Samstag, 29. Juli 2017

Dienen Menschenopfer der Stabilisierung menschlicher Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?


Neue Forschungsergebnisse zur Funktion von kultischen Männerbünden und Menschenopfern

Im folgenden wird auf zwei neue Themenkomplexe innerhalb der Wissenschaft hingewiesen:
  1. Kultische Geheimbünde - Haben sie indogermanische Ursprünge?
  2. Dienen Menschenopfer der Stabilisierung hierarchischer Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?
  3.  

1. Kultische Geheimbünde - Haben sie indogermanische Ursprünge?  


Männerbünde und -orden ebenso wie Männer-Geheimbünde und Männer-Geheimorden sind niemals schärfer in der Geschichte kritisiert worden als durch die deutsche völkische Bewegung der 1920er Jahre und innerhalb derselben selten schärfer als durch das Ehepaar Erich und Mathilde Ludendorff der 1920er und 1930er Jahre. In jener Zeit wurde die Rolle der Freimaurerei für die Herbeiführung, den Ausbruch, den Verlauf und das Ende des Ersten Weltkrieges sehr umfangreich erörtert und kritisiert. Es wurde unterstellt, sie würde durch Krieg und Revolutionen versuchen, die "Weltrepublik" herbeizuführen und die gewachsenen Völker und Kulturen zu zerstören und in eine asiatisch-negroide Zukunftsrasse umzuwandeln. Dasselbe unterstellte man dem Jesuitenorden und der katholischen Kirche. Und dasselbe unterstellte man - vor allem in den 1930er Jahren - auch östlich-esoterisch ausgerichteten Männerorden und Priesterkasten, die auf den Dalai Lama als äußeres Oberhaupt hin ausgerichtet seien.

Man stellte diesbezüglich auch bald fest, daß nicht nur das gesamte politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben zu großen Teilen von solchen Geheim-Orden und -Bünden, ihren öffentlich bekannten Ablegern unterwandert worden war, wenn nicht gar in wesentlichen Teilen erst hervorgerufen wurde und von den ihnen zugehörigen Astrologen beraten wurde, sondern daß dies insbesondere auch für die rechtskonservative Szene und die völkische Bewegung selbst gälte. Und so machte man schließlich diese Geheimbünde auch für die Machtergreifung der Nationalsozialisten verantwortlich, dessen Verbrechen und leichtfertiges Mit-dem-Krieg-Spielen man als ein beabsichtigtes Hijacking, eine Entführung des ursprünglichen völkischen Gedankens begriff, natürlich um ihn zu diskreditieren.

Aufgrund dieser vorherrschenden Stimmung in der damaligen völkischen Bewegung mußten sich hinwiederum die Nationalsozialisten, wenn sie erfolgreich sein wollten, nach außen und insbesondere auch gegenüber der eigenen Anhängerschaft das Aussehen geben, als ob sie die Freimaurerei und die katholische Kirche und den mit ihnen einhergehenden Okkultismus bekämpfen würden. Deshalb wurde die Freimaurerei offiziell im Dritten Reich verboten. Alle Männerbünde versuchten aber während des Dritten Reiches ein Verbot ihrer selbst und ihre sonstige Bekämpfung zu verhindern und zu unterlaufen, indem sie sich nach außen hin als "völkisch" tarnten und schließlich, indem sie den Männerbund-Gedanken kurzum als einen völkischen Gedanken propagierten.

Otto Höfler gegen Bernhard Kummer - 1933  bis 1945


Als solche Propagandisten spielten mehrere Autoren eine Rolle, keiner aber eine größere als der österreichische Katholik Otto Höfler (1901-1987) (Wiki). Dieser hat sich 1931 mit seinem Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen" in Wien habilitiert und es 1934 erscheinen lassen - und zwar mit der ganz bewußten Absicht, den kultischen Geheimbund als etwas "Echt-Deutsches", "Echt-Germanisches" dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich unterzuschieben (1). Otto Höfler wurde deshalb auch durch eine breite Strömung innerhalb der nationalsozialistischen Partei gefördert und ließ sich von ihr fördern. Insbesondere im Männerorden SS selbst berief man sich auf den in diesem Buch behandelten Gedanken, daß schon die heidnischen Germanen "kultische Geheimbünde" gekannt hätten, die sogenannten "Einherrier". Und daran wollte man innerhalb der SS anknüpfen. Auch noch in der rechtskatholischen Zeitschrift "Sezession" wurde Otto Höfler als ernst zu nehmender Autor behandelt.

Abb. 1: Bernhard Kummer
Diesem Otto Höfler nun und der von ihm repräsentierten Geistesströmung stellte sich der deutsche Nordist Bernhard Kummer (1897-1962) (Wiki, engl.) entgegen, der der Ludendorff-Bewegung vor und nach 1945 sehr nahe stand, und der sich scharf gegen die Unterstellung aussprach, daß es bei den heidnischen Germanen kultische Männerbünde gegeben habe. Auf dem englischen Wikipedia-Artikel zu Bernhard Kummer ist sein Konflikt mit der SS ausführlicher dargestellt als auf dem deutschen:
Kummer's academic career was retarded by a conflict with Otto Höfler which became part of the conflict between the Ahnenerbe and the Amt Rosenberg, with which Kummer was affiliated. Höfler originally fanned the flames of their disagreement with a dismissive treatment of Kummer's work in his Kultische Geheimbünde der Germanen (1934), but Kummer fought back "with almost every weapon he could get." Kummer attacked Höfler's version of the Germanic Continuity Theory as based on the equation of the ancient Teutons with primitives and therefore inherently denigratory. He accused the Catholic Höfler, whose work emphasises initiatory cults and secret societies, of "an un-Nordic predilection for strange rites and ecstatic practices". Höfler was able to point out the potential destructiveness of such sectarianism in the Third Reich, and his viewpoint easily supported the notion of National Socialism as the culmination of Germanic history, whereas Kummer had to resort to a reawakening of suppressed cultural forces. Heinrich Himmler intervened in the quarrel and Kummer was forced to withdrew his attacks on Höfler and resign from the journal Nordische Stimmen, which he had founded; only then did his academic career advance.
Zu diesen Auseinandersetzungen hat der Tübinger Gerd Simon viele Dokumente zugänglich gemacht (2). Bernhard Kummer stand in diesem Kampf fast als "Einzelkämpfer" gegen die gesamte Staatsmacht, insbesondere gegen die SS. Wie er sich zu diesen Fragen gedanklich positionierte, hat er in den 1950er Jahren noch einmal in seiner Schrift "Gott Odin - Ein Chronist und sein Gefolge" dargestellt (3). Der Gott Odin war für ihn der Völkerwanderungsgott, ein Gott, der nicht zum ursprünglichen Kanon der Indogermanen und Germanen gehörte, sondern erst sehr viel später eingeführt worden sei. Er würde ganz ungermanische Züge tragen und mit ihm sei viel ungermanisches Geistesgut in die germanische Welt hineingeraten. All das hätte sie aufnahmebereiter gemacht für das Christentum und das damit verbundene Männerordens- und Priester-Prinzip, das den einzelnen Menschen aus Sippe und Familie heraus löst. Um das zu belegen, wurde auf viele Bibelzitate zurückgegriffen, etwa auf Matthäus 10.37 ("Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, ist mein nicht wert.").

Rituelle Hunde-Tötungen bei den Indogermanen - 1.900 bis 1.700 v. Ztr.


In einer soeben veröffentlichten Studie des Archäologen und derzeit angesehendsten archäologischen Indogermanen-Forschers David Anthony (4) werden Funde präsentiert, nach denen in der Urheimat der Indogermanen in der Zeit nach den ersten großen Abwanderungen der Indogermanen nach Süden (4.600 v. Ztr. nach Varna in Bulgarien, 4.000 v. Ztr. nach Maikop nördlich des Kaukasus), nach Westen (2.500 v. Ztr. als Schnurkeramiker/Glockenbecherleute in Mitteleuropa) und nach Osten (als Arier in Nordindien, als Perser in Persien), also in der Zeit 1.900 bis 1.700 v. Ztr. in der Winterzeit Hunde rituell getötet worden wären (5). Und Anthony stellt diesen Befund nun in einen großen Zusammenhang, nach dem es indogermanisches Gemeingut gewesen wäre, daß es jugendliche "Kriegsbanden" gegeben hätte, die in großer Wildheit gelebt hätten und große Freiheit gehabt hätten und die Einweihungsrituale hätten durchlaufen müssen, in denen Wölfe und Hunde eine Rolle gespielt hätten. Anthony erinnert in diesem Zusammenhang an die - in diesem Zusammenhang vergleichsweise harmlosen - Lupercalien (Wiki) in Rom, beruft sich aber überhaupt auf eine vielfältige Forschungsliteratur seit 1945 zu den indogermanischen Mythen und Überlieferungen rund um diese Fragen, also auf Forschungsliteratur, so scheint es, in den Fußstapfen von Otto Höfeler.

Es steht außer Zweifel, daß es auch heute noch völkische, logenartige, "ariosophische" "Bünde" gibt, die sich auf solche Forschungen berufen werden, wenn sie die Arbeiten in ihren eigenen völkischen Geheimlogen weiter betreiben werden. Man denke etwa an die Ariosophische Bruderschaft, in deren Thüringer Umfeld sich doch offenbar auch der Politiker Björn Höcke von der AfD zu bewegen scheint, was um so naheliegender ist, wenn er - wofür fast alles spricht - unter dem Pseudonym "Landolf Ladig" geschrieben haben sollte, was deutlich genug auf die Thule-Okkult-Romane des ariosphischen, SS-nahen Okkultautors Wilhelm Landig (Wiki) zurück weisen würde.

Also gälte es einmal aufs Neue, in der Forschung scharf abzugrenzen, was dort wirklich sichere Erkenntnis ist und was Interpretation ist. Dazu müßte man die von Anthony angeführte Literatur sehr genau studieren. Wozu gerne aufgefordert sein soll. Beiträge zu diesen Fragen nehmen wir gerne für diesen Blog entgegen.

Gleichgültig, welches Ergebnis eine solche Untersuchung hätte, wäre natürlich im übrigen sowieso zu sagen, daß wir heutigen Nachkommen der Indogermanen uns nicht mit allen Verhaltensgewohnheiten unserer Vorfahren identifizieren können und wollen, sondern daß hier - wie immer - ausgewählt werden muß vom Standpunkt der heutigen Zeit, was erhaltenswürdig oder erneuerungswürdig wäre und was einfach Bestandteil früherer Zeiten war, und was heute nicht mehr zeitgemäß wäre.

Es deutet sich aber wohl schon von vornherein an, daß die kultischen und Lebens-Gewohnheiten der indogermanischen Völker von solcher Vielfalt waren, daß man einerseits als heutige verquastete Okkultloge immer irgendeinen Anknüpfungspunkt finden wird und sei er noch so konstruiert, und andererseits, daß diese niemals unter der Drohung von Todesstrafe mittels Geheimgerichtsbarkeit einem solchen totalitären Gehorsams-Prinzip unterworfen waren wie dies in von monotheistischem Geist Schwarzer Pädagogik geprägten Okkultlogen des 20. Jahrhunderts vom Jesuitenorden über die Freimaurerei bis hin zur tibetischen Priesterschaft hin üblich ist, verbunden mit all der Pädokriminalität und all dem elitären Satanismus, der dafür als "notwendig" erachtet zu werden scheint. Aus allen indogermanischen Kulturen spricht ein ganz anderer Geist. Insofern fragt man sich dann auch so ganz allmählich, welche Agenda eigentlich - - - David Anthony zu verfolgen scheint.

2. Dienen Menschenopfer der Stabilisierung hierarchischer Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?


Möglicherweise noch um manches spannender aber wird es, wenn man in der Zusammenfassung einer weiteren aktuellen Forschungsstudie von den Autoren Russell D. Graya und Joseph Watts aus dem Bereich der Evolutionären Anthropologie einen Satz wie den folgenden liest (6):
Ritual human sacrifice does play a causal role in promoting and sustaining the evolution of stratified societies by maintaining and legitimizing the power of elites.
Also: Rituelle Menschenopfer bedingen ursächlich die Förderung und Aufrechterhaltung der Evolution hierarchischer Gesellschaften, indem sie die Macht der Eliten befestigen und legitimieren.
Boah. Dieser Satz haut einen um. Der Satz stammt von jenen Forschern, die zuvor schon - 2015 - die Rolle von ("übernatürlichen") personalen Gottheiten ("supernatural" "big gods", "großen Göttern") für die Entstehung komplexer Gesellschaften erforscht hatten. Ihre diesbezüglichen Studien seit 2015 sind in ihrem Literaturverzeichnis angeführt. Da es sich bei diesen Forschungen um sehr ernstzunehmende Studien handelt aus dem Bereich der "third-party-punishment"-Theorien zur Erklärung der Entstehung von Altruismus in menschlichen Gesellschaften, dürfte er erhebliches Gewicht haben. Und im Text der Studie heißt es dazu dann ausführlicher (6):
Religious narratives in early human societies often legitimize the authority of those in power and involve rituals that benefit the elite at the expense of underclasses (64). A particularly gruesome example is the practice of ritualized human sacrifice that occurred in early human societies throughout the world (64–68). According to the Social Control Hypothesis (64, 66, 68), ritualized human sacrifice was used by social elites as a religiously sanctioned means of terrifying underclasses into obedience.
Zu Deutsch: Religiöse Narrative in frühen menschlichen Gesellschaften legitimieren häufig die Autorität der Machthaber und schließen Rituale mit ein, die der Elite nützen auf Kosten der Unterschichten (64). Ein besonders schreckliches Beispiel ist die Praxis ritueller Menschenopfer, die in frühen menschlichen Gesellschaften rund um die Erde aufgetreten sind (64-68). Gemäß der "Soziale Kontrolle-Hypothese" (64, 66, 68) wurden rituelle Menschenopfer von sozialen Eliten benutzt als eine religiös sanktionierte Methode, um die Unterschichten einzuschüchtern und zum Gehorsam zu bringen.  
_____________________________
64. Carrasco D  (1999) City of Sacrifice: The Aztec empire and the role of violence in civilization (Beacon, Boston)
65. Bremmer JN  (2007) The Strange World of Human Sacrifice (Peeters, Leuven, Belgium)
66. Turner CG, Turner JA  (1999) Man Corn: Cannibalism and Violence in the Prehistoric American Southwest (Univ of Utah Press, Salt Lake City)
67. Girard R  (1987) Violent origins: Ritual killing and cultural formation. Violent Origins, eds Hamerton-Kelly R, Burkert W, Girard R, Smith J (Stanford Univ Press, Stanford, CA), pp 73–105
68. Winkelman M  (2014) Political and demograpic-ecological determinants of institutionalised human sacrifice. Anthropol Forum 24:47–70
Das ist eine schrille These. Sie beruft sich auf eigene Forschungen an 93 traditionellen austronesischen Gesellschaften, die im letzten Jahr veröffentlicht worden sind. In der Zusammenfassung derselben heißt es (7):
We find strong support for models in which human sacrifice stabilizes social stratification once stratification has arisen, and promotes a shift to strictly inherited class systems. Whilst evolutionary theories of religion have focused on the functionality of prosocial and moral beliefs, our results reveal a darker link between religion and the evolution of modern hierarchical societies.
Zu Deutsch: Wir finden starke Belege für Modelle, in denen Menschenopfer die soziale Hierarchie stabilisieren, wenn sie erst einmal entstanden ist, und daß sie den Übergang zu streng erblichen Klassensystemen fördern. Während evolutionäre Theorien der Religion bislang ihr Augenmerk auf die Funktionalität von prosozialen und moralischen Glaubensinhalten gelegt haben, decken unsere Forschungsergebnisse eine dunklere Verbindung zwischen der Religion und der Evolution moderner hierarchischer Gesellschaften auf.
Und in ihrem neuesten Aufsatz schreiben sie dazu weiter (6):
We found human sacrifice to have been remarkably common in traditional cultures, occurring in almost half of those sampled. Typically, social elites orchestrated the sacrifices, with social underclasses becoming the victims. The results of our analyses showed that human sacrifice coevolved with social stratification and functioned to stabilize social inequality in general, as well as facilitated the emergence of rigid class systems. This result does not imply that human sacrifice was necessarily functional for the whole group, nor that it would have these effects in modern societies, which have developed more sophisticated methods of sustaining social inequality. What our results do show is that ritual human sacrifice was used by social elites as a tool to maintain their social standing in the early stages of social complexity.
Rot markiert wurden hier Ausführungen deshalb, weil die Forscher hier ausdrücklich auf Distanz gehen zur eventuellen Rechtfertigung von Menschenopfern zur Aufrechterhaltung von gesellschaftlicher Stabilität in modernen Gesellschaften.  In der Studie von 2016 heißt es im Text (7):
Evidence  of human sacrifice was observed in 40 of the 93 cultures sampled (43%).  Human sacrifice was practiced in 5 of the 20 egalitarian societies (25%),  17 of the 46 moderately stratified societies (37%), and 18 of the 27  highly stratified societies (67%) sampled.
Zu Deutsch: Belege für Menschenopfer wurden in 40 der 93 Kulturen gefunden, die ausgewertet worden sind (43%). Menschenopfer wurden praktiziert in 5 von 20 egalitären Gesellschaften (25%), in 17 von 46 moderat hierarchisch gegliederten Gesellschaften (37%) und in 18 der 27 stark hierarchisch gegliederten Gesellschaften (67%). 
Und sie illustrieren diese Zahlenangaben mit folgenden Ausführungen (7):
The practice of human sacrifice was widespread throughout traditional Austronesian cultures. Common occasions for human sacrifice in these  societies included the breach of taboo or custom, the funeral of an  important chief, and the consecration of a newly built house or boat. Ethnographic descriptions highlight that the sacrificial victims were typically of low social status, such as slaves, and the instigators were of  high social status, such as priests and chiefs. The methods of sacrifice included burning, drowning, strangulation, bludgeoning, burial,  being crushed under a newly built canoe, being cut to pieces, as well as  being rolled off the roof of a house and then decapitated.

Kritische Einwände und weiterführende Gedanken zu dieser Studie


Nun ist zunächst zu sagen, daß 43 % von allen Gesellschaften ein häufiges Vorkommen ist. Aber mehrheitlich sind auch traditionelle austronesische Gesellschaften frei von Menschenopfern gewesen. Das heißt schon einmal: Es geht durchaus auch ohne. Punkt. Weiterhin ist zu sagen, daß die Korrelation von Menschenopfern mit stark hierarchischen Gesellschaften zwar vorhanden ist, aber ebenfalls nicht besonders stark ausgeprägt ist. Das heißt: Auch stark hierarchisch strukturierte Gesellschaften können ohne Menschenopfer funktionieren. 33 % können das. Das sind doch schon einmal wichtige Fakten.

Soweit man das in Erinnerung hat, begreifen sich durchgängig Menschen eines Stammes auch in Austronesien als Menschen eines Stammes und nicht zuerst als Angehörige einer Schicht innerhalb dieses Stammes (Oberschicht oder Unterschicht). Die Bewertung der Angehörigkeit zu einer Schicht oder Klasse als bedeutsamer denn die Angehörigkeit zu einem Stamm ist eine außerordentlich moderne Bewertung, die natürlich vor allem auf Karl Marx zurück geht ("Arbeiter aller Länder vereinigt euch!"). Eine streng hierarchisch gegliederte Gesellschaft war gewiß zum Beispiel die traditionelle indische. Aber bekanntlich haben hier die "Kasten" oftmals quasi-ethnischen Charakter. Außerdem weiß man gut, daß als Menschenopfer auch sonst oft Kriegsgefangene benutzt wurden oder eben Sklaven, die vormals auch Kriegsgefangene gewesen sein können, also jeweils Angehörige ursprünglich eines anderen Stammes. Ebenso wurden sicherlich überdurchschnittlich oft Verhaltensauffällige "geopfert", die sich gegen herrschende Sitten oder Gesetze verbrochen haben. (Das nimmt man ja zum Beispiel mit guten Gründen von vielen germanischen "Mooropfern" an.) In diesem Fall wäre zu fragen, ob die Funktion des "Opfers" wirklich so stark hervorzuheben ist gegenüber der Funktion schlicht der "Strafe" (in diesem Fall eben der Todesstrafe). Aber das sind letztlich alles Detail-Diskussionen, die natürlich jetzt zu führen sind.

Insgesamt ist es jedenfalls auffällig, daß die Autoren Oberschichten und Unterschichten einander so kraß gegenüber stellen wie man das selten aus völkerkundlichen Berichten selbst heraus liest, zumal aus dem austronesischen Raum. Man glaubt gerade angesichts dieser Tatsache deutlich zu spüren, daß die Autoren sich über den elitären Satanismus und die elitäre Pädokriminalität im Umfeld der heutigen organisierten Kriminalität und Regierungskriminalität auf höchsten Regierungs- und Geheimdienstebenen auf der Nordhalbkugel so wie sie hier auf dem Blog seit 2011 zur Genüge behandelt worden sind, für die Namen wie Dutroux in Belgien und Jimmy Savile in Großbritannien stehen und wie sie - weitgehend erfolglos - versucht wurden, etwa von Renate Rennenbach (SPD) im deutschen Bundestag zur Sprache zu bringen (von anderen im britischen Parlament oder sonstigen Volksvertretungen) schon informiert haben. Über jene organisierte Pädokriminalität also, die - nach einigen Berichten in den alternativen Medien - neuerdings sehr deutlich auch Wladimir Putin zur Sprache gebracht haben soll als Problem der US-amerikanischen Eliten. Wobei Putin allerdings selbst von dem so spektakulär in Großbritannien ermordeten russischen Journalisten Alexander Litwinenko - und mit glaubwürdigen Argumenten - der Pädokriminalität beschuldigt worden ist. Diese traut man einem Politiker durchaus zu, der sich von politischen Beratern wie Alexander Dugin beraten läßt, der Okkultlogen verherrlicht, man traut sie einem Politiker zu, der über Tschetschenien ein Terrorregime verhängt hat, der dort seit Jahren einen Völkermord begeht wie er einigermaßen beispiellos ist für das beginnende 21. Jahrhundert.

Sicher ist jedenfalls, daß schon die Stadtdespoten des vorkeramischen Neolithikums im Levanteraum (PPNB), von deren einigermaßen zur Grausamkeit fähigen Gesichtszügen man sich über die sogenannten "plastered skulls" einen hinreichenden Eindruck verschaffen kann, und die ebenso grausam aussehende Kaffeebohnen-Augen-Göttinnen verehrten, Menschenopfer begangen haben. (So wurde zum Beispiel auf dem Boden eines Brunnens das Skelett eines Kleinkindes gefunden, das mit dem Gesicht nach unten lag und das alle Anzeichen eines bewußten Menschenopfers aufwies.) Zu solchen autoritär regierten Despotien passen Menschenopfer sicherlich besonders gut und in solchen Gesellschaften haben Menschenopfer sicher jene Rolle gespielt, die die Autoren als "notwendig" zur Aufrechterhaltung der Stabilität vieler Gesellschaften der Menschheitsgeschichte ansprechen.

Außerdem sei noch als auffällig erwähnt, daß die Autoren gar nicht mitzuberücksichtigen scheinen, daß Menschenopfer, ausgeführt durch "Eliten" natürlich zugleich auch dazu dienen, andere Angehörige der Elite selbst einzuschüchtern. Merkwürdig und auffällig genug auch das Übersehen dieser Funktionalität.

Und weiterhin wird - soweit übersehbar - nicht der "Teufelskreis" erörtert, der bezüglich solcher Gebräuche dadurch entsteht, daß Menschen, die in ihrer Kindheit traumatische Erfahrungen erlebt haben, etwa indem sie rituellen Menschentötungen beiwohnen oder gar als Mittäter herangezogen werden, besonders leicht dazu neigen, als Erwachsene selbst wieder anderen Traumata zuzufügen, und daß es vergleichsweise schwer für solche Menschen ist, aus solchen Teufelskreisen auszubrechen, zumal wenn eben der allgemeine kulturelle Einschüchterungsgrad dermaßen hoch ist wie er ja auch hier angenommen wird.

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  1. Höfler, Otto: Kultische Geheimbünde der Germanen. Diesterweg, Frankfurt 1934 – nur Band 1 erschienen. ( Habilitationsschrift an der Universität Wien aus dem Jahr 1931 mit dem Titel "Totenheer - Kultbund - Fastnachtsspiel".)
  2. Simon, Gerd: Homepage, https://homepages.uni-tuebingen.de//gerd.simon/, u.a. pdf
  3. Kummer, Bernhard: Gott Odin - Sein Chronist und sein Gefolge. Ein missionsgeschichtliches Problem und eine politische Gefahr. Mit einem Nachtrag: Zur Textkritik der ersten Eddastrophe. 2. Auflage, Verlag der Forschungsfragen unserer Zeit, Zeven 1967
  4. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen Wie entstanden die modernen europäischen Völker?  - Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand. Auf: Studium generale, 2. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  5. Anthony, David; Brown, Dorcas: The dogs of war - A Bronze Age initiation ritual in the Russian steppes. In: Journal of Anthropological Archaeology, 2017, https://www.academia.edu/34065125/The_dogs_of_war_A_Bronze_Age_initiation_ritual_in_the_Russian_steppes  
  6. Russell D. Graya and Joseph Watts: Cultural macroevolution matters. In: PNAS, July 25, 2017 vol. 114 no. 30, http://www.pnas.org/content/114/30/7846.full
  7. Watts, Joseph; Oliver Sheehan,    Quentin D. Atkinson,    Joseph Bulbulia    & Russell D. Gray: Ritual human sacrifice promoted and sustained the evolution of stratified societies. In: Nature     532,     228–231     (14 April 2016), https://www.nature.com/nature/journal/v532/n7598/abs/nature17159.html

Kommentare:

filmdenken.de hat gesagt…

Ein wichtiger Beitrag zur Begriffsbildung. Mit dieser Denke haben wir wohl zu tun. Ohne sie zu thematisieren, sind Alternativen ja gar nicht zu entwickeln.

Ingo Bading hat gesagt…

Ja, Du hast recht, mit dieser Studie rückt die ganze Problematik auf eine ganz neue Ebene der wissenschaftlichen Erörterung. Man darf sehr gespannt sein, wie sich diese entwickelt, zumal wenn traditionelle Kulturen aus anderen Weltteilen mit in die Erörterung einbezogen werden und insbesondere wenn auch die psychologischen Mechanismen noch genauer ausgelotet werden, die hier am Werk sind. Gerade um der letzteren willen habe ich im Blogbeitrag gerade noch zwei letzte Absätze eingefügt:

>>Als auffällig sei erwähnt, daß die Autoren gar nicht mitzuberücksichtigen scheinen, daß Menschenopfer, ausgeführt durch "Eliten" natürlich zugleich auch dazu dienen, andere Angehörige der Elite selbst einzuschüchtern. Merkwürdig und auffällig genug auch das Übersehen dieser Funktionalität.

Und weiterhin wird - soweit übersehbar - nicht der "Teufelskreis" erörtert, der bezüglich solcher Gebräuche dadurch entsteht, daß Menschen, die in ihrer Kindheit traumatische Erfahrungen erlebt haben, etwa indem sie rituellen Menschentötungen beiwohnen oder gar als Mittäter herangezogen werden, besonders leicht dazu neigen, als Erwachsene selbst wieder anderen Traumata zuzufügen, und daß es vergleichsweise schwer für solche Menschen ist, aus solchen Teufelskreisen auszubrechen, zumal wenn eben der allgemeine kulturelle Einschüchterungsgrad dermaßen hoch ist wie er ja auch hier angenommen wird.<<

Ingo Bading hat gesagt…

Von der reinen Faktenlage her steht die These, daß es bei den Indogermanen in der Steppe rituelle Hunde-Tötungen gegeben hätte, auf außerordentlich dünnen Füßen.

Es wird zunächst interessanterweise angeführt, daß in dieser Zeitstellung (1.900 v. Ztr.) bei den indogermanischen Völkern der Steppe NUR und ausschließlich Fleisch gegessen wurde, keinerlei angebautes Getreide: "Srubnaya settlements in the Volga-Ural steppes exhibited no agriculture, a strong reliance onmeat and dairy foods, and some evidence for wild seed." Das ist schon einmal für sich interessant, zumal man von dem indogermanischen Urvolk aufgrund von Sprachvergleichen annimmt, daß es einfachen Getreideanbau durchaus gekannt hat. Es scheint sich also um eine sehr besondere Kultur dort in der Steppe um 1.900 v. Ztr. gehandelt zu haben.

Und nun fanden sich unter den Tierknochen des behandelten Hauses 2770 Hundeknochen, das waren 15 % aller in diesem Haus gefundenen tierischen Knochen. Die anderen Knochen waren vor allem Rinder- (34 %), Schafe- und Ziegenknochen (29 %).

In vielen anderen erforschten Siedlungen dieser Kultur beträgt der Anteil von Hundeknochen in dieser Zeitstellung immer nur zwischen 1 und 3 % oder weniger. Somit ist an diesem Ort, der über zwei Generationen bewohnt gewesen ist, womöglich doch eine etwas ungewöhnlichere Lebensweise als sonst praktiziert worden - was Hunde betrifft.

Die Hundeknochen wiesen Verarbeitungsspuren auf wie sie entstehen, wenn das Hundefleisch aufgetrennt wird, um es über dem Feuer zu braten. Die Hunde wurden nur im Spätherbst und Winter getötet und gegessen. Die Schädelknochen der Hunde wurden regelmäßig in 3 bis 7 Zentimeter große Teile zerteilt (was keinerlei praktischen Nutzen hätte - aber vielleicht wurden die Knochen ausgekocht?).

Die gegessenen Rinder wurden dazu im Gegensatz über das ganze Jahr hinweg geschlachtet und gegessen. 70 % der getöteten Hunde könnten männlich gewesen sein nach einer stichprobenartigen Auswertung.

Und nun schreibt Anthony den folgenden kryptischen Satz: "In places around the world where dogs are not eaten, as in other Srubnaya settlements in this region, their consumption is often regarded with considerable revulsion and disgust."

Ja, das stimmt. ...

Ingo Bading hat gesagt…

... Aber in eben diesem Zusammenhang hätte unbedingt auch erörtert werden müssen, daß in Korea, China und Vietnam Hunde sehr regelmäßig gegessen werden. Auf Wikipedia gibt es ausführliche Erörterungen (https://de.wikipedia.org/wiki/Hundefleisch). Auf dem englischen heißt es (https://en.wikipedia.org/wiki/Dog_meat):

"Historically, human consumption of dog meat has been recorded in many parts of the world, including East and Southeast Asia, West Africa, Europe, Oceania and the Americas. (...) Today, some cultures view the consumption of dog meat as part of their traditional and day-to-day cuisine, while other cultures consider consumption of dog meat a taboo, although they have been consumed in times of war or other hardships. It was estimated in 2014 that worldwide, 25 million dogs are eaten each year by humans."

Es wird dann eine lange Liste von Gelegenheiten gegeben, bei denen Hunde in Notzeiten auf in Kulturen gegessen wurden, in denen sie sonst nicht gegessen werden. Es wird dabei zum Beispiel auch das Preußen unter Friedrich dem Großen angeführt. Auf dem deutschen Wikipedia-Artikels finden sich ebenfalls viele Beispiele.

Die Tatsache, daß Anthony diese Umstände überhaupt nicht erörtert, macht seine These nicht glaubwürdiger. Es ist vorerst nicht einzusehen, warum nicht dennoch gerade in der Winterzeit über zwei Generationen hinweg Hunde gegessen worden sein sollen in einer Siedlung. Warum sollte nicht örtlich in dieser Beziehung einmal eine andere Gewohnheit vorgelegen haben als sonst in dieser Kultur.

Daß hier rituelle Tötungen in dem Sinne von Anthony erfolgt sein könnten, muß man als außerordentlich spekulativ bezeichnen. Insofern bekämen die religionsgeschichtlichen Untersuchungen, die diesbezüglich indogermanischen Völkern so viele Dinge unterstellen sollen, für seine These besonderes Gewicht und man versteht schon, warum er sie (für einen Archäologen) so ausführlich schildert.

An denen hängt diesbezüglich eigentlich alles.

Ingo Bading hat gesagt…

Jetzt gibt es zum Glück auch allerhand Forscher, die widersprechen zu der These, hier hätte man Hinweise auf rituelle Kriegerbünde gefunden:

(https://www.sciencenews.org/article/sacrificed-dog-remains-feed-tales-bronze-age-wolf-men-warriors)


"some researchers are unconvinced by the pair’s explanation for why at least 64 dogs and wolves were sacrificed at the Krasnosamarskoe settlement.

“Archaeologists can weave mythology and prehistory together, but only with extreme caution,” says archaeologist Marc Vander Linden of University College London.

At most, Indo-European mythology suggests that Late Bronze Age folks regarded dogs as having magical properties and perhaps ate them in rituals of some kind, Vander Linden says. But no other archaeological sites have yielded evidence for teenage male war bands or canine-consuming initiation rites, raising doubts about Anthony and Brown’s proposed scenario, he argues.

Some ancient Indo-European myths attribute healing powers to dogs, says archaeologist Paul Garwood of the University of Birmingham in England. In those myths, dogs absorb illness from people, making the canines unfit for consumption. Perhaps ritual specialists at Krasnosamarskoe sacrificed dogs and wolves as part of healing ceremonies without eating the animals, Garwood proposes."

Aber es wird auch ein Forscher genannt, der Anthony unterstützt.

Ingo Bading hat gesagt…

Es gibt einige Primatenarten, wo sich die heranwachsenden Männchen zu eigenen Gruppen zusammen schließen. Das Prinzip, das diese Gruppen am engsten zusammen hält, ist die Verwandtschaft (1).

Ausgehend von solchen Erkenntnissen ist schon spätestens seit 2012 eine Linie hin zu Männerbünden in menschlichen Jäger-Sammler-Gesellschaften und komplexeren Gesellschaften gezogen worden (2).

Es wird auf Jäger-Sammler-Völker in Amazonien und Melanesien verwiesen, wo Männer und Frauen - etwa durch Männerhäuser - zeitweise oder dauerhafter getrennt leben.

Es sollte aber festgehalten werden, daß so etwas von den Germanen nicht berichtet wird und daß so etwas nur von einigen indogermanischen Völker bekannt ist. Man könnte sich erinnert fühlen an die Spartaner, wo die männliche Jugend früh für den Krieg trainiert wurde und ähnliche Dinge. Aber auch die Spartaner stellten eine Ausnahme in der griechischen Polis-Welt dar.

Männer und Frauen dauerhafter voneinander zu trennen (zum Beispiel auch im Gottesdienst), dürfte eher ein vorderorientalisches Lebensprinzip sein oder - allgemeiner gesprochen - ein Lebensprinzip der Südhalbkugel.

Und wenn sich Männerbünde in komplexen Gesellschaften erhalten als Priesterschaften und "Bruderschaften", dann dürfte das wohl eher als ein archaisches, dem weltgeschichtlichen Rückschritt verhaftetes System verstanden werden, denn als ein System, das dem Fortschritt dient.


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1. Male cooperation for breeding opportunities contributes to the evolution of multilevel societies Xiao-Guang Qi, Kang Huang, Gu Fang, Cyril C. Grueter, Derek W. Dunn, Yu-Li Li, Weihong Ji, Xiao-Yan Wang, Rong-Tao Wang, Paul A. Garber, Bao-Guo Li Published 27 September 2017.DOI: 10.1098/rspb.2017.1480, http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/284/1863/20171480?etoc
2. Lars Rodseth: From Bachelor Threat to Fraternal Security: Male Associations and Modular Organization in Human Societies. International Journal of Primatology October 2012, Volume 33, Issue 5, pp 1194–1214, https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10764-012-9593-4

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