sein Buch so schwer aus der Hand legen kann. Für eine Sache sein Leben einzusetzen, wenn ein Erfolg absehbar ist, ist - wohl - noch verhältnismäßig leicht. Aber der Einsatz des eigenen Lebens in Fällen, wo andere einen, wenn sie könnten, nur noch als "Kriegsverlängerer" beschimpfen würden, die sich "verheizen" lassen würden - oder gar Schlimmeres, ist sicherlich noch einmal etwas ganz anderes.

Abb. 3: Russische Soldaten im Häuserkampf in Berlin, April 1945
Aber darum ging es diesen zumeist nur 20 Jahre alten Soldaten der Waffen-SS schon lange nicht mehr. Wer sich Anfang April 1945 als Franzose, der den Kampf um Pommern überlebt hatte, zum Weiterkampf entschloß, obwohl er jederzeit auch anders könnte (- anders übrigens als die damals eingesetzten deutschen Soldaten, die sich nicht so einfach zu Baubataillonen "abmelden" konnten) - nach all den Erfahrungen, die diese Soldaten in den letzten Monaten und Jahren seit 1941 an der Ostfront hatten sammeln können, der mußte mehr oder weniger mit seinem Leben innerlich abgeschlossen haben. Und der mußte zu allem entschlossen sein. Er mußte gefaßt sein auf vieles. Und der war auch auf vieles gefaßt.

Der zweite Einsatzort des Regimentes Charlemagne war dann der Nordrand des Belle-Alliance-Platzes (heute der Mehring-Platz am Halleschen Tor) (1, S. 282). Von dort zogen sich die Einheiten vom 28. April bis 2. Mai schwer kämpfend zurück zunächst auf die Hedemannstraße (sie heißt noch heute so), dann auf die Puttkammerstraße, dann auf das Prinz-Albrecht-Palais (die Gestapo-Zentrale) in der Anhalterstraße. Und schließlich auf das Luftfahrtministerium von Hermann Göring in der damaligen Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße).

Dabei kam es immer wieder zu schweren Häuserkämpfen. Man schoß aus dem ersten Stockwerk heraus, man schoß aus dem Keller heraus, man schoß vom Dach herunter. Man warf Handgranaten und schoß immer wieder russische Panzer mit der Panzerfaust ab. Diese waren in den engen Straßen zwar zunächst beängstigend für die Verteidiger aber dennoch so gut wie chancenlos. Sie wurden dennoch immer wieder - obwohl sich die russischen Panzerbesatzungen oft weigerten, diese Selbstmordkommandos auszuführen - nach vorne geschickt. Deshalb auch die hohen Abschußzahlen, für die auf deutscher Seite noch in den Endtagen Ritterkreuze und Eiserne Kreuze verliehen wurden. Mitunter mußten die Panzer aber auf so nahe Entfernung hin abgeschossen werden, daß der Panzerfaust-Schütze selbst von der Explosion des Panzers getötet wurde.

Abb. 4: Sowjetische Artillerie vor Berlin, April 1945
Die Soldaten wurden mitunter auch von einstürzenden Gebäudeteilen verschüttet und kamen dabei ums Leben oder nur schwer verletzt wieder heraus. Schwer war es für verwundete Soldaten, aus der Kampfzone zu kommen und sich in den Häuserruinen zurecht zu finden. Oft war gar nicht klar, ob bestimmte Häuser schon von den Gegnern besetzt waren oder zur eigenen Seite gehörten. Zu zuständigen Lazarette, wo man einigermaßen versorgt wurde, wurde man dann in den Führerbunker der Reichskanzlei, in den Luftschutzbunker des Hotels Adlon und in die U-Bahnstationen der Friedrichstraße getragen, geführt oder geschickt.

Mit diesen Worten seien nur wenige Inhalte angedeutet. Die beigegebenen Abbildungen ergänzen vieles. Man ist erstaunt, wieviele Fotos aus diesen letzten Kämpfen auf verschiedenen militärgeschichtlichen Foren im Internet zusammengetragen werden. In diesem Beitrag können davon nur wenige gebracht werden.

Auch die Schicksale der Soldaten, die bis zur Kapitulation überlebten, waren sehr unterschiedlich. Von einem wird berichtet, daß ihn ein russischer Soldat aus der Gefangenenkolonne herausholte und einfach erschoß. Viele wurden nach ihrer Heimkehr nach Frankreich zu vieljähriger Gefängnisstrafe verurteilt, weil sie sich als Freiwillige gemeldet hatten. In Bad Reichenhall wurden zwölf Angehörige dieser Division, wie Mabire berichtet, von französischen Einheiten ohne jedes kriegsgerichtliche Verfahren erschossen. Der französische General Jacques-Philippe Leclerc (1902 - 1947) schnautzte sie an: "Schämt Ihr Euch nicht, deutsche Uniformen zu tragen?" Sie antworteten: "Sie tragen doch mit ihrer amerikanischen Uniform auch keine französische." Dieser Trotz scheint den General so zornig gemacht zu haben, daß er die zwölf kurzerhand erschießen ließ. (Das englischsprachige und das französischsprachige Wikipedia sind zu diesem Vorfall viel ausführlicher und ganz neutral. Im Gegensatz zu dem gegenwärtigen deutschsprachigen, das diese Geschehnisse nur mit einem Satz berührt, nach dem es bloß "Revisionisten" wären, die diese Ereginisse dem General vorwerfen!!!)

Abb. 5: Schützenpanzerwagen der dänischen Waffen-SS ("Nordland") in der Friedrichstraße, 2. Mai 1945
Wer war der Autor Jean Mabire?

Während des Lesens des hier behandelten Buches beginnt man auch nach dem Autor desselben zu fragen. Einem Autor, der fähig ist, allen Beteiligten an diesem Geschehen - wie immer sie sich auch verhalten haben - volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der aber vor allem auch den Geist und das Denken unter den zumeist 20-jährigen Freiwilligen innerhalb dieser französischen Waffen-SS-Division im April 1945 so präzise zu beschreiben weiß, daß die "Absurdität" derselben ebenso deutlich zutage tritt, wie jene schon genannte selbst empfundene Geradlinigkeit.

Von einem dieser Freiwilligen sagt er, er sei der Waffen-SS beigetreten, wie man einer Religionsgemeinschaft beitritt. - - - Solche Sätze hatte man zuvor über die Waffen-SS noch nicht gelesen. Oder waren sie einem nur nicht aufgefallen? Aber sie scheinen doch zu passen. Läßt Mabire doch an anderen Stellen erkennen, daß er vor allem auch den in dieser Division kämpfenden Nichtchristen, "Neuheiden" volle Gerechtigkeit widerfahren läßt. Als ihnen bei der Neuaufstellung nach den Kämpfen in Pommern Wehrmacht-Koppelschlösser übersandt werden mit der Aufschrift "Gott mit uns!", tragen sie dieselben nicht, da dieser Spruch nicht zu ihrer Truppe passen würde. Und sie setzen sich damit durch. Erst als sie Koppelschlösser mit dem SS-Spruch "Unsere Ehre heißt Treue" erhalten, tragen sie wieder welche.

Abb. 6: Jean Mabire
An solchen Einzelheiten wird sowohl der Geist dieser Truppe - als auch jenes Autors erkennbar, der diesen Geist so präzise zu benennen gewillt ist - anstatt ihn gar zu schnell zu übergehen und für unwesentlich beiseite zu schieben. Soweit Statistiken bislang schon ausgewertet worden sind, belegen sie ja, daß schon im Jahr 1941 in manchen SS-Einheiten nur noch eine Minderheit der Angehörigen Mitglieder einer der großen christlichen Kirchen gewesen sind.

Über Jean Mabire (1927 - 2006) findet sich im Netz noch kein deutschsprachiger Wikipedia-Beitrag. Soweit man es Google-Übersetzungen des französischen Wikipedia-Eintrages entnehmen kann, wird Mabire eine zu weitgehende Verherrlichung der Waffen-SS vorgeworfen. Nur von dem hier behandelten Buch aus geurteilt, kann gesagt werden: wer ein wahrhaftiges Bild von den Soldaten der Waffen-SS geben will, wer erst einmal nur schildern will, "wie es eigentlich gewesen" ist, muß die Motivationen dieser Soldaten auch sehr genau schildern. Der kann über das Selbstverständnis dieser Soldaten nicht oberflächlich hinweggehen. Da Mabire selbst ein idealistischer Soldat im Algerienkrieg Frankreichs war, fällt es ihm offenbar nicht schwer, präzise Schilderungen zu geben von Soldaten, die einerseits idealistisch eingestellt sind, denen andererseits aber auch immer wieder im Hinterkopf so manche Absurdität bewußt ist, als die man sowohl selbst das eigene Handeln empfinden kann, wie das natürlich auch andere können.

Als französischer Freiwilliger der Waffen-SS erlebte man den Zweiten Weltkrieg ja ganz anders als ein durchschnittlicher deutscher Soldat. Sei dieser deutsche Soldat Angehöriger der Wehrmacht oder der Waffen-SS gewesen. Man hatte ja einen ganz anderen Blick, der auch eine gewisse innere Distanz miteinschloß, bzw. der auch wohl mit einem noch anderen Einsatzwillen einhergegangen sein könnte, als dieser in durchschnittlichen deutschen Einheiten vorhanden gewesen sein mag.

Monographien über "Volkserwecker"

Einem ins Deutsche übersetzten Blogbeitrag kann derjenige, der des Französischen nicht kundig ist, schon viele Auskünfte über den Schriftsteller Jean Mabire entnehmen (2). Mabire fühlte sich seiner Herkunft aus der Normandie immer tief verbunden. Hier liest man (das Deutsch wurde im folgenden verbessert):
Mabire wurde in den 1970er Jahren der französische Militärhistoriker der deutschen und europäischen Waffen-SS, der französischen Alpenjäger, der deutschen Fallschirmjäger, der britischen Rotbarette, usw. Diese Monographien erschienen im großen Pariser Verlagshaus Fayard. Er wurde dadurch berühmt, viel gelesen, ohne je ausgeschlossen zu werden. Denn sein strahlendes Charisma konnte jede Schwierigkeit in wunderlicher Weise zur Seite schieben.
Noch interessanter sind vielleicht die folgenden Angaben (Hervorhebung nicht im Original):
Weiter hat er Anfang der 1980er Jahre mit einer Serie begonnen, die er leider nicht weiterschreiben konnte, was er sehr bedauerte: Monographien über Männer, die er „Volkserwecker“ nannte, wie Grundtvig in Dänemark, Padraig Pearse in Irland, Petöfi in Ungarn. Mabire blieb insofern dieser Grundidee der Volksbefreiung durch geistige Rückkehr zu einer idealen, entfremdungsfreien Vergangenheit treu, wie zur Zeit seines jugendlichen Engagements für die Wiedergeburt seiner geliebten Heimat Normandie.
Bei den genannten patriotischen Schriftstellern und Politikern handelt es sich um den dänischen Pädagogen und Politiker N. F. S. Grundtvig (1783 - 1872), den irischen Schriftsteller und Führer der Aufständischen Padraig Pearse (1879 - 1916) und den ungarische Dichter und Volksheld Sandor Petöfi (1823 - 1849). Der Verfasser dieses Blogartikels Robert Steuckers ist Mabire das letzte mal im Dezember 2005 begegnet, als Mabire schon an Krebs erkrankt war:
Jean Mabire hat mit seiner hellen Stimme und seinem unvergleichbaren Sinn für Nuancen pausenlos und systematisch über seine Ideen, seine neuesten  Entdeckungen gesprochen, als ob er gar keine heimtückische Krankheit hätte. (...) Und dann kam das letzte Händeschütteln, lang, fest und kräftig, mit der ungebrochenen männlichen Kraft eines Freikorps-Offiziers. Und auch mit diesem tiefen kraftvollen blauen Blick, in dem noch so viel vitale Kraft gelegen war. Dieser Blick bleibt mir für immer in mein Gedächtnis geprägt. Ende Januar kam ein gelassener Abschiedsbrief an alle Freunde, in dem Mabire sein eigenes Ende ankündigte. Europa hat einige Wochen später einen seiner besten Söhne verloren. 
Das Grab Mabire's wird nicht von einem christlichen Kreuz geziert, sondern von germanischen Runen.

Jean Mabire und die neuheidnische "Neue Rechte" in Frankreich

Sicherlich ist es sinnvoll, das Umfeld auszuleuchten, in dem das Werk Mabire's heute hochgehalten wird: Der Verfasser des eben zitierten Nachrufes, Robert Steuckers, gilt laut deutscher Bundesregierung von 1991 (pdf) als führender Vertreter der "Neuen Rechten" in Belgien. 1992 hat er als enger Mitarbeiter von Alain de Benoist (geb. 1943) Moskau besucht (Jungle World, 1998). 1998 hat er der Wochenzeitung "Junge Freiheit" ein Interview gegeben. 1999 hatte "Jungle World" die offenbar keineswegs ganz uninteressanten, weil zum Teil ideenreichen neuheidnischen, nichtchristlichen Aktivitäten Robert Steucker's im Blick. Desweiteren war Dominque Venner (geb. 1935) ein langjähriger Freund von Mabire, der auch eine Biographie für die Internetseite für Jean Mabire verfaßt hat. Das Buch "Heide sein zu einem neuen Anfang" von Alain de Benoist ist einem schon vor Jahren sehr nichtssagend vorgekommen. de Benoist ist auf eine Pariser Eliteschule gegangen, die aus einem Jesuitenkolleg hervorgegangen ist. Jedenfalls kommt einem da dieser Mabire auf den ersten Blick viel interessanter vor.

Im Antiquariats-Buchhandel heißt es über eines seiner wenigen weiteren ins Deutsche übersetzten Bücher, nämlich eines über die "SS-Panzer-Division Wiking" (Justbooks):
Aus zahlreichen Nationen sammelten sich Freiwillige in der Division Wiking, um im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront auf deutscher Seite für eine gemeinsame Idee zu kämpfen. Durch ihre Waffentaten wurde die 5. SS-Panzer-Division Wiking weltbekannt. Der Autor Jean Mabire stellt eindrücklich dar, wie aus Dänen, Norwegern, Finnen, Schweden, Holländern, Flamen, Schweizern und Volksdeutschen anderer europäischer Länder ein einheitlicher, schlagkräftiger Verband wurde. Er schildert Ausbildung,  Alltag, Taten und die beispiellose Härte des Einsatzes bis zum langen Weg durch Osterreich und Bayern in die Gefangenschaft. (...) Das Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Aufarbeitung.
Viele Soldaten der Waffen-SS und der Wehrmacht haben nach eigenem Selbstverständnis zwischen 1939 und 1945 Mitteleuropa gegen jenen Materialismus und Existenzialismus verteidigt, wie er von den Armeen der westlichen Demorkatien und der Sowjetunion 1945 nach Mitteleuropa hineingetragen worden ist. Und wie er dort bis heute - immer noch scheinbar weitgehend alternativlos - vorherrscht.

Woher stammt die Mordmoral in Teilen der SS?

Daß der neuheidnische Gedanke, der Kirchen-, Logen- und Okkultismuskritik mit einschloß, und für den das Dritte Reich nun einmal auch stand, von zahlreichen internationalen satanistischen Okkultlogen auf ganz andere Wege geführt werden konnte ("gehijackt" werden konnte), als das 20-Jährigen damals bewußt war und bewußt sein konnte (worüber aber inzwischen viel gesagt werden kann, wie viele Beiträge diese Blogs aufzeigen), steht auf einem anderen Blatt und ändert nichts an dem Selbstverständnis vieler dieser Soldaten. Über dieses Selbstverständnis kann nicht einfach leichtfertig hinweg gegangen werden. Ein solcher Idealismus sollte aber auch nie wieder von satanistischen Okkultlogen mißbraucht werden können. In den internationalen Kriegen und im internationalen "Terrormanagment" von heute geschieht aber vielfach sehr viel ähnliches wie das, was während des Zweiten Weltkrieges geschehen ist.

Viele Tatsachen weisen darauf hin, daß die seit den frühen 1920er Jahren in die SA, in die SS und in die Reichswehr/Wehrmacht hineingetragene elitäre Mordmoral aus eben diesen Okkultlogen stammt und von diesen angefeuert worden ist. So waren nämlich schon die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, an Matthias Erzberger und Walter Rathenau, worauf selten hinwiesen wird - - - Logenmorde. Es waren Morde, zu denen die Todesurteile im von vormaligen Freimaurern gegründeten Thule-Orden gesprochen worden sind (vgl. Wikipedia). Von diesen Logenmorden führt ganz offensichtlich über zahlreiche weitere "Fememorde" im Zusammenhang mit den Freikorps und der Schwarzen Reichswehr, dann über die Morde der SA ab etwa 1930 eine gerade Linie hin bis zu Einrichtung der Einsatzkommandos der SS im Reichssicherheitshauptamt durch das Skaldenordens-Mitglied Werner Best ab 1938 für Mordeinsätze in ganz Europa.

Dazu ist hier auf dem Blog schon viel veröffentlicht worden und wird noch mehr veröffentlicht werden.

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*) Le Tissier beispielsweise (5) gibt einen guten Überblick über den Gesamtablauf. Aber in seinem Buch kommt das konkrete Geschehen vor Ort fast immer zu kurz. Mabire führt er in seinem Literaturverzeichnis an, hat ihn aber offensichtlich nicht ausgewertet. Wenn Le Tissier das häufiger gemacht hat, wird man seine Darstellung noch nicht als die angemessenste bezeichnen dürfen.
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  1. Mabire, Jean: Berlin im Todeskampf 1945.: Französische Freiwillige der Waffen-SS als letzte Verteidiger der Reichskanzlei. 1977. Nebel Verlag GmbH, 2002 (Google Bücher)
  2. Steuckers, Robert: In Memoriam Jean Mabire. Dimanche 18 décembre 2011.
  3. Venner, Dominique: Jean Mabire. Auf: Jean-Mabire.com 
  4. Mabire, Jean: Blutiger Sommer in Peking. Der Boxeraufstand in Augenzeugenberichten. Verlag Paul Neff, Wien [u.a.] 1978 (398 S.); Ullstein, Luebbe Bergisch-Gladbach 1978, 1980, 1983; Bertelsmann, Gütersloh um 1980
  5. Mabire, Jean: Die SS-Panzer-Division "Wiking". Germanische Freiwillige im Kampf für Europa. Mit zahlreichen Bildtafeln. Karl W. Schütz-Verlag, Preußisch Oldendorf 1983; Edition Dörfler im Nebel Verlag, Egolsheim 2001, 2002 (432 S.)  
  6. Panzer Marsch. Verlag: Grancher, 2011
  7. Le Tissier, Tony: Der Kampf um Berlin 1945. Von den Seelower Höhen zur Reichskanzlei. Ullstein Verlag, Frankfurt/Main 1991 (engl. 1988)  

Sonntag, 16. September 2012

Das subversive Lächeln in christlichen Kirchen

Wenn man immer wieder salbungsvolle christliche Sonntagsandachten im Radio zu hören kriegt, fragt man sich, wie eigentlich die Menschen in früheren Jahrhunderten auf all dieses "Salbungsvolle", Unechte, Gemachte reagiert haben. Was findet man zum Beispiel, wenn man in der Google-Bildersuche nach Anschauungs-Material für die folgenden Gedichtzeilen sucht:
Diethelm Trausenit

(1349)

Diethelm Trausenit, warum bot
bei Sankt Stephan dir niemand Dach und Gelaß?
Sie scheun wohl in deiner Zunge den Spott,
in deinen Augen den Haß.

Die Heiligen, die dein Meißel weckt,
die tragen dein eigen unheilig Gesicht.
Sie stehen steif, sie lächeln versteckt:
aber fromm sind sie nicht.

(...)

(Josef Weinheber)
Abb. 1: Die Lächelnde Madonna von Lauter (um 1260 n. Ztr.) (südliche Rhön)
"... aber fromm sind sie nicht." - Man meint doch, solche christlichen "Heiligen"-Figuren zu kennen. Aber im Netz sind sie gar nicht so leicht zu finden. Das könnte einen überhaupt auf das Thema "Lächeln und subversives Grinsen in der Kunst" bringen. Wie steht es da zum Beispiel mit dem Lächeln der vorklassischen, griechischen Skulpturen, dem "heiteren" (?) "ionischen Lächeln"? Und mit so vielem anderen Lächeln und Grinsen auf diesem Gebiet? Hier jedenfalls noch zwei weitere Netz-Funde:

Abb. 2: Naumburger Stifterfiguren - Man beachte vor allem die grinsende "Reglindis" ganz rechts
Abgesehen davon, ob wir uns heute "Erlöste" oder "Heilige" oder vorbildlich "Gläubige" so vorstellen wie in diesen Bildern noch einmal die Frage: Darf man in christlichen Gottesdiensten heute nicht mehr so subversiv grinsen wie es doch sogar die in den Kirchen stehenden Figuren selbst tun? - - -

Man möchte meinen, wer religiöse Gemeinsamkeit mit anderen Menschen sucht, sollte ihnen mitunter auch zu erkennen geben, wenn er das Gefühl hat, daß er diese gerade in diesem Augenblick nicht empfindet und sieht. Waren die mittelalterlichen Menschen, Künstler da bewußter oder unbewußter ehrlicher als wir heute? Wir haben alles fein säuberlich getrennt: Auf der einen Seite der ernste Gottesdienst und die salbungsvollen (Radio-)Morgenandachten. Und auf der anderen Seite die Talkshow. Und beide haben nichts miteinander zu tun. - Vielleicht liegt da überhaupt das ganze Problem? ...

Abb. 3: "Erlöste" - Fürstenportal Bamberger Dom
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Soweit der kurze - und auch reichlich krude - Gedankengang eines Blogbeitrages, wie er seit dem 16. Dezember 2007 auf dem Vorgänger- und Parallelblog dieses Blogs zu lesen gewesen war und ist. - Mit welcher Überraschung muß man als Autor dieses alten Blogbeitrages nun zur Kenntnis nehmen, daß gut vier Jahre nach seinem Erscheinen, nämlich vom 27. April bis zum heutigen Tag, den 16. September 2012, im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz eine Sonderausstellung stattgefunden hat mit dem Titel: "Seliges Lächeln und höllisches Gelächter - Das Lachen in Kunst und Kultur des Mittelalters" (s. Abb. 4).

Abb. 4: "Seliges Lächeln und höllisches Gelächter" - Sonderausstellung in Mainz, 2012 
Das muß einem ja geradezu so vorkommen, als hätte man mit seinem Blogbeitrag vor knapp fünf Jahren die erste Anregung zur Zusammenstellung dieser Ausstellung gegeben. Diese Ausstellung greift, wie allseits zu lesen, ein Thema auf, das noch keine vorherige Kunstausstellung in dieser Weise aufgegriffen hatte. Und merkwürdiger Weise hatten wir im Dezember 2007 die Idee zu diesem Thema. Ob man in Mainz zur gleichen Zeit auf fast dieselben Ideen gekommen ist wie wir? Vielleicht lag das Thema damals einfach in der Luft? (!!!) - - -

Der Tenor in dieser Ausstellung scheint nun - was man in ersten Berichten so liest - nicht auf dem Thema der Subversivität des Lachens zu liegen. Aber wir werden uns den Ausstellungsband besorgen, um zu sehen, was dort aus dem Thema gemacht worden ist. Und wie differenziert und mit welchen Tiefgang es ausgearbeitet und ausgelotet worden ist.
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  1. Wilhelmy, Winfried: Seliges Lächeln, höllisches Gelächter. Das Lachen in Kunst und Kultur des Mittelalters.  Schnell & Steiner-Verlag, 24. April 2012 (Amazon)

Dienstag, 11. September 2012

Paperblog, ade!

Dies wird mein letzter politischer Blogbeitrag auf dem Bloggerportal Paperblog sein. Einige der Gründe dafür kann die Paperblog-Redaktion in ihrem Email-Postfach finden, das sie schon seit Tagen scheinbar nur noch ungenügend, wenn überhaupt sichtet, oder dessen Spam-Einstellungen ihr wichtige Emails durch die Lappen gehen lassen. Also, Paperblog-Redaktion, bitte mal meine inzwischen schon drei Emails an Euch lesen!

Ansonsten: Es hat mir immer Spaß gemacht hier bei Paperblog. Aber der politische Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt" hat trotz der inzwischen recht langen Zeit, in der er parallel seine Beiträge auch auf Paperblog veröffentlicht, keinen solideren, festeren Leserstamm gewonnen, keine Leser, die sich regelmäßiger und öffentlich zu ihm bekennen würden. Er hat durch Paperblog vielleicht einige investigative Journalisten und Mitblogger auf sich aufmerksam gemacht, auch mitunter Redaktionen und Verlage - aber die wirklich richtigen waren noch nicht dabei!

Der Bloginhaber ist der Meinung, daß in künftigen Jahren die Bedeutung mancher Bloginhalte von vielen Lesern schon eher eingesehen werden, als das noch heute der Fall ist.

Soll er sich dennoch all der Widernisse aussetzen, denen sich Blogger heutzutage aussetzen, insbesondere, wenn sie ihre Beiträge durch solche Portale wie Paperblog multiplizieren lassen? Dieser Blog hat für sich genommen gar nicht das finanzielle Polster, um sich einem "Abmahnwahn 2.0" entgegenzustellen, den er selbst schon ansatzweise zu spüren bekommen hat, und der jederzeit erneut zuschlagen kann, ganz plötzlich, aus heiterem Himmel. So wie man früher im Wald von den Räubern überfallen wurde. Dieser Blog hat auch bislang so gut wie keine Solidarität von anderen, ähnlich ausgerichteten Bloggern erfahren, keinen regelmäßigeren Zuspruch. Jedenfalls nicht einen, der einen ermutigen würde, auch bei etwas schärferem Gegenwind hier bei Paperblog weiterzumachen. Jeder wurstelt nur so vor sich hin. So geht das alles erst mal nicht.

Ade, Paperblog - aber nur mit den politischen Beiträgen, nicht mit den kulturellen und wissenschaftlichen

Es wird immer deutlicher, daß bei der derzeitigen merkwürdigen Rechtslage man als Blogger doch ein nicht geringes Risiko eingeht. Und das will ich dann - wenn schon - hübsch bescheiden in meinem eigenen kleinen "Blogger-Eckchen" eingehen und nicht noch zusätzlich auf einem "mulitplizierenden" Portal wie Paperblog. Wer den politischen Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" und seine Themen sucht, der wird ihn finden - mit oder ohne Paperblog. Davon muß man einfach mal ausgehen.

Ich werde also die Paperblog-Redaktion in einer vierten Email auffordern, alle meine jüngeren politischen Beiträge hier auf dem Portal so bald als möglich aus dem Netz zu nehmen. Auf meinem eigenen Blog können sie alle immer noch gelesen werden. Dort können sie auch jederzeit ohne Umschweife vom Autor selbst verbessert werden oder gegebenenfalls unverzüglich aus dem Netz genommen werden, wenn dies als notwendig erscheinen sollte. Leider zeigt sich, daß das hier bei Paperblog oft nur mit zum Teil erheblicher Zeitverzögerung möglich zu sein scheint. Ein Blog ist keine Bibel und will nicht auf 2000 Jahre hinaus "ewige Wahrheiten" verkünden. Sondern er will einfach nur zur Diskussion, zum Nachdenken anregen, mehr nicht. Und dazu muß mitunter auch mal schneller reagiert werden können.

Meine Blogbeiträge wissenschaftlichen und kulturellen Inhaltes will ich gerne weiterhin auf Paperblog erscheinen lassen und wünsche mir auch weiterhin zu diesen aufbauende, freundliche und weiterführende Resonanz! Nein, natürlich noch mehr als bisher! :-)

Montag, 10. September 2012

Hans Zehrer - Ein Logen-Ideologe verführt zur Diktatur

Wie die Axel Springer-Leute vor 1933 ihre "Neue Wirklichkeit" von 1945 herbeiführten

Der folgende Beitrag behandelt einen einflußreichen Aufsatz des rechtskonservativen Publizisten Hans Zehrer (1899 - 1966) aus dem Jahr 1931. Dieser Beitrag soll nur einige Eindrücke, Gedanken und Mutmaßungen festhalten, die dem Autor dieser Zeilen beim Studium dieses Aufsatzes kamen. Da der Autor dieser Zeilen bisher noch keine anderen Aufsätze Zehrers kennt und auch keine gute Biographie über Hans Zehrer gelesen hat, kann es sich beim folgenden Beitrag nur um "Arbeitshypothesen" handeln, die durch künftige Lektüren und Forschungen zu bekräftigen wären oder sich durch dieselben als nicht haltbar erweisen könnten.

Natürlich sind Kommentare insbesondere von Lesern erwünscht, die sich womöglich schon umfangreicher mit Hans Zehrer beschäftigt haben und deshalb von ihrem Wissen her die hier beschriebenen Leseeindrücke entweder bestätigen können oder aber anhand anderer Ausschnitte aus dem Wirken von Hans Zehrer entkräften können.


Während man nämlich den im Oktober 1931 in der Zeitschrift "Die Tat" erschienenen und zur damaligen Zeit "vielbeachteten" Aufsatz "Rechts oder Links?" (1) des Herausgebers dieser Zeitschrift Hans Zehrer liest, taucht eine Frage im Hinterkopf auf: Für welche Aufgabe war der Herausgeber dieser Zeitschrift zuständig? Eine rechtskonservative Publizistin wie Gertrud Bäumer fühlte sich durch diesen Aufsatz angesprochen, verstand ihn aber bezüglich seiner eigentlichen, tieferliegenden Intentionen und Zielrichtungen offenbar gar nicht (2). Sie war ja auch eine Frau! Und dachte wohl nicht genügend darüber nach, was in Männerorden und -seilschaften geschah und geschieht. Auch heutige Veröffentlichungen kratzen nur an der Oberfläche der damaligen Intentionen und Zielsetzungen Zehrers (3).

Zehrers Aufgabe war es, so drängt sich als Eindruck auf, über Systemumbrüche wie den von 1933 hinweg die Kontinuität der Machtstellung der bisherigen Eliten sicherzustellen. Und wie konnte dies geschehen? Indem diese Eliten eben geistig darauf vorbereitet wurden, sich auf ein neues System einzustellen. (Und indem den Machthabern des neuen Systems nahegelegt und eingeredet wurde, daß sie auf wesentliche Bestandteile der bisherigen Eliten gar nicht verzichten könnten, auch gar nicht verzichten müßten, da diese schon geistig richtig ausgerichtet wären - dank der Schulung und Gehirnwäsche durch solche Logen-Ideologen wie Hans Zehrer.)

So werden Revolutionen und Umbrüche, bei denen "Fett immer oben schwimmt", von langer Hand vorbereitet! (Man darf ähnliche logen-ideologische Vorbereitungen deshalb auch bezüglich der von Zehrer in diesem Aufsatz thematisierten Umbrüche von 1914, von 1918, von 1923, 1925, 1929 etc. pp. unterstellen.) Und das Ergebnis dieser Schulungen wird dann womöglich in Büchern festgehalten wie dem 1957 erschienenen "Das verlorene Gewissen" von Kurt Ziesel. In diesem viel zu sehr wieder in Vergessenheit geratenen Buch wird nämlich dargestellt, daß die heftigsten Nazi-Verfolger nach 1945 im deutschen Medienwesen die allerschönsten Nazis vor 1945 gewesen sind! Und zwar immer mit Charakter und Verve!

Aber auf solche erstaunlichen "Umwertungen aller Werte" muß ja die Funktionselite, die Funktionselite bleiben soll, jeweils neu vorbereitet, eingestellt und ausgerichtet werden. Zehrer stellt der Funktionselite der Weimarer Republik als Beispiele für das, was in Bälde käme (oder worin man sich schon befände), die Französische Revolution von 1789 und die Russische Revolution von 1917 vor Augen (1, S. 67f) (Hervorhebung nicht im Original):
Bisher ist es in der Geschichte meist der große Einzelne gewesen, der in diesem Stadium der Entwicklung eingriff, Revolutionäre und Konterrevolutionäre beiseiteschob und rücksichtslos seine eigene Herrschaft stabilisierte. Ist dieser Einzelne bei uns vorhanden, so gehen wir mit klarer Konsequenz einem Cäsarismus, der Diktatur eines Einzelnen, entgegen. Die Sehnsucht nach diesem Einzelnen ist im Volk seit über einem Jahrzehnt vorhanden. Wir wollen uns doch nichts vormachen: wenn das erste scharfe, aber gerechte Kommandowort eines wirklich persönlichen Willens in das deutsche Volk hineinfahren würde, würde sich dieses Volk formieren und zusammenschließen, es würde einschwenken und marschieren, und es würde befreit aufatmen, weil es den Weg wieder wissen würde. Da dieser Führer, von welcher Seite er auch immer kommen mag, nur national sein kann, so wird sein Weg der richtige sein, da es der Weg der Nation sein wird. In diesem Augenblick aber wird uns eine Ordnung, die uns der Liberalismus als dumpfe Knechtschaft zu schildern versuchte, als Freiheit erscheinen, eben weil sie Ordnung ist, weil sie einen Sinn hat und weil sie Antwort gibt auf die Fragen, die der Liberalismus nicht mehr beantworten kann: warum, wozu, wofür?
Ganz deutlich ist "Nation" für Hans Zehrer hier nicht ein unhintergehbarer Wert, sondern bloß ein Ausdruck des Zeitgeistes, dem sich der einzelnen zu stellen hat, wenn er von diesem nicht überrollt werden will. Also nicht Zehrer selbst empfindet so, wie hier "glückliche Sklaven" geschildert werden. Nein, er schildert ja nur jenes Volk in seiner Gesamtheit, dessen Gestaltung seiner Geschicke er sich zur Aufgabe gestellt hat. Zehrer hat die Aufgabe, den - unklaren völkischen - Zeitgeist möglichst präzise in Worte zu fassen und die bisherigen, zögernden, zumeist liberalen Eliten in schönen Worten auf diesen einzustellen. Sie glücklich in diesen Zeitgeist "hinüberzuleiten". Weiter schreibt er über den künftigen "Revolutionsgeneral", bzw. Diktator:
Diesen Einzelnen kann man sich jedoch nicht erfinden. Er existiert oder er existiert nicht. Er spürt den stummen Anruf des Volkes und er gibt das befreiende Kommando, oder aber er ist gar nicht vorhanden.
Bis hierhin deckt sich die Analyse von Zehrer sicherlich mit der zahlreicher anderer seiner denkenden Zeitgenossen im Jahr 1931. Aber dann wird es besonders spannend (Hervorhebung nicht im Original):
Vielleicht muß man zwei Dinge einbeziehen, die unsere Zeit von den früheren unterscheiden. Einmal: die Kompliziertheit des technischen Überbaus, die heute von diesem Einzelnen ganz andere technische Kenntnisse verlangt, als frühere Zeiten, und die ihn und den Erfolg seines Eingreifens von einer zahlenmäßig sehr starken Schicht gleichgesinnter Sachverständiger abhängig macht, die wenigstens den Staats- und Wirtschaftsapparat in seinem Sinne bedienen können.
Das sind verräterische Sätze. Bzw.: Scherz beiseite, Hans Zehrer kommt! Bei der "Kompliziertheit des technischen Überbaus" denkt er natürlich gar nicht an die riesigen Schattenreiche der Geheimdienste und -logen, dieses "technischen Überbaus" moderner Staaten. Außerdem erinnern diese Worte schon sehr an jene französische "Synarchie" der 1950er Jahre, in der auch die "Fachleute", die "Technokraten", die "Sachverständigen" im Mittelpunkt des ideologischen Raisonements stehen.

"... Eine ziemlich breite, bewußte Eliteschicht ..."

Zehrer weiter:
Und zweitens: Das Alter des Kulturstadiums, in dem wir uns befinden. Dieses Alter hat durch seine größere Bewußtheit und unromantische Skepsis, mit der es allen heroischen Erscheinungen gegenübertritt, den Weg des Einzelnen zunächst außerordentlich erschwert. Es hat aber außerdem eine ziemlich breite, bewußte Eliteschicht geschaffen, die kraft ihres historischen Überblicks und ihres bewußten Einblicks in die Dinge
- (!) Scherz beiseite, Zehrer kommt -
ihren Standpunkt a priori auf einer sachlichen, neutralen Ebene gewählt haben
- aber hallo!, die nach Zehrers Diktion also erhaben "über" Liberalismus, Nationalsozialismus, Kommunismus usw. stehen - das ist natürlich für den Opportunisten und Wendehals immer das beste -
ohne damit auf die eigene Aktivität und den Anspruch auf die Führung zu verzichten.
- Aber hallo! Aber hallo! - 
Diese Schicht füllt sich umso stärker auf, je mehr Kräfte der Zerfallsprozeß der Zeit freigibt und herausschleudert. Beide, der große Einzelne und die breite Schicht einer bewußten Elite schließen sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil wären sie notwendig auf eine Zusammenarbeit angewiesen. Sollte aber die Zeit für den großen Einzelnen vorüber sein und sollte er heute gar nicht existieren, so gewährleistet diese Schicht einen Neuaufbau auch ohne "Diktator".
Das heißt, auch ohne Diktator kann diese Schicht das Volk "formieren" und "zusammenschließen", es "einschwenken" und "marschieren" lassen. Wer, ich frage, wer wollte daran zweifeln, nachdem er auf viele Jahrzehnte demokratischer Geschichte von gelenkten Demokratien nach 1945 zurückblicken kann, gesteuert unter anderem von der "Springer-Presse"! Also ein wirklich kluger Mann, dieser Zehrer, das muß man ihm lassen. Er weiß, wovon er redet! Und weiter schreibt er:
Das evolutionäre Moment der Entwicklung, in der wir uns befinden, würde dafür sprechen, daß die Dinge in Deutschland eines Tages von dieser bewußten neutralen, aber dem Neuen zugewandten Schicht bestimmt werden, daß der Appell der Massen von diesem abseitsliegenden Standort aus erfolgen wird.
Genau: "Der Appell der Massen". Nach 1945 wird er von jener Springer-Presse ausgehen, in der wiederum wohl Hans Zehrer die zweiteinflußreichste Position (neben oder hinter Axel Springer) einnimmt! Leute wir Rudolf Diels, wohl auch Werner Best, Ernst Jünger, Friedrich Hielscher, Carl Schmitt und ähnliche scheinen genau diesen "erhabenen" Standpunkt eingenommen zu haben und sich zwischen extremen Rechten und extremen Linken frei vagabundierend bewegt zu haben. Und wie diese Elite organisiert ist, weiß Hans Zehrer natürlich auch:
Soviel läßt sich über diese Organisationsform bereits sagen: soweit sie zentralen und totalen Anspruch erhebt, muß sie weltanschauliche oder religiöse Werte der Gemeinschaft enthalten, um die sie sich gruppieren und sammeln, mit denen sie sich absondern und an denen sie sich erkennen kann. Die Form solcher Organisation wird die "Verbindung" sein, oder die "Gemeinde", oder der "Orden", oder die "Loge". Oder aber sie muß sich um ein zentrales und prinzipielles sachliches Problem der kommenden Epoche, soweit es sich heute schon fixieren läßt, gruppieren. Ein Problem, das der Forschung und der Diskussion Raum läßt, diese Diskussion aber andererseits durch die Fixierung des zu behandelnden Themas bereits begrenzt.
Ein hübsches Handlungs-Programm für den modernen Staatsdiener der ausgehenden Weimarer Republik. Sofort denkt man hier auch an die "Gesellschaft zum Studium des Faschismus" (Wiki), der so viele "Neue Nationalisten" im Umkreis von Ernst Jünger und Co. angehörten, und die womöglich Zehrer bei diesen Worten vor allem vor Augen stand. Oftmals aber die gleichen Kreise waren auch beteiligt an der gleichzeitigen "Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft" ("Arplan") (vgl. Heeke/Reisen zu den Sowjets, 2003, S. 73, 533), die gegründet worden war von Friedrich Lenz und Arvid Harnack. Beide gruppierten sich in der Tat - und welche Überraschung! - um jeweils "ein zentrales und prinzipielles sachliches Problem der kommenden Epoche, soweit es sich heute schon fixieren läßt"! Und beide Zusammenschlüsse weisen - oh Wunder! - personelle Verbindungen zum Tat-Kreis auf. Vor allem aber waren beide dazu angetan, von entgegengesetzter Richtung her auf ein solches "Zusammenrückens von Links und Rechts zur Volksgemeinschaft" hinzuwirken, welches noch heute mancher völkische Freimaurer aus dieser Schrift von Zehrer an Positivem glaubt herauslesen zu können (5). Zehrer weiter:
Alle diese Themen und Verbände würden integrierend wirken, sie würden vor allem eine siebende und aussondernde Aufgabe erfüllen.
Vor allem Siebung und Aussonderung. Nichts ist Logen wichtiger als dies. Völkische Graswurzelrevolutionäre müssen dem gärtnerischen Schnitt und der gärtnerischen Pflege der Logen anvertraut werden, Zierpflanzen müssen vom Unkraut gesondert und gesäubert werden ... So Auszüge aus Zehrers sinngemäßem "Handbuch für den treuen Staatsdiener und Opportunisten aus ernstestem, neutralem und sachlichem Logen-Idealismus heraus".

... kann auch an die "Grenzen ihrer Kraft" gelangen ...

Hans Zehrer hat aber auch viel Verständnis für die Probleme der Leistungsträger der Gesellschaft in diesen schnellebigen, umstürzlerischen Zeiten (1, S. 3ff):
Stellen wir uns einen Menschen vor, der mit 26 Jahren (1914) in den Krieg zog. Dieser Mensch ist heute 42 Jahre alt. Er hat diese Zeit miterlebt vom ersten Schuß in Belgien bis zum letzten Schalterschluß der Banken vor wenigen Wochen. Die Dinge haben sich für diesen Menschen einfach überstürzt. Er hat zwar große Wandlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in sich,
- na klar, schließlich halten ihn die Logen und Logen-Ideologen "auf dem Laufenden"! -
aber er kommt schließlich doch irgendwann an die Grenzen seiner Kraft, wo er stehenbleibt und nicht mehr weiterkann. Dieser Mensch wird zwar theoretisch in diesem Augenblick beiseitegeschoben und zählt nicht mehr für die Entwicklung. Praktisch aber besitzt dieser Mensch eine Position, die ihm ein gewisses Maß an Einfluß und Macht verleiht.
Eine Position. Nichts ist diesen Leuten wichtiger als eine Position. Um eine solche zu erlangen, schließen sie sich ja Männer-Seilschaften an (siehe etwa den Beitrag hier auf dem Blog "Sei pfiffig, werde Freimaurer!"). Und es ist an dieser Stelle zu berücksichtigen, daß der Freimaurerkampf Erich Ludendorffs den Logen ein gewichtiges Nachwuchsproblem bescherte. Die junge Generation wollte nicht mehr so einfach in den traditionellen Logen mitmachen und mußte nun über unkonventionellere, zeitgeistigere "Orden", "Klubs" und "Logen" zum Dienst an den Staat herangezogen werden. Ob dies aber schnell genug und zuverlässig genug gelingen würde, darüber waren sich die Logen 1931 wohl noch nicht sicher genug geworden. Deshalb diese Ausführungen von Hans Zehrer an die bisherige, ältere Generation der Logenmitglieder, die - man kann es sich gut vorstellen! - wirklich an das Ende ihrer Kraft gelangt waren.

Man hatte die Angehörigen dieser Generation ja schließlich mit aller Mühe in den Logen für diese Position herangezogen und brauchte ihre weitere zuverlässige Mitarbeit. Aber der einzelne ist halt nur schon so "müde" von all den ideologischen Wandlungen, die ihm die Logen bisher schon zugemutet und abverlangt hatten, und denen sie auch der Gegenkampf gegen die Logen ausgesetzt hatte. 1914 sollte der typische Logenbruder oder Jesuitenhörige plötzlich Patriot sein. 1918 plötzlich nicht mehr. Zwischendurch immer wieder einmal doch. Oder auch nicht. Jetzt soll er es aber mit aller Entschiedenheit wieder werden, weil die Logen ihn weiter brauchen und nicht so schnell für die weiteren geplanten Vorhaben eine neue Generation zuverlässiger Staatsdiener heranziehen können.

(Diese neue Generation übrigens entnahm man vielfach jenen jungen idealistischen Freikorpskämpfern, die schon in den frühen 1920er Jahren im Ruhrkampf und in der Schwarzen Reichswehr im Dienst des deutschen Geheimdienstes der Weimarer Republik gestanden waren und dabei ihre Zuverlässigkeit erwiesen hatten. Womöglich auch erpreßbar geworden waren. [Man denke an Martin Bormann im Baltikum, man denke an Werner Best und sein Todesurteil in franzsöischer Gefangenschaft. Und so viele mehr.] Die Zugehörigkeit zum Dienst selbst schon ersetzte hier vielfach Logenzugehörigkeit, für die man dieselben natürlich parallel - sooft möglich - ebenfalls versuchte einzufangen.)

Logen - und Männerbünde - denken in Generationen

Man kann sich als Ansprechpartner der Texte von Hans Zehrer auch jemanden vorstellen wie den "verdienten" General von Schleicher, den "verdienten" General Groener und Leute ähnlicher Machart, etwa im Umkreis des alten Herrn von Hindenburg. Welche ideologischen Wandlungen hatte allein der Alte Herr von Hindenburg durchzumachen! Zum Schluß sollte er auch noch einen Gefreiten zum Diktator ernennen. Nun, auch die "Grenzen" der Wandlungsfähigkeit eines greisen Hindenburg wurden überwunden! Zehrer also weiter über die Besorgnisse der Logen solchen "treuen Dienern" gegenüber:
Er wird also zu einem retardierenden Moment, das die Entwicklung zeitweise verlangsamt, und er wird erst praktisch beiseite geschoben, wenn ihm derjenige, der 1914 erst drei Jahre alt war, heute also Zwanzig ist, und der schon als Kind dieser Krise unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen ist, die Stellung streitig macht und schließlich nachrückt.
Ja, Logen denken in Generationen! Die Generationenfrage - und, was hier nicht ausführlicher zitiert wird: die Sprache - wären - nach Zehrer - den Logen unliebsame "retardierende" Momente. Sie sehen, da drängt eine junge, völkische Bewegung an die Spitze mit einer Sprache, die die bisherigen Leistungsträger noch gar nicht sprechen können, weshalb sie in Gefahr stehen, beiseite gedrängt zu werden. Dieser Gefahr versuchen all die linksrevolutionär-rechtskonservativen Logen-Ideologen - wie Hans Zehrer, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Friedrich Hielscher usw. usf. - zuvor zu kommen. Sie arbeiten eben im "metapolitischen" Bereich.

Damals Hans Zehrer - heute "Institut für Staatspolitik"?

So wie heute, geht einem durch den Kopf, das "Institut für Staatspolitik", das sich sehr bewußt in die Tradition dieser Arbeit stellt und eine konsequente Naturalisierung der rechtskonservativen "Ideologie", die heute - nach Sarrazin - so naheliegend geworden ist, weiterhin so lange hinauszuzögern bemüht ist, wie immer ihm das möglich ist.

Das veranlaßt einen zu einem kurzen Exkurz zur heutigen Situation: Man läßt vereinzelte naturwissenschaftliche Anthropologen (etwa den verdienstvollen Andreas Vonderach) - und zwar sehr bewußt in Anknüpfung an die lange Zeit gerne vergessene Tätigkeit des Jesuitenpaters Muckermann in den 1930er Jahre - das heute vorliegende anthropologische Wissen referieren. Aber möglichst "isoliert" für sich, ohne irgendwo auch nur ansatzweise Schlüsse zu ziehen auf vorliegende Weltbilder überhaupt. Man versucht also solange wie möglich, eine Grundsatzdebatte über die daraus zwangsläufig früher oder später folgende umfassende Naturalisierung des rechtskonservativen Ideologiegebäudes insgesamt hinauszuzögern. Sozusagen ins zeitlich Unendliche. Gerne natürlich auch mit gezielten Tritten gegen die Schienenbeine jener, die in diesen Diskussionen etwas "zügiger" vorankommen wollen. Also alles noch ganz genauso wie schon in den 1920er und 1930er Jahren, als das Haus Ludendorff wohl am konsequentesten für eine Naturalisierung des rechtskonservativen Ideologiegebäudes stand, wodurch überhaupt alle Logen-Ideologie und -Herrschaft, ebenso wie die Ideologie und Herrschaft der Kirchen in Gefahr gebracht wurde - und heute womöglich wieder würde. (Letzteres wäre zu prüfen!)

Aber natürlich gibt es neben dem "Institut für Staatspolitik" noch zahllose andere "metapolitische" Vereinigungen, "Think Tanks", die ähnliches im "vor-" und "metapolitischen Raum" betreiben. Gerne auch im Umfeld der etablierteren Parteien oder darüber hinaus.

Dieses Vorgehen fällt nur noch den wenigsten Menschen auf, da auch unter den konsequenten Kirchen- und Christentumsgegnern heute (etwa im Umfeld der wissenschaftlich-elitären "Giordano Bruno-Stiftung") nur noch geringe Sensibilität vorhanden ist für die schlußendliche gesellschaftliche Durchschlagskraft umfassender, konsequent naturalistisch ausgelegter Weltbilder und Ethiken, die über bloße Einzelkritik an Christentum, Kirche, okkulter Scharlatanerie und der korrupten Ethik der derzeitigen Eliten hinausgehen. Die Thematisierung solcher umfassender ausgelegter konsequent naturalistischer Weltbilder und Ethiken könnte im wahrsten Sinne des Wortes "notwendig" sein, wenn man solche gesellschaftlichen Bewegungen wie die Occupy-Bewegung oder die 9/11-Wahrheitsbewegung nicht weiterhin so lächerlich machtlos sehen möchte, als wie sie es bisher noch sind im gesamtgesellschaftlichen Gefüge weltweit. Und zwar trotz der breiten Zustimmung in der Bevölkerung für diese. Sie werden auch weiterhin so lächerlich machtlos bleiben, so lange ihnen kein gültiges, umfassendes naturalistisches Weltdeutungs-Gebäude und eine damit einhergehende naturalistisch ausgelegte Ethik zur Seite stehen, die zugleich auch das grundlegende religiöse Bedürfnis des Menschen zufrieden stellen muß. (Auch von diesem grundlegenden Bedürfnis weiß ja übrigens der "kluge" Herr Zehrer!) - Exkurs-Ende.

"Zerstörung der alten, retardierenden Worte und Begriffe", indem man "Kompromisse" mit ihnen schließt, und sie dann "ad absurdum" führt

Aufgrund des "retardierenden" Moments der Sprache, so Zehrer,
muß sich die neue Entwicklung (die den Logen erwünscht ist) ihren Weg erst mühsam über die Zerstörung der alten Worte und Begriffe bahnen. (...) So können z.B. die geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen einer bestimmten Schicht restlos zerstört sein
- so weit glaubt man also womöglich schon zu sein auf Seiten der satanistischen Hochgradlogen, als deren Sprecher Zehrer womöglich ähnlich wie Hielscher fungierten, nämlich gegenüber dem kulturtragenden Bürgertum, das man als zu zerstörende Kraft erkannt hatte! - Zehrer weiter:
diese Schicht existiert trotzdem weiter, solange ihre Worte und Begriffe noch weiterexistieren.
Wiederum außerordentlich "kluge", geradezu "weise" Worte des Tat-Menschen und "Revolutionärs" Zehrer. Worte, die sogar noch für die heutige Zeit gelten. Und nun müssen auch noch diese weiterexistierenden Worte und Begriffe ausgehöhlt werden. Und wodurch? Nun, dadurch daß man sie ad absurdum führt! Und wie geht das am leichtesten? Nun, wohl vor allem durch solche zutiefst verbrecherischen Übertreibungen wie jenen des Dritten Reiches und der hohlen Sprache seiner Schreier und nachplappernden Opportunisten, die darauf von Logen-Ideologen zuvor "geschult" worden waren. Zehrer:
Infolgedessen müssen diese neuen (Logen-!)Kräfte zunächst Kompromisse mit der Sprache abschließen. Sie müssen sich Worte zulegen, die morgen bereits nicht mehr zutreffen. Sie verrennen sich in Begriffen, gehen mit ihnen unter und müssen wieder von neuen Generationen abgelöst werden, die nach ihnen kommen und über sie hinwegschreiten.
Ein verräterisches Wort: "Kompromisse mit der Sprache". Von diesen "Kompromissen mit der Sprache" weiß Kurt Ziesel 1957/58 allerhand Beispiele anzuführen (4). Damit umreißt Zehrer den Geschichtsablauf von 1933 bis 1945. Und 1945 konnte er als Springer-Ideologe und -Sprachschöpfer nahtlos anknüpfen an die bis dahin so glänzend erreichten Logen-"Erfolge", an die so glänzend erreichte "Desillusionierung" über alle bis dahin geltenen Worte und Begriffe (1, S. 5):
Wir nähern uns damit dem Zeitpunkt, wo die eigentlich treibenden Kräfte, die hinter der Krise stehen, sichtbar werden
- aber hallo! -
und sich nicht mehr in den Gewändern des Alten, der alten Werte und Begriffe, präsentieren,
- das will man ja als "Tat-Mensch" und "Revolutionär" auch gar nicht!, sondern man will das Gegenteil! -
sondern nackt und neu hervortreten.
- So wie ein in satanistischen Logen gezeugtes und geborenes Kind, möchte man ergänzen. In generationenübergreifendem Logen-Inzest werden ja auch künftige Bankiers etc. gezeugt, wie dem Buch "Vater unser in der Hölle" entnommen werden kann oder den Berichten der Cathy O'Brien. Wenn also physische Kinder gezeugt und geboren werden in Logen, warum nicht auch "geistige Kinder" ... Zehrer:
Erleichtert wird diese Klärung durch den Ablauf  der Generationsfrage und eine gewisse Tradition in der Krise, die auf ein Alter von fast zwei Jahrzehnten verweisen kann.
An welche zwanzigjährigen Logenzöglinge Zehrer wohl an dieser Stelle denkt? Bei den alten Worten und Begriffen denkt Zehrer allerdings zunächst nicht an Begriffe wie "Wahrhaftigkeit", "Zuverlässigkeit", "Ehrlichkeit", "Anständigkeit" usw., Begriffe also, wie sie in der deutschen Nationalhymne enthalten sind oder als die preußischen Tugenden gelten etc.. Das sind wohl sowieso schon überwundene Standpunkte für einen Zehrer.

Nein, es geht ihm hier zunächst nur um Worte und Begriffe wie "Liberalismus", "Sozialismus", "Konservatismus", "Katholizismus", "Faschismus", "Kommunismus", "Nationalsozialismus" - also lauter "hohle Gebilde", die er noch hohler sehen will, und zwischen denen frei flottierend er die neue Staatsgesinnung und Weltanschauung formulieren will.  Aber seine Worte haben eben doch noch einen tieferen Nebensinn, der aus der Rückschau viel mehr zählt, als das damalige Neubasteln einer Weltanschauung für den freimaurerischen Staatsdiener, die kompatibel ist zur kommenden nationalsozialistischen Diktatur und der ihr folgenden "gelenkten Demokratie" staatstragender Eliten.  Auch der Logen-Ideologe Hans Zehrer gewährt einem Einblicke in die Art, wie überstaatliche Geschichtsgestalter Ideologien und damit Geschichte gestalten. Seit zwei Jahrtausenden.

Woher man so sicher weiß, daß Hans Zehrer Angehöriger einflußreicher Logen und Orden war? Nun, würde er sonst so offen davon sprechen (siehe oben) als äußere Organisationsformen dieser Elite? Er selbst würde nur seiner Kirchengemeinde und der Gemeinschaft des "Tat-Kreises" angehört haben, wo sein Verleger Eugen Diederichs Freimaurer war und Ernst Horneffer, der Begründer der "Tat" ebenfalls?

Ist jeder Freimaurer per se ein schlechter Mensch?

Übrigens muß man für manche, die Logen und Männerorden verteidigen, und die voraussetzen, daß man als Kritiker alles in Bausch und Bogen ablehnen würde, was Freimaurer machen, noch einmal feststellen: Natürlich können *auch* Freimaurer gute Dinge tun. Natürlich! Bei so großen Gesellschaften wie der Freimaurerei gibt es die verschiedensten Möglichkeiten. Natürlich ist - etwa - das Lebenswerk eines Eugen Diederichs nicht dadurch infrage gestellt, daß er Freimaurer ist. Ebensowenig wie das Lebenswerk eines Friedrichs II., des Königs von Preußen, eines Lessing, eines Mozart und so weiter.

Es wird schwer zu glauben sein: Aber Kritiker können da sehr wohl differenzieren. Und sie sind auch fähig zu unterstellen, daß gerade auch insgesamt besonders positive Lebensleistungen den Logen sehr willkommen sind, können diese doch - ebenso wie ihre übrige Wohltätigkeits-Aktivitäten - gut darüber hinwegtäuschen, daß womöglich in Logen noch ganz andere Dinge geschehen. Eben solche wie in diesem Beitrag angedeutet. Daß in ihnen Gesellschaften "formiert" werden, auf Linie gebracht werden, "zum Einschwenken" gebracht werden, zum Marsch in Kolonnen gebracht werden ... Wohin? Nun, die Geschichte, die Gegenwart und die sich nur allzu klar andeutende Zukunft unserer Gesellschaft zeigen es.
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  1. Zehrer, Hans: Rechts oder Links? Die Verwirrung der Begriffe. In: Die Tat, Diederichs-Verlag, Jena, 7. Heft, Oktober 1931 (Google Bücher)
  2. Bäumer, Gertrud: Rechts und links? 1931
  3. Triebel, Florian: Der Eugen Diederichs Verlag, 1930-1949: Ein Unternehmen zwischen Kultur und Kalkül. C. H. Beck, München 2004 (Google Bücher)
  4. Ziesel, Kurt: Das verlorene Gewissen. Hinter den Kulissen der Presse, der Literatur und ihrer Machtträger von heute. J. F. Lehmanns Verlag, München 1958 (4. Aufl., 11. - 13. Tsd.) 
  5. Zehrer, Hans: Das Zusammenrücken von Links und Rechts zur Volksgemeinschaft. Hanse Buchwerkstatt, Faksimile-Verlag .·. Wieland Körner, Bremen 2011 [Nachdruck des Zehrer-Aufsatzes "Rechts oder Links" von 1931 unter neuem Titel]

Sonntag, 2. September 2012

Okkulter Zahlenaberglaube in der Kunst kurz vor der Machtergreifung Adolf Hitlers

"1914 - 1923 - 1932 - 1941" - Ein "Schicksalsrad" des Jahres 1932

In früheren Beiträgen hier auf dem Blog haben wir ausführlich die "Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler" behandelt und die zahlreichen Hinweise darauf, daß Adolf Hitler selbst - ganz so wie viele Personen seiner nächsten Umgebung - keineswegs immun gewesen sind gegen Astrologiegläubigkeit, Wahrsagergläubigkeit und ähnliche Dinge. Von um so größerem Interesse wird da, was eigentlich in den damaligen okkulten Kreisen so gedacht wurde, deren Denken nicht ohne Einfluß geblieben ist auf Adolf Hitler selbst und seine nächste Umgebung.

"10 + 5 = Gott" hieß im Jahr 2004 eine Ausstellung des Jüdischen Museums in Berlin (1). Sie machte schon im Titel auf den kabbalistischen Zahlenaberglauben aufmerksam, der im orthodoxen Judentum und auch sonst unter Okkultgläubigen eine nicht geringe Rolle spielt. Ein vierspeichiges "Schicksalsrad", dessen vier Speichen jeweils die römische Zahl XV tragen, veröffentlichte im November 1932 auch die "Österreichische Illustrierte Zeitung" (Abb. 1) (entnommen: 2, S. 132). Und zwar inmitten eines Holzschnittes des Wiener Künstlers Carl Pauer-Arlau (1880 - 1953).

Abb. 1: Carl Pauer-Arlau: "Das Schicksalsrad", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung"
Dieser Holzschnitt ist im Jahr 1939 von dem Hintergrundpolitik-Kritiker Hermann Rehwaldt erneut veröffentlicht worden in seinem Buch "Weissagungen", weil er eine Voraussage enthält für das Jahr 1941. Und Rehwaldt zählt noch viele andere Voraussagen auf, die sich einig sind darin, daß im Jahr 1941 ein großer Krieg beginnen wird.
 
Dieses "Schicksalsrad" des 20. Jahrhunderts von Seiten des Wiener Künstlers Carl Pauer-Arlau beginnt mit seiner Zählung "um 6 Uhr morgens" mit dem Jahr 1914 (Quersumme von 1914 = Gott, bzw. XV). Über ein Schwert und Granateinschläge hinweg wandert es weiter bis "9 Uhr" in das Jahr 1923 (Quersumme von 1923 = Gott, bzw. XV). Von dort wandert es über einen Sowjetstern weiter auf 12 Uhr in die damalige Gegenwart des Jahres 1932 (Quersumme von 1932 = Gott, bzw. XV). Und von dort machen dieses Schicksalsrad, bzw. sein Künstler - im November 1932 - eine klare Prophetie, wenn der Künstler das Schicksalsrad über ein Hakenkreuz hinweg weiterwandern läßt auf 15 Uhr, nämlich in das Jahr 1941 (Quersumme von 1941 = Gott, bzw. XV). 

Gerne wüßte man - denn den Geschichtsablauf unter dem Zeichen des Hakenkreuzes von 1932 bis 1941 kennt man ja und gewinnt damit "Vertrauen" zu den Voraussagefähigkeiten dieses Künstlers -, was der Holzschnitt-Prophet über die Zeit nach 1941, in der das Schicksalsrad von 15 auf 18 Uhr weiterwandert, sagen will. Das ist - leider - schwer zu entziffern. Etwa eine Friedenstaube? Ein "roter Hahn"? - Oder ist es einfach absichtlich schwer zu entziffern?

Abb. 2: Carl Pauer-Arlau: "Vision 'Das Schicksalsrad", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung"
Sieht man sich jedenfalls den Holzschnitt insgesamt an, in dessen Zentrum dieses "Schicksalsrad" steht, sieht man, daß dieses Rad von "mühselig beladenen", mühsam sich dahinschleppenden Menschen angeschoben wird. Mühselig schleppen sie sich vorwärts, fast als wären sie am Zusammenbrechen. Sie rollen das Schicksalsrad durch den Sternenhimmel. Natürlich! Denn nicht die Menschen auf der Erde selbst gestalten ihr Schickal - wenn auch noch so erschöpft. Sondern es rollt von weiter Ferne heran aus dem Sternenhimmel. Womöglich sollen diese Menschen dort oben schon Verstorbene oder "Wiederauferstehende" symbolisieren. Oder gar "Götter" anderer Sphären. Oder aber, klar, hallo: Außerirdische!

Auf diesen Sternenhimmel nun ist im Vordergrund ein Fernrohr gerichtet. Natürlich nicht das Fernrohr eines Astronomen, sondern das eines Okkultgläubigen. Denn gleich neben dem Fernrohr steht unübersehbar der Tierkreis der Astrologen. Der Sterndeuter sitzt vor alledem, starrt in das rollende Schickalsrad, also in das "kommende", heranrollende Hakenkreuz. Und er hat ein Buch aufgeschlagen, auf dem groß darauf steht: 10 + 5 = XV. 

Über der XV steht noch "2 x 2". Auf dieses "2 x 2" kann man sich als okkult "Unbeleckter" noch keinen "Reim" machen. (Darüber gab es noch keine Ausstellung im Jüdischen Museum.) Etwa "2 x 2 = Satan"? Wie auch immer! Hinter dem Lehnstuhl des Astrologen liegt ein Totenschädel. Womöglich, um ihn an seine ariosophisch-völkische Freimaurerloge zu erinnern, in deren Dienst er in die Sterne schauen mag und beobachtet, wie "Außerirdische" (!!!) am Schicksalsrad Europas drehen.

Im Gewölbe des Tempels hängt übrigens ein Leuchter in den Händen einer Meerjungfrau - womöglich hat auch das irgendeinen okkulten Sinnbezug.

Kulturschaffende und Okkultismus

Der Hofastrologe des Reichssicherheitshauptamtes und Heinrich Himmlers persönlich, Wilhelm Wulff, arbeitete hauptberuflich "eigentlich" als Bildhauer. Womöglich hätte er derartige Kunstwerke auch schaffen können. Immer wieder trifft man auf Künstler, die um ihrer okkulten Interessen willen ihre künstlerischen Arbeiten zurückstellen (wie Wilhelm Wulff) oder die neben ihrer Arbeit okkulten Interessen nachgehen. Und die diese Interessen dann gegebenenfalls auch in ihre Kunstwerke einfließen lassen. (Dazu gab es auch hier auf dem Blog schon einige Beispiele.) Zu letzteren scheint also auch der Wiener Künstler Carl Pauer-Arlau (1880 - 1953) gehört zu haben.

Die Angaben im Internet über ihn sind derzeit spärlich. Er wurde, sicherlich als Carl Pauer von Arlau, in Weißkirchen/Mähren geboren und hat lange Jahrzehnte in Wien gelebt und gearbeitet. Eine Übersicht von Kunstwerken von ihm, die derzeit im Netz zugänglich sind, ist in den Anhang dieses Blogbeitrages gestellt (siehe unten). Carl Pauer-Arlau war jedenfalls auch der christlichen Kunst gegenüber aufgeschlossen. Heißt es doch 1935 in der Monatsschrift "Die christliche Kunst" (Google Bücher Ausschnitt):
Pater Rupert Eberhard ließ von Carl Pauer-Arlau das Motiv „Die Mutter Gottes löst die Dornenkrone" bildlich gestalten. Pauer-Arlau, der sich durch seinen Holzschnitt-Zyklus „Die Predigt in Bildern" in Kunstkreisen einen guten Namen ....
Mehr läßt der Google-Bücher-Ausschnitt derzeit an Textstudium nicht zu. Jedenfalls kann man sich denken, daß Pauer-Arlau nicht nur Auftraggeber in katholisch-kirchlichen Kreisen hatte, sondern auch - wie gleich noch deutlicher werden wird - in den Kreisen von Okkultlogen. Wobei natürlich auch ein breites Übergangsfeld zwischen Katholizismus, Okkultismus und (Schicksalsräder-drehenden) Männerorden gibt.

"Österreichs Illustrierte Zeitung", in der dieser und noch weitere Holzschnitte von Pauer-Arlau im November 1932 erschienen, war keineswegs eine "Winkelpostille". Sie war weder eine astrologische "Fach"zeitschrift, noch ein Logenblatt. Sie war schlicht eine der meistgelesenen Illustrierten Österreichs in jener Zeit. Sie erschien von 1894 bis 1938 (auch unter dem Titel "Wiener Illustrierte Zeitung"). Ab 1899 nannte sie sich im Untertitel "belletristisches", ab 1922 "modernes", ab 1923 "deutsches Familienblatt". Ab 1936 "Wochenschrift für alle österreichischen Belange". Als Beilage enthielt sie eine "Kunst-Revue". Also eine der vielen beliebten "Illustrierten Zeitungen" der Zeit vor 1945. Und blättert man sich zugängliche Jahrgänge durch, allemal gehaltvoller, als die "Regenbogenpresse" von heute.

Offenbar hat sie nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 ihr Erscheinen eingestellt oder einstellen müssen. Was - ebenso wie der Titel ab 1936 - auf eine recht starke Nähe dieser Zeitschrift zum österreichischen Klerikalfaschismus hindeuten könnte. Und warum sollte man nicht gerade in solchen Kreisen auch besonders okkult gedacht haben?
 
Abb. 3: Als Beispiel - Eine Titelseite der "Wienern Illustrierten Zeitung" (vom 11. 9. 1921)
"Okkulter Kitsch"

Von "Österreichs Illustrierter Zeitung" erschienen im Jahr 1932 halbmonatlich insgesamt 24 Hefte. Mit mindestens zwei anderen Holzschnitten von Pauer-Arlau war das Heft Nr. 23 vom November 1932 geschmückt. Aber schon ein Heft zuvor, im Heft 22, war - womöglich "vorbereitend" - ein Holzschnitt Pauer-Arlau's erschienen (s. Abb. 4) (2, S. 20).

Abb. 4: Carl Pauer-Arlau: "Salomon und Sibylle", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung"
Die biblische Seherin Sibylle in der Mitte prophezeit dem sagenhaften biblischen König Salomon, der rechts sitzt. Im Vordergrund sitzt womöglich der gleiche okkultgläubige, wahrsagergläubige, astrologiegläubige Schreiber und "Studierende", den wir schon von der "Vision 'Das Schicksalsrad'" aus Abb. 2 kennen (ein Selbstbildnis Pauer-Arlau's?). Sitzt die Sibylle auf einem Dreibein - oder um was für ein Gerüst handelt es sich vor ihr? Auf jeden Fall steht hinter ihr die Sonne so, daß der Eindruck eines buddhistischen Heiligenscheines erweckt wird. Auch die den Holzschnitt umgebenden und allerwärts schmückenden Schriftzeichen muten zumeist mehr östlich-orientalisch als europäisch an. Über der Sibylle dreht übrigens wieder ein "himmlischer" Mensch am vierspeichigen Schicksalsrad Europas oder der Menschheit.

Auch dieser Holzschnitt ist also, wie man sieht, "voller Zeichen und Wunder". Es soll ja auch ein "wundervoller" Orakelspruch dargestellt sein.  Der hintergrundpolitikkritische Autor Hermann Rehwaldt, der vor einem neuen Weltkrieg warnen will, der für das "Schickalsjahr" 1941 angekündigt ist, bringt diese Holzschnitte in seinem kurz vor Kriegsausbruch 1939 erschienenen und deshalb bis heute keineswegs unbedeutend gewordenen Buch "Weissagungen" und schreibt zu dem Holzschnitt "Salomon und Sibylle" (2, S. 20):
Diese Seite aus "Österreichs Illustrierter Zeitung" vom November 1932 kann die Geisteskost des "christlichen Ständestaates" und der "Vatikan-Kolonie" Deutschösterreich der Dollfuß-Schuschnigg-Zeit veranschaulichen. Hier schwelgt der Zeichner in der vollkommen induziert irren Kabbalistik des 6. und 7. Buches Moses. Ein (...) okkulter Kitsch, der lediglich den finsteren Zielen der "Weisen von Tibet" - und von Zion, sowie des okkulten Jesuitenordens - dient.
Diese Deutung klingt plausibel und wäre interessant, daß so viele westliche und östliche "esoterische" Geistesströmungen und Priesterkasten zugleich Einfluß zu nehmen auf die künstlerische Darstellung dieses Künstlers. Haben klerikalfaschistische Kreise auf diese Weise auch zwei konkurrierende Priesterkasten "mit ins Boot" nehmen wollen? So wie es im gleichen Jahr 1932 ja auch rund um die Machtergreifung Adolf Hitlers geschehen ist? Die vorausgesagt und ermöglicht worden ist durch Astrologen (Hanussen), Freimaurer (Schacht, von Papen), katholisches Zentrum und wohl nicht zuletzt auch durch allerhand "Weise von Tibet" ... - ?  

Abb. 5: Carl Pauer-Arlau: "Materialismus", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung" (s.a. Ebay)
Zu dem weiteren Holzschnitt "Materialismus" des Heftes 23 von "Österreichs Illustrierter Zeitung" des Jahres 1932 schreibt Hermann Rehwaldt (2, S. 137):
Dieses (...) Bild zeigt die okkulte Auffassung des Fischezeitalters. Christus, Alkohol, Nikotin, Geldwirtschaft, Dirnenwesen - das sind nach dieser Auffassung die Merkmale des Fischäons, die kurz und bündig mit Materialsimus bezeichnet werden und im Wassermannzeitalter "überwunden" werden sollen.
Und zum Übergang vom Fischzeitalter zum Wassermannzeitalter "muß" eben dieses Schicksalsrad gedreht werden - - - über Schwert, Granateinschläge, Sowjetstern, Hakenkreuz und sonstige "Geburtswehen" eines neuen Zeitalters hinweg. Wie Rehwaldt erläutert an anderer Stelle anhand der Schriften von damaligen Okkultgläubigen wie Hans Kunkel ("Das große Jahr", 1922) oder Karl Strünckmann ("Adolf Hitler und die Kommenden", 1932), letzterer sicherlich einer der vielen buddhistischen "Weisen aus Tibet".

Abb. 6: Carl Pauer-Arlau: "Der Tanz um das goldene Kalb", November 1932 in "Österreichs Illustrierter Zeitung"
Und auch zu dem Holzschnitt "Der Tanz um das goldene Kalb" des Heftes 23 von 1932 schreibt Hermann Rehwaldt (2, S. 139):
Dieser "Tanz um das goldene Kalb" (...) veranschaulicht den Übergang vom Fischezeitalter zum Wassermannzeitalter. Während im Abendland der wehrhafte Mensch (Offizier) Christus gegenüber ans Kreuz genagelt und orgiastische Tänze um das goldene Kalb-Kapital aufgeführt werden, geistert im Hintergrunde die Asiatenfratze der auferstehenden "goldenen Horde" des mongolischen Propheten Gaimar als Symbol der Vergeltung und Erlösung der sündigen Welt und ihrer restlosen Unterwerfung unter die Gewalt des "Herrn der Welt".
Tatsächlich liegen unter dem linken Kreuz ein mittelalterlich oder frühneuzeitlich anmutender Helm - oder ist es ein Stahlhelm des Ersten Weltkrieges? - und ein Degen. Auf dem linken Kreuz sind die Buchstaben "Offiz" zu erkennen. Und tatsächlich trägt die "Asiatenfratze" ein geflochtetes Mongolen- oder Asiaten-"Schwänzchen" als Haarschmuck. Wäre also für die Zeit nach 1941 innerhalb des eingangs behandelten Schicksalsrades eine solche Asiatenfratze hinzuzudenken?

In jener Zeit erwartete ja auch der einflußreiche Hochgradfreimaurer und völkische Okkultschriftsteller und Logengründer Paul Köthner eine Eroberung Europas "durch Asien" in seinem Okkultroman "Pandaimonion" (wozu noch Beiträge hier auf diesem Blog erscheinen sollen). - Diese Holzschnitte zeigen jedenfalls eine düstere Welterfahrung auf und lassen nicht den Eindruck aufkommen, als ob Okkultgläubige und Okkultlogen im Jahr 1932 besonders viel besonders Günstiges für die Zukunft des Menschen des europäischen Erdteils vorauszusagen hatten. Oder sicherlich angemessener gesagt: in Planung hatten.

(etwas überarbeitet 24.5.2013, 13.41h)
______________________
  1. Tyradellis, Daniel (Hg); Friedlander, Michel S. (Hg): 10 + 5 = Gott: Die Macht der Zeichen.  Dumont Buchverlag, Köln 2004 (318 S.)
  2. Rehwaldt, Hermann: Weissagungen. Ludendorffs Verlag, München (August) 1939
  3. Coster, Charles de: Herr Malewin. Mit Mit (einschl. Titel) 15 blattgr. Original-Holzschnitten von Carl Pauer-Arlau. Arthur Wolf, Wien 1921 (97 S.)  
  4. Pauer-Arlau, Carl: Was ist Original-Graphik? Wander-Ausstellung. 1933 (140 S.) 

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